mini|Castello Estense in Ferrara

Das Castello Estense, auch Castello di San Michele, ist ein Schloss der Este in Ferrara. Im 14. und 15. Jahrhundert, als Ferrara unter den Este seine glanzvolle Blüte erlebte, diente das Castello den Herzögen als Residenz. Hier befand sich auch die reiche Kunstsammlung der Familie. Nachdem die Este ihren Stammsitz gegen Ende des 16. Jahrhunderts nach Modena verlegt hatten, verlor das Castello an Bedeutung. Nach der Vereinigung Italiens wurde es von der Provinz gekauft. Heute ist es Sitz der Provinzverwaltung. Beim schweren Erdbeben in der Emilia-Romagna im Mai 2012 erlitt das als Teil der Altstadt von Ferrara zum UNESCO-Weltkulturerbe zählende Gebäude schwere Zerstörungen.

Die Familie d’Este mini|hochkant|Wappen der Este, 1471 Die Familie d’Este ist nach der gleichnamigen Stadt in Venetien benannt. Die ersten Informationen über die Familie stammen aus dem 9. Jh., als Markgraf Azzo VI. nach Ferrara kam, um die inneren Zwistigkeiten zwischen Welfen und Ghibellinen zu unterdrücken und die Kontrolle über die Stadt zu übernehmen.

1264 wurde Obizzo II., noch Kind, zum Herrscher der Stadt ausgerufen, in den folgenden Jahren bekam er denselben Rang in Modena und Reggio. Es folgten lange Jahre schwieriger Streitigkeiten, aber am Ende des 13. Jh. war die Macht der Este endgültig gefestigt.

So begann die lange Geschichte, die die Stadt Ferrara zu einem der wichtigsten kulturellen und politischen Zentren in Europa machte. Niccolò III. verschaffte seiner Familie internationalen Ruhm, unter ihm fand hier 1438 das Ökumenische Konzil statt. Leonello, Schüler von Guarino da Verona, umgab sich mit Künstlern und Gelehrten; sein Nachfolger Borso erhielt vom Kaiser (Friedrich III.) und vom Papst (Paul II.) den Rang eines Herzogs. Ercole I. war einer der wichtigsten Mäzene Europas: Er förderte die Musik und rief die berühmtesten Musiker der Epoche nach Ferrara; er förderte Theater und bildende Künste. Durch seinen Hofarchitekten Biagio Rossetti ließ er die Stadt nach Norden erweitern. Seine Ehefrau, Eleonora von Aragón, verwaltete die Stadt mit außerordentlichem Geschick. Auch Alfonso I. förderte die Kunst. Seine zweite Ehefrau, Lucrezia Borgia, wurde in Ferrara als ehrbare Frau geachtet. Ercole II., verheiratet mit Renée aus Frankreich, hatte die Probleme der Reformation in seinem Herzogtum zu bewältigen. Alfonso II. verwaltete das Herzogtum mit weniger Glück und verlor es schließlich; trotzdem blühten unter ihm Kunst und Wissenschaft, vor allem dank der Frauen der Este: die Schwestern des Herzogs, Eleonora und Lucrezia, und seine dritte Ehefrau, Margherita Gonzaga.

Frauen der Este

Nachdem Herzog Alfonso II. d’Este ohne rechtmäßigen Erben verstorben war, verhinderte Papst Clemens VIII. eine Nachfolge durch den Prätendenten Cesare. Cesare verließ Ferrara und verlegt seinen Sitz nach Modena.

Schloss der Este Im Jahr 1385 kam es in Ferrara zu einer Revolte wegen der drückenden Steuerlasten, die mit der Ermordung des Finanzministers und Richters Tommaso da Tortona endete. Dieser Vorfall veranlasste den Markgrafen Niccolò II. d’Este, eine Verteidigungsanlage für sich und seine Familie errichten zu lassen. So entstand das Castello di San Michele, eine Festung gegen das Volk.

Niccolò II. beauftragte den Architekten Bartolino da Novara mit dem Projekt. Er baute das Kastell auf der Höhe der heutigen Corso Giovecca und Viale Cavour an einem Turm, der als sogenannter Löwenturm bereits Teil einer früheren, im Norden der Stadt bestehenden Festung war. Man baute drei weitere Türme, die mit dem ersten durch imposante zweistöckige Gebäudeteile verbunden wurden. Ein noch heute sichtbarer überbauter Gang verband die Festungsanlage mit dem Palazzo des Markgrafen. Die Jahrhunderte vergingen und die Gefahr von Aufständen ließ nach. Im Laufe der Zeit wurde das Kastell zu einer Residenz des herzoglichen Hofes ausgebaut. Es wurde vergrößert und innen und außen verschönert. Unter Herzog Ercole II. bekam das Kastell sein heutiges Aussehen, nachdem es 1544 durch einen Brand beschädigt worden war. Der Umbau wurde von Girolamo da Carpi ausgeführt.

Nachdem die Este das Kastell aufgegeben hatten, diente es als Residenz der Kardinallegate, die die Stadt und die Umgebung verwalteten. Aus jener Epoche stammen nur einige Renovierungen wie beispielsweise die Erhöhung des nördlichen Eingangs, in dessen Räumen derzeit ein Café besteht.

Architektur Das Kastell hat im Wesentlichen die Struktur der zweiten Hälfte des 16. Jh. behalten. mini|Wassergraben des Castells Es ist von einem Wassergraben umgeben und drei Vorschanzen schützen die Eingänge mit Zugbrücken. Der vierte Eingang vom Osten wurde zerstört, um die Küchen bauen zu können. Unten erhielt der Umbau die ursprüngliche Struktur der mittelalterlichen Festung, oben ersetzte dagegen Girolamo da Carpi die Zinnen durch elegantere weißen Marmorbalkone, außerdem erhöhte er das Gebäude um ein weiteres Stockwerk mit einem Satteldach. Die Türme wurden durch Altane verschönert. Der Innenhof war einst vollständig bemalt, oben waren insbesondere die Porträts von Mitgliedern der Familie Este zu sehen: vier erhaltene, aber kaum mehr sichtbare Porträts befinden sich unter der Loggia. Die Brunnen im Innenhof sammeln das Regenwasser. Die Rundsterne an den Ecken waren Munition für Katapulte.

Innenräume links|mini|Schloss Este von Ferrara, Gotischer Saal Erdgeschoss Der Rundgang beginnt im Erdgeschoss, vier Räume sind mit Gewölben überdeckt. Im ersten Saal sind an den Wänden Spuren einer Blumendekoration erhalten. Das Abbild von Niccolo II., dem Auftraggeber des Kastells, hängt an der Wand gegenüber dem Eingang. Mittig zeigt ein Holzmodell die ursprüngliche Aussehen dieser Festung. In den drei folgenden Sälen stellen zahlreiche Illustrationen und Texttafeln den Besuchern einen Überblick über das Leben am Hofe dar. An den Wänden hängen Porträts von Niccolò III., Leonello und von Borso, dem ersten Herzog der Dynastie.

Küchen

Der ursprüngliche Eingang zum Kastell vom Osten wurde vergrößert, um die herzoglichen Küchen zu beherbergen. Im ersten langen und engen Raum sind noch zwei Schießscharten sichtbar, die für die alte militärische Funktion des Baus sprechen. Im zweiten und hellsten Raum baute man einen großen Herd. An einer Wand hängt das Porträt von Cristoforo da Messisbugo, einem Mundschenk der Este.

Wulstsaal Der Saal erhielt seine Bezeichnung durch den auffallenden steinernen Schmuck unten an der Nordwand. Es handelt sich um den Wulst der Außenwand des Löwenturms, an den das Kastell angebaut wurde. Dieser Raum diente wahrscheinlich als Wachraum.

Verliese Durch einen engen Korridor und eine niedrige Tür erreicht man ein Verlies. Auf den Wänden haben im 16. Jh. Gefangene einige Schriftzüge und eine runde, schachbrettartige Zeichnung hinterlassen, in deren Feldern unter anderem die Botschaft eines unglücklichen, seiner Freiheit beraubten Marco zu lesen ist: “Io sono il sfortunato Marco […] privo de la libertà”. Hier wurde lange Zeit Giulio d’Este eingesperrt, weil er eine Verschwörung gegen seinen Bruder, den Herzog Alfonso I., angezettelt hatte.

Der Kardinal Ippolito grollte seinem Bruder Giulio. Die beiden liebten dasselbe Edelfräulein, Angela Borgia, eine Cousine der Herzogin Lucrezia Borgia. Diese hatte aber eine Vorliebe für Giulio und behauptete eines Tages öffentlich, dass schon die Augen von Giulio mehr wert waren als die ganze Gestalt des Kardinals. Dieser beauftragte seine Diener, Giulio zu töten und ihm die Augen herauszuziehen. Die Anordnung wurde nie ausgeführt, aber Giulio wurde so blutig geschlagen, dass er ein Auge verlor. Er begann daraufhin den Tod seines Bruders mit Hilfe von Ferrante anzuzetteln, einem dritten Bruder, der den Herzog Alfonso ausschalten wollte, um an seine Stelle zu treten. Die Verschwörung wurde leicht entdeckt: Giulio und Ferrante wurden sofort hier eingesperrt. Ferrante starb 1506 in diesem Verlies, Giulio lebte hier bis 1559, als er als Einundachtzigjähriger befreit wurde. mini|Tür zum Verlies der Parisina Ein paar Meter tiefer liegen die Verliese von Ugo (rechts) und Parisina (links), zweier junger Menschen, die sich unglücklich ineinander verliebten und so zu Protagonisten einer der dramatischsten Ereignisse in der Geschichte des Hauses Este wurden.

Parisina Malatesta war die zweite Frau des Markgrafen Niccolò III., der ausschweifend lebte und wesentlich älter war als sie. Nach sieben, alles in allem ruhigen Ehejahren, geschah es, dass sich Parisina in Ugo verliebte, einen Stiefsohn des Markgrafen, den dieser aus dem Verhältnis mit der angebeteten Stella de’ Tolomei hatte. Die beiden jungen Leute wurden ertappt, rasch verurteilt und 1425 nach kurzer, aber qualvoller Inhaftierung in den Verliesen des Schlosses geköpft. Parisina war 20 und Ugo 19 Jahre alt.

Über die sogenannte Kanonenrampe, über die einst Kanonen befördert wurden, gelangt man in das Obergeschoss, den Wohnbereich der herzoglichen Familie.

Das piano nobile Loggia der Herzoginnen Über eine kleine, moderne Treppe gelangt man in einen hellen Raum, in dem noch Spuren des ursprünglichen Schmucks erhalten sind. Texttafeln erzählen die Geschichte der Herzoginnen und ihrer Männer. Die Loggia und der Orangengarten mini|Garten der Orangenblüten Die von Mauern umgebene Dachterrasse, die als Orangengarten bezeichnet wird, war für die Herzoginnen und ihren engsten Hofstaat bestimmt, die von hier einen herrlichen Blick auf das Stadtzentrum hatten. Auf der Terrasse stehen heute wie damals große Töpfe mit Orangenpflanzen, die früher von weiteren Topfpflanzen Art umgeben waren. Die Loggia diente in der warmen Jahreszeit als schattiger Platz für die adeligen Gäste und im Winter als Treibhaus für die Pflanzen. Bacchanalszimmerchen Dieses Durchgangszimmer war ursprünglich vollständig ausgemalt. Auf der rechten Wand ist ein dreiteiliges Fresko mit Szenen aus dem Leben des Bacchus erhalten. Es zeigt den Triumph der Ariadne, die Weinlese und den Triumph des Bacchus. Die herzogliche Kapelle mini|Fresken in der Kapelle Nach der Tradition soll die Herzogin Renate von Frankreich die eleganten geometrischen Marmordekorationen an den Wänden in Auftrag gegeben haben. Sie war eine Anhängerin des Calvinismus, der keine figürlichen Darstellungen zuließ. Diese Hypothese ist auf den ersten Blick einleuchtend, wird jedoch durch die Deckenfresken widerlegt, die die vier Evangelisten und den weißen Adler des Hauses Este darstellen. Saal der Morgenröte Der heute Sala dell’Aurora genannte Saal, ehemals Privatraum Ercoles II., wurde im 15. Jahrhundert Spiegelsaal genannt. Er wurde damit zum Namensgeber der gesamten Repräsentationsräume Alfonso II. mini|links|Sala dell’Aurora, Allegorie des Morgens

Das Bildprogramm des Deckenfreskos ist eine Allegorie des menschlichen Lebens, verbildlicht durch den schnellen Fluss der Zeit und durch den Ablauf der Stunden im Laufe eines Tages. Das Gewölbe ist in Sektoren untergliedert, die jeweils mit Fruchtgirlanden und einem geometrisch gegliederten Ornamentstreifen gerahmt sind. Dargestellt werden in vier Feldern die vier Tageszeiten, die sich um das zentrale Bild gruppieren, eine Allegorie der Zeit.

Der Morgen wird symbolisiert durch die geflügelte Göttin Aurora, die die Pferde des Sonnenwagens an den Zügeln führt. Es schließt sich der Tag an, dargestellt durch die Fahrt des glänzenden Sonnenwagens, dem Aurora mit zwei Fackeln in der Hand vorauseilt. Am Abend bzw. bei Sonnenuntergang wendet sich der Sonnenwagen dem Horizont zu. In der Nacht erreicht Diana, die eine Mondscheibe auf der Stirn trägt, ihren Geliebten Endymion. Vervollständigt wird der Zyklus von einem Bild in der Mitte des Gewölbes mit Saturn, dem Gott der Zeit, und den drei Parzen.