Der Palazzo della Cancelleria () ist ein Palast in der Altstadt (centro storico) von Rom. Er liegt zwischen dem Corso Vittorio Emanuele II und der Via del Pellegrino im Stadtteil Parione. Die Hauptfassade geht zur Piazza della Cancelleria.
Der Kardinal und päpstliche Vizekanzler Raffaele Riario ließ sich zwischen 1485 und 1513 den Palast als Residenz erbauen. Er ist der erste Renaissancepalast in Rom und spielt bei der urbanen Neuordnung und der Rückgewinnung der dominanten Stellung Roms eine wichtige Rolle. Der Entwurf wird unter anderem auf Leon Battista Alberti zurückgeführt. Als Architekten bzw. Baumeister werden Donato Bramante, Andrea Bregno und auch Baccio Pontelli genannt. Die majestätische Fassade und der formvollendete Innenhof machen ihn zu einem der schönsten Paläste Roms.
Geschichtlicher Überblick mini|Stich von Giovanni Battista Piranesi, 1770 Papst Damasus I. ließ neben der von ihm gestifteten Kirche San Lorenzo in Damaso im 4. Jahrhundert einen Palast errichten. In der Mitte des 15. Jahrhunderts wurde dieser Bau von Kardinal Ludovico Scarampi Mezzarota erneuert und erweitert. Um das Heilige Jahr 1475 begann Papst Sixtus IV. (1414–1484) die Sanierung der römischen Stadtviertel Regola, Ponte und Campo Marzio. Rom hatte durch das Exil der Päpste in Avignon und des Abendländischen Schismas an Einfluss zugunsten der norditalienischen Stadtstaaten Florenz, Mailand und Venedig verloren. Auch aus strategischen GründenStefano Infessura: Römisches Tagebuch, S.66 wurden alte Gebäude niedergerissen und weite Plätze sowie breite, gerade Straßen angelegt, die bald durch prächtige Paläste und repräsentative Gebäude gesäumt waren. Mit dieser städtebaulichen Erneuerung forcierte insbesondere der Klerus den Wiederanfang der kulturellen Vormachtstellung Roms, begünstigt durch eine „ins Schrankenlose wachsende Simonie“.Jacob Burckhardt: Die Kultur der Renaissance in Italien., S. 72 Die Inschrift an der Ecke der Via Florea (heute Campo de‘ Fiori) fasst die Maßnahmen Papst Sixtus IV. zusammen:
mini|Inschrift anlässlich der Stadterneuerung durch Sixtus IV. „Das du eben noch faulig warst und dreckig von stinkendem Unrat und voll, Marsland, von unschönem Schmutz, legst du (jetzt) unter dem Prinzeps Xystus (= Sixtus) diese hässliche Gestalt ab: Alles ist höchst ansehnlich in diesem strahlenden Quartier! Würdiger Lohn und Preis wird dem heilbringenden Xystus geschuldet: O, wie sehr ist Rom verschuldet seinem höchsten Führer! Blumenstraße. Baptista Archionius und Ludovicus Marganius, Beauftragte für die Straßen Im Jahr des Heils 1483“Übersetzung der ersten sieben Zeilen nach Klaus Bartels: Roms sprechende Steine. Inschriften aus zwei Jahrtausenden gesammelt, übersetzt und erläutert. 4. Auflage, Philipp von Zabern, Darmstadt/Mainz 2012, ISBN 978-3-8053-4478-4, S. 68.
Insbesondere spielten bei dieser städtebaulichen Erneuerung reiche Kardinäle eine vorrangige Rolle. Sie waren es, die ab der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts die neue aufsteigende Klasse bildeten, die ihren Reichtum unter anderem dem Ablasshandel, dem Handel mit Privilegien und begehrten Posten verdankten. Purpurträger wie Ascanio Sforza, Rodrigo Borgia oder Oliviero Carafa fühlten sich als Mäzene der Künste; sie übertrumpften sich beim Bau ihrer reich ausgestatteten Paläste und höfischen Residenzen. Einer der prominentesten dieser Kardinäle war der Nepote Sixtus IV. Raffaele Riario, der 1477 im Alter von 17 Jahren zum Kardinal und 1483 zum Titular der Basilika von San Lorenzo in Damaso ernannt worden war. Er lebte anfangs in dem angrenzenden alten Kardinalspalast, den er bald abreißen ließ, um den Neubau des Palastes und der Kirche zu ermöglichen. Der Gewinn von 14.000 Dukaten beim Würfelspiel in zwei Spielen mit Franceschetto Cybò, Sohn Papst Innozenz VIII. soll die finanzielle Basis gewesen seinStefano Infessura: Römisches Tagebuch, Seiten 232 f.
Etwa um 1485 begannen die Bauarbeiten und dauerten bis 1514. 1495 waren die Südseite des Palastes an der Via del Pellegrino und die Hauptfassade bereits vollendet, 1496 bezog Kardinal Riario den Palast. Zwischen 1511 und 1514 erfolgte die Fertigstellung. Im Laufe des 16. Jahrhunderts wurden die Ausstattung von Innenräumen wie der Saal der 100 Tage (Salone dei Cento Giorni) und das Appartement des Kardinals geschaffen.
Die Wappen von Sixtus IV. und Julius II. an den Ecken der Fassade erinnern an die Päpste, unter denen der Bau begonnen, fertig gestellt und zu großen Teilen auch finanziert wurde. Die Baukosten betrugen schließlich annähernd 180.000 Scudi.
1517 wurde Kardinal Riario verdächtigt, in die Verschwörung der Kardinäle Raffaele Petrucci und Bandinello Sauli gegen Papst Leo X. verwickelt zu sein. Er wurde verhaftet und in der Engelsburg gefangen gehalten. Nach einer Intervention des Bankiers Agostino Chigi beim Papst wurde er unter der Auflage der Zahlung der Summe von 150.000 Dukaten, von denen ein Drittel Chigi bezahlteAgostino Chigi, Biografia di Francesco Dante; Enciclopedia Trecciani und der Vererbung seines Palastes an die Päpstliche Kammer begnadigt.
Im Zuge des Sacco di Roma 1527 verwüsteten die Söldner der Kaiserlichen Liga unter Kaiser Karl V. Rom und brannten den Palast nieder. 1585–1590 erfolgte die Wiederherstellung unter Papst Sixtus V. durch Domenico Fontana.
1938 wurde bei archäologischen Grabungen unter dem Palast das Grabmal des Aulus Hirtius entdeckt. 1988 fand man Reste einer Basilika aus dem 4. und 5. Jahrhundert.
Seit 2015 lässt die Güterverwaltung des Apostolischen Stuhls nach Voruntersuchungen die vier Fassaden des Palastes umfangreich restaurieren.
Nutzungsgeschichte Der Palast hat im Verlauf der Jahrhunderte immer wieder eine bedeutende Rolle in der Geschichte der Stadt Rom und des Kirchenstaates gespielt. Neben der Nutzung des Palastes bzw. einzelner Gebäudekomplexe durch die Kardinäle Riario und Farnese im 15. und 16. Jahrhundert sind weitere mehr oder minder historisch bedeutsame oder fundierte Ereignisse überliefert.
1501 bewohnte während des Durchzugs französischer Truppen der Befehlshaber Robert Stuart d’Aubigny, der Generalleutnant König Ludwig XII., vom 24. Juni bis 3. Juli den Palast.Anmerkung bei Luca Landucci: Ein florentinisches Tagebuch, S. 69 Der Chronist Jean d’Auton berichtet, dass während seines Aufenthaltes im Palast überaus prächtige Feste und Bankette stattfanden. Ein eigens dafür angelegter Garten mit Orangen-, Zitronen-, Granatapfelbäumen und anderen teuren Obstbäumen, sowie einer großen Anzahl unterschiedlicher duftender Blumen bildeten den ornamentalen Rahmen.zitiert in Luca Landucci: Ein florentinisches Tagebuch, S. 70
1527 erlebte Andrea Matteo Kardinal Colonna im Palast das Eindringen der Söldner der Kaiserlichen Liga und die Plünderung der Stadt. Der Palast brannte ab und das Archiv ging in den Flammen verloren. 1585 bis 1590 veranlasste Papst Sixtus V. die Restaurierung des verwüsteten Palastes durch seinen bevorzugten Architekten Domenico Fontana. Dieser schuf auch das Hauptportal des Palastes.
1689 ernannte Papst Alexander VIII. seinen Nepoten Pietro Ottoboni zum Vizekanzler der Kirche und Kardinal von San Lorenzo in Damaso. Der 22 Jahre alte Ottoboni bezog den Palast und wurde, in der Nachfolge der Königin Christina von Schweden, zu einem der bedeutendsten Kunstförderer Roms seiner Zeit. Er ließ das Teatro Ottoboni in den Palast einbauen und versammelte eine Elite von Künstlern, vor allem Musiker um sich. Besondere Gunst genoss Arcangelo Corelli, der die Konzerte und Opernaufführungen im Theater leitete und bis zu seinem Lebensende im Palast wohnen durfte.CD-Booklet: Arcangelo Corelli, Triosonaten, Text von Guido Olivieri, S. 17
1798 zog General Louis-Alexandre Berthier auf Befehl Napoleons in Rom ein, setzte Papst Pius VI. als Staatsoberhaupt des Kirchenstaates ab und verkündete die Römische Republik. Der Palast wurde Sitz des Tribunals der Römischen Republik und des Kaiserlichen Gerichtshofes (daher die Inschrift CORTE IMPERIALE über dem Hauptportal), mit einer großen Anzahl von Richtern, Räten, Auditoren, einem Generalprokurator und einem Generalanwalt.
1849 unter der anfangs demokratischen Verwaltung Pius IX. wurde der Palast zum Sitz des Römischen Parlaments. Im gleichen Jahr musste Pius IX nach Gaeta fliehen. Im Palast fand die Verfassungsversammlung des 5. Februar statt. Hier wurde das Dekret erlassen, dessen Artikel I lautet: „Das Papsttum ist de facto abgeschafft und die Rechte gehen auf die zeitliche Regierung des Römischen Staates über“ und der Artikel III: „Die Regierungsform ist eine reine Demokratie und nimmt den glorreichen Namen Römische Republik an“. Am 5. Juli 1849 kehrte Pius IX nach Rom zurück und erhielt die Schlüssel der Stadt Rom. Im Palast wurden erneut die Ämter der Cancelleria Apostolica eingerichtet. Diese blieb bis 1870 in Funktion; allerdings wurden Kompetenzen an andere päpstliche Ämter abgegeben. Zuletzt verblieb lediglich eine einzige Aufgabe, die darin bestand, päpstliche Schreiben zu befördern.
Am 20. September 1870 endete mit dem Einmarsch der italienischen Truppen der Kirchenstaat. Der Palast blieb aber weiterhin der Sitz des Kardinal-Vizekanzlers der Heiligen Römischen Kirche mit dem Privileg der Exterritorialität. Die Stellung eines Vizekanzlers verlor aber zunehmend an Bedeutung; 1908 erhält der amtierende Kardinal den Rang eines Kanzlers.
1929 wurden die Lateranverträge zwischen Benito Mussolini und dem Staatssekretär des Papstes Pius XI, Kardinal Pietro Gasparri, geschlossen. Der Palazzo della Cancelleria ist damit eine der Besitzungen des Heiligen Stuhls, welche den Status der völkerrechtlichen Exterritorialität genießen.
1967 wird der Palazzo della Cancelleria, bis dahin nur mehr Amtssitz des Kanzlers, zum Sitz wichtiger Institutionen der Römischen Kurie. Derzeit sind im Gebäude untergebracht: die Apostolische Pönitentiarie (Bußgerichtshof), zuständig für Erteilung und Anwendung von Absolutionen und Dispensen die Römische Rota, der höchste Zivil- und Strafgerichtshof der Kirche, unter anderem zuständig für die Annullierung von Ehen die Apostolische Signatur, die höchste Gerichtsinstanz der Römischen Kurie, mit dem Kassationsgerichtshof, dem Verwaltungsgericht und der obersten Gerichtsverwaltungsbehörde die Päpstliche Akademie für Archäologie die Päpstliche Akademie der schönen Künste und der Literatur.
Architekten Da das Archiv des Palastes während des Sacco di Roma 1527 in einem Brand vernichtet wurde, ist bis heute nicht gesichert, wer der Architekt dieses ersten Baues der Renaissance in Rom war. Der ursprüngliche Entwurf weist auf den Humanisten und Architekten Leon Battista Alberti hin, auf den der Entwurf des Palazzo Rucellai in Florenz zurückgeht. Alberti starb allerdings schon 1472 und kommt somit als ausführender Architekt des Palazzo della Cancelleria nicht in Frage. Fest stehen allerdings Parallelen bei wichtigen architektonischen Details. Jacob Burckhardt hält Donato Bramante für den Architekten; was allerdings auch wenig wahrscheinlich ist, da Bramante erst Ende 1499 nach Rom kam. Auch Giorgio Vasari erwähnt die Mitwirkung Bramantes. Vasari nennt als Ausführenden (esecutore) einen Antonio da Montecavallo. Die Mitwirkung des Steinmetzes Andrea Bregno, der nach seinem Wohnsitz meist Andrea da Montecavallo genannt wurde, ist an der Ausführung gesichert. Möglicherweise sind die beiden identisch. Bregno war in erster Linie für Steinmetzarbeiten und Skulpturen – weniger aber als Architekt – bekannt und gefragtPöpper: Skulpturen für das Papsttum, S. 325ff; ihm werden die Fenster und der Erker an der Via del Pellegrino zugeschrieben. Weiters genannt wird Baccio Pontelli, der unter Sixtus IV. und seit 1487 unter Innozenz VIII. als Baumeister tätig war. Der in der Literatur mehrfach erwähnte Antonio da Sangallo der Jüngere, geboren 1484, war möglicherweise in einer späteren Bauphase beteiligt.
Standort und Lage