miniatur|Ivan Cankar

Ivan Cankar (* 10. Mai 1876 in Vrhnika / Oberlaibach, Österreich-Ungarn; † 11. Dezember 1918 in Ljubljana, Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen) war slowenischer Prosaist, Dramatiker, Lyriker, Satiriker, Essayist und Kritiker. Cankar ist die zentrale Gestalt der slowenischen literarischen Moderne und eine der bedeutendsten Personen der slowenischen Kulturgeschichte.

Leben Ivan Cankar war der Sohn des Schneiders Jožef Cankar und dessen Frau Neža, geb. Pivk, Tochter eines Knechts in Vrzdenec nahe Vrhnika. Seine Kindheit und Jugend waren von Armut geprägt. Da Ivan ein guter Schüler war, wurde ihm mithilfe einer jährlichen Zuwendung durch die Kranjska hranilnica (Krainische Sparkasse) der Besuch des Realgymnasiums in Ljubljana ermöglicht (Unterrichtssprache Deutsch); diese reichte jedoch kaum zur Deckung der Wohnungskosten, weshalb er auf verschiedene Freitische (u. a. beim Schriftsteller und späteren Bürgermeister Ljubljanas Ivan Tavčar) angewiesen war.Ivan Cankar. Materialien & Texte. Zusammengestellt von Erwin Köstler. Drava, Klagenfurt/Celovec 2000, S. 142. Unter anderem in seiner postum erschienenen Erzählung Grešnik Lenart. Življenjepis otroka (Der Sünder Lenart. Biographie eines Kindes) sollte Ivan Cankar diese Zeit und die mit der fremden Wohltätigkeit verbundenen Demütigungen in eindrücklicher Weise thematisieren.Der Sünder Lenart. Zwei Erzählungen. Aus dem Slowenischen übersetzt, mit Anmerkungen und einem Nachwort versehen von Erwin Köstler. Drava, Klagenfurt/Celovec 2002, S. 77–201.

Nach der Matura 1896 ging Cankar nach Wien, wo er Hochbau an der Technischen Universität inskribierte, brach das Studium aber bereits im Frühjahr 1897 ab und kehrte nach Vrhnika zurück. Nach dem Tod seiner Mutter (Cankar bezahlte ihr Begräbnis mit dem vorgeschossenen Honorar für seinen ersten Gedichtband Erotika) zog Cankar nach Ljubljana. 1898 lebte er kurzzeitig in Pula, um im Herbst nach Wien zu ziehen, wo er sich als Schriftsteller niederließ; neben seiner in Prag lebenden Autorenkollegin Zofka Kveder war Cankar der erste slowenische Berufsschriftsteller. Die längste Zeit wohnte er im Arbeiterbezirk Ottakring, den er in zahlreichen Texten verewigteVor dem Ziel. Literarische Skizzen aus Wien. Aus dem Slowenischen und mit einem Vorwort von Erwin Köstler. Drava, Klagenfurt/Celovec 1994.Vorstadt. In: Weiße Chrysantheme. Aus dem Slowenischen übersetzt, mit Anmerkungen und einem Nachwort versehen von Erwin Köstler. Drava, Klagenfurt/Celovec 2008, S. 244–246. und u. a. auch den Schauplatz einiger seiner Romane bildet (s. u.).

Cankar verbrachte elf Jahre in Wien, er schrieb jedoch nie für ein anderes als für das slowenische Publikum. So „spielt“ auch der Großteil seines in Wien entstandenen Werks in Slowenien. Schon vor der Übersiedlung nach Wien waren die beiden Dramen Romantične duše (Romantische Seelen, 1897) und Jakob Ruda (1898) entstanden, von denen Letzteres im Jahr 1900 in Ljubljana auch inszeniert wurde. Cankars erste Buchpublikation, der im Frühjahr 1899 erschienene und mit Elementen moderner Dekadenz angereicherte Gedichtband Erotika, geriet zum Skandal, weil der Bischof von Ljubljana, Anton Bonaventura Jeglič, bald nach der Veröffentlichung alle noch verfügbaren Exemplare aufkaufen und vernichten ließ. Cankar selbst ließ sich dadurch nicht beirren, weil die Rechte am Buch ja automatisch an den Autor zurückfallen würden, wenn der Verleger (bzw. der Bischof, falls dieser auch die Rechte an dem Buch erworben haben sollte) binnen dreier Jahre nach Ausverkauf der ersten Auflage keine Neuauflage besorgen würde. Im Übrigen betrachtete er den Skandal als eine willkommene Reklame für seinen Erzählband Vinjete (Vignetten), der noch im selben Jahr (1899) erscheinen sollte.Zbrano delo. 1. Knjigo pripravil in opombe napisal France Bernik. Ljubljana: Državna založba Slovenije 1967, S. 257.

Auf Fotografien inszenierte sich der junge Autor gern als großstädtischer Dandy,Cankarjev album. Uredil France Dobrovoljc. Maribor: Obzorja 1972. auch wenn er in ständigen Geldnöten war und oft auf Pump lebte. Ein erklecklicher Anteil seiner Korrespondenz mit Verlegern, Bekannten und Freunden bezieht sich auf finanzielle Angelegenheiten. In einer seiner Erzählungen berichtet der Ich-Erzähler allerdings auch darüber, wie er den Vorschuss für ein Buch in einen ganztägigen Fiakerausflug mit seiner Braut ins Umland von Wien investiert.Von Ottakring nach Oberhollabrunn. Aus dem Slowenischen von Katharina Schober. In: Lenau Forum 18/1–4 (1992), S. 71–92.

Dieser dekadenten Selbstinszenierung steht der im proletarischen Umfeld der Vorstadt lebende und pausenlos arbeitende Autor gegenüber, dessen „anderer Blick“ auf die an ihren Klassengegensätzen laborierenden DonaumetropoleRüdiger Wischenbart: Slowenischer Blick auf Wien. In: Der Standard, Album v. 25. Februar 1994. sich in einer klaren und bewussten Distanzierung von der Wiener literarischen Moderne äußerte.Stefan Simonek: Distanzierte Nähe. Die slawische Moderne der Donaumonarchie und die Wiener Moderne. Peter Lang, Bern / Berlin / Frankfurt a. M. / New York / Oxford / Wien 2002. In Wien begann sich Cankar auch politisch zu organisieren.Wie ich zum Sozialisten wurde. In: Weiße Chrysantheme. S. 286–297. 1907 ließ er sich als Kandidat der Sozialdemokratischen Partei der Südslawen für den Reichsrat aufstellen und unternahm eine Wahlkampftour durch seinen Wahlkreis Litija und Zagorje. War diese Kandidatur im Wesentlichen auch nur eine biographische Episode, die keine weitere konkrete politische Arbeit für die slowenische Sozialdemokratie nach sich zog, so blieb Cankar der Partei dennoch verbunden – als Vortragender in slowenischen Arbeitervereinen, und als kritischer Begleiter und Kommentator ihrer Beschlüsse, die er in Einzelfragen – z. B. der in der sogenannten Tivoli-Resolution 1909 „verabschiedeten“ sprachlichen und kulturellen Vereinigung der Südslawen – auch öffentlich missbilligte.Die Slowenen und die Jugoslawen. In: Weiße Chrysantheme. S. 298–312.

1909 nutzte Cankar eine Reise nach Sarajevo, um anschließend nicht mehr nach Wien zurückzukehren und sich so auch der Einlösung des Heiratsversprechens, das ihn an die Tochter seiner Zimmerwirtin seit Jahren band, zu entziehen. Er lebte zunächst in einem Hotel in Ljubljana und zog 1910 im Gasthaus auf dem Rožnik ein, wo er ein eigenes (heute zum Erinnerungsraum für Cankar ausgestaltetes) Nebenhäuschen bewohnte. Die bereits für Dezember 1909 geplante Aufführung seines Dramas Hlapci (Knechte) kam nicht zustande, weil die Krainer Zensurbehörde mehr als 60 Stellen als gefährlich für die öffentliche Ruhe und Ordnung einstufte und Cankar letztlich auf Anraten des Zensurbeirats sein Stück zurückzog, um einem gesamtösterreichischen Aufführungsverbot zuvorzukommen.Erwin Köstler: Nachwort. In: Ivan Cankar: Knechte. Aus dem Slowenischen übersetzt, mit Anmerkungen und einem Nachwort versehen von Erwin Köstler. Drava, Klagenfurt/Celovec 2001, S. 205. Als Lesetext in Buchform konnte das Stück anstandslos erscheinen.Hlapci. Drama v petih aktih. Ljubljana: Schwentner 1910. 1911 stellte er nach mehr als siebenjähriger Arbeit das Drama Lepa Vida (Lepa Vida) fertig, das Anfang 1912 seine Uraufführung im Laibacher Landestheater erlebte.Erwin Köstler: Nachwort. In: Knechte. S. 208. 1913 ging Cankar für eine Woche ins Gefängnis, nachdem er sich in seiner Rede Slovenci in Jugoslovani (Die Slowenen und die Jugoslawen) angesichts der Balkankriege in unflätiger Weise über die österreichische Diplomatie geäußert, die vor allen anderen dafür verantwortlich zu machen sei, wenn sich die „Utopie“ eines Bundesstaates der Südslawen bald erfülle.Erwin Köstler: Nachwort. In: Weiße Chrysantheme. S. 437–439. Diese Rede zielte recht offen auf eine politische Vereinigung der Südslawen in einer Föderation ohne Beteiligung Österreich-Ungarns und unterschied sich damit auch von der in der Tivoli-Resolution festgeschriebenen Haltung der slowenischen Sozialdemokratie, die noch von einer Vereinigung der Südslawen im österreichischen Staatenverbund ausging und sogar an den Ideen der sogenannten Neoillyristen – vor allem der Verschmelzung der Sprachen und Kulturen – anstreifte, die in der Praxis bedeutet hätten, dass die Slowenen die kroatische Sprache übernehmen und auf ihre kulturelle Selbstbestimmung verzichten.Erwin Köstler: Nachwort. In: Weiße Chrysantheme. S. 438.

Im August 1914, nach Beginn des Ersten Weltkriegs, wurde Cankar aufgrund einer Denunziation und ohne gerichtliche Anklage wegen angeblicher, in einem Gasthaus getätigter „serbophiler“ Äußerungen für sechs Wochen auf der Laibacher Burg interniert.Ivan Cankar. Materialien & Texte. S. 144.Ministerielle Kommission. In: Weiße Chrysantheme. S. 336–338. 1915 wurde er trotz schlechter gesundheitlicher Verfassung zusammen mit anderen slowenischen Intellektuellen zum Militärdienst in Judenburg eingezogen, allerdings bereits nach sechs Wochen ausgemustert. Da es auf dem Rožnik mittlerweile neue Besitzer gab, mit denen sich Cankar nicht verstand, wich er zum Schreiben immer öfter auf das Hotel Union im Zentrum Ljubljanas aus, wo ihm gelegentlich ein Zimmer zur Verfügung gestellt wurde, in dem er sich zum Schreiben einsperren ließ. 1917 zog Cankar endgültig in die Innenstadt, nachdem er vorübergehend konfiniert worden war.Ivan Cankar. Materialien & Texte. S. 144. Trotz seines schlechten, von Depression und Alkoholismus gezeichneten Gesundheitszustandes hielt Cankar noch 1918 politische Reden in Arbeiterbildungsvereinen in Triest und Ljubljana. Ende Oktober 1918 stürzte er über die Treppe zu seiner letzten Wohnung und zog sich eine Verletzung des Genicks zu. Er verstarb am 11. Dezember 1918 im Krankenhaus an den Folgen einer Lungenentzündung. Die Kosten für seine einem Staatsbegräbnis gleichende Beisetzung auf dem Friedhof Žale in Ljubljana übernahm die damalige Nationalregierung für Slowenien. 1923 wurden Cankars Überreste zusammen mit jenen seiner ehemaligen Freunde und Dichterkollegen Dragotin Kette (1876–1899) und Josip Murn (1879–1901) in ein Gemeinschaftsgrab auf dem Friedhof Žale überführt.Ivan Cankar. Materialien & Texte. S. 145.miniatur|Das gemeinsame Grab von Cankar, Murn und Kette auf dem Friedhof Žale

Werk Die Anfänge, Cankar als Lyriker Ivan Cankar prägte als Erzähler, Dramatiker, Essayist, Kulturpublizist und als politischer Redner das slowenische Literatur- und Kulturgeschehen weit über seine Zeit hinaus.Andreas Leben: Die slowenische Literatur seit 1848. In: Kritisches Lexikon zur fremdsprachigen Gegenwartsliteratur, 10/22 (118. Nachlieferung), S. 8. Seine Bedeutung als Lyriker wird von jener seiner Weggefährten Dragotin Kette, Josip Murn und Oton Župančič (1878–1949) übertroffen, und Cankar veröffentlichte nach den Erotika (1899, zweite, erweiterte Auflage 1902) auch keinen weiteren Gedichtband mehr.

Dramatik