mini|Johann Joachim Winckelmann, Porträt von Anton Raphael Mengs (1755)Winckelmanns Unterschrift: rahmenlos|zentriert|128px Johann Joachim Winckelmann (auch Winkelmann; * 9. Dezember 1717 in Stendal; † 8. Juni 1768 in Triest) war ein deutscher Archäologe, Bibliothekar, Antiquar und Kunstschriftsteller der Aufklärung. Er gilt, neben Flavio Biondo, als der Begründer der wissenschaftlichen Archäologie und Kunstgeschichte und als geistiger Begründer des Klassizismus im deutschsprachigen Raum.
Leben Herkunft und Werdegang Der Sohn eines Schuhmachermeisters wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Drei Jahre ging er dem erblindeten Rektor der Stendaler Lateinschule, Esaias Wilhelm Tappert, zur Hand. Dafür wurde er in dessen Haus aufgenommen und über die Schulzeit hinaus gefördert.Arthur Schulz: Johann Joachim Winckelmann. Ein Altmärker, der eine neue Wissenschaft schuf. In: Der Altmarkbote. Kulturblätter für Stadt und Land. Heft 5, Januar 1957, S. 8. Zunächst besuchte er die Stendaler Stadtschule, dann bis Ende 1735 die Stendaler Lateinschule, von 1736 bis etwa Michaelis (29. September) 1736 das Köllnische Gymnasium in Berlin und danach bis Ende 1737 die „Schule des grauen Klosters“, Vorgängerschule des Altstädtischen Gymnasiums in Salzwedel.Heinrich Alexander Stoll: Tod in Triest – Leben, Taten und Wunder Johann Joachim Winckelmann. 2. Auflage Berlin 1970, S. 602.
Auf Anregung von Tappert gewährte ihm die Stendaler Schönebeck’sche Stiftung 1736 ein Bücherstipendium.Gesuch des Rektors der Stendaler Lateinschule Esaias Wilhelm Tappert um ein Bücherstipendium für Winckelmann an die Schönbecksche Stiftung vom 4. April 1736, Winckelmann-Museum Stendal, Sammlung: Briefe und Autografen, Inventarnr. WM-IV-P-a-3 (Digitalisat). Auch zum Universitätsstudium erhielt Winckelmann von der Schönebeck’schen Stiftung ein Stipendium, über das er 1739 eine Quittung erteilte.Quittung Winckelmann für den Erhalt des Universitätsstipendiums der Schönbeckschen Stiftung vom 29. Januar 1739, Winckelmann-Museum Stendal, Sammlung: Winckelmann-Autografen, Inventarnr. WM-IV-P-a-2 (Digitalisat). Dies ermöglichte Winckelmann 1738 die Aufnahme eines Studiums der evangelischen Theologie an der Universität Halle, das er jedoch 1740 ohne Abschluss aufgab, um als Hauslehrer bei der Familie von Grolmann in Osterburg bei Stendal zu arbeiten. Von 1741 bis 1742 studierte er Medizin an der Universität Jena. Vom Sommer 1742 bis Frühjahr 1743 war Winckelmann Hauslehrer in der Familie des Oberamtmanns Lamprecht in Hadmersleben und von 1743 bis 1748 Konrektor der Lateinschule im altmärkischen Seehausen.Heinrich Alexander Stoll: Tod in Triest – Leben, Taten und Wunder Johann Joachim Winckelmanns 2. Auflage Berlin 1970, S. 602.
Aus der Retrospektive bewertet Winckelmann in seinen Briefen die Studienjahre und die Tätigkeit als Lehrer durchweg als Fron- und Leidenszeit. Nebenbei betrieb er philologische, philosophische und historische Studien. Die Exzerpte, die er dabei anlegte, befinden sich heute in seinem Nachlass in der Bibliothèque nationale de France in Paris und zu einem kleineren Teil in der Bibliothèque Universitaire Historique de Médecine in Montpellier, der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky sowie der Rubiconia Accademia dei Filopatridi in Savignano sul Rubicone.
Anstellung als Bibliothekar 1748 wurde Winckelmann Bibliothekar bei Heinrich Graf von Bünau auf Schloss Nöthnitz bei Dresden, wo er an der Kayser- und Reichs-Historie des Grafen und am gedruckten Katalog seiner Bibliothek mitarbeitete. Bünaus 42.139 Bände umfassende, öffentlich benutzbare Privatbibliothek war eine der bedeutendsten in Europa. Zu ihren Besuchern gehörte auch der päpstliche Nuntius in Sachsen, Alberico Archinto, der von Winckelmann so beeindruckt war, dass er ihm die Stelle eines Bibliothekars in Rom anbot. In den dortigen Galerien könne er seinen Sinn für bildende Kunst entwickeln. Voraussetzung sei, dass Winckelmann zur katholischen Kirche konvertiere. In dieser Zeit wurde König August III. von Polen sein Gönner; er erkannte die bahnbrechenden Ideen Winckelmanns und unterstützte ihn mit 200 Talern. Am 17. September 1754 quittierte Winckelmann den Dienst in Nöthnitz.
Winckelmann zog zunächst zu seinem Freund, dem Maler Adam Friedrich Oeser, in die Dresdener Königstraße 17 (heute: 10), um bei ihm, wie später auch Johann Wolfgang von Goethe, zeichnen zu lernen, damit er das Angebot von Archinto wahrnehmen und seinen Dienst unter verschiedenen Kardinälen in Rom aufnehmen konnte.
Winckelmann in Italien Im Herbst 1755 siedelte Winckelmann nach Rom über. In den folgenden Jahren unternahm er verschiedene Reisen in Italien. Dabei besuchte er Neapel und Pompeji und sammelte Material für seine künftigen Schriften.
Als 1758 Archinto starb, der ihn in Rom aufgenommen hatte, erhielt Winckelmann eine Unterkunft durch den Kardinal Alessandro Albani. Noch im selben Jahr reiste er nach Florenz, wo er bis 1759 die Gemmensammlung des Barons Philipp von Stosch bearbeitete. Eine der Ehrungen, die er dafür erhielt, war die Aufnahme in die Accademia Etrusca. Ab 1761 entwarf er im Auftrag Alessandro Albanis maßgeblich das Programm für die künstlerische Ausgestaltung der Villa Albani, deren Umsetzung vor allem in den Händen des Malers Anton Raphael Mengs lag.
Anfang 1762 begleitete Winckelmann Albert Christian Heinrich von Brühl, den zweitgeborenen Sohn des sächsischen Premierministers, nach Neapel und veröffentlichte ein Sendschreiben von den herculanischen Entdeckungen: An den hochgebohrnen Herrn, Herrn Heinrich Reichsgrafen von Brühl.Sendschreiben von den herculanischen Entdeckungen… Dresden 1762, S. 3
1763 lernte Winckelmann den Freiherrn Friedrich Reinhold von Berg (1736–1809) kennen und wohl auch lieben. Seine Liebe sollte allerdings unerwidert bleiben. Nach dessen Abreise verfasste Winckelmann die Abhandlung von den Fähigkeiten der Empfindung des Schönen in der Kunst, und dem Unterrichte in derselben. Die Abhandlung gilt sowohl als Grundlagenwerk der Kunsttheorie als auch als Schlüsseltext seiner eigenen Persönlichkeit, d. h. vor allem seiner homoerotischen Neigungen.Vgl. Bernd-Ulrich Hergemöller: Mann für Mann. S. 742; Vgl. Heinrich Detering: Das offene Geheimnis. Zur literarischen Produktivität eines Tabus von Winckelmann bis zu Thomas Mann. Göttingen 1994, S. 39–77.
Ebenfalls 1763 wurde Winckelmann durch Papst Clemens XIII. zum Aufseher der Altertümer (Commissario delle Antichità) im KirchenstaatThomas Fröhlich: Johann Joachim Winckelmann als Commissario delle Antichità In: Festschrift für Max Kunze. Rutzen, Ruhpolding 2011, ISBN 978-3-447-06433-0, S. 55–64 (Volltext). sowie zum Scrittore an der Biblioteca Vaticana ernannt. 1764 wurde er zum auswärtigen Mitglied der Göttinger Akademie der Wissenschaften gewählt.Holger Krahnke: Die Mitglieder der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen 1751–2001 (= Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Philologisch-Historische Klasse. Folge 3, Band 246 = Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, Mathematisch-Physikalische Klasse. Folge 3, Band 50). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001, ISBN 3-525-82516-1, S. 260.
Tod mini|hochkant|Porträt von Anton von Maron, 1768
Im April 1768 trat Winckelmann zusammen mit dem Bildhauer Bartolomeo Cavaceppi eine Reise an, die ihn zu alten und neuen Freunden in seiner Heimat führen sollte. Unter anderem wollte er nach Leipzig, Dessau und Berlin, auch Hannover und Göttingen waren Ziele. Eine Krankheit und die Beschwerlichkeiten der Reise führten zu einem melancholischen Anfall, der ihn die Reise bereits in Regensburg abbrechen ließ. Auf dem Rückweg besuchte er noch Wien und wurde von Kaiserin Maria Theresia empfangen. Nach einer weiteren Fiebererkrankung setzte er die Rückreise fort. In Triest machte er im Hotel Locanda Grande Station und traf dort auf den vorbestraften Koch Francesco Arcangeli, der sein Zimmernachbar war.
In den folgenden Tagen trafen sich die beiden Männer mehrmals. Winckelmann zeigte Arcangeli arglos immer wieder seine vier Gold- und Silbermedaillen, die er von Maria Theresia für seine wissenschaftlichen Verdienste erhalten hatte. Am Morgen des 8. Juni versuchte Arcangeli bei einer dieser Gelegenheiten, Winckelmann mit einem Strick zu erdrosseln und die Münzen zu rauben. Als dies nicht gelang, stach er mit einem Messer auf ihn ein. Winckelmanns Gegenwehr war jedoch so heftig, dass beide Hände verletzt wurden, als er zur Abwehr des Messers in die Klinge fasste. Fünf der sieben Stiche, die den Körper Winckelmanns trafen, waren lebensgefährlich. Winckelmann verblutete, war aber noch über Stunden hinweg ansprechbar und konnte den Behörden genaue Angaben zum Geschehen machen. Er verwies bei der Befragung auf den Täter und nannte Habgier als Motiv. Er starb etwa sechs Stunden nach dem Anschlag. Der Attentäter konnte mit allen Gegenständen, die mit dem Mord in Verbindung standen, gefasst werden.
mini|hochkant|alternativtext=Johann Joachim Winckelmanns (1717–1768) Grab auf dem Friedhof der Kathedrale San Giusto in Triest|Johann Joachim Winckelmanns Grab auf dem Friedhof der Kathedrale San Giusto in Triest
Die Prozessakten der für damalige Verhältnisse sehr akribisch durchgeführten Untersuchung des Tathergangs liegen auch in deutscher Übersetzung vor. Laut Geständnis des Täters war das Mordmotiv, sich die beträchtliche Reisebörse Winckelmanns anzueignen. Mögliche Hintergründe der Tat, etwa erotische, konnten nie zweifelsfrei geklärt werden. Arcangeli wurde zum Tod durch Rädern verurteilt, nachdem ihm der Mord nachgewiesen worden war. mini|hochkant|Das Cenotaph für Johann Joachim Winckelmann in Triest Winckelmann wurde in dem Gemeinschaftsgrab einer Bruderschaft auf dem Friedhof der Kathedrale San Giusto in Triest bestattet. Sein Grab geriet zunächst in Vergessenheit. Im Jahr 1802, zur Zeit von Johann Gottfried Seumes Italienreise, über die der Spaziergang nach Syrakus berichtet, war das Grab nahezu unbekannt. Später gelangten die Gebeine in ein allgemeines Beinhaus.
Etwa 40 Jahre nach dem Ereignis bemühte sich Domenico Rossetti als Erster um eine möglichst detailgetreue Darstellung des Tathergangs nach den Prozessakten.Domenico de Rossetti: Johann Winckelmann’s letzte Lebenswoche. Ein Beitrag zu dessen Biographie. Aus den gerichtlichen Originalacten des Kriminalprozesses seines Mörders Arcangeli. Hrsg. von Dom. v. Rossetti. Mit einer Vorrede von Böttiger und einem facsimile Winckelmann’s. Dresden 1818. Auf seine Initiative hin wurde in Triest ein Grabmonument für Winckelmann errichtet, fast 60 Jahre nach dessen Tod.
Das im Jahr 1833 errichtete Kenotaph wurde von Antonio Bosa entworfen, einem klassizistischen Bildhauer, der von Antonio Canova geprägt wurde. Die Grabskulptur stand ursprünglich in einer Nische im oberen Bereich des ehemaligen Friedhofgartens, bevor sie in ein eigens dafür errichtetes Tempelhäuschen umgesetzt wurde. Das Grabmal ist aus weißem Marmor gefertigt. Oben sitzt die Figur eines Trauergenius auf dem Sarg, das Relief des Sockels zeigt Winckelmann zusammen mit den Musen aus Kunst und Wissenschaft.Gregor Schuberth: Tod in Triest. In: genau! journal für architektur, mensch & wort, abgerufen am 14. Februar 2026.
Eine andere, kaum rezipierte These zu den Todesumständen stellte 1998 Hein van Dolen auf. Demnach sei Winckelmann bereits im Mai 1768 in Wien während seines dortigen Krankenhausaufenthalts verstorben; ein Unbekannter habe ihn bestohlen und seine Identität angenommen.Hein van Dolen: Mord in Triest. Der Tod von Johann Joachim Winckelmann (1717–1768) aus einer neuen Sicht. Akzidenzen 10. Flugblätter der Winckelmann-Gesellschaft, Stendal 1998.
Werk und Bedeutung Die wichtigsten Veröffentlichungen mini|hochkant|Titelblatt des Hauptwerks von Winckelmann mit einem Kupferstich des Stosch’schen Steins von Johann Adam Schweickart als Titelvignette