miniatur|Logo des Thalia Theaters mini|Die heutige Spielstätte des Thalia Theaters in der Großen Ulrichstraße
Das Thalia Theater Halle (Saale) ist ein Kinder- und Jugend-Theater in Halle (Saale). Es ist Teil der Bühnen Halle.
Geschichte 1952 bis 1989 Das Haus wurde am 11. Oktober 1952 unter dem Namen „Theater der jungen Garde“ als eigenständiges Kinder- und Jugendtheater nach sowjetischem Vorbild gegründet. Professionelle Theater, die auf die Arbeit für Kinder und Jugendliche spezialisiert waren, stellten in der deutschen Theatergeschichte ein Novum dar; es gab dafür keine Tradition, auf die man zurückgreifen konnte. Die Ausformulierung einer eigenen Identität, die nicht lediglich ideologischen und pädagogischen Vorgaben folgt, war deshalb für die Kinder- und Jugendtheater der DDR von besonderer Wichtigkeit.Christoph Trilse, Klaus Hammer, Rolf Kabel: Theater Lexikon. Henschelverlag Kunst und Gesellschaft, Berlin 1977, S. 291 Das Theater der jungen Garde war – nach dem Theater der jungen Welt in Leipzig, dem Theater der jungen Generation in Dresden und dem Theater der Freundschaft in Berlin – das vierte neu gegründete Theater mit dieser Spezialisierung. Bis 1954 wurde es von Intendant Heinz Thiel geleitet. Eröffnet wurde das Theater mit dem Jugendstück Timur und sein Trupp nach Arkadi Gaidar (Regie: Günter Rüger). Als Spielstätte diente zunächst das Gebäude des 1895 eröffneten Thalia-Theaters an der Südseite der heutigen Thaliapassage.
Mitte der 1950er Jahre gab es eine Diskussion unter Fachleuten, ob die Spezialisierung der Kinder- und Jugendtheater sinnvoll sei, „ob deren Aufgabe nicht von anderen Theatern qualitätvoller mitgelöst werden könnte.“Theater in der Zeitenwende. Zur Geschichte des Dramas und des Schauspieltheaters in der Deutschen Demokratischen Republik 1945-1968. Bd. 2, S. 369/70 In diesem Kontext wurde das Theater der jungen Garde 1955 mit dem Landestheater Halle fusioniert. Der Zusammenschluss erwies sich jedoch als künstlerisch und organisatorisch nicht sinnvoll und wurde 1960 rückgängig gemacht.
In der Spielzeit 1959/60 musste das Gebäude des Thalia-Theaters aus feuerpolizeilichen Gründen geschlossen werden. Der Proben- und Spielbetrieb des Theaters der jungen Garde wurde bis 1965 ohne festes Haus in Form von Gastspielen aufrechterhalten.
Am 6. März 1965 konnte das Ensemble die neue Spielstätte in der Puschkinstraße 6 (heute Kardinal-Albrecht-Straße 6) beziehen. mini|Spielstätte in der Puschkinstr. 6 / Kardinal-Albrecht-Str. 6 Das Gebäude war vormals von der Loge Zu den Fünf Türmen am Salzquell genutzt worden. Der Theatersaal hatte 377 Plätze und bot nach damaligem Standard modernste Technik. Damit war das "Theater Junge Garde Halle", wie es sich von nun an nannte, das bestausgestattete Kinder- und Jugendtheater der DDR. So verfügte das Haus beispielsweise über eine kipp- und hebbare Drehbühne sowie ein Laufband über dem Orchestergraben.Der Neue Weg, 15.2.1965
Der Maler Hans Rothe hatte als Wandgestaltung für das Foyer die Gipsintarsien Gedanken des Fliegens in der Märchen- und Sagenwelt und Utopie (ca. 4,00 × 4,50 m) geschaffen.
In der Intendanz von Hans-Dieter Schmidt (1977 bis 1979), der Vizepräsident des Nationalen Zentrums in der Internationalen Vereinigung der Kinder- und Jugendtheater (ASSITEJ) war, gewann das Haus an nationaler und internationaler Bedeutung.
Zum einen integrierte Schmidt das Theater der jungen Garde in das internationale Netzwerk der ASSITEJ. Regelmäßige (und für die damalige Zeit eher ungewöhnliche) Gastspielreisen – u. a. nach Portugal, Äthiopien, Mosambik, Tansania, Syrien und Jordanien – machten die Arbeit des Theaters auch international bekannt. Zum anderen holte Schmidt 1977 die Werkstatt-Tage des Kinder- und Jugendtheaters nach Halle, die nun aller zwei Jahre im Haus in der Puschkinstraße stattfanden.Cornelia Nitzschke: 50 Jahre eigenständiges Kinder- und Jugendtheater in Halle/Saale. Geschichte des Theaters der jungen Garde Halle / Thalia Theaters Halle, Kinder- und Jugendtheater. Hrsg. vom Thalia Theater Halle zum 50jährigen Bestehen des Theaters. S. 10. Stadtarchiv Halle (Saale), Signatur S23T500 Nr. 552
In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre veränderte sich das konzeptionelle und ästhetische Gesicht des Theaters deutlich. Regisseurinnen und Regisseure wie etwa Konstanze Lauterbach, Peter Lange und Claus Martin Winter brachten neue Erzählweisen ein, die auf Phantasie und einen spielerisch-poetischen Umgang mit der Wirklichkeit gerichtet waren und jede Indienstnahme des Theaters für ideologische und pädagogische Zwecke verweigerten. Mit Paule Panke von Wolfgang Herzberg wurde 1987 erstmals ein Rock-Musical gezeigt.Paule Panke Nr 2 In: Theater der Zeit, 1.10.1987, Berlin Stücke des Westberliner Grips-Theaters, die für den Spielplan gewonnen werden konnten, vermittelten einen emanzipatorischen Impuls, der Mut zu Individualität und Diversität machte.Cornelia Nitzschke: 50 Jahre eigenständiges Kinder- und Jugendtheater in Halle/Saale. Geschichte des Theaters der jungen Garde Halle / Thalia Theaters Halle, Kinder- und Jugendtheater. Hrsg. vom Thalia Theater Halle zum 50jährigen Bestehen des Theaters. S. 11–12. Stadtarchiv Halle (Saale), Signatur S23T500 Nr. 552
In der Intendanz von Armin Mechsner wurde 1987 aus eigenen Kräften und ohne zusätzliche Mittel ein Raum im Intendanz- und Verwaltungsgebäude des Theaters zu einer Studiospielstätte umgebaut. Das "Kleine Thalia Theater" (KTT) war ein Ort des Experimentierens und Diskutierens; hier wurden Inszenierungen für Kinder und Jugendliche, aber auch für Erwachsene angeboten. Das erweiterte nicht nur das künstlerische Spektrum des Hauses, sondern war zugleich von wesentlicher Bedeutung für die Entwicklung des Schauspiel-Ensembles. Der Spielplan war auf Dramatik der Gegenwart ausgerichtet. Im Abendspielplan dominierten politische Stoffe. In der Vorwendezeit entwickelte sich das KTT deshalb zu einem wichtigen Kommunikationsort für die Stadtgesellschaft.
Seit 1990
Mit der Wende war der Name des Theaters anachronistisch geworden und wurde in Anlehnung an die erste Spielstätte in "Thalia Theater" geändert.
Das Haus versuchte unter den neuen politischen Gegebenheiten den Weg fortzusetzen, vielfältige kulturelle Angebote zu machen, um sich in der Stadt zu verankern und die Existenz des Theaters zu sichern. So kam mit dem "Theater im Gewölbe", das am 7.10. 1990 eröffnet wurde, eine weitere Spielstätte hinzu, in der vor allem musikalische Programme angeboten wurden. Armin Mechsner initiierte eine Umgestaltung des Hofes in der Puschkinstraße zu einem vielfältig nutzbaren, kommunalen Kulturzentrum. Von 1992 bis 1997 gab es das "Theater auf der Treppe" als zusätzliche Spielstätte. In der Thaliapassage entstand 1995 ein kleines Amphitheater, das "Theater auf der Wiese".
Seit 1993 wurde das Thalia Theater von Tristan Berger geleitet. Er gründete mit den "Hunds-Tagen" ein zweites Festival am Haus, das alternierend zu den Werkstatt-Tagen stattfand. Auf diesem Festival wurde die Arbeit von Kinder- und Jugendtheatern anderer europäischer Länder in den Fokus genommen.Cornelia Nitzschke: 50 Jahre eigenständiges Kinder- und Jugendtheater in Halle/Saale. Geschichte des Theaters der jungen Garde Halle / Thalia Theaters Halle, Kinder- und Jugendtheater. Hrsg. vom Thalia Theater Halle zum 50jährigen Bestehen des Theaters. S. 13–14. Stadtarchiv Halle (Saale), Signatur S23T500 Nr. 552
Mit der Spielzeit 1997/98 übernahm Paula Bettina Mader die Intendanz des Thalia Theaters. Ihr konzeptioneller Ansatz richtete sich insbesondere auf die Entwicklung von Musiktheater für Kinder und Jugendliche. Sie schied im Jahr 2000 vorzeitig aus dem Amt.https://www.welt.de/print-welt/article534250/Kinder-und-Jugendtheater-Ost-Das-Thalia-in-Halle-Saale.html?cid=socialmedia.whatsapp.shared.web, abgerufen am 11.8.2026
Unter der Leitung von Annegret Hahn, die im Jahr 2001 die Intendanz übernahm, richtete sich die Arbeit des Hauses verstärkt darauf, die Lebensrealität der Menschen in der Region widerzuspiegeln. Bundesweites Aufsehen erregte 2003 das Projekt Hotel Neustadt, in dem Jugendliche ein leerstehendes Hochhaus im Rahmen eines Projektes temporär zu einem Hotel mit Theaterfestival umbauten. 2007 erarbeitete der Autor Dirk Laucke mit Jugendlichen des Hallenser Stadtteils Silberhöhe das Projekt Silberhöhe gibts nich mehr, das für Furore sorgte.https://www.nachtkritik.de/component/content/article/silberhoehe-gibts-nich-mehr-dirk-lauckes-neues-stueck-ueber-und-mit-hallenser-kids?catid=238&Itemid=1, abgerufen am 22.8.2026
Im Oktober 2010 wurde die Schließung des Stammhauses in der Kardinal-Albrecht-Straße zum Ende der Saison 2010/11 beschlossen. Ab April 2011 bis zum Sommer 2014 verzichteten die Mitarbeiter der Theater Oper und Orchester GmbH, zu der das Thalia Theater seit 2009 gehörte, in einem Haustarifvertrag auf einen Teil ihres Gehalts, womit die Schließung ausgesetzt wurde. Die Preisgabe eines selbständigen Kinder- und Jugendtheaters in einer Stadt, die vielfältige soziale Probleme zu bewältigen hat, wurde von Kritikern wie Theaterleuten gleichermaßen als Verlust beklagt.https://www.welt.de/print-welt/article503550/Theater-ein-Kinderspiel.html
Im März 2012 beschloss der Aufsichtsrat der Theater, Oper und Orchester GmbH Halle die Spielstätte des Theaters in der Kardinal-Albrecht-Straße zum Ende der Spielzeit 2011/12 aufzugeben. Intendantin Annegret Hahn wurde bei einer Vertragslaufzeit bis 31. Juli 2014 noch im Jahr 2012 freigestellt. Das Ensemble sollte als eigenständige Sparte bestehen bleiben und für seine Arbeit die anderen Spielstätten der GmbH nutzen. auf halleforum.de am 16. März 2012 Durch geplante Kürzungen der Zuschüsse durch die Landesregierung drohte für das Jahr 2014 die Insolvenz für die Theater, Oper und Orchester Halle GmbH. Zur Konsolidierung wurde erneut über eine Schließung der Sparte des Kinder- und Jugendtheaters diskutiert.
Das Thalia Theater Halle ist ein künstlerisch eigenständiges Mitglied der Bühnen Halle – Theater, Oper und Orchester GmbH Halle.
Seit der Spielzeit 2023/24 wird es von Mille Maria Dalsgaard als Intendantin geführt, zusammen mit Mareike Mikat als stellvertretender künstlerischer Leiterin.
Literatur Thalia Theater Halle (Hrsg.): Hotel Neustadt, Alexander Verlag, Berlin 2004, ISBN 3-89581-130-0 Ingeborg Pietzsch: Isolierstation Halle. Zur Arbeit des Theater der Jungen Garde. In: Theater der Zeit: Zum II. Internationalen Festival der Kinder- und Jugendtheater in Sofia (08/1972), Berlin 1.8.1972
Weblinks
Thalia Theater Halle
Einzelnachweise
Halle Halle Halle Kategorie:Veranstaltungsstätte in Halle (Saale)