Edouard Calic (ursprünglich Eduard Čalić; * 14. Oktober 1910 in Marčana, Österreich-Ungarn;Danko Plevnik: Krunski svjedok 20. stoljeća. In: SDMagazin, 6. September 2003Alexander Bahar, Wilfried Kugel: Der Reichstagsbrand: Wie Geschichte gemacht wird. Edition q, Berlin 2001, ISBN 3-86124-513-2, S. 840 (Ausschnitt). † 29. August 2003 in Salzburg) war ein jugoslawischer Journalist, Publizist und Historiker. Er ist der Vater der Historikerin Marie-Janine Calic.
Leben und Wirken Frühes Leben Calic wurde 1910 als Sohn einer kroatischen Familie in Istrien geboren, das bis zum Ende des Ersten Weltkriegs zum Österreichischen Küstenland gehörte. 1919 musste seine Familie infolge der Verfolgung der dortigen slawischen Bevölkerung durch italienische Freischärler aus Istrien in das neu gegründete Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen fliehen. Nach dem Schulabschluss studierte er Rechtswissenschaften an der Universität Zagreb.
Nach dem Erwerb eines Staatsdiploms an der Universität Zagreb arbeitete Calic zeitweise als Journalist, bevor er 1939 auf Anraten von Albert Bazala, dem Präsidenten der Jugoslawischen Akademie der Wissenschaften, zur Fortsetzung seiner Studien nach Deutschland ging. Am 29. Januar 1940 immatrikulierte er sich an der Philosophischen Fakultät der Friedrich-Wilhelms-Universität, wo er unter anderem bei Emil Dovifat und Jens Jessen hörte. Nebenbei arbeitete er seit 1940 als Berlin-Korrespondent der in Zagreb erscheinenden jugoslawischen Tageszeitung Novosti. Da die Zeitung nach der deutschen Besetzung Jugoslawiens im April 1941 verboten wurde, war Calic seit diesem Zeitpunkt erwerbslos. Nominell an der Universität immatrikuliert blieb er bis zum 15. Juli 1941.
Im Sommer 1942 wurde Calic von der Gestapo verhaftet und nach mehrmonatigem Aufenthalt im Hausgefängnis der Gestapo in der Prinz-Albrecht-Straße 8 im Dezember 1942 ins KZ Sachsenhausen in Oranienburg verbracht.Die Zeit. 48/1979, S. 43. Zur Begründung wurde er verdächtigt, „als Ausländer und Angehöriger einer befreundeten Nation“ an „komplottähnlichen Verschwörungen von Ausländern“ beteiligt zu sein. Daher sei er als Risiko für die Staatssicherheit in Vorbeugehaft genommen worden.
Da die Staatspolizei Berlin ihn ohne Schutzhaftbefehl einlieferte, wurde er dort zunächst keiner der gängigen Häftlingsgruppen (Kommunisten, Homosexuelle etc.) zugeordnet. Später kategorisierte man ihn, da italienischer Staatsbürger, als „Sonderhäftling“ beziehungsweise „Ausweisungshäftling“. Als Ausweisungshäftlinge galten nach den NS-Verwaltungsrichtlinien Häftlinge, die die Staatsbürgerschaft eines mit Deutschland befreundeten Staates besaßen und bei nächster Gelegenheit an diesen ausgeliefert werden sollten.
Während seines Aufenthaltes in Sachsenhausen arbeitete Calic in auswärtigen Arbeitseinsätzen für das „Kommando Speer“ sowie in den Büros des Arbeitseinsatzes und zuletzt seit 1944 in der Verwaltung der Effektenkammer des Lagers. 1945 wurde er auf den Todesmarsch der Sachsenhäuser KZ-Häftlinge von Sachsenhausen nach Schwerin geschickt.ahriman.com
Nachkriegszeit Im Mai 1945 kehrte er kurzzeitig nach Berlin zurück, wo er eigenen Angaben zufolge für das Internationale Komitee des Roten Kreuzes tätig gewesen sein soll. Anschließend siedelte er in das britisch kontrollierte Istrien über. Nachdem sich seine Hoffnungen, in dem damals etablierten Freistaat Triest politisch Karriere machen zu können, zerschlagen hatten, ließ er sich 1946 in Paris nieder und arbeitete als Journalist, Buchautor und Rundfunksprecher. 1959 kehrte er nach Berlin zurück, wo er zunächst als Korrespondent für den Combat tätig war. 1962 sagte Calic im Verfahren gegen den KZ-Arzt Heinz Baumkötter vor dem Landgericht Münster aus.
Im Juli 1963 bekam Calic auf der Grundlage eines an der Freien Universität Berlin durchgeführten Kolloquiums auf dem Niveau einer Doktorprüfung unter Vorsitz von Ernst Fraenkel (Beisitzer waren Emil Dovifat und Werner Philipp) den akademischen Grad eines Dr. phil. verliehen. Das Kolloquiums-Gespräch wurde als Vollendung eines Promotionsverfahrens, das Calic 1941 an der damaligen Friedrich-Wilhelms-Universität begonnen hatte, aber kriegsbedingt und bedingt durch seine Inhaftierung nicht hatte abschließen können, anerkannt. Da sein Dissertationsmanuskript nicht mehr auffindbar war, war die Verleihung des Doktorgrades im Rahmen einer regulären Promotion nicht möglich, so dass ihm stattdessen eine „Promotions-Ersatzbescheinigung“ als Grundlage zur Berechtigung zum Führen seines akademischen Grades ausgestellt wurde.
In den 1970er Jahren warfen Louis de Jong und Hans Mommsen Calic vor, den Doktorgrad auf unredliche Weise und zum Teil durch falsche Angaben erhalten zu haben. Seine Unterstützer, darunter Jürgen Schmädeke, Eugen Kogon, Pierre Grégoire und Karl Dietrich Bracher, sahen darin wiederum eine Retourkutsche von Calics Kontrahenten in der Reichstagsbrandkontroverse. Calic hatte kurz zuvor in einer Publikation die Gewährsleute, die Fritz Tobias für seine These der Alleintäterschaft des Marinus van der Lubbe genannt hatte, als „NS-Anhänger der ersten Stunde und Nutznießer des Regimes“ bezeichnet. Der Berliner Senator für Kunst und Wissenschaft Gerd Löffler lehnte es 1976 ab, ein Verfahren zum Entzug des Doktortitels zu eröffnen.Alexander Bahar, Wilfried Kugel: Der Reichstagsbrand. Wie Geschichte gemacht wird. edition q, Berlin 2001, S. 811 ff.; eine Zusammenstellung der Artikel in verschiedenen Tages- und Wochenzeitungen, durch die sich die Auseinandersetzung um die gegen Calic erhobenen Vorwürfe zog, findet sich bei Jürgen Schmädeke, Alexander Bahar und Wilfried Kugel: Der Reichstagsbrand in neuem Licht. In: Historische Zeitschrift. 269, Heft 3, 1999, S. 603. Die Zusammenstellung ist auch online abrufbar: Auszug des Artikels beim Reichstagsbrandforum, siehe v. a. Fußnote 6. Der Journalist Karl-Heinz Janßen veröffentlichte 1979 in der Zeit ein kritisches Dossier über Calics Vergangenheit und publizistisch-wissenschaftliche Tätigkeit.Nachdruck des Artikels von Karl-Heinz Janßen vom 14. September 1979 unter dem Titel: Geschichte aus der Dunkelkammer. In: Die Zeit. 22. November 2012. Der Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, Martin Broszat, unterstützte Janßen.Martin Broszat: Ein Sumpf wurde trockengelegt. Presseerklärung im Namen des Instituts für Zeitgeschichte. In: Die Zeit. 23. November 1979, S. 4.
Calic trat in den 1960er Jahren durch Veröffentlichungen zur Zeitgeschichte, zumal zur Geschichte des Nationalsozialismus, hervor. Seine erste größere Arbeit war das 1966 in Frankreich veröffentlichte Buch Himmler et son Empire, eine Annäherung an Heinrich Himmler und den SS-Apparat, das Calic als ersten Teil einer Trilogie seiner Auseinandersetzung mit dem Machtkomplex SS-Gestapo ansah. Als zweiten Teil publizierte er 1978 einen Forschungsbericht zum Reichstagsbrand und als dritten 1984 eine Biographie Reinhard Heydrichs, in der er unter anderem verbreitet, Rudolf Heß’ Flug nach Schottland am 10. Mai 1941 wäre von Heydrich organisiert worden.Richard J. Evans: Das Dritte Reich und seine Verschwörungstheorien. Wer sie in die Welt gesetzt hat und wem sie nützen. DVA, München 2021, S. 194.
Größere Resonanz fand Calic mit der von ihm 1968 herausgegebenen Quellensammlung Ohne Maske. Hitler-Breiting Geheimgespräche 1931. Darin sind zwei bis dahin unbekannte Protokolle von Interviews enthalten, die der Leipziger Journalist Richard Breiting 1931 mit Hitler geführt haben soll, und die Calic im Nachlass von Breiting aufgefunden haben will.Edouard Calic: Ohne Maske. Hitler-Breiting Geheimgespräche 1931. Vorwort von Golo Mann. Societäts-Verlag, Frankfurt am Main 1968. In zahlreiche Sprachen übersetzt, fand das Buch zunächst ein überwiegend positives Echo. In den 1970er-Jahren wurden hingegen von Hugh Trevor-Roper und vor allem von Hans Mommsen und Fritz Tobias Zweifel an der Authentizität der Dokumente geltend gemacht. In späteren Jahren verdichtete sich die Kritik an dem Breiting-Buch zu dem Vorwurf, Calic sei einer Quellenfälschung aufgesessen oder habe diese sogar selbst angefertigt. Calics Verteidiger hielten dem entgegen, dass kleinere Fehler sich aus Übertragungsfehlern bei der Entzifferung der handschriftlichen Unterlagen ergeben hätten. Nach 1990 konnte mithilfe der Akten der Stasiunterlagen-Behörde, in denen sich die Überwachung der Korrespondenz der Familie Breiting mit Calic fand, zudem gezeigt werden, dass Calic in Kontakt mit den Erben Breitings gestanden und Unterlagen aus dessen Nachlass erhalten hatte. Der amerikanische Historiker Benjamin Carter Hett sieht die Breiting-Unterlagen sehr kritisch. „Niemand soll mehr an einen wie auch immer gearteten Quellenwert der «Breiting»- wie auch der «Kessel»-Dokumente glauben.“Benjamin Carter Hett: Der Reichstagsbrand. Wiederaufnahme eines Verfahrens. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2016, ISBN 978-3-498-03029-2, S. 506.