Als abgetrennte Buchstaben () oder „isolierte Buchstaben“So die Übersetzung bei Schimmel: Stern und Blume – Die Bilderwelt der persischen Poesie. Wiesbaden 1984, ISBN 3-447-02434-8, S. 196. bezeichnet man einzelstehende Buchstaben, die am Anfang von 29 Suren des Koran nach der Basmala stehen. Es handelt sich um einen oder eine Gruppe von Buchstaben, die nicht miteinander verbunden, sondern als einzelne Buchstaben des Alphabets gelesen werden. Sie werden auch „die Eröffnungen der Suren“ (fawātiḥ as-suwar) oder „die ersten der Suren“ (awāʾil as-suwar) genannt. Westliche Islamwissenschaftler nennen sie auch die „geheimnisvollen Buchstaben“ (Hans Bauer), „die koranischen Siglen“ (Eduard Goosens) oder die „rätselhaften Buchstaben“ (Dieter Ferchl).

Vieles spricht aus Sicht der Islamwissenschaft dafür, dass diese Buchstaben zum ursprünglichen Text des Koran gehören und von Anfang an als einzelne Buchstaben rezitiert wurden.A. Welch: Stichwort: al-Kurān, Abschnitt 4d. In: Encyclopedia of Islam. Leiden 1978 der sich auf Nöldeke, Schwally, Bell, Loth und Jones bezieht. Über 14 Jahrhunderte haben diese Buchstaben „muslimische Gelehrte verblüfft und fasziniert“,Welch: Stichwort al-Kurān, Abschnitt 4d, In: Encyclopedia of Islam. Leiden 1978. so dass es unterschiedlichste Interpretationen dieser Buchstaben im traditionellen Islam und der IslamwissenschaftKeith Massey: A New Investigation into the „Mystery Letters“ of the Quran. In: Arabica. Band 43, 1996, S. 473.A. Welch: Stichwort al-Kurān, Abschnitt 4d, In: Encyclopedia of Islam. Leiden 1978. gibt. Die hiesige Aufzählung der Ansätze aus dem traditionellen Islam und der Islamwissenschaft orientiert sich im Wesentlichen an den Artikeln in der und al-Ḳurʾān in . Die dort aufgeführten Positionen finden sich in allen gängigen Kommentaren von aṭ-Ṭabarī, as-Suyūtī, as-Samarqandīsiehe altafsir.com und dem Bahaitum.

Beispiele für abgetrennte Buchstaben Beispiele für abgetrennte Buchstaben, die am Anfang von Suren stehen, sind:

Alif Lām Mīm () Suren al-Baqara, Āl ʿImrān, al-ʿAnkabūt, ar-Rum, Luqman, as-Sadschda etc. Alif Lām Rāʾ () Suren Yunus, Hud etc. Alif Lām Mīm Rāʾ () Sure ar-Ra’d Kāf Hāʾ Yāʾ ʿAin Ṣād () Sure Maryam Yāʾ Sīn () Sure Ya-Sin Ḥāʾ Mīm () Sure Fussilat etc. Tāʾ Hā () Sure Taha etc.

In der deutschen Übersetzung werden die Geheimnisvollen Buchstaben durch den Namen wiedergegeben, zum Beispiel lautet der Anfang der zweiten Sure: .Übersetzung Adel Theodor Khoury: Der Koran Arabisch – Deutsch. (Übersetzung und wissenschaftlicher Kommentar.) Band 1, Gütersloh 2004. Beim Rezitieren des Koran werden diese als einzelne Buchstaben vorgelesen.

14 der 28 arabischen Buchstaben erscheinen als Geheimnisvolle Buchstaben, einzeln oder in Kombination mit zwei, drei oder vier anderen Buchstaben. Diese sind (Alif, Ḥā', Rā', Sīn, Sād, Ṭā', ʿAin, Qāf, Kāf, Lām, Mīm, Nūn, Hā', Yā'). Typische Kombinationen sind beispielsweise Alif Lām Mīm zu Beginn der Sure 2, 3, 29, 30, 31 und 32, oder Alif Lām Rāʾ zu Beginn der Sure 10, 11, 12, 14 und 15. Die Anzahl aller Buchstaben, inklusive der Suren, welche mit einem Buchstaben als Überschrift beginnen, ist 78.

Im arabischen und türkischen Sprachraum ist die Verwendung der Geheimnisvollen Buchstaben als Vornamen nicht unüblich. Beispiele hierfür sind Yasin (Sure 36) oder Taha (Sure 20).

Interpretationsansätze in der islamischen Tradition Nach as-Samarqandī fassen die Buchstaben als Kürzel die Attribute Gottes zusammen. So wird Alif Lām Mīm jeweils als Abkürzung für , , angesehen, so dass Alif Lām Mīm mit ‚Ich bin Allah, der (All-)wissende‘ gleichzusetzen istsiehe altafsir.com Direkt als Abkürzung für die Attribute Gottes, zum Beispiel Alif Lām Rāʾ für ar-raḥmān, der Barmherzige Nach Rumi kann man die Buchstaben mystisch deuten, in ihnen die Kraft der Offenbarung Gottes konzentriert sehen, die im Herzen der Gläubigen geistige Wahrheiten hervorbringt. Rumi vergleicht die Buchstaben mit dem Stab Mose und dem belebenden Odem Jesu bzw. GottesJalalu’ddin Rumi, Reynold A. Nicholson: The Mathnawī of Jalāluʾddīn Rūmī. Volume V, Containing the text of the fifth and sixth books and indices (= E. J. W. Gibb emorial series. Bände 4 und 5). Leyden, London 1933, Vers 1316–1330, insbesondere 1316 und 1319. Bezüglich Vers 1319 spricht Rumi von in īn dam (), was Nicholson mit übersetzt. Für eine ausführliche Diskussion weiterer auch weniger bekannter Interpretation dieser Buchstaben in der islamischen Mystik. Siehe auch Annemarie Schimmel: Mystische Dimensionen des Islam. Qalandar, Aalen 1979, ISBN 3-922121-07-1, Anhang 1: Buchstabensymbolik in der Sufi-Literatur. aṭ-Ṭabarī und mit ihm auch as-Samarqandī und as-Suyūtī zitieren Hadithe, die nahelegen, dass diese Geheimnisvollen Buchstaben Hinweise auf die Dauer der Sendung des Islam bis zum Jüngsten Gericht deuten lassen.A. Welch: Stichwort al-Kurān, Abschnitt 4d, In: Encyclopedia of Islam. Leiden 1978. Für at-Tabarī siehe altafsir.com unter sura al-baqara, Vers 1, dto. für as-Samarqandī. Unter anderem führen sie einen Hadith an, in dem der Prophet Mohammed von seinen Zeitgenossen nach der Lebensdauer seiner GemeindeWörtlich „die Lebensdauer Deines Volkes“: gefragt wird. Es entwickelt sich ein Dialog, in dessen Verlauf die Zeitgenossen zunächst den Propheten fragen, ob die ZahlenwerteEinzelnen Buchstaben des arabischen Alphabets werden Zahlenwerte zugeordnet. Zum Beispiel entspricht der erste Buchstabe des Arabischen, das Alif der 1, der zweite Buchstabe Bāʾ der 2 usw. Für das Wort ergibt sich dann der Zahlenwert 5, siehe Abdschad (Zahlensystem) oder Arabisches Alphabet der Geheimnisvollen Buchstaben am Anfang der zweiten Sure Alif Lām Mīm die Lebensdauer der islamischen Gemeinde bedeuten. Der Prophet lächelt und zitiert die Buchstaben am Anfang der dritten Sure. Das geht so weiter, bis der Prophet die ersten sieben Suren, die mit Geheimnisvollen Buchstaben beginnen, genannt hat und anschließend schweigt.Die drei Buchstaben ergeben den Zahlenwert 71. Addiert man die Zahlenwerte der Geheimnisvollen Buchstaben der in diesem Hadith genannten Suren, ergibt das 1267.

Manche führenden Kommentatoren legen sich nicht genau fest. So schreibt zum Beispiel as-Suyūṭī in seinem sehr bekannten Kommentar, dass Allah selbst am besten weiß, was er hiermit beabsichtigt.A. Welch: Stichwort al-Kurān, Abschnitt 4d, In: Encyclopedia of Islam. Leiden 1978, as-Suyūṭī: Tafsīr al-Dschalālain, siehe zum Beispiel Sure 2 An anderer Stelle trägt as-Suyūṭī weitere Interpretation zusammen und macht sie auch als Auffassungen anderer Gelehrter kenntlich, so zum Beispiel, dass Gott damit den Propheten und seine Zuhörerschaft ansprechen und deren Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollteǦalāl-ad-Dīn ʿAbd-ar-Raḥmān Ibn-Abī-Bakr as-Suyūṭī: Itqān. Band 3 , Biblio-Verlag, Osnabrück 1980, ISBN 3-7648-1312-1, S. 21–30. In den 1990er-Jahren hat Rashad Khalifa, der in seiner Arbeit eine bestimmte mathematische Ordnung des Koran auf Basis der Primzahl 19 herausstellt, auch als „Korancode“ bekannt, für Aufsehen gesorgt. Die Zusammenhänge, in denen er einen Beleg für die Unnachahmlichkeit des Koran sieht, werden in der wissenschaftlichen Literatur kritisch angesehen.Keith Massey: A New Investigation into the „Mystery Letters“ of the Quran. In: Arabica. Band 43, 1996, S. 473. Auch die Bahai, in deren Glauben die Zahlen 9 und 19 eine besondere Bedeutung haben, haben die Arbeit Khalifas, obwohl sie in der Bahai-Welt bekannt ist, nicht rezipiert. So sagt er, dass 29 Suren des Koran mit Geheimnisvollen Buchstaben beginnen, dass es in diesen Suren 14 dieser Buchstaben gibt, und dass es vierzehn verschiedene Kombinationen dieser Buchstaben gibt. 29+14+14 ergibt 57, was durch 19 teilbar ist.

Interpretationsansätze in der Islamwissenschaft Manche Orientalisten wie Welch sehen in den Buchstaben Symbole für das arabische Alphabet.A. Welch: Stichwort: al-Kurān, Abschnitt 4d, In: Encyclopedia of Islam. Leiden 1978. Damit kann man zwar an die Aussage, dass der Koran in „deutlicher arabischer Sprache“Übersetzung Khoury. Siehe Koran 16:103 und 26:195, wo die Rede von die Rede ist offenbart wurde, anknüpfen, aber nicht erklären, warum diese Buchstaben am Anfang der Suren stehen. Andere Orientalisten sehen in ihnen Abkürzungen für bestimmte arabische Wörter oder Kontraktionen der Namen der Suren.Hans Bauer: Über die Anordnung der Suren und über die Geheimnisvollen Buchstaben im Qoran. In: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft. (ZDMG) Band 75, Harrassowitz, Wiesbaden 1921, S. 1–20. Wiederum glauben andere, dass diese Buchstaben eine Rolle bei der Redaktion und Zusammenstellung des Textes des Koran hatten. Nöldeke und Hirschfeld hielten die Buchstaben für Namenszeichen der Besitzer der verschiedenen Koran-Manuskripte aus dem Umfeld des Propheten, Kāf für Abū Bakr, ʿAin für Aischa.A. Welch: Stichwort al-Kurān, Abschnitt 4d, In: Encyclopedia of Islam. Leiden 1978./ Keith Massey: A New Investigation into the „Mystery Letters“ of the Quran. In: Arabica. Band 43, 1996- Massey stellte in seiner Dissertation die Theorie auf, dass in den Buchstaben eine Ordnung steckt: Mīm folgt nie dem Sīn, Lām kommt nie vor Alif usw. Mittels statistischer Untersuchungen kam er zum Schluss, dass die zufällige Anordnung statistisch unwahrscheinlich („statistical improbality“) sei und fügte an, dass Statistiken lediglich Wahrscheinlichkeiten ausrechnen und nicht Tatsachen („Statistics can only calculate probabilities, not realities“). Obwohl Massey zugibt, dass die Anordnung der abgetrennten Buchstaben vor der Sure 42 seiner Theorie widerspricht, sieht er, nachdem er 2 Szenarien dafür in Betracht zieht, einen Beleg für die Theorie von Nöldeke und Hirschfeld.Keith Massey: A New Investigation into the „Mystery Letters“ of the Quran. In: Arabica. Band 43, 1996, S. 475 f.

In Anwendung seiner Adaption der wissenschaftlichen Standardvorgehensweise der historisch-kritischen Methode, der von ihm entwickelten syro-aramäischen Lesart des KoranDie syro-aramäische Lesart des Koran: Ein Beitrag zur Entschlüsselung der Koransprache. Das Arabische Buch, Berlin 2000, ISBN 3-86093-274-8; 5. Auflage: Schiler, Berlin 2015, ist der Koranforscher Christoph Luxenberg zum Ergebnis gekommen, dass diese Siglen ursprünglich in syro-aramäischer Schrift geschrieben wurden und analog zu altsyrischen, christlichen Lektionaren einzelne Psalmen oder Bibelworte angeben.Die syrische Liturgie und die „geheimnisvollen“ Buchstaben im Koran – eine liturgievergleichende Studie. In: Markus Groß, Karl-Heinz Ohlig (Hrsg.): Schlaglichter: Die beiden ersten Islamischen Jahrhunderte. Schiler, Berlin 2008.

Interpretationsansätze in der Bahai-Religion