Joachim Heinrich Ferdinand Caesar (* 30. Mai 1901 in Boppard; † 25. Januar 1974 in Kiel) war ein deutscher Agrarwissenschaftler, SS-Führer und Leiter der Landwirtschaftsbetriebe des KZ Auschwitz.
Frühe Jahre Caesar absolvierte nach dem Abschluss seiner Schullaufbahn ein Studium zum Diplom-Agronom an der landwirtschaftlichen Hochschule Bonn-Poppelsdorf sowie der Universität Halle. Seit 1922 gehörte er der Burschenschaft Alemannia Bonn an.Willy Nolte (Hrsg.): Burschenschafter-Stammrolle. Verzeichnis der Mitglieder der Deutschen Burschenschaft nach dem Stande vom Sommer-Semester 1934. Berlin 1934, S. 70. Während seiner Studienzeit wurde Cäsar Mitglied im nationalliberalen Jungdeutschen Orden.Susanne Heim: Kalorien, Kautschuk, Karrieren. Pflanzenzüchtung und landwirtschaftliche Forschung an Kaiser-Wilhelm-Instituten 1933-1945 Göttingen 2003, S. 177f Caesars Promotion zum Dr. sc. nat.Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich: Wer war was vor und nach 1945. Frankfurt am Main 2007, S. 89. erfolgte 1927 in Halle mit der Dissertation: Untersuchungen über den Einfluß der Triebkraft des Saatgutes und der Verteilung der Pflanzen auf Versuchsflächen auf den Ertrag und Versuchsfehler - Ein Beitrag zur Technik des Sortenversuchs.Vgl. Eintrag im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek Nach Studienabschluss war Caesar die folgenden fünf Jahre als Versuchsringleiter und Lehrer an der Landwirtschaftsschule in Bad Oldesloe und danach kurzzeitig auf einem oberschlesischen Gut beschäftigt.
Politische Tätigkeit Zum 1. September 1931 trat Caesar der NSDAP (Mitgliedsnummer 626.589)Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/5380114 und im selben Monat der SA bei. Er wechselte im Juni 1933 von der SA zur SS (SS-Nummer 74.704).Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau (Hrsg.): Auschwitz in den Augen der SS. Oswiecim 1998, S. 223. In der Allgemeinen SS stieg er Ende Januar 1939 bis zum SS-Oberführer auf. Zudem gehörte er dem Verein Lebensborn an.
1932 wurde Caesar NSDAP-Ortsgruppenleiter in Bad Oldesloe und Gauredner für den NSDAP-Gau Schleswig-Holstein.Jan Erik Schulte: Zwangsarbeit und Vernichtung: Das Wirtschaftsimperium der SS. Oswald Pohl und das SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt 1933-1945. Paderborn 2001, S. 464. Nach der „Machtergreifung“ fungierte er zunächst als Bürgermeister in Bramfeld/Holstein, das 1937 mit dem Groß-Hamburg-Gesetz Stadtteil von Hamburg wurde.
Caesar war ab 1934 zunächst als Rassefachberater beim SS-Oberabschnitt Nord sowie Hauptschulungsleiter beim SS-Abschnitt XV beschäftigt und wurde 1937 Rassereferent Nordwest.Hans-Christian Harten: Himmlers Lehrer. Die weltanschauliche Schulung in der SS 1933–1945, Paderborn 2014, S. 69. 1937 wurde er Leiter des Schulungsamtes im Rasse- und Siedlungshauptamt (RuSHA), das Anfang September 1938 dem SS-Hauptamt unterstellt wurde. Reichsführer SS Heinrich Himmler bemängelte schließlich Caesars zu großen „Intellektualismus“ und wollte ihn von dieser Funktion entbinden, was Kompetenzstreitigkeiten mit dem Leiter des RuSHA Walther Darré zur Folge hatte. Einem Rücktrittsgesuch von Darré im Februar 1938 entsprach Himmler schließlich, Caesar verblieb in seiner Funktion.Peter Longerich: Heinrich Himmler. Biographie. Siedler, München 2008, ISBN 978-3-88680-859-5, S. 430. Caesar, verantwortlich für die SS-Leithefte und den „rassepolitischen“ Unterricht, beklagte im Januar 1939 die geringe Bereitschaft der SS-Männer an den Schulungen teilzunehmen: „Allmählich machte sich bei den Männern eine Ermüdung diesen Themen gegenüber bemerkbar, und so wurde die Schulung ausgedehnt auf die Grundlagen des nationalsozialistischen Weltanschauungsbildes.“Heinz Höhne: Der Orden unter dem Totenkopf - Die Geschichte der SS, Weltbild, Augsburg 1998, ISBN 3-89350-549-0, S. 146. Ab Oktober 1939 war er in dieser Funktion „Inspekteur für die weltanschauliche Schulung“.
Von Mai bis Oktober 1940 wurde Caesar in die Waffen-SS eingezogen und wurde während dieses Zeitraums von seinem Stellvertreter Karl-Heinz Bürger als Leiter des Schulungsamtes vertreten.Hans-Christian Harten: Himmlers Lehrer. Die weltanschauliche Schulung in der SS 1933–1945, Paderborn 2014, S. 118. Im März 1941 nahm Caesar an der Eröffnung des Instituts zur Erforschung der Judenfrage von Alfred Rosenberg in Frankfurt teil. Ab Anfang August 1941 war er im Ergänzungsamt der Waffen-SS tätig.Aleksander Lasik: Die Organisationsstruktur des KL Auschwitz, in: Wacław Długoborski, Franciszek Piper (Hrsg.): Auschwitz 1940-1945. Studien zur Geschichte des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Oswiecim 1999, Band 1: Aufbau und Struktur des Lagers, S. 315. Bei der Waffen-SS erreichte er als „Fachführer“ am 30. Januar 1944 den Rang eines SS-Obersturmbannführers.Norbert Frei (Mithg.): Standort- und Kommandanturbefehle des Konzentrationslagers Auschwitz 1940-1945, München 2000, ISBN 978-3-598-24030-0. S. 414.
Pflanzenversuchsstation im KZ Auschwitz Mitte Februar 1942 wurde er zudem Beauftragter für landwirtschaftliche Sonderaufgaben im SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt (SS-WVHA) und zum Leiter der Gruppe Züchtung. Caesar, der sich seit Februar 1942 im KZ Auschwitz aufhielt, wurde zudem ab dem 12. März 1942 zum Leiter der Landwirtschaftsbetriebe im KZ Auschwitz. Im Auschwitzer Nebenlager Rajsko unterstand Caesar neben dem Bereich Landwirtschaft und Viehzucht auch die Pflanzenversuchsstation (Koksaghyz-Züchtung zur Kautschukerzeugung) bis zur Evakuierung des Lagers im Januar 1945. In diesen Funktionen unterstand Caesar in Auschwitz nicht der Lagerkommandantur, sondern Heinrich Vogel, der im SS-WVHA das Amt W-V (Land-, Forst- und Fischwirtschaft) leitete.Susanne Heim: Kalorien, Kautschuk, Karrieren. Pflanzenzüchtung und landwirtschaftliche Forschung an Kaiser-Wilhelm-Instituten 1933-1945 Göttingen 2003, S. 177. Caesar gehörte zu den ranghöchsten SS-Führern in Auschwitz.Susanne Heim: Kalorien, Kautschuk, Karrieren. Pflanzenzüchtung und landwirtschaftliche Forschung an Kaiser-Wilhelm-Instituten 1933-1945 Göttingen 2003, S. 190.
Da der strategische Rohstoff Kautschuk kriegsbedingt verknappt war, wurde der Kautschukforschung höchste Priorität eingeräumt. So wurde Heinrich Himmler von Adolf Hitler im Juli 1943 zum „Sonderbeauftragten für Pflanzenkautschuk“ ernannt. Bei seiner zweiten und letzten Visite vom 17. bis 18. Juli 1942 im KZ Auschwitz bezeugte Himmler großes Interesse für die Pflanzenversuchsstation. Neben der aufwendigen Herstellung von synthetischem Kautschuk sollte zusätzlich die Herstellung von Kautschuk aus russischem Löwenzahn (Taraxacum bicorne) erforscht werden. Nachdem 1942 die SS Saatgut der Pflanze in der Sowjetunion erbeutet hatte, wurden unter der Leitung Caesars Versuche auf einem Landwirtschaftsbetrieb und Nebenlager des KZ Auschwitz durchgeführt. In dem „Pflanzenzuchtkommando“ arbeiteten mindestens elf Häftlinge (Biologinnen) und 25 Hilfskräfte. Im Verlauf des Krieges soll das „Pflanzenzuchtkommando“ personell jedoch immer weiter aufgestockt worden sein. Susanne Heim zufolge arbeiteten dort noch Anfang 1945 über 150 weibliche Häftlinge, die aus dem KZ Ravensbrück überstellt worden waren, zusätzlich waren russische Wissenschaftler dort interniert.Bernhard Strebel, Jens Christian Wagner: „Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus“: Zwangsarbeit Für Forschungseinrichtungen der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft 1939–1945, Berlin 2003, S. 58ff.
Während der im Lagerbereich des KZ Auschwitz grassierenden Flecktyphusepidemie im Herbst 1942 starb auch die Ehefrau Caesars am 10. Oktober 1942, er selbst erkrankte ebenfalls an Typhus. Wahrscheinlich demzufolge erreichte er die Verlegung der Häftlinge der Pflanzenversuchsstation vom Birkenauer Frauenlager in das Stabsgebäude des KZ Auschwitz. Im Nebenlager Rajsko selbst waren diese Häftlinge erst ab Juni 1943 in zwei Häftlingsunterkünften untergebracht, bei wesentlich besseren Lebens- und Versorgungsbedingungen als im Stammlager oder Birkenau. Wie Caesar im Januar 1944 in einem Bericht anmerkte, ergab sich demzufolge „eine Handhabe der disziplinären Erziehung des Kommandos [...], die darin besteht, daß jederzeit bei Undisziplin eine Rückversetzung unter die weitaus schwierigeren Lebensbedingungen des Stammlagers möglich ist.“Zitiert nach: Thomas Wieland: Die politischen Aufgaben der deutschen Pflanzenzüchtung - NS-Ideologie und die Forschungsarbeiten der akademischen Pflanzenzüchter. In: Susanne Heim (Hrsg.) Autarkie und Ostexpansion. Pflanzenzucht und Agrarforschung im Nationalsozialismus (= Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus Bd. 2). Herausgegeben von Susanne Heim, Wallstein Verlag Göttingen 2002, S. 51. Caesar heiratete nach dem Tod seiner Frau im Dezember 1943 erneut. Seine zweite Ehefrau und Assistentin Ruth (geb. Weinmann) war Diplomchemikerin.Susanne Heim: Kalorien, Kautschuk, Karrieren. Pflanzenzüchtung und landwirtschaftliche Forschung an Kaiser-Wilhelm-Instituten 1933-1945 Göttingen 2003, S. 182. Sie ließ sich die Doktorarbeit von einem weiblichen Häftling in Rajsko schreiben. Mit seiner Familie lebte Caesar in Auschwitz. Bei der Familie mit drei Kindern waren zwei als Bibelforscherinnen klassifizierte Häftlingsfrauen als Haushaltshilfen eingesetzt.Danuta Czech: Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939–1945, Hamburg 1989, S. 495.
Nach der Auflösung des KZ Auschwitz wickelte Caesar seine Dienststelle ab. Die Pflanzenzuchtstation wurde samt den russischen Wissenschaftlern nach Büschdorf verlegt und die weiblichen Häftlinge des Pflanzenzuchtkommandos in das KZ Ravensbrück.Thomas Wieland: Die politischen Aufgaben der deutschen Pflanzenzüchtung - NS-Ideologie und die Forschungsarbeiten der akademischen Pflanzenzüchter. In: Susanne Heim (Hrsg.) Autarkie und Ostexpansion. Pflanzenzucht und Agrarforschung im Nationalsozialismus (= Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus Bd. 2). Herausgegeben von Susanne Heim, Wallstein Verlag Göttingen 2002, S. 54.
Nach Kriegsende