mini|Wappen der Belgischen Streitkräfte in Deutschland mini|Sektor der Belgischen Streitkräfte in Deutschland während des Kalten Krieges Bis 2002 waren Belgische Streitkräfte in Deutschland (BSD) stationiert.
1918 bis 1929 (Rheinlandbesetzung) Eine Armée belge d’occupation gab es bereits von 1918 bis 1929 im Rahmen der Alliierten Rheinlandbesetzung nach dem Ersten Weltkrieg. Die belgischen Besatzungsstreitkräfte waren als Armee mit dem Führungsstab in Aachen organisiert und trugen die französische Bezeichnung Armée d’Occupation (AO), niederländisch Bezettingsleger (BL). Befehlshaber war zunächst Generalleutnant Michel, sodann ab 1921 Generalleutnant Louis Ruquoy. Der Armeestab führte zwei Korps, denen zunächst jeweils eine Division im besetzten Rheinland und eine zweite Division in Belgien unterstellt warenRoyaume de Belgique, Chambre des Représentants, No. 268, Séance du 26 mai 1922, Budget du Ministère de la Défense Nationale 1923: II Corps d’Armée in Antwerpen 8e Division d’Infanterie in Aachen (1921 Mönchengladbach) 2e Division d’Infanterie in Berchem (Antwerpen) III Corps d’Armée in Lüttich 9e Division d’Infanterie in Krefeld 3e Division d’Infanterie in Lüttich
1923 wurde das Besatzungsheer reorganisiert. Die 9. Infanteriedivision wurde durch die 4. Infanteriedivision ersetzt und diese nach Aachen zurückverlegt. Der Korpsstab des III. Armeekorps in Lüttich fungierte zugleich als Führungsstab AO/BL: III Corps d’Armée in Lüttich, zugleich AO/BL 8e Division d’Infanterie in Aachen 4e Division d’Infanterie in Krefeld Nach der gemeinsam mit Frankreich durchgeführten Ruhrbesetzung, bei der General Louis Ruquoy als Befehlshaber der alliierten Truppen in den Brückenköpfen Düsseldorf und Duisburg-Ruhrort fungierte, wurde ab 1924 das Besatzungsheer um die Hälfte reduziert; es verblieb lediglich die 4. Infanteriedivision in Aachen, dem Korpsstab in Lüttich unterstellt. Gemeinsam mit Frankreich wurde die Alliierte Besetzung des Rheinlands 1929 beendet.
Die nachstehende Tabelle zeigt die Garnisonen der belgischen Einheiten und Verbände im Rheinland 1918–1929. Die offiziellen belgischen Abkürzungen lauten: AO Armée d’Occupation BL Bezettingsleger Btl Bataillon / Bataljon CA Corps d’Armée / Legerkorps Ch Chasseurs à Pied / Jagers Cie Compagnie / Compagnie Div Inf Division d‘Infanterie / Divisie Infanterie Li Régiment de Ligne / Linie Regiment
Verband / Einheit 1918/19–1921 1921–1923/24 1923/24–1929 AO/BL III CAAachenAachenLüttich 8e Div Inf AachenMönchengladbach 7 LiGeilenkirchenAachenAachen 1 Cie/7 Li MonschauMonschau 16 LiAachen 17 LiNeuss 8 Li MönchengladbachJülich Btl/8 Li MönchengladbachMönchengladbach Btl/8 Li Geilenkirchen (Camp de Dinant)Geilenkirchen (Kamp van Dinant) Btl/8 Li ErkelenzErkelenz 1 Li NeussGeilenkirchen Btl/1 Li NeussGeilenkirchen Btl/1 Li Düsseldorf-HeerdtGeilenkirchen Btl/1 Li Dormagen (Rhein-Kreis Neuss)Geilenkirchen 9e Div Inf KrefeldKrefeld 4e Div Inf Aachen 14 LiKrefeldKrefeld 4 ChGeldernGeldern Btl/4 ChGeldernGeldern Btl/4 ChIssum (Kreis Kleve)Issum Btl/4 ChWesel-BüderichBüderich 1 ChMoersMoers Btl/1 ChDuisburg-Baerl (Camp Ramskapelle)Baerl (Kamp Ramskapelle) Btl/1 ChDuisburg-HochfeldHochfeld Btl/1 ChDuisburg-HombergHomberg
1945 bis 1956 (Besatzungsarmee)
mini|links|Belgischer Sektor zwischen 1946 und 1955 innerhalb der britischen Besatzungszone
Nach dem Zweiten Weltkrieg marschierten am 15. Mai 1945 als erste belgische Truppen Teile der Brigade Piron als Hilfskräfte im Auftrag der britischen Besatzungsarmee in Deutschland ein.History of the 1st Belgian Group 1940–1945, Brigade Piron, Veldtochen, Duitsland Die „Belgischen Streitkräfte in Deutschland“ (nl. Belgische Strijdkrachten in Duitsland (BSD), frz. Forces Belges en Allemagne (FBA)), im Wesentlichen das I. Corps, wurden am südlichen Rand der britischen Besatzungszone auf einem Gebiet Nordrhein-Westfalens und Hessens zwischen Aachen und Kassel stationiert. Der „Belgische Korridor“ umfasste auch nördliche Teile von Hessen (Raum Kassel) und reichte somit hinein in die ehemalige amerikanische Besatzungszone, die 1947 mit der britischen Besatzungszone zur Bizone zusammengeschlossen wurde.
Das Hauptquartier wurde am 25. Oktober 1946 in Lüdenscheid eingerichtet, zog aber im Oktober 1948 nach Bonn (Hauptquartier im Palais Schaumburg, weitere Quartiere in Troilokaserne und Schloss Deichmannsaue) um, bevor es diese Stadt aufgrund der Ausweisung als besatzungsfreie Zone bis zum 31. Oktober 1949 wieder räumen mussteReiner Pommerin: Von Berlin nach Bonn. Die Alliierten, die Deutschen und die Hauptstadtfrage nach 1945, Böhlau Verlag, Köln 1989, ISBN 3-412-12188-6, S. 159–168. und Bonn zum vorläufigen Regierungssitz bestimmt wurde. Es verlegte seinen Sitz im November 1949 in die Kaserne Haelen, die ehemalige Etzelkaserne der Wehrmacht, in Köln-Junkersdorf.Walther Rotsaert: De belgische Bezetting in Duitsland, S. 59. Garnisonen gab es unter anderem auch in Aachen, Bad Arolsen (Antoine-Kaserne), Büren, Düren (Panzer-Kaserne), Eschweiler, Euskirchen, Kassel (Lüttich-Kaserne/De Gete-Kaserne und Artillerie-Kaserne/Noordvaart-Kaserne), Köln, Lüdenscheid, Rheinbach (Tomburg-Kaserne), Siegen, Soest, Werl, Arnsberg (Jägerkaserne), Neheim und Troisdorf-Spich. Kommandeur der BSD war ab Dezember 1946 General Jean-Baptiste Piron, nach welchem auch die 1. Infanteriebrigade Brigade Piron genannt wurde.
Anfang der 1950er Jahre wurde das zuvor strenge Fraternisierungsverbot aufgehoben. Im Jahr 1951 wurde in Lüdenscheid die erste, per Sondererlaubnis der Militärbehörden genehmigte Ehe zwischen einem belgischen Soldaten und einer Deutschen geschlossen. Der Status als Besatzungsarmee endete mit der Aufnahme der Bundesrepublik in die NATO im Jahre 1955. Zwischen Belgien und Deutschland wurde vertraglich die weitere Stationierung vereinbart. Das belgische Militär wurde in die militärischen Pläne der NATO eingebunden.
1956 bis 2002 (NATO-Partner) 1956 wurde in Bad Godesberg der Service belge de Liaison eingerichtet, der Kontakte und Zusammenarbeit zwischen den belgischen Streitkräften in Deutschland und deutschen militärischen und zivilen Stellen organisierte. Der Dienst verfügte über Verbindungsstellen in Soest und Arnsberg. Insgesamt entspannte sich das Verhältnis zwischen dem belgischen Militär und den offiziellen Vertretern und später auch der Bevölkerung auf deutscher Seite. Im Juni 1949 hatten belgische Truppen noch mit Schützenpanzern und aufgepflanzten Bajonetten Chemiearbeiter eingeschüchtert, die gegen die Demontage eines Werks in Bergkamen protestierten. Kurz nach dem Ende des Besatzungsstatuts wurden erstmals deutsche Regionalpolitiker als Gäste in belgische Einrichtungen eingeladen. 1958 durften Offiziere und Unteroffiziere erstmals außerhalb der Kasernen Zivil tragen, von 1971 an auch Wehrpflichtige. Von 1963 an fanden an verschiedenen Standorten Feste oder Tage der offenen Tür statt, zu denen die deutsche Bevölkerung eingeladen war. Möglicherweise dienten dabei die kanadischen Streitkräfte als Vorbild, die bereits Anfang der 1960er Jahre die deutsche Bevölkerung in Feierlichkeiten eingebunden hatten. Die populärsten Veranstaltungen der Belgier waren die Großflugtage auf dem Fliegerhorst Werl, zu denen bis zu 50.000 Zuschauer kamen. Diese Öffentlichkeitsarbeit war der Ausgangspunkt für mehrere Städte- und Vereinspartnerschaften zwischen der Region und Belgien sowie staatenübergreifende Sport- und Kulturveranstaltungen. Bis in die 1970er Jahre erhielten mehrere belgische Einheiten in ihren Garnisonsstädten das Stadtbürgerrecht. Dies war verbunden mit der Berechtigung zum Aufmarsch mit militärischem Zeremoniell außerhalb der Militärliegenschaften.
Bis 1972 erfolgten im Abstand von wenigen Jahren erhebliche Umgruppierungen und Standortverlagerungen der militärischen Einheiten. Danach blieb die Dislozierung weitgehend erhalten.
Die belgischen Streitkräfte in Deutschland umfassten 1988 noch 26.900 Soldaten, die an 165 deutschen Standorten stationiert waren und über drei Flugplätze und zwei Krankenhäuser verfügten. Zeitweilig lebten auch ca. 25.000 belgische Frauen und Kinder in Deutschland. Ende 1990 beschloss die belgische Politik, die Truppen in Deutschland auf ein Minimum zu reduzieren. Eine folgende Erhebung der nordrhein-westfälischen Landesregierung bilanzierte zu diesem Zeitpunkt 22.757 im Bundesland stationierte belgische Soldaten, 22.544 Familienangehörige und 1411 Zivilangestellte.
1996 wurde das Kommando des 1. Belgischen Armeekorps, dem auch die BSD unterstand, dem Kommando der Belgischen Interventionsstreitkräfte in Saive bei Lüttich unterstellt. 1998 war die Zahl der belgischen Soldaten in Deutschland auf ca. 2200 reduziert worden. Die Garnison von Köln war zeitweise die größte belgische Garnison im Ausland. Sie existierte bis Ende 2003.
Der Stützpunkt Camp Astrid bei Eschweiler wurde 1995 geräumt, nachdem schon der Aachener Standort, Camp Gabrielle Petit in Aachen-Hitfeld, 1992 aufgegeben wurde. Der seit 1950 von der belgischen Armee verwaltete und seit 1956 auch von anderen NATO-Truppen genutzte Truppenübungsplatz Vogelsang in der Nordeifel wurde 2005 geräumt und einer zivilen Nutzung zugeführt. Bereits 2004 wurde das Camp Altenrath in Troisdorf geräumt, welches zunächst, wie das ebenfalls geräumte Camp Spich, einer gewerblichen Nachnutzung zugeführt werden sollte. Dieses scheiterte jedoch letztlich, so dass nun das inmitten der Wahner Heide gelegene Kasernengelände renaturiert wird. 2020 war das noch nicht abgeschlossen. Das im gleichen Zeitraum geräumte Camp Spich wurde in ein Gewerbegebiet umgewandelt.
Zu den Aufgaben der belgischen Armee zählte auch die Bewachung von Nuklearwaffen, unter anderem an den Standorten Sondermunitionslager Wahner Heide in Köln und Sondermunitionslager Stilleking in Lüdenscheid.
Bis heute existieren mehrere Garnisons- und Ehemaligenvereine, die den Kontakt zwischen den einstmals in Deutschland stationierten Einheiten und ihren Garnisonsorten aufrechterhalten. Vereinzelt blieben ehemalige belgische Soldaten und Zivilangestellte nach dem Komplettabzug der Truppen an ihren vormaligen Stationierungsorten oder in deren Umgebung wohnen.
Territorialorganisation
Der Stationierungsraum der belgischen Streitkräfte in Deutschland erstreckte sich über den südlichen Rand der ehemaligen Britischen Besatzungszone in Nordrhein-Westfalen, dazu kamen ab 1951 aus der Amerikanischen Zone Waldeck und der Raum Kassel. Im Laufe der Jahre wurden viele belgische Soldaten und ihre Familien in den Garnisonen heimisch und bezeichneten die belgischen Standorte pauschal gern als „10. Provinz“ in Anspielung an die damals1995 wurde die Teilung der Provinz Brabant in je eine wallonische und eine flämische Provinz vollzogen, und es gibt nun zehn Provinzen in Belgien. neun Provinzen des Königreichs Belgien. Unter dem Stab Etat-major Territorial FBA/Territoriale Staf BSD bestanden zwei „Sektoren“ (Ost und West) mit je drei „Untersektoren“, in die die einzelnen „Plätze“ und „Garnisonen“ zusammengefasst waren. Gliederung 1983: Secteur Est/Sector Oost Neheim Sous-Secteur/Ondersector Arolsen Place/Plaats Arolsen, Brakel, Essentho Garnison/Garnizoen Korbach Sous-Secteur/Ondersector Siegen Place/Plaats Lüdenscheid, Siegen (1980 noch Attendorn) Sous-Secteur/Ondersector Soest Place/Plaats Arnsberg, Büren, Neheim, Soest, Werl Secteur Ouest/Sector West Köln Sous-Secteur/Ondersector Düren-Grefrath (1980 Grefrath) Place/Plaats Blankenheim, Düren, Goch, Grefrath, Mönchengladbach, Xanten (1980 noch Erle, Euskirchen, Grevenbroich) Garnison/Garnizoen 1980 noch Kaster Sous-Secteur/Ondersector Köln-Aachen (1980 Köln) Place/Plaats Aachen, Köln, Vogelsang, Weiden Garnison/Garnizoen Probsteierwald Sous-Secteur/Ondersector Westhoven (1980 Spich) Place/Plaats Dellbrück, Spich, Westhoven Garnison/Garnizoen Altenrath