Als Nahrungsmittelpreiskrise 2007–2008 wird die Preissteigerung von Nahrungsmitteln zwischen 2007 und 2008 bezeichnet.

Nach Schätzungen der FAO hungerten infolge der gestiegenen Preise 2007 weltweit mindestens 75 Millionen Menschen zusätzlich, darunter 41 Millionen in Asien und im pazifischen Raum und 24 Millionen im subsaharischen Afrika.The State of Food Insecurity in the World 2008 Das US-amerikanische Landwirtschaftsministerium schätzte den Effekt der höheren Preise 2007 auf 30 Millionen zusätzlich Hungernde in 70 analysierten Entwicklungsländern. In über 60 Ländern kam es zu sozialen und politischen Unruhen, die teilweise auch gewalttätig verliefen.J. von Braun: Food and financial crises. IFPRI, Washington, D.C. 2008, S. 6.

Preisverlauf mini|FAO Food Price Index 1990–2012 Insbesondere Getreide (Steigerung auf 238 % des Durchschnittspreises von 2002 bis 2004 laut FAO), Milchprodukte (220 %) und Öle (227 %) verteuerten sich bis 2008. Stand: August 2013. Die Preise der vier Hauptnahrungsmittel Reis, Mais, Weizen und Sojabohne verdreifachten sich zwischen Herbst 2005 und Mitte 2008. Im Jahr 2007 wurde ein schneller Anstieg verzeichnet und die Preisspitzen wurden im Winter 2007 und Frühling 2008 erreicht. In Entwicklungsländern kam es teilweise zu Anstiegen der Verbraucherpreise von bis zu 40 %. Im Laufe des Jahres 2008 sanken die Preise dann vorübergehend wieder.

Ursachen Aufgrund der Interaktionen verschiedener Einflüsse ist es nur schwer möglich, die direkten Ursachen des Preisanstiegs zu identifizieren. Neben Umweltfaktoren wurden unter anderem folgende Ursachen, die gemeinsam zum Preisanstieg beitrugen, in der öffentlichen und wissenschaftlichen Diskussion genannt: das Wachstum der Weltbevölkerung. The Government Office for Science, London 2011, S. 107. (PDF; 9,4 MB) die veränderte Ernährung in einigen Schwellenländern. So hat etwa der Fleischverzehr in China deutlich zugenommen - weswegen mehr Agrarerzeugnisse zur Fütterung von Schlachttieren verwendet werden. FTD, April 2008. geringer gewordene Lagerstände. So ist etwa in China der Reisanbau weniger lukrativ als z. B. der Anbau von Früchten wie Bambus oder Ananas, zudem gibt es durch die Industrialisierung weniger Agrarflächen.Der Reis wird knapp. In: WOZ. Nr. 21/2006, 25. Mai 2006. der Anstieg der Energiepreise und die damit verbundene Verteuerung von Düngemitteln (welche in der Produktion oft Öl oder Erdgas benötigen) der Agrarhandel und die entsprechende Politik. Seit den 1980ern sind viele Entwicklungsländer zu Nahrungsmittelimporteuren geworden. In dem Zusammenhang kritisiert z. B. die Entwicklungsorganisation Brot für die Welt die (durch die Strukturanpassungsprogramme erfolgten) bedingungslosen Marktöffnungen in Entwicklungsländern für Nahrungsimporte aus Industrieländern.Ist genug für alle da? Analyse Brot für die Welt, November 2011. In dem Zusammenhang werden auch die Subventionen für die Nahrungsmittelproduktion in Industrieländern kritisiert, wodurch Nahrungsexporte in Entwicklungsländer gefördert werden. Moseley, Carney und Becker etwa analysierten die Handelspolitik und die Nahrungsmittelkrise in Gambia, Elfenbeinküste und Mali. Die Stadtgebiete in Mali waren dabei vergleichsweise wenig von der Nahrungskrise betroffen, was die Autoren darauf zurückführen, dass Mali einen größeren Anteil seines Reises selbst produziert, statt ihn zu importieren.W. G. Moseley, J. Carney, L. Becker: Neoliberal Policy, Rural Livelihoods and Urban Food Security in West Africa: A Comparative Study of The Gambia, Côte d'Ivoire and Mali. In: Proceedings of the National Academy of Sciences. 107, 13, 2010, S. 5774–5779. Flächenkonkurrenz: Die starke Zunahme des Einsatzes von Getreide für die Produktion von Biokraftstoffen seit einigen Jahren (insbesondere Mais in den Vereinigten Staaten). Zudem wird Nahrungsmittelspekulation als wichtiger kausaler Faktor genannt. So war die Krise nach Ansicht der Welthungerhilfe und OxfamOxfam Fact Sheet (PDF; 200 kB) sowie einzelner Experten der UNCTADUNCTAD: The global economic crisis: systemic failures and multilateral remedies. Chapter III: Managing the financialization of commodity futures trading. 2009, S. 38. und der WeltbankJohn Baffes, Tassos Haniotis: Placing the 2006/08 Commodity Price Boom into Perspective. Policy Research Working Paper, The World Bank Development Prospects Group, July 2010, S. 20. insbesondere auf Spekulationsgeschäfte mit Nahrungsmitteln zurückzuführen. Auch mehrere Sachverständige bei einer Anhörung des Bundestags teilten diese Einschätzung.Videoaufzeichnung; (PDF; 722 kB)

Insbesondere die Auswirkungen der Produktion von Biokraftstoffen und der Nahrungsmittelspekulation werden kontrovers diskutiert.Hans-Heinrich Bass: Finanzspekulation und Nahrungsmittelpreise: Anmerkungen zum Stand der Forschung. (= Studie für foodwatch e. V., Materialien des Wissenschaftsschwerpunktes "Globalisierung der Weltwirtschaft". Band 42). Universität Bremen, 2013. Tang (Princeton University) und Xiong (Renmin-Universität) kommen in ihrer Studie zu dem Schluss, dass die Finanzialisierung der Rohstoffmärkte die großen Preissteigerungen miterklärt. So seien auch die Preise auf den Nichtenergie-Rohstoffmärkten nicht nur durch Nachfrage und Angebot, sondern auch durch Strategien der Finanzinvestoren beeinflusst worden.Ke Tang, Wei Xiong: Index Investment and the Financialization of Commodities. (PDF; 288 kB). In: Financial Analyst Journal. Vol. 68, Number 6, 2012, S. 72. Eine Untersuchungen der Bank of JapanRecent Surge in Global Commodity Prices. (PDF; 447 kB). In: Bank of Japan Review. März 2011. sieht ebenfalls finanzielle Effekte als Mitursache für Preisbeeinflussungen an. Laut einer Studie des Amts für Wissenschaft der britischen Regierung (Government Office for Science) von 2011 macht mangelnde Datenqualität es jedoch nicht möglich, den Einfluss von Spekulation methodisch einwandfrei zu beweisen oder zu widerlegen. Wenngleich Spekulation theoretisch einen Einfluss auf Preise haben könne, lege eine Durchsicht der potentiellen Mechanismen nahe, dass Spekulation wahrscheinlich keinen signifikanten Beitrag zur Nahrungsmittelpreiskrise leistete. Eine Vorstudie von Michael Schmitz (Institut für Agrarpolitik und Marktforschung an der Universität Gießen) im Auftrag des Verbands der Deutschen Biokraftstoffindustrie und der Union zur Förderung von Öl- und Proteinpflanzen kommt zu dem Ergebnis, dass allgemein weder Spekulationen an Finanzmärkten noch die Produktionen von Biokraftstoffen für das große Steigen der Nahrungsmittelpreise verantwortlich seien.Institut für Agrarpolitik und Marktforschung: Bestimmungsgründe für das Niveau und die Volatilität von Agrarrohstoffpreisen auf internationalen Märkten. Implikationen für Welternährung und Politikgestaltung (PDF; 3,4 MB), Uni Gießen, 2012. In der Nahrungsmittelpreisstudie für die Deutsche WelthungerhilfeNahrungsmittelstudie Welthungerhilfe 2011. von Hans-Heinrich Bass (Hochschule Bremen) wird betont, dass die erforderlichen Daten für eine genaue Messung des Einflusses nur schwer verfügbar sind. Es sei jedoch unabweisbar, dass negative Einflüsse durch die Finanzspekulation bestehen.Nahrungsmittelstudie Welthungerhilfe 2011. Fazit auf S. 91. Forscher vom DIW schätzten 2011, dass die globale Liquidität ungefähr 20 Prozent der Lebensmittelpreisveränderung ausmache. Es gebe demnach andere Faktoren die den Preis stärker beeinflussen, aber steigende Nachfrage durch Finanzinvestoren treibe auch den Preis.Mit dem Zucker spielt man nicht. auf: taz.de, April 2011.

Reaktionen Die US-amerikanische Terminbörsenaufsicht Commodity Futures Trading Commission (CFTC) schlug als Präventivmaßnahme gegen Instabilitäten und von Preisblasen auf Rohstoffmärkten vor, Positionslimits beim Finanzmarkt für die großen branchenfremden Akteure festzulegen.Nahrungsmittelstudie Welthungerhilfe 2011. S. 88.

In der Nahrungsmittelpreisstudie der Welthungerhilfe von 2011 wurden unter anderem Berichtspflichten zu einigen Finanzaktivitäten, die Einführung einer Finanztransaktionssteuer und eine gerechtere Welthandelspolitik vorgeschlagen. Durch die Stärkung der Verhandlungsmacht von Produzenten von Nahrungsmitteln in Entwicklungsländern gegenüber den Saatgutherstellern und internationalen Vermarktern (somit größerer Einkommensanteil für Produzenten) sollen Anreize geschaffen werden zur Ausdehnung der Nahrungsmittelproduktion.Nahrungsmittelstudie Welthungerhilfe 2011. S. 91–92.

Einige Entwicklungsländer haben als Konsequenz aus der Krise ihre Agrarpolitik verändert, Malawi z. B. erhöhte die Nahrungsmittelproduktion durch subventionierte günstige Düngemittel. Internationale Reaktionen auf die Krise, etwa bezüglich der Regulierung gegen Preisschwankungen oder für größere Agrarhilfen, gab es allerdings kaum, wie der Deutschlandchef des Welternährungsprogramms, Ralf Südhoff, kritisierte. FTD Januar 2011.

Literatur Hans-Heinrich Bass: Welternährung in der Krise. In: GIGA Focus Global. Nr. 5, 2012. Derek Headey, Shenggen Fan: Anatomy of a crisis: the causes and consequences of surging food prices. In: Agricultural Economics. 39, 2008, S. 375. doi:10.1111/j.1574-0862.2008.00345.x J. von Braun: Food and financial crises. IFPRI, Washington, D.C. 2008. C. Peter Timmer: Reflections on food crises past. In: Food Policy. 35, 2010, S. 1–11. doi:10.1016/j.foodpol.2009.09.002 S. Blank, D. Roland-Holst, R. Sexton, D. Zilberman (Hrsg.): ARE Update, Vol 12, Nr. 2. 2008 Giannini Foundation of Agricultural Economics, University of California. (PDF; 2,8 MB)

Einzelnachweise

Kategorie:Agrargeschichte Kategorie:Lebensmittelhandel Kategorie:Weltfinanzkrise 2007–2008