Abe Lenstra (, * 27. November 1920 in Heerenveen, Niederlande; † 2. September 1985 ebenda) war ein niederländischer Fußballspieler. Er spielte seit der Jugend in seiner friesischen Heimat für die Voetbalvereniging (VV) Heerenveen und ab 1955 in Enschede. In seinen 47 Spielen für die niederländische Nationalmannschaft erzielte er 33 Tore. Neben Johan Cruijff gilt er als einer der besten niederländischen Spieler des 20. Jahrhunderts. Zweimal wurde er zum niederländischen Sportler des Jahres gewählt. Doch obwohl er auf dem Fußballplatz großen Ruhm bei den Fans errang, machte er sich durch seine eigensinnige, launische Art kaum Freunde unter seinen Mitspielern. Die letzten acht Jahre seines Lebens verbrachte der Sportler nach Hirnblutungen im Rollstuhl. Sein Heimatverein SC Heerenveen benannte nach seinem Tod sein Stadion nach Abe Lenstra.

Die frühen Jahre mini|Heerenveen, ca. 1920 bis 1940 (Luftaufnahme des Nederlands Instituut voor Militaire Historie)

Heerenveen war Anfang des 20. Jahrhunderts ein größerer Ort, der nie die Stadtrechte erhielt, im Niederländischen als vlek, friesisch als flekke bezeichnet. Auf den im Winter oft zugefrorenen Kanälen und Moorteichen wurde Schlittschuhlaufen zur Hauptsportart. Anfang des 20. Jahrhunderts begann das organisierte Fußballspielen. Vier Monate vor Abe Lenstras Geburt wurde unter dem Namen Athleta die spätere VV Heerenveen gegründet.Geschichte des SC Heerenveen, sc-heerenveen.nl, gesichtet am 25. Juli 2020.

Abe Lenstra wurde am 27. November 1920 als zweiter Sohn des Lagerarbeiters Mindert Jans Lenstra und seiner Frau Janke, geborene Suierveld, geboren. Nachdem sein anderthalb Jahre älterer Bruder Jan nach dem Großvater Lenstra benannt worden war, erhielt der jüngere Sprössling den Vornamen von Jankes Vater Abe Wytzes Suierveld. Der Name war mindestens seit dem Jahr 1500 Familientradition, als ein Vorfahre namens Abe Hania eine Frau adeliger Herkunft geehelicht hatte.Johann Mast: Abe. Het levensverhaal van Nederlands eerste grote sportidool. Tirion Uitgevers, Baarn 2007, ISBN 978-90-439-0983-9, S. 9. Die Familie lebte zunächst in einem von Arbeitern geprägten Viertel; beide Großväter wie auch Mindert Lenstra waren Anhänger von Ferdinand Domela Nieuwenhuis, der im friesischen Wahlbezirk Schoterland 1888 für die Friese Volkspartij als erster Sozialist in die Tweede Kamer gewählt worden war. Abe und sein Bruder wuchsen in einem atheistischen Umfeld auf; am Tag der Arbeit hing an ihrem Arbeiterhäuschen wie an fast allen Häusern in ihrer Straße die Rote Fahne. Als Vater Lenstra eine bessere Stellung als Handlungsreisender erlangt hatte, zog die Familie in ein bürgerlicheres Umfeld, behielt aber ihre politische Überzeugung bei; Janke Lenstra war als zweite Vorsitzende des örtlichen Frauenbundes der Sociaal-Democratische Arbeiderspartij SDAP tätig; als Zeitung kam das sozialistische Tageblatt Het Volk ins Haus; im Radio lief ausschließlich das VARA-Programm.Johann Mast: Abe. Het levensverhaal van Nederlands eerste grote sportidool. Tirion Uitgevers, Baarn 2007, ISBN 978-90-439-0983-9, S. 10ff.

Wie so viele Spieler seiner Generation lernte Abe Lenstra das Fußballspielen auf der Straße.Lenstra, Abe (1920–1985), Instituut voor Nederlandse Geschiedenis, Version vom 13. März 2008, gesichtet am 3. Juli 2008. Mit Schulkameraden, eigenen und denen seines älteren Bruders, ließ er keine Gelegenheit aus, gegen papierne Bälle, Tennisbälle, Fußbälle zu treten. Von Natur aus war er „rechtsfüßig“, doch durch das unablässige Üben konnte er schon als Kind den Ball mit beiden Beinen gleich gut treten. Im Mai 1931 fiel er erstmals bei einem jährlichen Schulturnier auf, das von der VV Heerenveen mitgetragen wurde. Abe war der jüngste und kleinste Teilnehmer und spielte in einem Team gemeinsam mit seinem Bruder Jan. Nach dem Turnier im folgenden Jahr erkannte auch der neue Trainer der VV Heerenveen, der Engländer und Ex-Profi von Charlton Athletic Syd Castle, das Talent des Jungen. Drei Tage nach seinem zwölften Geburtstag wurde Abe Lenstra Mitglied des Vereins. Während sein anderthalb Jahre älterer Bruder Jan bereits in der ersten Nachwuchsmannschaft antrat, wurde Abe zunächst im zweiten Nachwuchsteam eingesetzt. Doch in seinen ersten Spielen erzielte er als Mittelstürmer so viele Tore, dass er schnell in Jans Mannschaft aufrückte.

Karriere im Verein 1932–1950: Bodenständiger Amateur in Heerenveen In der Saison 1932/33 übernahm der Österreicher Otto Pinter, ehemaliger Spieler von Rapid Wien, das Training bei den Friesen. Während Castle den englischen Spielstil mit langen Pässen auf die Flügel eingeführt hatte, war Pinter Bewunderer des technisch anspruchsvolleren Kombinationsspiels des „Wunderteams“ aus seiner Heimat. Lenstra übernahm dies von Pinter. Der Österreicher verglich Abes Spielintelligenz und Technik mit der von Matthias Sindelar, der zu dieser Zeit als bester Spieler des Kontinents galt. Lenstra sagte 1970 rückblickend über seinen ersten Trainer:

Am 1. März 1936 gab Abe Lenstra an der Seite seines Bruders sein Debüt in der zweiten Herrenmannschaft der VV Heerenveen, Jan spielte Linksaußen, Abe auf Halblinks. Beim 12:1-Sieg gegen Alcides Meppel erzielte Abe drei Tore; Jan wurde nach seinen sechs Treffern zur ersten Mannschaft berufen. Abe musste bis zum Sommer warten, ehe er zu einem Freundschaftsturnier ebenfalls in den Kader kam, die nun wieder der aus England zurückgekehrte Castle trainierte. Am 16. Juli 1936 kam er so, noch 15-jährig, zu seinem ersten Einsatz bei den „Herren“, hier zunächst auf Halbrechts, da die halblinke Position durch den Topscorer des Teams, Jan „Bob“ Krikke, besetzt war. In dem Match gegen Gorredijk, das 2:2 endete, erzielte er den Ausgleichstreffer zum 1:1 – „ein prächtiges Tor“, wie der Chronist der Zeitung Nieuwsblad van Friesland berichtete.Johann Mast: Abe. Het levensverhaal van Nederlands eerste grote sportidool. Tirion, Baarn 2007, S. 27. In der folgenden Saison 1936/37 eroberte Abe Lenstra sich bereits einen Stammplatz.

Der Stürmer war in dieser Spielzeit mit 19 Toren einer der besten Torschützen der tweede klasse, der zweithöchsten niederländischen Spielklasse, und trug damit wesentlich zum Aufstieg der VV Heerenveen bei. Ab 1937 etablierte sich das Team in der höchsten Spielklasse Eerste Klasse Noord. Dank Lenstra, der bis heute als bester Fußballspieler gilt, den Heerenveen jemals hervorbrachte,„Abe Lenstra was veruit de beste voetballer die Heerenveen heeft voortgebracht.“ in: , Biografie beim SC Heerenveen, abgerufen am 9. Mai 2015. konnte die Mannschaft ab der Saison 1941/42 bis zur Spielzeit 1950/51Ausnahme: 1944/45 gab es keinen Spielbetrieb. Netherlands Eerste Klasse Noord Final League Tables 1916–1950, Statistik bei rsssf.org in jedem Jahr als Nordmeister in die Endrunde um die Niederländische Meisterschaft einziehen. Beste Platzierung in der niederländischen Meisterschaft war zweimal Platz zwei in den Saisons 1946/47 und 1947/48.Netherlands Final League Tables 1898–1954, Statistik bei rsssf.org Der Fußball rollte im Norden der Niederlande bis zum letzten Kriegsjahr auch während des Zweiten Weltkriegs. Im Herbst 1942 musste die VV Heerenveen zeitweilig auf ihren Starspieler verzichten: der KNVB sperrte Lenstra, weil er gegen den Amateurstatus verstoßen hatte – allerdings nicht im Fußball: Er hatte – wie mehrere friesische Spieler – an Eislaufveranstaltungen teilgenommen und dafür Preisgelder erhalten.Frits Barend, Henk van Dorp: Voetbal in den oorlog. Verlagsbeilage zu Vrij Nederland Nr. 17, 5. Mai 1979, S. 26 u. 28. () Während des Hungerwinters 1944/45 gab es in Friesland noch immer genügend Lebensmittel, so dass viele Menschen aus dem Süden und Westen des Landes, wo der Nachschub abgeschnitten war, herüberkamen. Die Mitglieder der VV Heerenveen nahmen Ajax-Spieler bei sich auf, die mit dem Boot aus Amsterdam über das IJsselmeer geflohen waren. Hiltje „Hil“ Lenstra-WismanHil Lenstra-Wisman überlebte ihren Mann 26 Jahre und starb 87-jährig im Dezember 2011. , Vereinshomepage des sc Heerenveen vom 16. Dezember 2011., die Abe 1944 geheiratet hatte, erinnerte sich, dass bei dem frischgebackenen Ehepaar Arie de Wit einquartiert war; insgesamt seien etwa 80 Amsterdamer bei den Heerenveenern gewesen, mit denen Abe sich tagsüber im Stadion mit Fußball beschäftigte.Het Gouden Binnentrio. In: Johan Derksen u. a.: Het Nederlands Elftal 1905–1989. De historie van Oranje. Weekbladpers BV/Voetbal International, Amsterdam 1989, ISBN 90-236-7211-9, S. 154. Daneben widmete er sich in dieser Zeit weiter dem Eisschnelllauf und konnte auf der Kurzbahn einige regionale Meisterschaften gewinnen; eine Teilnahme an der nationalen Meisterschaft musste er 1945 wegen einer Trainingsverletzung absagen, schlug jedoch im folgenden Jahr den Meister Kees van Eikeren bei einem Rennen in Heerenveen.Thom Mercuur (Hrsg.): Rondom Abe. Een voetbalepisode in Friesland. De Drijvende Drobber, Leeuwarden, o. J., ISBN 90-70330-07-5, S. 74f.

mini|Abe Lenstra (rechts) im Gespräch mit dem niederländischen Fußballspieler Piet Kraak; 1949

Lenstra war ein kompletter Spieler; er hatte die Begabung, aus dem Stand schießen zu können, und das rechts- wie linksfüßig. „Intuitiv, kreativ, technisch,“ sei er gewesen, sagte Kees Rijvers über ihn: „Vor allem, wenn es gut lief.“Het Gouden Binnentrio. In: Johan Derksen u. a.: Het Nederlands Elftal 1905–1989. De historie van Oranje. Weekbladpers BV/Voetbal International, Amsterdam 1989, ISBN 90-236-7211-9, S. 161. Mit samtener Technik, grandioser Übersicht, blitzschnellem Schuss und ein paar täuschenden Bewegungen schaltete er seine Gegenspieler aus. Dabei war er einer der ersten großen Spieler, die den Ball bevorzugt mit dem Außenrist spielten. Die hundert Meter lief er in 10,9 Sekunden, und wirkte dabei auf dem Platz doch oft phlegmatisch.Frans Oosterwijk: Voetbal in de jaren vijftig, in 99 beelden. ANP Foto/Nieuw Amsterdam Uitgevers, Amsterdam 2007, ISBN 978-90-468-0264-9, S. 62. Manchmal erweckte er den Eindruck, er sei gar nicht im Spiel – um dann blitzschnell Freund und Feind mit einem genialen Pass, einem geschickten Trick oder dem tödlichen Schuss zu überraschen.„Met een fluwelen techniek, een grandioos inzicht, een flitsend schot, plus een paar schijnbewegingen verschalkte hij zijn tegenstanders. Abe was een merkwaardige speler, die soms de indruk wekte dat hij te weinig aan het spel deelnam, maar ineens in een flitsend moment vriend en vijand versteld doet staan door een vlijmscherpe pass, een handige truc of een dodelijk schot.“ aus: Abe Lenstra. Een voetballegende uit Friesland, gesichtet am 30. Juni 2008. Er selbst sah das recht pragmatisch:

mini|links|Abe Lenstra hört mit seiner Tochter eine Radiosendung (1948)