alt=1. FC Magdeburg – FSV Zwickau|mini|Ultras mit Pyrotechnik in Deutschland Die Ultra-Bewegung bezeichnet eine besondere Organisationsform von Fans, meist eines Fußballvereins, die sich mittlerweile auch auf andere Sportarten übertragen hat. In der Regel sehen sie sich als Kern der jeweiligen Fanszene. Die meisten Ultra-Gruppen haben Vertreter, die im Namen der Gruppe mit dem unterstützten Verein kommunizieren, zum Beispiel um Lagerräume für Fahnen oder Eintrittskarten für Auswärtsspiele zu organisieren. Viele Ultras lehnen die zunehmende Kommerzialisierung im Profisport ab und tragen in der Regel keine als Werbeträger genutzten Trikots des unterstützten Vereins.

Bei den Ultras handelt es sich um eine heterogene Bewegung. National und zwischen den jeweiligen Szenen unterscheiden sie sich teils hinsichtlich der Altersstruktur, der Art der Unterstützung, der politischen Überzeugungen und der Akzeptanz von Gewalt. Für internationales Aufsehen sorgte die Beteiligung von Ultras am Arabischen Frühling und bei den Protesten in der Türkei 2013.

Aktivitäten

Bei Ultras handelt es sich um fanatische Anhänger, deren Ziel es ist, ihren Verein auf möglichst kreative Weise zu unterstützen. Dies versuchen sie meist mit akustischen Mitteln wie Trommeln, Gesängen, Megaphonen und visuellen bzw. optischen Mitteln wie Fahnen, Choreographien, Bannern, Pyrotechnik bzw. bengalische Feuer und Konfettiregen. Akustische Aktionen werden in den meisten Fällen von einem oder mehreren sogenannten Capos geleitet, die für die akustische Unterstützung zuständig sind und ihn in den Fankurven organisieren. Der Capo koordiniert die Fangesänge meist mithilfe eines Megaphons.

Ultras stehen der Vereinsführung in der Regel kritischer gegenüber als andere Fans. Für sie stehen Themen wie der Erhalt der Fan-Kultur und der Identität oft im Konflikt zu Entscheidungen der Verantwortlichen der Vereine, die die Ultras als wirtschaftlich motiviert bewerten bzw. als „Kommerzialisierung des Sports“ kritisieren.

Ein weiteres wichtiges Thema ist der Protest gegen das als Willkür und Repression empfundene Vorgehen von Polizei und Ordnern gegen Fußballfans aller Couleur, oftmals mit Sprechchören wie z. B. „All Cops Are Bastards – A.C.A.B.!“ oder in Deutschland mit „Fußballfans sind keine Verbrecher“. Besonders bei diesem Thema gibt es einen großen Zusammenhalt zwischen Ultra-Gruppierungen eigentlich rivalisierender Vereine. So bekundeten im Frühjahr 2008 mehrere Gruppen ihre Solidarität mit den Ultras Gelsenkirchen. Einige Spieltage zuvor waren bei einem Großeinsatz der Polizei an einem Fan-Treffpunkt der Schalker die Daten von 190 Personen aufgenommen worden. Protestaktionen richten sich auch gegen die den Ultras zufolge oft ungerechtfertigten Stadionverbote.

Bei politischen Konflikten haben Ultra-Gruppen Stellung bezogen. So beteiligten sich die Ultras Al-Ahlawy des ägyptischen Vereins al Ahly Kairo, die Ultras White Knights von Zamalek SC und andere Ultra-Gruppen an der Revolution in Ägypten 2011. Sie traten als Verteidigung der Aufständischen des Tahrir-Platz gegenüber der Polizei auf. Darüber hinaus beteiligten sie sich auch an der Aufrechterhaltung der Infrastruktur der besetzten Plätze und an Graffiti. Im Februar 2012 wurden Fans und die Ultras Al-Ahlawy nach einem Fußballspiel angegriffen, was zu vielen Toten führte. Es wird vermutet, dass dieser Angriff von Revolutionsgegnern gesteuert wurde.Angriff auf die Revolutionäre. In: Spiegel online. 2. Februar 2012.Tödliche Hatz im Fußballstadion. In: Spiegel online. 2. Februar 2012.

An den Protesten auf dem Taksim-Platz in Istanbul beteiligten sich Ultra-Gruppierungen der Vereine Fenerbahçe Istanbul, Galatasaray Istanbul und Beşiktaş Istanbul. ZDFsport.de, abgerufen am 8. Juli 2013.

In der Ukraine waren im Rahmen der Euromaidan-Proteste Ultra-Gruppierungen verschiedener Vereine der Premjer-Liha an den (zum Teil gewalttätigen) Aktionen aktiv beteiligt.Ukraine: Klitschkos Zweifronten-Kampf. In: Die Presse. 25. Januar 2014.

Jedoch agieren viele Ultra-Gruppierungen „unpolitisch“ in dem Sinne, dass sie sich auf Sportpolitik sowie Politik, die sich auf die Fankultur direkt auswirkt, beschränken und allgemeinpolitisches Engagement ablehnen.

Viele Ultra-Gruppierungen pflegen Freundschaften zu Gruppierungen anderer Vereine und unterstützen sich oft gegenseitig.

Gruppenstruktur Die Struktur von Ultragruppierungen in Deutschland kann sich stark unterscheiden und liegt im individuellen Ermessen der jeweiligen Gruppe. Viele Gruppen orientieren sich allerdings an den traditionellen Gruppen in Italien, wobei auch der Einfluss osteuropäischer Strukturen bemerkbar ist.

Ultragruppen italienischen Stils sind in der Regel wie folgt strukturiert: Direttivo (italienisch für Vorstand bzw. Leitung); Die gewählten Anführer der Ultragruppe. Die Anzahl schwankt in der Regel zwischen 2 und 10 Mitgliedern. Als Anführer vertreten sie die Gruppe gegenüber Außenstehenden und bestimmen den Kurs der Ultragruppe. Häufig, aber nicht immer, ist der Capo (Vorsänger) Teil des Direttivos. Membri (italienisch für (Stamm-)Mitglieder): feste, in die Gruppenstrukturen eingebundene Mitglieder, die häufig wichtige Aufgaben innerhalb der Gruppe wahrnehmen (Verkauf von selbst produzierten Fanartikeln, Schreiben des Spieltagflyers bzw. Kurvenhefts, Organisation der Auswärtsfahrten, Anschaffung der Choreographiematerialien etc.) Membri Convogliatori (italienisch für (Förder-)Mitglieder): In der Regel für Interessierte der erste Anlaufpunkt um in die Gruppe aufgenommen zu werden. Als Fördermitglied zahlt man monatlich bzw. jährlich den Gruppenbeitrag und darf an verschiedenen Aktivitäten der Gruppe teilnehmen, allerdings sind sie keine vollwertigen Mitglieder und dürfen in der Regel das Direttivo nicht wählen. Gruppo Juniores (italienisch für Nachwuchsgruppe): Für Jugendliche, die ein Alter unter dem Mindestalter für die Aufnahme als Mitglied haben (in der Regel unter 16 oder 18) und trotzdem am Gruppenleben teilhaben wollen. Häufig werden sie bei Erreichen des Mindestalters in die Gruppe aufgenommen.

Geschichte der Bewegung

Die Anfänge (1950 bis 1960) Die Ultra-Bewegung hat ihre Wurzeln in Italien der frühen 1950er und 1960er, als sich erstmals „Fußballverrückte“ in Gruppen zusammenschlossen, um ihre jeweiligen Lieblingsmannschaften gemeinsam organisiert zu unterstützen. Der Name der Bewegung geht angeblich auf eine italienische Zeitung zurück, die Anhänger des AC Torino als „Ultra“ bezeichnete, als diese nach einer 2:3-Niederlage einen Schiedsrichter bis zum Flughafen verfolgten. Ultra ist ein lateinisches Wort und bedeutet auf Deutsch darüber hinaus.

Welche Ultragruppierung genau die erste Gruppe war, lässt sich nicht genau feststellen und wird bis heute in der Ultraszene heftig diskutiert.

Die Ultras Fedelissimi Granata (gegründet 1951) aus Turin und Ultras Sant Alberto aus Genua dürften aber auf jeden Fall zu den ersten Ultras in Italien zählen. Beide kamen aus wichtigen Städten der Arbeiterbewegung und übernahmen die Fahnen, Trommeln, Transparente, Megafone und Pyrotechnik der Demonstrationen in jener aufgeheizten politischen Zeit in Italien und brachten diese mit in die Stadien.

Ebenfalls den Titel als erste Ultragruppierung Europas beansprucht die Torcida 1950 vom Verein Hajduk Split aus Kroatien, welche sich allerdings nach dem Vorbild der brasilianischen Torcidas gründete (siehe auch Abschnitt; ähnliche Subkulturen) und sich erst später der Ultrabewegung zugewandt hat.

Etablierung der Bewegung in Italien und Entwicklung der „Ultra-Mentalität“ (1960er Jahre) Nach dem Vorbild aus Genua und Turin gründeten sich landesweit Ultragruppen, wenngleich diese in der Anfangszeit eher normalen Supportern glichen. Als erste Gruppe, die sich selber ein Manifest auflegte und den Ultragedanken mit Leben und Regeln füllte, gelten die Fossa dei Leoni des AC Mailand, die sich 1968 gründeten und deren Mentalität sich mehrere Gruppen in Italien und bis heute weltweit zum Vorbild nehmen.

Nach dem Manifest der Fossas sollten Ultras unter anderem autonom von Vereinen, Verbänden, Polizei und anderen Autoritäten sein und um die Eigenständigkeit zu schützen, sich selbst finanzieren durch Mitgliedsbeiträge und Spenden.

In Griechenland gründete sich 1966 mit der Gate 13 des Hauptstadtklubs Panathinaikos Athen eine der ersten Ultragruppen außerhalb Italiens.

Höhepunkte der Ultras in Italien und Ausbreitung der Bewegung in andere Länder (1970er und 1980er Jahre) Die Ultrabewegung entwickelte sich ab den 1970er Jahren immer mehr zur Massenbewegung. Da der italienische Staat Mühe hatte zu dieser Zeit die öffentliche Ordnung auf den Straßen zu gewährleisten und die politischen Auseinandersetzungen immer bürgerkriegsähnlicher wurden, hatten die Ultras zu dieser Zeit freie Hand auf den Tribünen und konnten sich ungestört entwickeln. Einige Gruppierungen erreichten Mitgliederzahlen von mehr als 10.000 Mitgliedern.

Bekannte Gruppen jener Zeit sind neben den Fossa dei Leoni und den Granata Torino die Black & White Fighters Storico 1977 (Juventus Turin), die Commando Ultras Napoli 1972 (SSC Neapel), Boys S.A.N. 1969 (Inter Mailand), Collettivo Autonomo Viola (AC Florenz), BNA Atalanta (Atalanta Bergamo), Brigate Gialloblu 1971 (Hellas Verona), Commando Ultra Curva Sud (AS Rom) und viele weitere.

In Spanien entstand mit der Biris Norte in Sevilla 1975 die erste Ultragruppe Spaniens. Bald breitete sich die Bewegung auch in Spanien aus.

Ebenso gründete sich 1976 die erste Ultragruppierung Portugals, die Juventude Leonida von Sporting Lissabon.

Auch in Griechenland verbreitete sich die Bewegung in den 1970ern stark und es wurden bekannte Gruppen wie Gate 4 (PAOK Saloniki), Gate 7 (Piräus) oder Super 3 (Aris Saloniki) gegründet.

In Frankreich entstanden in Marseille und Paris die ersten Gruppen in den 1980er Jahren.

Im deutschsprachigen Raum waren die Fortuna Eagles Supporters 1986 von Fortuna Köln die ersten, zwei Jahre später entstand die erste österreichische Ultragruppe, die Ultras Rapid 1988.

Ausbreitung in Europa und Stagnation in Italien (1990er Jahre) In Italien kam es in den 1990er Jahren zu einer Stagnation der Bewegung, da der italienische Staat härter gegen Ultras vorging und es auf den Tribünen zu politischen Flügelkämpfen zwischen Ultragruppen kam. Auch die in Italien omnipräsente Mafia versuchte ab jener Zeit ihren Einfluss auf einige Ultragruppen auszubauen.

Auch in Spanien entwickelte sich die Situation zunehmend negativ für die Ultras, da sie ab den späten 1980er Jahren sich stark mit der Kultur der Skinheads vermischte und häufig deren politische Radikalität übernahmen.

Für die deutsche, österreichische und schweizerische Szene gelten die 1990er Jahre als Gründungs- und Experimentierphase.

Durch die Öffnung des Eisernen Vorhangs verbreiteten sich Ultras auch in osteuropäische Länder, wobei hier noch mindestens bis zur Jahrtausendwende die Hooligan-Gruppierungen einen größeren Zulauf zu verzeichnen hatten.

Boom in Europa und Anfänge außerhalb Europas (2000er Jahre) Ab den 2000ern wuchsen insbesondere im deutschsprachigen Raum Ultragruppen explosionsartig und auch in vielen anderen europäischen Ländern wuchs die Bewegung.

Währenddessen kam die italienische Bewegung spätestens mit dem Tod des Polizisten Filippo Raciti 2007 stark in Bedrängnis.

Gleichzeitig lösten sich viele bekannte Ultragruppen, die die italienische Ultraszene geprägt haben, auf und es kam zu einem drastischen Mitgliederschwund.

In Nordafrika gründeten sich bereits in Tunesien Ende der 1990er erste Ultragruppen. In den 2000er Jahren entstanden in ganz Nordafrika, in vielen Ländern in Vorderasien, in den USA, Kanada, Australien, Japan, Südkorea, China, Vietnam, Indonesien, Indien, Thailand und einigen weiteren Ländern erstmals Ultragruppen.

Zuerst belächelt und von europäischen Ultras nicht ernst genommen, wuchsen die dortigen Ultraszenen stetig.