Tsiganologie oder Sinti- und Romastudien () ist ein interdisziplinäres Forschungsfeld und Studienfach, das sich mit der Kultur, Geschichte und den politischen Erfahrungen der Roma und Sinti befasst. Die Disziplin untersucht zudem die Wechselwirkungen mit anderen Bevölkerungsgruppen sowie deren Einstellungen gegenüber den Roma und Sinti. Unter den international bekannten Vertretern dieses Fachs sind Ian Hancock und Milena Hübschmannová.
Das Fach ist nicht zu verwechseln mit der pseudowissenschaftlichen und rassistischen „Zigeunerkunde“ oder „Zigeunerforschung“, die u. a. im Dritten Reich ausgeprägt war.
Geschichte Die Tsiganologie reicht in die Frühe Neuzeit zurück.Zur Geschichte der Zigeunerforschung siehe z. B.: Wim Willems: In Search of the true Gypsy. From Entlightenment to Final Solution. London 1997; Martin Ruch: Zur Wissenschaftsgeschichte der deutschsprachigen „Zigeunerforschung“ von den Anfängen bis 1900. Freiburg 1986. 1793 schrieb Johann Erich Biester, es sei „die Frage, wie nennt ein Volk sich selbst, bei historisch-etymologischen Untersuchungen wichtig. Wie also nennen sich die Zigeuner? Mit Recht antwortet man: Roma oder Romma in der mehreren Zahl, Rom in der einfachen.“Johann Erich Biester: Über die Zigeuner; besonders im Königreich Preußen. In: Berlinische Monatsschrift, Bd. 21, 1793, S. 108–165, 360–393, hier S. 364 f. Auch „Sinte“ war ihm geläufig, und „Romni“ ist im regionalen Dialekt belegt.Werner Wied: Von mancherlei wandernden und fahrenden, handelnden und bettelnden Leuten. In: Gerhard Hippenstiel, Werner Wied (Hrsg.): Wittgenstein III. ein Lesebuch zur Volkskunde und Mundart des Wittgensteiner Landes, Bad Laasphe 1984, S. 493–506, hier S. 502. Als erster Tsiganologe im deutschen Sprachraum gilt Heinrich Moritz Gottlieb Grellmann (1756–1804) mit seiner Publikation Historischer Versuch über die Zigeuner. Betreffend die Lebensart und Verfassung Sitten und Schicksale dieses Volks seit seiner Erscheinung in Europa und dessen Ursprung. Zweite Auflage. Übersetzungen ins Englische und Französische. Göttingen, 1787.
Im 19. Jahrhundert erlebte die Tsiganologie einen Aufschwung. In Verbindung mit der Neuorganisation der Polizei und der beginnenden systematisierten Erfassung von „Zigeunern“ und „nach Zigeunerart Umherziehenden“, aber auch im Zuge einer zeitgenössischen romantischen „Zigeunermode“ entstand eine Vielzahl zigeunerkundlicher Schriften. Heinrich von Wlislocki betrieb eine intensive literarische Sammeltätigkeit sowie Feldstudien bei siebenbürgischen Wanderzigeunern. Um die Wende zum zwanzigsten Jahrhundert wurden Gesellschaften zur Zigeunerforschung gegründet, so 1888 in Großbritannien die Gypsy Lore Society als internationaler Zusammenschluss von am Studium von „Zigeunern“ und „Reisenden“ („Travelers“) Interessierten.Diese und die folgenden Angaben in: Sören Niemann: Eine nomadische Kultur der Freiheit. Vom Traum der Tsiganologie. In: Wulf D. Hund (Hrsg.): Zigeunerbilder. Schnittmuster rassistischer Ideologie. Duisburg 2000, S. 31–50.
Das rassen- und bevölkerungsbiologische Konzept im frühen 20. Jahrhundert Wie bereits bei Grellmann angedeutet, wurde die Zigeunerforschung im Nationalsozialismus rassistisch. Wissenschaftliche, administrative, polizeiliche und politische Institutionen widmeten sich der „Lösung der Zigeunerfrage“. Die Forschungsstelle für Rassenhygienische und bevölkerungsbiologische Forschungsstelle (RHF) war dabei sehr einflussreich.
Die Tsiganologen der RHF unter Leitung von Robert Ritter lieferten die für den Genozid an den mitteleuropäischen Roma erforderlichen Daten. Nach dem Ende des Nationalsozialismus führte Hermann Arnold diese Forschungstradition fort und berief sich dabei ausdrücklich auf die Arbeit der RHF. Arnold prägte den bundesdeutschen Zigeunerdiskurs bis in die 1980er Jahre.
Tsiganologie im späten 20. Jahrhundert Tsiganologie war eine Bezeichnung für „Zigeunerwissenschaft“. Der Begriff wurde zwischen den 1980er Jahren und 2012 verwendet. Er bezeichnete die Erforschung der Geschichte, Kultur und Herkunft von Gruppen, die als „Zigeuner“ bezeichnet wurden.
Die Ausrichtung dieser Forschung und die Bezeichnung wird von den Sinti und Roma abgelehnt, da die „Tziganologie“ als Versuch, ein Wesen eines „Zigeunertums“ wissenschaftlich zu beschreiben „an rassenideologische Praktiken im Nationalsozialismus“ erinnere.Gesellschaft für bedrohte Völker, Menschenrechte für Sinti und Roma in der Bundesrepublik. In: Joachim S. Hohmann (Hrsg.): Sinti und Roma in Deutschland. Versuch einer Bilanz. Frankfurt/M. et al. 1995, S. 275–305, hier: S. 278.
Deutschland Aufgrund der wissenschaftlichen, politischen und moralischen Diskreditierung von „Zigeunerkunde“ und „Zigeunerforschung“ wechselten Vertreter dieses Forschungsinteresses in den 1980er Jahren zum Begriff „Tsiganologie“. Mit dem Begriffwechsel wurde ein Bruch mit der früheren Forschungsrichtung vollzogen, die sich oft gegen ihre Untersuchungsobjekte gerichtet hatte.Joachim S. Hohmann: *Handbuch zur Tsiganologie.* Frankfurt am Main 1996, S. 11. Die „Polizeiwissenschaft“ sollte nicht fortgesetzt werden.Reimer Gronemeyer: *Zigeuner und Nichtzigeuner.* In: Reimer Gronemeyer, Georgia A. Rakelmann (Hrsg.): *Die Zigeuner. Reisende in Europa.* Köln 1988, S. 201–219, hier: S. 219. Vielmehr sollten Klischeevorstellungen entlarvt und unredliche Meinungen korrigiert werden.Joachim S. Hohmann: Zigeuner und Zigeunerwissenschaft. Ein Beitrag zur Grundlagenforschung und zur Dokumentation des Völkermords im „Dritten Reich“. Marburg 1980, S. 19.
Zu den Protagonisten dieser Neubegründung zählten Joachim S. Hohmann sowie das 1978 gegründete „Projekt Tsiganologie“ um den Gießener Soziologen und Theologen Reimer Gronemeyer. Dieses Projekt entstand aus einer „Arbeitsgruppe Marginalität“. Zu den frühen Mitarbeitern gehörten die Ethnologen Mark Münzel und Bernhard Streck, zu denen später die Ethnologin Georgia A. Rakelmann hinzukam.Sören Niemann: Eine nomadische Kultur der Freiheit. Vom Traum der Tsiganologie. In: Wulf D. Hund (Hrsg.): Zigeunerbilder. Schnittmuster rassistischer Ideologie. Duisburg 2000, S. 31–50, hier: S. 32f.
Hohmann gab seit 1990 als wissenschaftliche Buchreihe die Studien zur Tsiganologie und Folkloristik heraus. Nach seinem Tod (1999) übernahm Wolfgang Wippermann die Herausgeberschaft. Er edierte nun unter dem neuen programmatischen Reihennamen Sinti- und Romastudien. Publikationen zur Geschichte der Sinti und Roma und zum Antiziganismus. Eine letzte Veröffentlichung erschien 2003.
Aus dem „Projekt Tsiganologie“ ging 1984 die Zeitschrift Gießener Hefte für Tsiganologie hervor, die bis 1986 erschien. Eine zweite Folge unter dem Namen Tsiganologische Studien wurde von 1990 bis 1992 veröffentlicht. Die Zeitschrift veröffentlichte Texte unterschiedlichster Provenienz zu einem breiten Spektrum tsiganologischer Themen und legte Wert darauf, nicht nur die „Blutspur“ der Verfolgung abzubilden, sondern auch die kulturelle Eigenständigkeit und Alternative der Minderheitskultur für die Mehrheitsgesellschaft darzustellen.; Stand jeweils: 28. Dezember 2009.
Vertreter des Gießener Projekts gingen von einer relativen kulturellen Geschlossenheit und Kollektivität der als „Zigeuner“ bezeichneten Gruppen aus.Mark Münzel, Bernhard Streck (Hrsg.): Kumpania und Kontrolle. Moderne Behinderungen zigeunerischen Lebens. Gießen 1981 Reimer Gronemeyer (Hrsg.): Eigensinn und Hilfe. Zigeuner in der Sozialpolitik heutiger Sozialgesellschaften. Gießen 1983. Diese Angehörigen einer peripheren und vormodernen, teilweise archaischen „Stammesgesellschaft“ zeichneten sich angeblich durch einen kollektiven, freiheitlichen „Eigensinn“ aus, der sich gegen die Eingliederung in eine „uniforme Industriegesellschaft“ richtete und an einer „zigeunerischen Lebensweise“ mit Nomadismus festhielt. „Zigeuner“ repräsentierten ein tribales, nicht-europäisches ethnisches Muster, vergleichbar mit Indianern oder Hawaiianern.Mark Münzel: Zigeuner und Nation. In: Mark Münzel, Bernhard Streck (Hrsg.): Kumpania und Kontrolle. Moderne Behinderungen zigeunerischen Lebens. Gießen 1981, S. 13–67, hier: S. 17. Sie lebten eine „nicht ins europäische Wertsystem integrierte ethnische Kultur“.Mark Münzel, Bernhard Streck: Kurzbericht zum Forschungsprojekt. Kulturelle Alternative und Integration – Das Beispiel der Zigeuner. 1980, S. 1.
Seit den 1980er Jahren vertrat insbesondere Streck die Auffassung, die nationalsozialistische Zigeunerverfolgung sei weniger rassen- als vielmehr sozialpolitisch motiviert gewesen. Das Regime habe die „Beseitigung von Mißständen, weniger von Personen“ angestrebt. Eine Bewertung der Verbrechen an der Minderheit als Genozid wie die Shoa verbiete sich.Bernhard Streck: Die nationalsozialistischen Methoden zur „Lösung des Zigeunerproblemes“. In: Tribüne. Zeitschrift zum Verständnis des Judentums, Band 20, 1981, S. 53–77.
Sowohl von wissenschaftlicher als auch von minderheitlicher Seite wurden die Positionen des „Projekts Tsiganologie“ sowie in Teilen die Arbeiten von Joachim S. Hohmann kritisiert.Katrin Reemtsma: Exotismus und Homogenisierung – Verdinglichung und Ausbeutung. Aspekte ethnologischer Betrachtungen der „Zigeuner“ in Deutschland nach 1945. In: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.): Zwischen Romantisierung und Rassismus. Sinti und Roma 600 Jahre in Deutschland. Stuttgart 1998. Siehe auch: , Stand: 28. Dezember 2008. Dadurch wurde das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Minderheit erneut beschädigt. Die Minderheit vertrat inzwischen eine eigene, den Ethnologen entgegengesetzte Sichtweise. Die Bürgerrechtsbewegung forderte in den 1980er Jahren die staatlich-rechtliche Anerkennung der deutschen Sinti und Roma als ethnische Minderheit neben anderen nationalen Minderheiten sowie die politische und gesellschaftliche Anerkennung der nationalsozialistischen Verbrechen als Genozid. Die Forschungen der Gießener Tsiganologen wurden von ihnen als hinderlich für diese Bestrebungen angesehen.Romani Rose: Die neue Generation und die alte Ideologie. Zigeunerforschung wie gehabt? In: Tribüne. Zeitschrift zum Verständnis des Judentums. Band 21, 1982, S. 88–107.
Die Kritiker wandten sich gegen eine sozialromantische Deutung der Thesen Hermann Arnolds von einer angeblichen „natürlichen“ Rückständigkeit der unter „Zigeuner“ subsumierten Gruppen bzw. gegen „sozialromantische Züge“ des tsiganologischen Konzepts Arnold stimmte ihnen zu: Hermann Arnold: Die NS-Zigeunerverfolgung. Ihre Ausdeutung und Ausbeutung. Aschaffenburg o. D. (etwa 1988). zur Kritik u. a.: Wolfgang Wippermann: „Wie die Zigeuner“. Antisemitismus und Antiziganismus im Vergleich. Berlin 1997, S. 201. Michael Zimmermann: Rassenutopie und Genozid. Die nationalsozialistische „Lösung der Zigeunerfrage“. Hamburg 1996, S. 32. gegen eine Ethnisierung sozialer Erklärungsmuster, was „de facto“ auf die Kriminalisierung oder doch pauschale Herabwürdigung zu Objekten der Sozialarbeit hinauslaufeWolfgang Wippermann: „Wie die Zigeuner“. Antisemitismus und Antiziganismus im Vergleich. Berlin 1997, S. 201. gegen eine „inhaltliche Simplizität“ der tsiganologischen Forschungen, die wissenschaftlich „unzulänglich“ seien. Sie korreliere mit auffälligen methodischen Defiziten. Empirische Authentizität werde mit „Andeutungen und Photos“ lediglich suggeriertKatrin Reemtsma: Exotismus und Homogenisierung – Verdinglichung und Ausbeutung. Aspekte ethnologischer Betrachtungen der Zigeuner in Deutschland nach 1945. In: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.): „Zwischen Romantisierung und Rassismus“. Sinti und Roma 600 Jahre in Deutschland. Stuttgart 1998, siehe auch: , Stand: 28. Dezember 2008.