Die Klosterfrau Group ist eine Gruppe im Bereich der Selbstmedikation, Medizintechnik, Kosmetik und Auftragsfertigung. Sie entstand aus dem 1826 von der Klosterfrau Maria Clementine Martin in Köln gegründeten Unternehmen. Das Gründungsprodukt der Unternehmensgruppe ist Klosterfrau Melissengeist, ein alkoholischer, destillierter Extrakt aus Arzneipflanzen.
Die Holding der Klosterfrau Group ist die Klosterfrau Zürich AG mit Sitz in Zürich. Das operative Geschäft wird durch die Maria Clementine Martin Klosterfrau Vertriebsgesellschaft mbH (M. C. M. Klosterfrau Vertriebges. mbH) aus Köln organisiert.
Geschichte mini|hochkant|Logo des Klosterfrau Melissengeist
Entstehungsgeschichte Das Gründungsprodukt ist Klosterfrau Melissengeist, dessen Rezeptur Pariser Karmeliten im Jahre 1611 entwickelten.Katrin Wittmann: Kräuter: 70 Küchenkräuter von A–Z. 2013, S. 149 (books.google.de).Matthias Schulz: Fromme Lügen. In: Spiegel Online. 3. Juli 2015, aus Der Spiegel 28/2015. Größere Bekanntheit erlangte das Mittel jedoch erst zweihundert Jahre später.
Die Nonne Maria Clementine Martin (1775–1843) wurde im Jahre 1821 in Münster wegen Quacksalberei und Verstoßes gegen die Medizinalordnung strafrechtlich verfolgt. 1825 zog sie nach KölnGeorg Schwedt, Helmut Heckelmann: Kölnisch Wasser und Melissengeist. Die Geschichte der Klosterfrau Maria Clementine Martin (1775–1843). Eine kritische Rückschau (= Persönlichkeit im Zeitgeschehen. Bd. 10). LIT, Berlin/Münster/Wien 2019, ISBN 978-3-643-14365-5, S. 27–28. und verkaufte dort zunächst selbst hergestelltes Kölnisch Wasser. Ein Jahr später gründete sie das Unternehmen Maria Clementine Martin Klosterfrau (später auch kurz M.C.M. Klosterfrau Köln a. Rh. oder nur „Klosterfrau“ genannt). Die Eintragung im städtischen Magistratsregister (Handelsregister) erfolgte am 23. Mai 1826.Die Klosterfrau Maria Clementine Martin – geb. 1775 – die Begründerin des Hauses „Klosterfrau“. In: Münchener Medizinische Wochenschrift. Band 95, Nr. 1, 2. Januar 1953, S. XII (Anzeige von M. C. M. Klosterfrau Köln A. Rh., Geronsmühlengasse 1–9).
Spätestens 1827 stellte sie „Ächtes Spanisches Carmeliter-Melissenwasser“ her und behauptete, im Gegensatz zu ihren Konkurrenten den wahren Melissengeist zu verkaufen. Der damalige Bonner Medizinprofessor Johann Friedrich Christian Herless bewertete ihr Produkt als „von sehr vorzüglicher Güte und Zweckmäßigkeit, und daher für den innerlichen und äußerlichen Gebrauch besonders empfehlenswürdig“.Heiko Hünemeyer: August 2007, S. 12. Obwohl sie es nicht durfte, verkaufte Schwester Martin das Mittel als Arznei. Die Angabe von Schwester Martin, dass die Herkunft des Rezepts aus ihrem Aufenthalt in einem Kloster in Coesfeld stamme, stellte sich als nicht beweisbar heraus.Kirsten Serup-Bilfeldt: Das besondere Heilwasser einer Nonne, Deutschlandfunk Kultur, 14. Februar 2016, abgerufen am 18. April 2025.
1831 hinterlegte sie beim Rat der Gewerbeverständigen der Stadt Köln ihre „Fabrikzeichen“, zu denen der preußische Adler und das Ordenswappen der Karmeliter gehörten. Die erst nach Inkrafttreten des Markengesetzes angemeldete Marke „Klosterfrau“ lässt ihre Entstehungsgeschichte zurückverfolgen.Philipp Lehmann: Marken-, Kennzeichen- und Namensrecht… 2010, S. 108 (books.google.de). Ihren Antrag, dem Melissengeist in Preußen das Monopol zu gewähren, lehnte die Regierung 1835 wegen der Gewerbefreiheit ab.Heiko Hünemeyer: August 2007, S. 16.
Um international bekannt zu werden, nahm sie 1838 an der Kunst- und Industrie-Ausstellung teil, die der Gewerbe-Verein in Köln auf dem Heumarkt ausrichtete. 1842 erschienen Anzeigen in der Kölnischen Zeitung über ihren Melissengeist. 1843 verfasste sie kurz vor ihrem Tod ihr Testament und machte darin Peter Gustav Schaeben zum Erben ihres Vermögens. Schaeben (* 1815, † 1885) hatte als Gehilfe für Martin gearbeitet und wurde als Alleinerbe Eigentümer des Unternehmens, das er beträchtlich ausweitete und den Vertrieb der Produkte weltweit ausbaute.Bayerische Akademie der Wissenschaften, Historische Kommission: Neue deutsche Biographie. Band 16, 1990, S. 292. Sein Sohn Robert Schaeben (* 1863, † 1944) führte das Unternehmen zwischen 1885 und 1933 weiter, ehe es in Konkurs ging.
Familie Doerenkamp Der bisher im Automobilhandel tätige Wilhelm Doerenkamp (* 1882, † 1972), der 1929 als Kommanditist in das Unternehmen Klosterfrau eingetreten war und als Hauptgläubiger die Firma aus dem Konkurs erwarb, führte es als Alleininhaber weiterUlrich Soénius/Jürgen Wilhelm: Kölner Personen-Lexikon. 2008, S. 462. und sanierte es. Doerenkamp konzentrierte sich auf die Herstellung von Melissengeist, der nahezu konkurrenzlos vertrieben werden konnte.Thomas Deres: Krank - gesund: 2000 Jahre Krankheit und Gesundheit in Köln. 2005, o. S.
1962 entstand aufgrund steigender Nachfrage die Tochtergesellschaft Klosterfrau Berlin GmbH. Nach Doerenkamps Tod wurde am 17. November 1972 die Wilhelm Doerenkamp-Stiftung im schweizerischen Chur gegründet, um den Bestand seines Lebenswerks und die Arbeitsplätze zu sichern. Sie bildet als Holding das Aufsichtsorgan der unterschiedlichen Länder- und Firmengruppen. Begünstigte der Stiftung war bis zu ihrem Tod 2011 seine Tochter Hildegard Doerenkamp und seitdem seine Enkelin Martine Eloy (* 1957).
Klosterfrau Group Durch Zukäufe von weiteren Unternehmen wurde Klosterfrau zu einer Unternehmensgruppe im Bereich der Selbstmedikation, auch Over-the-Counter- beziehungsweise OTC-Produkte genannt. Mit der Übernahme des französischen Kosmetikherstellers Maria Galland Paris in den 1980er Jahren kamen Kosmetikprodukte hinzu.
2006 erwarb die Gruppe die Marken der Lichtwer Healthcare GmbH & Co. KG sowie die dazugehörigen arzneimittelrechtlichen Zulassungen. Zu den erworbenen Produkten gehörte Hepar SL forte, Jarsin, Kwai, Kaveri, Euminz, Ameu und Bedan. Über die Summe des Kaufpreises wurde Stillschweigen vereinbart.
2015 erfolgte der Eintritt in den polnischen Markt mit einer Niederlassung in Warschau und im darauffolgenden Jahr eröffnete Klosterfrau eine Niederlassung in Prag.
Im Jahr 2024 veräußerte Klosterfrau den Süßstoffhersteller Hermes Süssstoff an die Krüger Group. 2025 nahm die Gruppe am Standort Berlin eine neue Anlage zur Herstellung steriler vorgefüllter Spritzen in Betrieb.
Unternehmensstruktur mini|Stammsitz in der Gereonsmühlengasse in Köln (2025) mini|Street-Art am Gründungsstandort Köln (2024) Holding der Klosterfrau Group ist die Klosterfrau Zürich AG. Sie ist die Gesellschafterin der M. C. M. Klosterfrau Vertriebges. mbH mit Sitz in Köln, die das operative Geschäft der Group steuert. Der deutsche Teil der Unternehmensgruppe beschäftigt den Großteil der Mitarbeiter und verantwortet die Produktion. Die gesamte Gruppe beschäftigt rund 1.500 Mitarbeiter, davon 1.315 Mitarbeiter in Deutschland, und erwirtschaftete 2024 einen Umsatz von 459 Millionen Euro. Am Gründungsstandort in Köln werden rund 450 Mitarbeiter beschäftigt.
Die Produktion findet seit 1971 überwiegend in Berlin statt. Eine Tochtergesellschaft ist die Artesan Pharma GmbH & Co. KG in Lüchow im Wendland. Artesan (ursprünglich Artesan GmbH JesteburgMarkenzeichen der Heilmittelindustrie. Marken-Arzneimittel. In: Münchener Medizinische Wochenschrift. Band 95, Nr. 1, 2. Januar 1953, S. XXXVIII.) fertigt Arzneimittel, Medizinprodukte und Nahrungsergänzungsmittel in verschiedenen Darreichungsformen wie festen Formen, Tabletten, Einwegspritzen und Salben. Weitere Tätigkeitsbereiche sind Galenik und Lohnentwicklung- und fertigung. Vertriebskooperationen bestanden mit der Schweizer Ricola und Condomi. Zur Gruppe gehören außerdem unter anderem die Firmen Divapharma GmbH und Cassella-med GmbH & Co. KG.
Geschäftsbereiche und Produkte Klosterfrau produziert und vertreibt Gesundheitsprodukte aus den Bereichen Selbstmedikation, Medizintechnik, Lohnfertigung sowie Kosmetik. Klosterfrau stellt insgesamt mehr als 200 Produkte für rund 60 Marken her.
Der Bereich Selbstmedikation umfasst insbesondere nicht verschreibungspflichtige Arzneimittel, Medizintechnik und Nahrungsergänzungsmittel. Der Bereich Medizintechnik besteht aus Farco-Pharma, das urologische Präparate herstellt und vertreibt. Lohnfertigung umfasst die Lohn- und Auftragsfertigung für andere Unternehmen der pharmazeutischen Industrie durch die Tochterunternehmen Artesan und Klosterfrau Berlin GmbH. Zum Kosmetikbereich gehört die Marke Maria Galland Paris.
Klosterfrau Melissengeist Das Gründungsprodukt des Unternehmens ist Klosterfrau Melissengeist, ein alkoholischer, destillierter Extrakt aus 13 Arzneipflanzen, darunter die namensgebende Echte Melisse (Melissa officinalis, auch Zitronenmelisse genannt). Zur Geschichte siehe Abschnitt Entstehungsgeschichte.
Der Begriff Klostermelisse ist ein Markenzeichen der Firma Klosterfrau. Handelsblatt, 25. Juli 2008. Bei oraler (innerlicher) Anwendung sei er zur Stärkung bei nervösen Beschwerden, Einschlafstörungen, Wetterfühligkeit, bei unkomplizierten Erkältungen, bei Unwohlsein und zur Förderung der Funktion von Magen und Darm (z. B. bei Völlegefühl und bei Blähungen) wirksam. Äußerlich sei er zur Unterstützung der Hautdurchblutung z. B. bei Muskelkater und bei Muskelverspannungen geeignet. In den 1950er Jahren bewarb der Hersteller sein Produkt als „polyvalentes Mittel bei vielen nervös bedingten Beschwerden als mildes Analgeticum, Sedativum, Spasmolyticum und Analepticum“.Die Klosterfrau Maria Clementine Martin – geb. 1775 – die Begründerin des Hauses „Klosterfrau“. In: Münchener Medizinische Wochenschrift.Band 95, Nr. 1, 2. Januar 1953, S. XII (Anzeige von M. C. M. Klosterfrau Köln A. Rh., Geronsmühlengasse 1–9).
Das Mittel mit einem Gehalt von 79 Vol.-% Alkohol (daher kritisch als gut getarnter Schnaps laut Bittere Pillen bewertet) ist in Deutschland als traditionelles Arzneimittel registriert. Wie die einzelnen Inhaltsstoffe von Klosterfrau Melissengeist wirken, konnte laut gesetzlichem Beipackzettel bislang in wissenschaftlichen Studien nicht nachgewiesen werden.
Der Melissengeist wird aus einer Mischung aus 13 Heilkräutern von bis zu
7,14 g Alantwurzelstock 7,14 g Angelikawurzel 7,14 g Enzianwurzel 7,14 g Ingwerwurzelstock 7,14 g Pomeranzenschalen 5,36 g Melissenblätter 3,21 g Zimtrinde 2,85 g Galgantwurzelstock 2,85 g Gewürznelken 0,71 g Schwarze Pfefferfrüchte 0,71 g Muskatsamen 0,36 g Zimtblüten 0,10 g Kardamomsamen
pro Liter Ethanol 96 % (V/V) extrahiert und destilliert.
Die tägliche Gesamtdosis sollte 25 ml (also 15,5 g Alkohol, was etwa der Alkoholmenge von 0,4 l Bier (5 Vol.-% Ethanol) entspricht) nicht überschreiten und eine Anwendung erst ab 18 Jahren und nicht während der Schwangerschaft, bei Alkoholismus oder Leberschäden erfolgen.
Literatur Georg Schwedt, Helmut Heckelmann: Kölnisch Wasser und Melissengeist. Die Geschichte der Klosterfrau Maria Clementine Martin (1775–1843). Eine kritische Rückschau. Berlin, Münster, Wien: LIT 2019 (= Persönlichkeit im Zeitgeschehen, Bd. 10), ISBN 978-3-643-14365-5 Helmut Heckelmann: Maria Clementine Martin (1775–1843). MV-Wissenschaft, Münster. Helmut Heckelmann: Maria Clementine Martin (1775–1843). In: Forschungen zur Volkskunde. Heft 62, MV-Wissenschaft, Münster 2015, ISBN 978-3-95645-480-6 (Zugleich Dissertation Rechtswissenschaftliche Fakultät, Universität Regensburg, 2014)Mit 77 macht Rechtsanwalt Helmut Heckelmann an der Uni Regensburg seinen Doktor – das Thema beschäftigt ihn seit 1975. In: Mittelbayerische Zeitung. 21. Januar 2015.
Martin Oehlen, Petra Pluwatsch: Klosterfrau. Eine Nonne erobert die Welt. Greven, Köln 2026, ISBN 978-3-7743-0995-1.
Weblinks
Website der Klosterfrau Group
Einzelnachweise
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