Gorgosaurus (griech.: „ungestüme Echse“, von γοργός gorgos „ungestüm, schrecklich“ und σαῦρος sauros „Echse“) war ein theropoder Dinosaurier aus der Familie der Tyrannosauridae, der vor etwa 76 bis 72 Millionen Jahren in der Oberkreide (spätes Campanium) im westlichen Nordamerika lebte. Fossile Überreste wurden in der kanadischen Provinz Alberta und möglicherweise im US-amerikanischen Bundesstaat Montana entdeckt. Zurzeit wird von dieser Gattung lediglich eine Art anerkannt, die Typusart Gorgosaurus libratus.
Wie die meisten bekannten Tyrannosauriden war auch Gorgosaurus ein bipeder Fleischfresser, der als adultes Tier mehr als eine Tonne wog und dutzende von großen, scharfen Zähnen im Kiefer trug, während die zweifingrigen Arme im Verhältnis klein waren. Gorgosaurus war nah mit dem sehr ähnlichen Albertosaurus verwandt; beide Gattungen werden nur anhand von geringfügigen Unterschieden an den Zähnen und Schädelknochen getrennt. Einige Experten halten Gorgosaurus libratus für eine Albertosaurus-Art – nach dieser Ansicht wäre Gorgosaurus ein juveniles Synonym dieser Gattung.
Gorgosaurus lebte in einem üppigen Überschwemmungsgebiet entlang des Western Interior Seaway, einem Meerarm, der in der Oberen Kreide Nordamerika in zwei Hälften teilte. Als ein Spitzenprädator stand Gorgosaurus an der Spitze der Nahrungskette und jagte vermutlich die häufigen Ceratopsiden und Hadrosauriden. In einigen Gebieten lebte Gorgosaurus zusammen mit Daspletosaurus, einem anderen Tyrannosauriden. Obwohl diese Tiere etwa gleich groß waren, gibt es Hinweise darauf, dass beide Gattungen unterschiedliche ökologische Nischen besetzten. Gorgosaurus ist der am häufigsten gefundene Tyrannosauride – die zahlreichen Fossilien erlauben es Wissenschaftlern, Rückschlüsse auf die Biologie von Tyrannosauriden zu ziehen, zum Beispiel auf die Individualentwicklung (Ontogenese).
Beschreibung mini|Gorgosaurus im Größenvergleich mit einem Menschen Gorgosaurus erreichte etwa die Größe von Albertosaurus und Daspletosaurus. Ausgewachsene Tiere wurden zwischen acht und neun Meter langDale A. Russell: Tyrannosaurs from the late cretaceous of Western Canada (= Publications in Palaeontology. Bd. 1, ). National Museum of Natural Sciences (Canada), Ottawa 1970, Digitalisat.Thomas R. Holtz: Tyrannosauroidea. In: David B. Weishampel, Peter Dodson, Halszka Osmólska (Hrsg.): The Dinosauria. 2nd edition. University of California Press, Berkeley CA u. a. 2004, ISBN 0-520-24209-2, S. 111–136. und wogen vermutlich mehr als 2,4 Tonnen.Frank Seebacher: A new method to calculate allometric length-mass relationships of dinosaurs. In: Journal of Vertebrate Paleontology. Bd. 21, Nr. 1, 2001, , S. 51–60, . Der größte gefundene Schädel misst 99 Zentimeter Länge und ist damit nur geringfügig kleiner als der von Daspletosaurus, einem Tyrannosauriden, der zur gleichen Zeit im gleichen Gebiet lebte. Wie bei anderen Tyrannosauriden war der Schädel im Verhältnis zum Körper groß, wobei Kammern in den Schädelknochen und große Schädelöffnungen (Schädelfenster) sein Gewicht reduzierten. Albertosaurus und Gorgosaurus haben im Verhältnis längere und flachere Schädel als Daspletosaurus und andere Tyrannosauriden. Das Schnauzenende war stumpf und das paarige Nasenbein (Nasale) sowie das paarige Scheitelbein (Parietale) waren entlang der Mittellinie des Schädels verschmolzen, wie bei allen anderen Vertretern der Familie. Die Augenhöhle (Orbitalfenster) war rund und unterschied sich damit von den ovalen bis schlüsselloch-artigen Formen bei anderen Tyrannosauriden. Ähnlich wie bei Albertosaurus und Daspletosaurus erstreckt sich vor jedem Auge ein hoher Kamm aus dem Tränenbein (Lacrimale). Gorgosaurus wird von Albertosaurus anhand von Unterschieden an den Knochen abgegrenzt, die das Gehirn umgeben.Philip J. Currie: Cranial anatomy of tyrannosaurid dinosaurs from the Late Cretaceous of Alberta, Canada. In: Acta Palaeontologica Polonica. Bd. 48, Nr. 2, 2003, , S. 191–226, (PDF; 1,8 MB).
Die Zähne von Gorgosaurus waren typisch für alle bekannten Tyrannosauriden. Die acht Zähne des Zwischenkieferbeins (Prämaxillare) am vorderen Schnauzenende waren im Vergleich zu den restlichen Zähnen klein, dicht gepackt und im Querschnitt D-förmig. Die restlichen Zähne waren im Querschnitt oval, und nicht klingenförmig wie bei den meisten anderen Theropoden. Neben den acht Zähnen des Zwischenkieferbeins hatte Gorgosaurus 26 bis 30 Zähne im Oberkiefer und 30 bis 34 Zähne im Unterkiefer. Gorgosaurus hat damit etwa so viele Zähne wie Albertosaurus und Daspletosaurus, aber weniger als Tarbosaurus oder Tyrannosaurus.Philip J. Currie, Jørn H. Hurum, Karol Sabath: Skull structure and evolution in tyrannosaurid dinosaurs. In: Acta Palaeontologica Polonica. Bd. 48, Nr. 2, 2003, S. 227–234, (PDF; 137 kB).
Wie bei allen Tyrannosauriden ist der Bauplan von Gorgosaurus durch einen großen Kopf gekennzeichnet, der auf einen S-förmigen Hals sitzt. Im Kontrast zum großen Kopf waren die Arme sehr klein. Die Hände hatten lediglich zwei Finger und Klauen, obwohl ein drittes Glied in der Mittelhand bei einigen Funden nachgewiesen wurde – ein Rudiment des dritten Fingers, wie ihn andere Theropoden besaßen. Die Hinterbeine der Tyrannosauriden waren im Verhältnis zum Körper länger als bei anderen Theropoden. Der längste von Gorgosaurus bekannte Oberschenkelknochen (Femur) misst 105 Zentimeter. Bei verschiedenen kleineren Exemplaren war jedoch das Schienbein (Tibia) länger als das Femur – ein Verhältnis, wie man es häufig bei schnell laufenden Tieren findet. Die beiden Knochen waren bei den größten gefundenen Skeletten etwa gleich lang.William D. Matthew, Barnum Brown: Preliminary notices of skeletons and skulls of Deinodontidæ from the Cretaceous of Alberta. In: American Museum Novitates. Nr. 89, 1923, S. 1–9, (PDF; 4,2 MB).
Nach der Erstbeschreibung von Yutyrannus 2012, einer großen und sehr nah verwandten Art, die vollständig befiedert war, ist man sich sicher, dass auch Gorgosaurus in einen weichen Flaum aus Daunenfedern gekleidet war.
Systematik mini|Lebendrekonstruktion von Gorgosaurus mit federartigen Hautanhängen Innerhalb der Tyrannosauridae wird Gorgosaurus zu der Unterfamilie Albertosaurinae gezählt – zusammen mit dem nahverwandten, geologisch etwas jüngeren Albertosaurus. Diese beiden Gattungen sind die einzigen definitiven Vertreter der Albertosaurinae, die bisher beschrieben wurden – obwohl möglicherweise weitere, noch unbeschriebene Gattungen existieren. Alle anderen Tyrannosauriden werden in der zweiten Unterfamilie klassifiziert, der Tyrannosaurinae. Verglichen mit den Tyrannosaurinen zeichnen sich Albertosaurinen durch einen schlankeren Körperbau mit proportional kleineren, flacheren Schädeln und längeren Unterbein- und Fußknochen aus.Philip J. Currie: Allometric growth in tyrannosaurids (Dinosauria: Theropoda) from the Upper Cretaceous of North America and Asia. In: Canadian Journal of Earth Sciences. Bd. 40, Nr. 4, 2003, , S. 651–665, doi:10.1139/e02-083.
Die deutlichen Ähnlichkeiten zwischen Gorgosaurus libratus und Albertosaurus sarcophagus führten dazu, dass viele Experten vorschlugen, beide Gattungen zu vereinen – so wurde Gorgosaurus manchmal als ein juveniles Synonym von Albertosaurus erkannt. Albertosaurus wurde vor Gorgosaurus benannt und wäre damit der gültige Name, falls es sich um ein und dieselbe Gattung handelt. Die Paläontologen William Diller Matthew und Barnum Brown bezweifelten die Unterscheidung zweier Gattungen schon im Jahr 1922.William D. Matthew, Barnum Brown: The family Deinodontidae, with notice of a new genus from the Cretaceous of Alberta. In: Bulletin of the American Museum of Natural History. Bd. 46, Nr. 6, 1922, , S. 367–385, (PDF; 1,8 MB). Gorgosaurus libratus wurde von Dale Russell (1970) formell dem Albertosaurus (als Albertosaurus libratus) neu zugeordnet, und viele Autoren folgten dieser Annahme.Thomas D. Carr, Thomas E. Williamson, David R. Schwimmer: A new genus and species of tyrannosauroid from the Late Cretaceous (middle Campanian) Demopolis Formation of Alabama. In: Journal of Vertebrate Paleontology. Bd. 25, Nr. 1, 2005, S. 119–143, .Gregory S. Paul: Predatory Dinosaurs of the World. Simon & Schuster, New York NY u. a. 1988, ISBN 0-671-61946-2. Wäre Gorgosaurus tatsächlich eine Unterart von Albertosaurus, würde das die geografische und chronologische Verbreitung von Letzterem stark erweitern. Andere Experten unterscheiden zwischen den beiden Gattungen. So merkt der kanadische Paläontologe Philip J. Currie an, dass es so viele anatomische Unterschiede zwischen Albertosaurus und Gorgosaurus gibt wie zwischen Daspletosaurus und Tyrannosaurus, welche fast immer als selbstständige Gattungen aufgeführt werden. Weiter bemerkt er, dass noch unbeschriebene Tyrannosauriden aus Alaska, New Mexico und anderen Fundorten in Nordamerika zur Klärung der Situation beitragen könnten.
Entdeckungsgeschichte und Benennung mini|Typmaterial von Gorgosaurus sternbergi (AMNH 5664), das heute Gorgosaurus libratus zugeschrieben wird. Die aufrechte Haltung dieser Rekonstruktion (Foto aus einer Veröffentlichung von 1920) gilt heute als veraltet. Gorgosaurus libratus wurde erstmals von Lawrence Lambe im Jahr 1914 beschrieben.Lawrence M. Lambe: On the fore-limb of a carnivorous dinosaur from the Belly River Formation of Alberta, and a new genus of Ceratopsia from the same horizon, with remarks on the integument of some Cretaceous herbivorous dinosaurs. In: Ottawa Naturalist. Bd. 27, Nr. 10, 1914, S. 129–135, Digitalisat.Lawrence M. Lambe: On a new genus and species of carnivorous dinosaur from the Belly River Formation of Alberta, with a description of Stephanosaurus marginatus from the same horizon. In: Ottawa Naturalist. Bd. 28, Nr. 1, 1914, S. 13–20, Digitalisat. Der Name ist von den griechischen Wörtern γοργός gorgos („ungestüm“, „schrecklich“) und σαῦρος sauros („Echse“) abgeleitet.Henry George Liddell, Robert Scott: A Lexicon abridged from Liddell and Scott's Greek-English Lexicon. 24th edition, carefully revised throughout. Ginn, Boston 1891 (Reprinted edition. Clarendon Press, Oxford 2010, ISBN 978-0-19-910207-5). Das Artepitheth libratus ist das Partizip des lateinischen Verbs librare, was „balancieren“ bedeutet.
Der Holotyp von Gorgosaurus libratus (NMC 2120) ist ein nahezu vollständiges, mit einem Schädel verbundenes Skelett, das im Jahr 1913 von Charles Sternberg entdeckt wurde. Dieses Skelett war der erste Fund eines Tyrannosauriden, bei dem die Hand vollständig erhalten geblieben ist. Der Fund wurde in der Dinosaur-Park-Formation von Alberta gemacht und befindet sich heute im Canadian Museum of Nature in Ottawa. Sammler des American Museum of Natural History in New York City haben entlang des Red Deer Rivers in Alberta zur gleichen Zeit hunderte spektakuläre Dinosaurierfunde entdeckt, einschließlich vier vollständige Schädel von Gorgosaurus libratus, von denen drei mit Skeletten verbunden waren. Matthew und Brown beschrieben vier dieser Funde im Jahr 1923.