Die biblischen Speisegebote gehören zu den religiösen Speisevorschriften und lassen sich differenzieren in:
Speisegebote im engeren Sinn: Nahrungstabus und Vorschriften über die Zubereitung erlaubter Lebensmittel; Reinheitsgebote: Regelungen der Art und Weise der Nahrungsaufnahme, d. h. wie sich ein Mahlteilnehmer selbst vorbereitet (etwa durch rituelle Händewaschung) und wie die bei der Mahlzeit benutzten Gefäße zu behandeln sind.
Für die jüdische Religion wie sie in der Tora bzw. im Tanach fundiert wurde, ist eine zentrale Ordnungskategorie die Unterscheidung in der „handlungsbegleiteten Welt“ durch die Begriffe „rein“ () und „unrein“ () begründet.Beate Ego: Reinheit / Unreinheit / Reinigung (AT). Erstellt: April 2007, auf bibelwissenschaft.de Der Zustand der Reinheit ist eine Voraussetzung für die Kommunikation mit dem „Ewigen“ (JHWH).Heidrun Deborah Kämper: 3. Sprache in der jüdischen Religion. In: Alexander Lasch, Wolf-Andreas Liebert (Hrsg.): Handbuch Sprache und Religion. (Handbücher Sprachwissen Bd. 18), De Gruyter, Berlin 2017, S. 69–91, auf ids-pub.bsz-bw.de hier S. 83
Für das Urchristentum wurde die Befolgung der Speisegebote wegen der Mission unter Nichtjuden zu einer drängenden Frage, denn nur mit einem (Minimal-)Konsens ließ sich Tischgemeinschaft praktizieren.
Religionsgeschichtliche Einordnung Nach Mary Douglas sind Reinheitskonzeptionen in allen Religionen und Kulturen anzutreffen. Die Klassifizierung der Objekte und Personen der eigenen Umgebung in rein und unrein mündet in Regeln, wie das Ich damit in Kontakt treten darf. So entstehen Normen des sozialen Verhaltens: Abgrenzung nach außen und Einheit – bei gleichzeitiger Binnendifferenzierung – in der eigenen Gemeinschaft. Da jede Kultur ihre eigene Reinheitskonzeption hat, funktioniert diese als Mittel zur Konstruktion der eigenen Identität.Christina Eschner: Essen im antiken Judentum und Urchristentum, Leiden 2019, S. 12–15. Im Zuge der Neuen Perspektive auf Paulus wird von Krister Stendahl und anderen die These vertreten, dass Paulus von Tarsus nicht so sehr mit der Bedeutung der Tora als „Heilsweg“ für Christen ringe, sondern mit ihrer Bedeutung für die Konstruktion einer (eigenen) jüdischen Identität und die Abgrenzung nach außen.Christina Eschner: Essen im antiken Judentum und Urchristentum, Leiden 2019, S. 12–15.
Antikes Judentum
Die Speisegebote waren im antiken Judentum kein fixes System, sondern ein Bündel zahlreicher Vorschriften (Halachot), die in ständiger Entwicklung waren. Die in den beiden Listen und niedergelegten Speisegebote hatten besonders große Bedeutung, da sie von allen toraobservanten Juden beachtet wurden.Christina Eschner: Essen im antiken Judentum und Urchristentum. Leiden 2019, S. 29. Beide Texte stellen eine Verbindung zwischen der Heiligkeit Israels und der Meidung von „abscheulichen“ Speisen her ().Christina Eschner: Essen im antiken Judentum und Urchristentum. Leiden 2019, S. 48–51. Inhaltlich geht es vor allem um den Verzehr von Fleisch: Das Fleisch welcher Tiere kommt als Nahrungsmittel in Betracht? Wie werden diese Tiere getötet? Wie wird ihr Fleisch zubereitet?
Mit dem toragegebenen jüdischen Speisegesetzen () als Vorschriften für die Herstellung und Verwendung von Speisen und Getränken, gab es darüber hinaus noch die Möglichkeit der Interpretationen und Auslegung, wie dies etwa im rabbinischen Judentum erfolgte. Mit dem Einhalten der Vorschriften wird nach jüdisch-spiritueller Vorstellung eine Harmonie zwischen „Körper“ und „Seele“ erreicht.Yanki Tauber: Was ist eine Seele? auf chabad.org Ernährung und gottgerechtes seelisches Leben stehen in Wechselbeziehung, ein reines Leben der Seele ist nach jüdischer Tradition auch bedingt durch eine reine Nahrung.Yaakov-Shmuel Levinson::Man ist, was man isst. Jüdische Info, chabad.org
Schlachtungserlaubnis und Bluttabu Als Priesterschrift bezeichnet die alttestamentliche Exegese eine schriftliche Quelle, die mit älteren Stoffen zum Gesamtwerk der Tora vereinigt wurde. Sie teilt die Geschichte in drei Epochen:
Von der Schöpfung bis zur Sintflut. Ausbreitung der Menschheit über die ganze Erde und Aussonderung der Familie Abrahams. Vom Abrahambund (Gen 17) bis zum Beginn des Gottesdienstes im Zeltheiligtum. hochkant|mini|Schächten eines Huhns Jede dieser drei Perioden ist mit Speisegeboten verbunden. Menschen und Tiere sind nach Vegetarier mit getrenntem Speiseplan. Da Fische und Haustiere nicht mit den Menschen um Nahrung konkurrieren, werden sie hier nicht besonders erwähnt.Annette Schellenberg: Der Mensch, das Bild Gottes? Zum Gedanken einer Sonderstellung des Menschen im Alten Testament und in weiteren altorientalischen Quellen. TVZ, Zürich 2011, S. 48–49. Am Ende der priesterschriftlichen Sintfluterzählung wird Fleisch als Nahrungsmittel toleriert.Jan Christian Gertz: Das erste Buch Mose (Genesis). Die Urgeschichte Gen 1–11. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2018, S. 70. „In die Zeit zwischen Schöpfung und Sinaioffenbarung fällt die Stiftung der Ordnungen für das jüdische Leben in seiner heidnischen Umwelt. Hierzu … [gehört] die Erlaubnis des Schlachtens bei grundsätzlichem Verbot des Blutgenusses (Gen 9).“Jan-Christian Gertz: Tora und Vordere Propheten. In: Jan Christian Gertz (Hrsg.): Grundinformation Altes Testament. Vandenhoeck & Ruprecht, 6., überarbeitete und erweiterte Auflage Göttingen 2019, S. 193–312, hier S. 245.
Um das Tabu des Blutgenusses zu beachten, ist eine bestimmte Form der Schlachtung (Schächten) erforderlich. Ob das Fleisch eines Tieres gegessen werden darf oder nicht, hängt also nicht nur von der Tierart ab, sondern von der Art, wie das Tier verstorben ist. Tiere der zum Verzehr erlaubten Arten, die durch Verletzung, Krankheit oder Alter gestorben sind, kommen als Nahrung eigentlich nicht in Betracht, aber die Strenge des Verbots innerhalb der Tora variiert: wer Aas berührt oder verzehrt hat, ist für einen gewissen Zeitraum unrein.Christina Eschner: Essen im antiken Judentum und Urchristentum, Leiden 2019, S. 35 f. 41.
Listen reiner und unreiner Tiere Die neuere Forschung nimmt meist an, dass beide Texte Lev 11 und Dtn 14 unabhängige Bearbeitungen einer gemeinsamen Quelle sind.Christina Eschner: Essen im antiken Judentum und Urchristentum, Leiden 2019, S. 33. Diese Position erläutert beispielsweise Christophe Nihan: The Laws about Clean and Unclean Animals in Leviticus and Deuteronomy and Their Place in the Formation of the Pentateuch. In: Thomas E. Dozeman, Konrad Schmid, Baruch J. Schwartz: The Pentateuch: International Perspectives on Current Research. Mohr Siebeck, Tübingen 2011, S. 401–432. Zur Forschungsgeschichte: Timo Veijola hält Lev 11 für eine Erweiterung von Dtn 14; Jacob Milgrom sieht in Dtn 14 eine Kurzfassung von Lev 11. Eckart Otto vertritt in seinem Deuteronomiumkommentar die Priorität von Lev 11 in einem mehrstufigen Prozess des Textwachstums.
Priesterschrift Als Auftakt der priesterschriftlichen Weisung über Reinheit und Unreinheit (Lev 11–16) findet sich in Kapitel 11 eine Liste der reinen und unreinen Tiere. Ein Grundbestand, der sich in den Versen 1–23.41–42 findet, wurde von mehreren Redaktoren erweitert.Thomas Staubli: Die Bücher Levitikus, Numeri (= Neuer Stuttgarter Kommentar Altes Testament. Band 3). Verlag Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 1996, S. 96.
In ihrer ursprünglichen Form teilte die Liste die Tierwelt in folgende Kategorien, die aufgrund ihrer Entstehungszeit nicht kompatibel sind mit moderner zoologischer Klassifikation: mini|Das Kamel, ein Schwielensohler, wurde nach dem Augenschein nicht als Paarhufer erkannt Vierfüßler, unterschieden in Vieh und Wildtiere. Für beide gilt eine gemeinsame Regel: Was wiederkäut und durchgespaltene Hufe hat (=Paarhufer), darf gegessen werden. Die Einordnung folgt dem Augenschein, deshalb wird das Kamel nicht unter die Paarhufer gerechnet und als unrein bezeichnet. Die Kaubewegungen von Klippschliefern und Hasen werden als Wiederkäuen interpretiert, aufgrund des Kriteriums ihrer Füße wird aber festgestellt, dass beide Tierarten unrein sind. Die ganze Systematik der Vierfüßler verfolgt das Ziel, das (Wild-)Schwein als unrein zu kennzeichnen: „Der Herrscher des Universums weiß, daß es kein anderes Tier gibt, das gespaltene Hufe hat und unrein ist als das Schwein.“ (Babylonischer Talmud, Chullin 59a)Thomas Staubli: Die Bücher Levitikus, Numeri (= Neuer Stuttgarter Kommentar Altes Testament. Band 3). Verlag Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 1996, S. 97. Wassergewimmel. Aus der Perspektive des Binnenländers wird bündig festgestellt, dass essbare Fische Flossen und Schuppen haben müssen. Alle übrigen Wassertiere werden als „abscheulich“ bezeichnet. Fisch spielte für den Speiseplan der Jerusalemer Bevölkerung kaum eine Rolle: im Toten Meer gibt es keine Fische, der See Genezareth ist zu weit entfernt, als dass Fische von dort nach Jerusalem gebracht worden wären, und das östliche Mittelmeer war in der Antike relativ fischarm. Die atlantische Fauna des Mittelmeers fand dort aufgrund des subtropischen Klimas ungünstige Bedingungen vor. Durch den Bau des Sueskanals änderte sich der Fischreichtum dieser Gewässer im 19. Jahrhundert grundlegend: sie wurden von der Fauna des Roten Meers besiedelt (Lessepssche Migration). Jacques Briend meint, dass der gerade Küstenverlauf südlich des Karmel der antiken Fischerei keine gute Voraussetzungen geboten habe. Die Konsequenz daraus ist, dass die antiken Jerusalemer Fisch allenfalls als Stockfisch kannten und in der ganzen Hebräischen Bibel keine einzige Fischsorte namentlich genannt wird, wohl aber die Meeresfabelwesen Tanninim und Leviathan.Thomas Staubli: Die Bücher Levitikus, Numeri (= Neuer Stuttgarter Kommentar Altes Testament. Band 3). Verlag Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 1996, S. 98 f. Jacques Briend: Seehandel und Fischfang. Zur Zeit des Alten Testaments. In: Welt und Umwelt der Bibel 20 (2001), S. 74.