mini|hochkant=1.2|St.-Marien-Kirche Boizenburg Die Stadtkirche St. Marien ist eine überwiegend gotische Pfarrkirche im Stadtkern von Boizenburg/Elbe unmittelbar neben dem Marktplatz und dem Rathaus. Die Kirche gehört zur Propstei Parchim im Kirchenkreis Mecklenburg der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland (Nordkirche).
Chronik Entstehung bis 1600 Das Land Boizenburg (Terra Boyceneburg) gehörte seit 1154MUB I. (1863) Nr. 56 u. 57. zum von Heinrich dem Löwen gegründeten Bistum Ratzeburg.J.E. Fabri: Magazin für die Geographie, Staatenkunde und Geschichte. Raspeschen Buchhandlung, Nürnberg 1797, S. 197.MUB I. (1863) Nr. 65.MUB I. (1863) Nr. 101. Der Flecken Boizenburg soll zudem bereits um 1167 über eine Kapelle verfügt haben, welche auf dem heutigen Kirchplatz stand. An Bedeutung gewann Boizenburg als der Ratzeburger Bischof Isfried hier im Auftrag des Papstes Coelestin III. im Juli 1195 die Streitigkeiten wegen der Schweriner Bischofswahl schlichtete. Zugegen waren außerdem der Abt des Lübecker St.-Johannis-Klosters Arnold von Lübeck, der Lübecker Domherr Hermann und die Vertreter der Streitparteien.MUB I. (1863) Nr. 158. Der Streit zwischen dem Schweriner Domkapitel und dem wendischen Adel konnte am 14. bzw. 19. Juli beigelegt werden. 1217 wurden der Boizenburger Sacerdos Rötger und der Pleban SiegfriedMUB I. (1863) Nr. 231 u. 236. urkundlich erwähnt. Zu dieser Zeit fiel Boizenburg als Pfand in dänische Hände und verblieb bis 1225 unter Kontrolle des dänischen Statthalters Graf Albrecht von Orlamünde.J.E. Fabri: Magazin für die Geographie, Staatenkunde und Geschichte. Raspeschen Buchhandlung, Nürnberg 1797, S. 205 f. Über den Entstehungszeitraum der spätromanischen Kreuzkirche zu Boizenburg gibt es verschiedentliche Angaben, so werden in diesem Zusammenhang die Jahre 1217 und 1269 erwähnt. Ein Ablassbrief von 1295MUB IV. (1867) Nr. 2723, von Bischöfen erteilter versiegelter Ablassbrief, zu Gunsten der Pfarrkirche Boizenburg. bestätigt dann das Vorhandensein der Pfarrkirche zu Boizenburg. In diesem Brief wurden zudem erstmals die Patrone der Kirche genannt, die heilige Maria und der heilige Apostel Jacobus. In einer UrkundeMBU V. (1896) Nr. 2756. des Grafen Nikolaus II. aus dem Jahr 1301 wird das St.-Georgen-Spital zu Boizenburg erwähnt, welches zu damaliger Zeit außerhalb der Stadt stand. Aus dieser Einrichtung ging später das Armenhaus St.-Jürgen bzw. das Stift St.-Jürgen hervor. Zum weiteren Aufbau der Kirche in Boizenburg trug auch die Vikarie des Ritters Heinrich von Sprengel aus dem Jahr 1328 bei. Am 10. April 1328 bezeugte die Witwe des Ritters im Beisein des Boizenburger Priesters Johann von Tarnewitz und des Knappen Segeband von Oedem die Widmung der Vikarie.MUB VII. (1873) Nr. 4913. In den folgenden Jahren kamen weitere Stiftungen zu Gunsten der Kirche hinzu, 1335 die Flöker’sche VikarieMUB IX. (1875) Nr. 6310. und 1370 die Vikarie der Familie von Moltke.MUB XVI. (1893) Nr. 10085. Eine päpstliche Urkunde aus dem Jahr 1331 gibt Auskunft über den in dieser Zeit in Boizenburg dienenden Pfarrherrn. In der Urkunde vom 2. Mai 1331 wurde dem Rektor der Pfarrkirche Boizenburg Bertram Cremon von Papst Johannes XXII. zu Avignon die Anwartschaft auf ein geistliches Lehn ohne Seelsorge verliehen.MUB XXV. Teil A. (1936) Nr. 14124. Vor seiner Ernennung zum Pfarrherrn von Boizenburg war Bertram Cremon Domherr in Hamburg. Nach seiner Boizenburger Zeit trat er als Kaplan des Grafen Johann III. von Holstein-Kiel in Erscheinung.Stephan Sehlke: Das geistige Boizenburg: Bildung und Gebildete im und aus dem Raum Boizenburg vom 13. Jahrhundert bis 1945. Books on Demand, Norderstedt 2011. S. 150. Im Jahr 1350 wurde Bertram Cremon schließlich zum Bischof von Lübeck gewählt. 1335 verfügte die Kirche nunmehr über vier Altäre, an denen die Priester Johannes, Hildebrand, Johannes Aurifaber und Ludolf den Gottesdienst zelebrierten.MUB VIII. (1873) Nr. 5613. Das Domkapitel zu Hamburg verlieh am 19. Dezember 1336 dem Boizenburger Pfarrer und ehemaligen Domherrn zu Hamburg Bertram Cremon eine Rente, welche aus der Präbende des Dorfes Bargteheide errichtet wurde.MUB XXV. Teil A. (1936) Nr. 14174. Im November 1358 wurde die Kirche zu Boizenburg und die in ihren Besitz befindlichen Kirchhufen von Steuern, Diensten und Auflagen befreit.MUB XIV. (1886) Nr. 8530. In der von Herzog Albrecht III. unterzeichneten Urkunde wird auch der Boizenburger Prediger Heinrich von Gryben erwähnt. 1378 erweiterten die Brüder Heinrich und Hermann von Boizenburg ihre Vikarie zugunsten der Boizenburger Kirche, zudem unterstützten sie den Bau des Altars von St. Peter und Paul im erheblichen Umfang.MUB XVX. (1899) Nr. 11073. Der Ratzeburger Bischof Detlef bestätigte im Juli 1400 die Schenkung eines Hauses durch den Boizenburger Priester Heinrich Dassemann, welches die Sprengel’sche Vikarie zu Gunsten der Kirche Boizenburg erweiterte.MUB XXIV. (1913) Nr. 13666. 1501 verfügten die Herzöge Magnus II. und Balthasar zu Mecklenburg die Entrichtung von vier Schillingen für das Läuten der Boizenburger Kirchglocken im Todesfalle. Den verstorbenen Armen sollte jedoch unentgeltlich nachgeläutet werden.J.E. Fabri: Magazin für die Geographie, Staatenkunde und Geschichte. Raspeschen Buchhandlung, Nürnberg 1797, S. 231. Boizenburgs Pfarrkirche war bekanntlich Teil der römisch-katholischen Kirche, erst mit der Reformationsbewegung hielt der evangelisch-lutherische Glauben Einzug. Der Übergang vollzog sich allerdings nicht immer friedlich. So berichtete der Ratzeburger Bischof Heinrich III. im Februar 1520 den Mecklenburger Herzögen von der schweren Misshandlung eines Mönches in Boizenburg. Die erste lutherische Predigt hielt Priester Johan Crutzeman im Jahr 1534. Er wurde daraufhin von der päpstlichen Obrigkeit versetzt. Als erster lutherischer Prediger wird Johannes Wesken benannt. Der Zutritt zur Kirche und die Predigt in ihr wurden ihm jedoch anfangs verwehrt. In der Zeit um 1541 gab es noch zahlreiche einflussreiche päpstliche Anhänger. Daher musste Prediger Wesken auf dem Kirchhof unter einer Linde seine Predigt abhalten. Während der Kirchenvisitation von 1535 wurden in Boizenburg Wiedertäufer angetroffen.Heinrich Schnell: Die Mecklenburgischen Kirchenordnungen: ein Beitrag zur Geschichte der Entstehung unserer Landeskirche. In: Jahrbücher des Vereins für Mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde, Band 63 (1898), S. 211. Die Wiedertäufer galten als Anhänger einer Irrlehre und unterlagen der Verfolgung durch die Obrigkeit. 1553 visierten der lutherische Theologe Johannes Aurifaber und der lutherische Superintendent Johann Ribling die Kirche und Pfarre zu Boizenburg. Im selben Jahr übernahm der Theologe Ägidius Faber die Pfarre in Boizenburg und ersetzte hier den schwer erkrankten Pfarrer Johan Crutzemann. Neben der St.-Marien-Kirche befanden sich 1579 noch zwei weitere Kapellen innerhalb des Stadtgebietes, die St.-Annen-Kapelle und die Heilig-Kreuz-Kapelle. Außerhalb der Stadtmauern standen hingegen die St.- Gertrud-Kapelle, die St.-Jürgen-Kapelle und die St.-Habundus-Kapelle. Die St.-Marien-Kirche verfügte in dieser Zeit über elf Altäre,Ein großer Hauptaltar und die Nebenaltäre St. Petri und Paul, St. Annae, St. Nicolai, St. Spiritus, St. Catharinae, St. Antonii, St. Martinii, St. Simonis et Judae, Omnium Sancturum und St. Trinitatis. wobei diese größtenteils schon im frühen Mittelalter vorhanden waren.
1600 bis 1800 Der Dreißigjährige Krieg brachte viel Leid über das Land. Auch die Boizenburger Kirche wurde in Mitleidenschaft gezogen. So explodierte Ende Juli 1627 das auf dem Kirchhof gelagerte Schießpulver und zerstörte das nebenstehende Gotteshaus nahezu vollständig, nur Pfeiler und Grundmauer blieben stehen. Am 9. August eroberten die kaiserlichen Truppen des Heerführers Tilly die Stadt und setzten das von den abziehenden Dänen und Schotten begonnene Zerstörungswerk fort. Die noch erhaltene Ausstattung wurde zerstört und die in der Kirche befindlichen Gräber geschändet. In den darauffolgenden Jahrzehnten war Boizenburg ohne nutzbaren Kirchbau. Erst 1657 konnte der Wiederaufbau beginnen, welcher unter der Leitung des französischen Architekten und Bildhauers Charles Philippe Dieussart vollzogen wurde. Den Abschluss des Wiederaufbaues bildete der Einbau einer Orgel im Jahr 1677, genau 50 Jahre nach ihrer Zerstörung. Der Kirchbau wurde in der Nacht zum 16. Oktober 1709 infolge des Stadtbrandes erneut zerstört. Dem Brand fiel auch die von Pastor Balthasar Christian Brandenburg (1662–1701) angelegte Bibliothek zum Opfer, welche zahlreiche wertvolle Schriften enthielt. Im Jahr 1711 sollte dann der Wiederaufbau der Kirche beginnen, entsprechendes Bauholz war bereits angeliefert worden. Der Stadt fehlten jedoch die notwendigen Geldmittel und auch vom Schweriner Herzog war zu dieser Zeit keine Hilfe zu erwarten. So wurde der Wiederaufbau zurückgestellt und das bereits angelieferte Bauholz verschwand in den nächsten Jahren. Die Boizenburger Glaubensgemeinde war nunmehr gezwungen ein vom Stadtbrand verschontes hochgiebeliges Haus am Bollenberg zu nutzen. Erst 1717 konnte unter der Aufsicht des herzoglich-mecklenburgischen Ingenieur-Kapitäns Christian Friedrich Leberecht von dem Knesebeck der Wiederaufbau beginnen. Ingenieur-Kapitän von dem Knesebeck leitete den Wiederaufbau bis zu seinem Tode im Jahr 1727. An den Beginn des Wiederaufbaues erinnert die über dem Nordportal eingelassene Steintafel mit Inschrift: TEMPLUM ANNO MDCCIX EXUSTUM PIISSIMIS AUSPICIIS • DMI:DMI:CAROLI LEOPOLDI·D·R·M ANNO MDCCXVII REDINTEGRATUM. Während des Wiederaufbaues kam es zu manchem Konflikt. So beschäftigte sich 1718 das obere Kirchengericht zu Rostock mit einem Fall aus Boizenburg. Kirchenvorsteher Arnold Petersen hatte für den Wiederaufbau der Kirche 147 Reichstaler bereitgestellt, die aber eigentlich der Herzoglichen Renterei zustanden. Infolgedessen wandte sich der Schweriner Küchenmeister Johann Brandt, dem die Geldmittel nun fehlten, an das obere Kirchengericht in Rostock. 1754 fand die bauliche Wiederherstellung der Kirche ihren Abschluss. Am 18. Februar 1759 fand der Horster Gutsbesitzer Johann Baptista Mutzenbecher (1691–1759), ehemaliger Syndicus und Magnifizenz im Hamburger Senat und Kirchenjurator, in der Kirche zu Boizenburg seine letzte Ruhe. Johann Baptist Mutzenbecher gilt als einer der Stifter der spätbarocken Altar- und Kanzelausstattung der Kirche. Mutzenbecher war bis 1725 im Senat der Hansestadt Hamburg tätig und dort für die diplomatischen Beziehungen zu Russland, Schweden und Polen zuständig.Stephan Sehlke: Das geistige Boizenburg: Bildung und Gebildete im und aus dem Raum Boizenburg vom 13. Jahrhundert bis 1945. Books on Demand, Norderstedt 2011, S. 318. Nach einer tätlichen Auseinandersetzung mit einem Bürgermeister gab er seine dortige Stellung auf. Der Kirchhof musste im Jahr 1777 in Ermangelung freier Grabplätze geschlossen werden. Die Gemeinde verlegte daher den Friedhof im selben Jahr vor die Stadt, an einen Platz dessen Zentrum der TannenbergHeute trägt die oben abgeflachte Erhebung die Bezeichnung Kreuzberg. bildete. Am 1. Mai 1778 wurde die erste Beisetzung vollzogen. Von dieser Kindesbestattung zeugt eine erhaltene Holztafel mit Inschrift. Nachdem die Gemeinde den neuen Friedhof nunmehr nutzen konnte, folgte auf herzogliche Weisung die Umgestaltung des alten Kirchhofes zu einer parkähnlichen Anlage. An den jahrhundertealten Kirchhof und seine Grabanlagen erinnert heute nichts mehr.