Carolina Noémia Abranches de Sousa Soares, kurz Noémia de Sousa (* 20. September 1926 in Catembe, Portugiesisch-Ostafrika; † 4. Dezember 2002 in Cascais, Portugal) war eine mosambikanische Dichterin, Journalistin und Übersetzerin. Sie gilt als eine Begründerin der mosambikanischen Nationaldichtung und als „Mutter der mosambikanischen Dichter“.Owen, H. (2019). de Sousa, Noémia. Oxford Research Encyclopedia of African History. Oxford University Press
Leben Herkunft, Jugend und Ausbildung Noémia de Sousa war multikultureller und multiethnischer Herkunft, ein für Familien der Mittel- und Oberschicht in der damaligen portugiesischen Kolonie Mosambik nicht ungewöhnlicher Hintergrund. Sousas Vater war Beamter im öffentlichen Dienst, Sohn eines weißen portugiesischen Marineoffiziers und einer Mutter mit goa-portugiesischer, jüdischer und Macua-Herkunft. Sousas Mutter war die Tochter eines weißen deutschen Vaters und einer schwarzen Mutter aus Südafrika. Ihr Vater brachte ihr schon als Kind das Lesen bei und hinterließ ihr nach seinem frühen Tod eine Büchersammlung.
Noémia de Sousa beschrieb ihre Jugend als relativ privilegiert sowie kulturell und sozial vielseitig. Sie besuchte eine katholische Missionsschule in Lourenço Marques und war konstant von portugiesischen, anglophonen, Ronga- und schweizerisch-protestantischen Einflüssen umgeben. Ihre Muttersprachen waren Portugiesisch und Xironga, später lernte sie auch Englisch und Französisch.
Der Tod von Sousas Vater 1934 brachte einen ökonomischen und sozialen Niedergang für die Familie, sodass diese aus ihrem angestammten Haus in Catembe in den Stadtteil Munhuana von Lourenço Marques ziehen musste. Sousa besuchte einen Handelskurs an der Escola Técnica, damit sie bereits mit 16 Jahren für die Familie Geld verdienen konnte. In den späten 1940er-Jahren lebte sie im Stadtteil Mafalala und veröffentlichte erste Gedichte.
Literarisches und antikoloniales Engagement in Mosambik Später trat Noémia de Sousa der Associação Africana bei, einer kolonialen Kulturorganisation für Mulatten und Mestizen in Lourenço Marques. Sousa engagierte sich stark literarisch und politisch in der Organisation. Über das Centro dos Negros, eine Organisation für Schwarze in der Kolonie, lernte sie den späteren FRELIMO-Gründer Eduardo Mondlane kennen. Sousa engagierte sich für den Aufbau der „MUD Juvenil“, des Jugendflügels des Movimento Unidade Democrático, einer der Kommunistischen Partei nahestehenden portugiesischen Oppositionsgruppe. Die Gruppe brachte unter anderem auch die Zeitschrift Itinerário heraus.
Ihr lyrisches Hauptwerk entstand von 1948 bis 1951 und drückte antikolonialen Protest und afrikanische Identität aus einem politischen Blickwinkel aus. Sousa betreute die „Frauen-Seite“ der Zeitschrift O Brado Africano. Ursprünglich eine Seite, die sich ausschließlich mit Haushalts- und Ehetipps für Frauen beschäftigte, politisierte Sousa diese stark und schuf ein Forum für Leserinnenbriefe, Gedichte, politische und intellektuelle Debatten sowie Lyrik und Prosa. Die „Frauen-Seite“ wechselte sich mit der Kinderseite O Brado Infantil ab, die Sousa ebenfalls betreute. Auch schrieb sie für die Zeitschrift Itinerário. Für ihre publizistischen Tätigkeiten verwendete sie neben ihren Initialen N. S. verschiedene Pseudonyme, besonders häufig „Vera Micaia“.
Nach und nach wurde die portugiesische Geheimpolizei PIDE auf die Zeitschrift und Noémia de Sousa selbst aufmerksam. Insbesondere nach einem Artikel über den Rauswurf von Eduardo Mondlane aus dem Nachbarland Südafrika, einer kurzen Inhaftierung und weiteren Zensurmaßnahmen entschied Sousa 1951, die Kolonie zu verlassen und nach Lissabon zu gehen.
Lissabon und Paris In Lissabon angekommen, besuchte Sousa bald regelmäßig das Studierendenhaus Casa dos Estudantes do Império (CEI). Dieses war ursprünglich vom portugiesischen Staat gegründet worden, um die aus den portugiesischen Überseeprovinzen kommenden Studierenden zu „portugiesieren“. Das Haus entwickelte sich jedoch besonders in den 1950er Jahren zur Keimzelle der lusoafrikanischen Befreiungs- und Widerstandsbewegungen; Sousa traf dort unter anderem Agostinho Neto, den späteren Präsidenten Angolas, sowie Amílcar Cabral, den Führer der guinea-bissauischen und kap-verdischen PAIGC. Sousa veröffentlichte einige ihrer bereits zuvor in Mosambik veröffentlichten Gedichte erneut in der Studierendenzeitschrift des Hauses Mensagem. Neben dem CEI besuchte sie auch die Diskussionsforen und Debattiersalons bei „Tia Andreza“ (Tante Andreza), der Tante der saotoméischen Dichterin Alda do Espírito Santo.
Von 1951 bis 1964 lebte Sousa in Lissabon und arbeitete als Übersetzerin. In Portugal heiratete sie in den 1950er Jahren den Dichter und Dissidenten Gualter Soares. Da dieser Repressionen seitens des Staates fürchtete, ging Soares ins Exil nach Paris; Sousa folgte ihm 1964 dorthin. In Paris arbeitete sie zunächst für das marokkanische Konsulat und später vor allem als Journalistin. Als Schriftstellerin und Journalistin reiste sie im Auftrag internationaler Nachrichtenorganisationen während der Unabhängigkeitskriege mehrerer Länder durch ganz Afrika.
Nach der Trennung von ihrem Mann kehrte Sousa 1973 – noch vor der Nelkenrevolution – nach Portugal zurück. Sie arbeitete weiterhin für Nachrichtenagenturen, darunter Reuters, ANOP bzw. der späteren Lusa. Sie verblieb in Portugal bis zu ihrem Tod Ende 2002.
Werk Noémia de Sousa war eine Lyrikerin, die in ihren Gedichten das Verhältnis von Schwarzen und Weißen thematisierte. Beeinflusst von der Négritude-Bewegung trat sie für eine Rückbesinnung auf afrikanische Identität und eine Abgrenzung von kolonial geprägtem europäischem Gedankengut ein.Gerhard Schönberger: Mosambikanische Literatur portugiesischer Sprache: Entstehung und Probleme einer Nationalliteratur. Frankfurt a. M. 2002. ISBN 3-927884-59-6, S. 81f. Durch die Rückbesinnung auf die eigene Afrikanität wollte sie ein Bewusstsein der grundsätzlichen Andersheit der Schwarzen schaffen. Ein zentrales Motiv in ihren Gedichten war das der Mãe-África (Mutter Afrika).
Sangue Negro („Schwarzes Blut“) wurde 1951 abgeschlossen und zunächst heimlich verbreitet; einzelne Gedichte zirkulierten zudem in Zeitungen und afrikanisch-nationalistischen Anthologien. Zum Zeitpunkt ihrer Flucht nach Lissabon 1951 hinterließ Sousa ein maschinenschriftliches Notizbuch mit dem Titel Sangue Negro, das 43 ihrer Gedichte enthielt. Die fünf Teile des Werkes nutzen mündliche und literarische Formen und behandeln unter anderem koloniale Assimilation, Panafrikanismus, afroamerikanische Einflüsse, portugiesischen Neorealismus, marxistischen Widerstand, Erinnerung und Geschlecht.
In der zensierten Zeitung O Brado Africano erschienen Texte wie Magaíça, Chimâmi, Sangue Negro und Poesia, não venhas!, in denen soziale Ausbeutung, Verlust, afrikanischer Nationalismus und Sklaverei thematisiert wurden. Ihre Gedichte erschienen darüber hinaus in verschiedenen Zeitschriften, darunter Mensagem, Itinerário, Notícias do Bloqueio, O Brado Africano, Moçambique 58, Vértice (Coimbra) und Sul (Brasilien).
Bedeutende Gedichte Noémia de Sousas sind: África de cabeça aos pés Negra Sangue negro Deixar passar o meu povo
Sousa wurde in die Anthologie Daughters of Africa aufgenommen, die 1992 von Margaret Busby in London und New York herausgegeben wurde. Sie selbst veröffentlichte lange kein eigenes Buch. Erst 2001 stimmte sie einer Herausgabe ihrer Werke in einem Sammelband mit dem Titel Sangue Negro zu, der von der mosambikanischen Schriftstellervereinigung herausgegeben wurde.
Rezeption Durch ihre Gedichte hatte Noémia de Sousa erheblichen Einfluss auf die mosambikanischen Schriftsteller der 1950er Jahre. In den 1960er-Jahren wurde ihr Werk vom literarischen Establishment Mosambiks häufig gering geschätzt, seit den 1990er-Jahren jedoch stärker in den Kanon schwarzer, panafrikanischer und Négritude-Literatur aufgenommen und geschlechtergeschichtlich untersucht. Dadurch festigte sich ihr internationaler Rang als frühe weibliche Vertreterin der afrikanischen Literatur des antikolonialen Befreiungskampfes.
Siehe auch Mosambikanische Literatur Liste mosambikanischer Schriftsteller
Literatur Noémia de Sousa: Sangue negro. Maputo, Associação de Escritores Moçambicanos, 2001.
Weblinks „Magaíça“
Einzelnachweise
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