Das Sichelhuhn (Falcipennis falcipennis) ist ein ostasiatischer Vertreter der Raufußhühner (Tetraoninae) innerhalb der Familie der Fasanenartigen (Phasianidae). Der etwas über haselhuhngroße Hühnervogel kommt vor allem in der Taiga der unteren Amur-Region und auf Sachalin vor. Namengebend sind die spitz zulaufenden Handschwingen, die den kleinen Flügeln eine sichelförmige Gestalt geben. Es wird vermutet, dass die Bestände der Art in den letzten 40 Jahren abgenommen haben; deshalb wird das Sichelhuhn zurzeit in der Vorwarnstufe der gefährdeten Arten geführt.Weblink Datenblatt Birdlife

Aussehen mini|links|Ältere Henne mit etwa 30 Stunden alten Küken (Foto: Franz Hafner) Grundfärbung der Hähne ist ein dunkles Grauschwarz. Kopf und Kragen sind meist dunkler, das Kragengefieder ist mit einem feinen hellen Streifen vom übrigen Rumpfgefieder abgesetzt. Über den gesamten Rumpf sind helle, fast weiße Flecken unregelmäßig angeordnet; auf der Bauchseite zeigen sie eine typische Herzform. Der Brustschild ist schwarz. Die Unterschwanzdecken tragen weiße Spitzen und sind undeutlich hellgrau gebändert. Die Schwanzfedern sind schwarz und weisen einen deutlichen weißen Schaftstrich auf. Die Spitzen der Steuerfedern sind weiß. Der kurze Schnabel ist schiefergrau; von der Schnabelbasis verläuft ein weißer Streif bis hinter das Auge. Die dunklen Läufe sind bis zur Zehenbasis befiedert. Die roten kahlen Hautpartien über den Augen, die sogenannten „Rosen“, sind vor allem im Frühjahr sehr stark entwickelt; sie bilden sich im weiteren Verlauf des Jahres etwas zurück.

Hennen sind etwas kleiner und bis auf die Zeit vor dem Legebeginn auch etwas leichter als die Hähne. Sie sind auf rötlichbraunem oder schiefergrauem Grund meist dicht weiß gefleckt und in unterschiedlichen Braun-, Rotbraun- und Grautönen geschuppt. Die Weißfleckung ist bei den Weibchen großflächiger und ausgeprägter als bei den Männchen, verliert sich jedoch mit zunehmendem Alter, vor allem im Schulterbereich.

Im Jugendkleid sind Sichelhühner gesprenkelt rötlichbraun, auch gelbliche Farbtöne können dominieren. Die Kehle ist weißlich, der Schwanz braun. Die Körperseiten sind hell quergestreift. Junge Hennen sind an der Schulter deutlich weiß gefleckt. Die Halsfedern junger Hähne sind kürzer als die mehrjähriger.

Der Geschlechtsdimorphismus ist beim Sichelhuhn in Bezug auf die Gefiederfärbung sehr deutlich ausgeprägt; in Gewicht und Größe unterscheiden sich die Geschlechter jedoch nur wenig. Hähne und Hennen wiegen maximal bis zu 740 Gramm, erreichen dieses Höchstgewicht aber zu unterschiedlichen Zeiten: Die Hennen sind vor Legebeginn am schwersten, die Hähne im Herbst.

Bei guten Beobachtungsbedingungen ist das Sichelhuhn nicht zu verwechseln. Beim Auffliegen allerdings sind die im Verbreitungsgebiet häufigen Haselhennen nur schwer von Sichelhennen zu unterscheiden; die bedeutend größere Fluchtdistanz des Haselhuhns kann da als gute Bestimmungshilfe dienen.

Bewegung Sichelhühner fliegen selten auf, können aber auch weitere Strecken fliegend zurücklegen. Eine besenderte Henne flog beispielsweise 5 Kilometer am Stück.persönliche Mitteilung von Franz Hafner Bei Gefahr bleiben Sichelhühner lange regungslos sitzen und vertrauen auf ihre Tarnung. Bei der Annäherung von Bodenfeinden fliegen sie auf einen Baum; vor allem bei Annäherung von Menschen und Hunden ist die Fluchtdistanz sehr gering.VSU (1989) S. 118. Beim Aufflug ist meist ein deutliches Flügelburren vernehmbar. Auf Grund der geringen Flügeltragfläche ist die Flügelschlagfrequenz sehr hoch. Die Hähne vollführen während der Balz kurze Imponierläufe und Flattersprünge.

Stimme Sichelhühner sind außerhalb der Balzzeit eher schweigsam, Kontaktrufe, Aggressionslaute und Warnrufe sind jedoch situationsabhängig das ganze Jahr über zu hören. Der Balzruf des Hahnes ist ein bis 80 Meter weit tragendes und etwa drei Sekunden dauerndes Vuuuuuuuuuuuuuiiiiiiieeee, das gegen Ende deutlich ansteigt. Dieser Ruf beginnt mit einem Brummton und geht dann in eine vibrierende Lautfolge über. Unterbrochen wird dieser Gesang durch Klicklaute, die wie kllpp klingen, und bei denen unklar ist, ob sie vokal erzeugt werden oder durch Flügelschlagen entstehen.Hafner&Andreev (1998) S. 40. Daneben sind während der Balz Flügelburren und Schwanzrasseln zu hören. Weibchen, die zum Balzplatz kommen, locken leise; führende Weibchen verfügen über eine Reihe von Warnrufen; solche vor Flugfeinden veranlassen die Jungen sich zu ducken und regungslos zu verharren, solche vor Bodenfeinden lassen sie auffliegen.Hafner&Andreev (1998) S. 87f.

Verbreitung und Lebensraum miniatur|290px|Verbreitungsgebiet des Sichelhuhns Das Sichelhuhn ist in einem relativ kleinen Gebiet in Ostasien verbreitet. Schwerpunkte des Vorkommens liegen am Unterlauf des Amur. Von der Küste des Ochotskischen Meeres verläuft das Brutgebiet nordwärts etwa bis zur Mündung der Maja in den Aldan; im Aldanhochland ist das Sichelhuhn weit verbreitet, möglicherweise bestehen auch noch weiter nördlich Vorkommen. Die Westgrenzen sind weitgehend unbekannt; gesicherte Bestandsangaben liegen von den Süd- und Ostabdachungen des Stanowoigebirges vor. Die Südgrenze liegt am Mittellauf des Amur, weiter östlich in Küstennähe reicht das Verbreitungsgebiet bis in den südlichen Sichote-Alin. Das Sichelhuhn kommt auf der gesamten Insel Sachalin mit Ausnahme des südlichsten Fünftels vor. Gelegentlich wurde von Vorkommen nördlich und westlich des bekannten Verbreitungsgebietes berichtet; ob diese bestanden oder noch bestehen, ist nicht bekannt. Ob das Sichelhuhn noch im nördlichen Hinggan-Gebirge in China als Brutvogel vorkommt, lässt sich zurzeit ebenfalls nicht mit Sicherheit sagen.Storch (2006) S. 32.

miniatur|290px|links|Lärchenwälder nahe einem Porst-Moor sind optimale Aufzuchtshabitate (Foto: Franz Hafner) Im Verbreitungsgebiet kommt das Sichelhuhn in Nadelwäldern des ochotskischen Typs vor, scheint aber entgegen anderen AussagenVSU (1989) S. 118. dichte Bereiche der Dunkelnadelwaldtaiga selbst eher zu meiden.Hafner&Andreev (1998) S. 30. Charakterbäume sind die Ajan-Fichte (Picea jezoensis), die Ostsibirische Tanne (Abies nephrolepis), die Dahurische Lärche (Larix gmelinii) und die Korea-Kiefer (Pinus koraiensis). Das Sichelhuhn bevorzugt kühle und feuchte, stark durch Wind- oder Schneebruch gestörte Waldabschnitte, sowie Sukzessionswaldflächen nach Waldbränden oder Borkenkäferkatastrophen. Wichtig für die Art sind dichter Unterwuchs und moosige oder mit Porst bewachsene Abschnitte. Während der Jungenaufzucht besiedelt das Sichelhuhn auch reinen Lärchenwald und in den Hochlagen Zirbelkieferbestände. Die Lebensräume variieren saisonal stark: Im Winter bevorzugt es lückigen Fichten-Tannenwald in seiner Zerfallsphase, wo Tiefschnee die Anlage von Schneehöhlen ermöglicht. Im Sommer sind Lärchenwälder an Bergrücken optimale Sichelhuhnhabitate. Besonders günstig scheinen Randzonen zu offenen Moorflächen beziehungsweise Waldgebiete entlang von Bächen oder Flüssen zu sein. Wichtige Nahrungspflanzen sind außer den Nadelbäumen Zwergsträucher wie Preiselbeere, Rauschbeere, Moltebeere und Krähenbeere. Nahrungssuchend können Sichelhühner auch in Waldabschnitten angetroffen werden, die von Birken und Espen dominiert werden. Das Sichelhuhn ist von den Tieflagen bis zur Baumgrenze, die im Brutgebiet zwischen 1400 und 1500 Metern liegt, verbreitet. Während der Sommermonate halten sich die Vögel bevorzugt in höhergelegenen Regionen auf und dringen dann auch in die Latschen- und Knieholzregionen oberhalb der Waldgrenze vor. Die Sommer- und Winterterritorien können identisch sein, aneinandergrenzen, aber auch einige Kilometer voneinander entfernt sein.

Über den Raumbedarf der Art liegen nur wenige Aussagen vor; Zahlen, die eine sehr dünne und lückige Besiedelung des Verbreitungsgebietes nahelegen, könnten mit der sehr heimlichen Lebensweise der Art zusammenhängen. Telemetrisch aus einigen Kernzonen des Verbreitungsgebietes gewonnene Daten geben etwa 6 bis 8 Individuen pro Quadratkilometer an. Die Hähne besetzen Balzterritorien, die durchschnittlich 5,5 Hektar umfassen und von denen nur die ungefähr 1 Hektar großen eigentlichen Balzareale verteidigt werden;Andreev et al. (2001) S. 408. besonders attraktive Balzplätze liegen auf Bergkuppen und kleinen Hügeln.Hafner&Andreev (1998) S. 37.

Nahrung und Nahrungserwerb miniatur|290px|links|Sichelhenne. Junge Lärchennadeln bilden in der Eilegeperiode die Hauptnahrung (Foto: Franz Hafner) Wie andere Raufußhühner auch ernähren sich Sichelhühner überwiegend von Nadeln, Blättern und Früchten einiger Zwergsträucher, Knospen und den Samenkapseln von Moosen. Für die Ernährung der Hennen spielen im Frühjahr Insekten, vor allem Ameisen, und andere Wirbellose eine wesentliche Rolle.Hafner&Andreev (1998) S. 80. Saisonal variiert die Nahrungszusammensetzung stark: Während der Monate mit Schneebedeckung, also von Anfang Oktober bis Ende April, ernähren sich Sichelhühner fast ausschließlich von Fichtennadeln. In dieser Zeit nehmen sie täglich ungefähr 150 Gramm frische Nadeln zu sich.Hafner&Andreev (1998) S. 80. Dieses Nahrungsangebot ist im Überfluss verfügbar, sodass Sichelhühner mit einer Aktivitätszeit von 4 bis 5 Stunden auskommen.Hafner&Andreev (1998) S. 80. Während der schneefreien Monate besteht die Nahrung vor allem aus Nadeln und Blüten der Dahurischen Lärche sowie aus Blättern und Beeren von Zwergsträuchern, insbesondere der Preiselbeere. Auch Knospen verschiedener Laubbäume und deren junge Blätter, Seggenblüten und die Beeren des Kanadischen Hartriegels werden in dieser Zeit verzehrt. Fichten- und Tannennadeln werden auch im Sommer regelmäßig verwertet, sind für die aufgenommene Gesamtenergiemenge aber unbedeutend. Animalische Nahrung wird bei Gelegenheit gefressen, bei Jungtieren scheint der Anteil an Gliederfüßern größer zu sein als bei adulten Vögeln.VSU (1989) S. 125. In den ersten Lebenswochen ernähren die Jungvögel sich ausschließlich von Insekten. Während der frostfreien Zeit werden große Mengen an Gastrolithen verschluckt.

Die Nadelnahrung wird meist von den unteren Ästen eines Baumes gewonnen; dabei werden die Zweigspitzen bevorzugt. Die Blätter und Beeren der Zwergsträucher werden gemächlich schreitend abgezupft.

Verhalten miniatur|290px|links|Sandbadende Sichelhenne. Geeignete trockene Stellen finden sich vor allem unter entwurzelten Bäumen (Foto: Franz Hafner) Sichelhühner leben außerhalb der Balz und Brutzeit in kleinen, losen Gruppen von 3 bis 7 Tieren. Während der Brut- und Führungszeit meiden sie jedoch die Nähe von Artgenossen. Die Art wendet viel Zeit zur Gefiederpflege auf; vor allem Sandbaden ist ein wesentlicher Bestandteil der Gefiederhygiene. Bei Temperaturen über minus 20 Grad verbringen die Vögel die Nacht auf einem Baumast, meist nahe am Stamm. Bei tieferen Temperaturen schlafen sie in Schneehöhlen, in etwa 30 Zentimeter Tiefe. Gemeinsam mit ihrem amerikanischen Verwandten, dem Tannenhuhn, haben sie eine außerordentlich geringe Fluchtdistanz vor Menschen. Gelegentlich lassen sich Sichelhühner sogar greifen, oder auf einem niedrigen Ast mit einer Schlinge fangen. Allerdings ist ihre Tarnung so gut, dass ein regungslos verharrender Vogel nur schwer auszumachen ist. Fliegt ein Sichelhuhn doch auf, landet es meist schon nach wenigen Metern und verschwindet im dichten Unterwuchs. Auf Freiflächen, die Sichelhühner vor allem im Herbst aufsuchen, sind sie bedeutend wachsamer und entfernen sich vor Menschen bereits auf relativ große Entfernung.Hafner&Andreev (1998) S. 68.

Brutbiologie