mini|hochkant|Jan Wils (1928) Jan Wils (* 22. Februar 1891 in Alkmaar; † 11. Februar 1972 in Voorburg) war ein niederländischer Architekt.
Als ein maßgeblicher Vertreter der Amsterdamer Schule zählte er bis in die 1920er Jahre zu den bekanntesten niederländischen Architektenvan Bergeijk, S. 12, sein Werk nach dem Zweiten Weltkrieg blieb jedoch weitgehend ungeschätzt. Einst berühmt, wurde er zu seinen späteren Lebzeiten geradezu verschmäht.
Jahrzehntelang wurde er überwiegend als ein Gründungsmitglied der avantgardistischen Künstlervereinigung de Stijl wahrgenommen, wo er indes im Schatten bekannterer Mitglieder wie Theo van Doesburg oder Piet Mondrian stand. Er wurde gerne als „Vorkriegsarchitekt“ bezeichnet und seine architektonischen Verdienste auf einige wenige frühe Arbeiten reduziert.van Bergeijk, S. 7
Auch wenn er als Architekt des Olympiastadions in Amsterdam nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr an seine Vorkriegserfolge anknüpfen konnte, wird sein Œuvre posthum zunehmend geschätzt. Mit seiner vom Stil des Amerikaners Frank Lloyd Wright tief beeinflussten Architektur, wie der Den Haager Wohnanlage Papaverhof, dem Amsterdamer „City“-Lichtspieltheater, dem Bürogebäude der Centrale Onderlinge-Versicherung in Den Haag, wie auch seiner intensiven publizistischen Tätigkeit wird er als ein Bindeglied zwischen HP Berlage und seiner eigenen Stilentwicklung sowie dem Funktionalismus mit deutlichem Einfluss auf die zeitgenössische Architektur angesehen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt Wils auch Aufträge aus den Vereinigten Staaten und Übersee, wie zum Beispiel aus Curaçao; in den Niederlanden widmete er sich weitgehend dem Wohnungsbau für die Mittelschicht. Gleichwohl gilt das Olympiastadion auch in der Retrospektive als sein unbestrittenes Hauptwerk.
Sein Gesamtwerk umfasst deutlich mehr als 200 architektonische Arbeiten.
Leben Jan Wils war der älteste Sohn des mittelständischen Bauunternehmers Evert Wils und dessen Ehefrau Jannetje Blankman. Von 1903 bis 1907 nahm er an einer gewerblichen Ausbildung an der Burgeravondschool in Alkmaar teil.van Bergeijk, S. 17 Kurz danach entstand eine seiner ersten architektonischen Studien, ein Jugendstil-Giebel der Apotheke von L. Kruier aus dem Jahr 1908.van Bergeijk, S. 17 f. 1910 erhielt er sein HBS (Hoogere Burger School)-Diplom, das mit dem deutschen Realschulabschluss vergleichbar ist. Von 1910 bis 1913 war er im väterlichen Betrieb tätig. Der Vater ermöglichte ihm mehrere Studienaufenthalte, unter anderem in Deutschland und weckte sein Interesse an der Architektur, indem er ihn mit kleineren Projekten, wie der Errichtung von Sommerhäuschen sowie diversen Umbauten betraute, die von Familienmitgliedern oder Bekannten bei seiner Bauunternehmung in Auftrag gegeben wurden.
1912 trat Wils als Volontär in den Dienst der Stadtverwaltung Alkmaar. Möglicherweise hat er in dieser Zeit an der Neugestaltung der Alkmaarer Schapenbrug von 1912 mitgearbeitet, da sich im Wils-Archiv des Niederländischen Architekturinstituts unsignierte technische Zeichnungen der Brücke befinden.van Bergeijk, S. 18
Es ist unbekannt, ob er tatsächlich an der Technischen Hochschule in Delft Architektur studierte, was oft unterstellt wird. Sein Name erscheint indes in keinem dortigen Studenten- oder Einschreibungsverzeichnis.Die zeitgenössischen Einschreibungsverzeichnisse der Technischen Hochschule Delft befinden sich im öffentlich zugänglichen Algemeen Rijksarchief(ARA 3.12.08.04, Inventar-Nr. 70) in Den Haag, wo sie frei einsehbar sind. Möglicherweise und wahrscheinlicher belegte er stattdessen Kurse bei Joseph Cuypers (1861–1949) und/oder Jan Stuyt (1868–1934) in Amsterdam.van Bergeijk, S. 17
miniatur|Sein erstes größeres Projekt: Autowerkstatt in Alkmaar Im Juni 1912 nahm Wils anlässlich einer Ausstellung zum Thema Backstein an einem Wettbewerb der Maatschappij tot Bevordering der Bouwkunst (Gesellschaft zur Förderung der Baukunst) zum Entwurf eines „ländlichen Wohnhauses“ teil, das – so lauteten die Vorgaben – so weit wie möglich aus Backstein erstellt sein und einen Herstellungspreis von ƒ 2.200 nicht überschreiten sollte. Mehr als 120 Beiträge wurden eingereicht, Wils gewann hinter dem Den Haager Architekten Willem Verschoor den zweiten Platz und erregte die Aufmerksamkeit der Alkmaarer Firma Stikkel, Olt en Tenzeldam, die ihm den Auftrag erteilte, eine Autowerkstatt zu entwerfen.NRC - Nieuwe Rotterdamsche Courant vom 7. Juni 1912, S. 2 Dieses erste größere Projekt gestaltete er als monumentales Gebäude mit zurückhaltenden klassizistischen Elementen und einer nicht sichtbaren Konstruktion aus Betonarmierungen. Die besondere Herausforderung des Projektes war es, ein mitten in einem Wohnviertel der Stadt gelegenes Betriebsgebäude zu schaffen, das sich in diese Umgebung harmonisch einfügte, ohne die erforderliche Funktion einer Autowerkstatt mit Tankstelle und Verkaufsbereich zu beeinträchtigen.
In der Architekturzeitschrift Bouwkundig Weekblad von 1914 wurde Wils' Werk als für solche Aufgaben beispielgebend genannt und lobend erwähnt.Bouwkundig Weekblad, 34. Jahrgang, No. 11 vom 14. März 1914, S. 127, (niederländisch) Im selben Jahr entwarf Wils ein Arbeiterwohnhaus in Alkmaar und ein Sommerhaus in Bergen.
miniatur|hochkant|links|Architectura et Amicitia 1913 zog Wils nach Den Haag um, wo er eine Anstellung im Architekturbüro Johan Mutters erhalten hatte. In seiner Freizeit nahm er an einem Architekturwettbewerb der niederländischen Architektenvereinigung Architectura et Amicitia teil und erreichte wiederum einen zweiten Platz. Hierdurch wurde Hendrik Petrus Berlage als Jurymitglied auf ihn aufmerksam und stellte ihn als Zeichner ein.van Bergeijk, S. 16
In dieser Den Haager Zeit entwickelte Wils, angeregt durch Berlage, seine Überzeugungen für eine bessere sozialistische Welt und ein harmonischeres Zusammenleben der Gesellschaft. Dabei ging Wils deutlich weiter als Berlage und suchte nach dem Ideal einer tendenziell kommunistischen Gesellschaftsordnung – Gedanken, die er später mit anderen Mitgliedern der De-Stijl-Gruppe, aber auch als Freimaurer mit seinen Mitbrüdern teilen konnte. Beruflich wurde er zum überzeugten Anhänger des US-amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright, nicht allein wegen der räumlichen Qualität dessen Entwürfe, sondern auch wegen dessen Überzeugung, der Mensch habe im Mittelpunkt zu stehen und nicht die Architektur.
1914 heiratete Wils die Apothekerassistentin Gepke van der Veen aus Winschoten; das Paar zog in ein Haus an der Van Buurenstraat in Den Haag.
Von 1915 bis 1917 beteiligte sich Wils an verschiedenen Ausschreibungen, davon die meisten im Stil der Amsterdamer Schule. Erst der letzte Entwurf aus dieser Zeit, ein Pavillon im Groninger Stadtpark von 1917, ist nahezu vollständig im Stil von Frank Lloyd Wright.van Bergeijk, S. 23–26 Heute wird dieser Entwurf unzweifelhaft als fortschrittlich angesehenvan Bergeijk, S. 25, das Urteil der damaligen Jury lautete jedoch: „Der Plan mag in seiner Ausführung durchaus interessant erscheinen, wird sich aber für eine Berglandschaft besser eignen als für den flachen Groninger Park.“Bericht der Jury von 1918 , S. 26. 1916 war Wils Sekretär der Architectura et Amicitia geworden und hatte sich als Architekt selbständig gemacht. Neben der Realisierung kleinerer Wohngebäude erhielt er in seinen frühen Jahren den Auftrag zur Planung eines landwirtschaftlichen Gehöfts in Winschoten (1916–1917) und einer Kapelle in Nieuw-Lekkerland (1916–1920).
De Stijl mini|hochkant|links|Van Doesburgs Fensterentwurf der Schule in Sint Anthoniepolder
1916 lernte Wils Theo van Doesburg kennen, entweder über Berlage, in der Künstlervereinigung Haagsche Kunstkring oder in dem von van Doesburg 1916 gegründeten Leidener Kunstclub De Sphinx. Sie stellten fest, dass sie ähnliche Ideen über moderne Architektur entwickelt hatten und begannen eine von einer persönlichen Freundschaft begleitete Zusammenarbeit. Die wohl ältesten Spuren ihrer Zusammenarbeit finden sich in einer Schule in Sint Anthoniepolder, die Wils 1916 entworfen hatte und für die van Doesberg 1917 auf seinen Auftrag hin ein farbiges Bleiglasfenster beisteuerte.van Bergeijk, S. 31
1918 gewannen Wils und van Doesburg den zweiten Platz eines Architekturpreises für den Entwurf eines Brunnendenkmals auf dem Bahnhofsplatz von Leeuwarden. Wils hatte die Platzaufteilung und van Doesburg das Monument entworfen.J.A.N. Patijn, H. Evers, H.P. Berlage, D.F. Tersteeg, L.N. Holsnoer: Juryrapport. Prijsvraag tot verfraaiing Stationsplein te Leeuwarden, Bouwkundig Weekblad vom 20. April 1918, S. 97–99. Online abrufbar bei der Bibliothek der TU Delft: ,
Ende 1917 lud van Doesburg Wils ein, in seiner kürzlich gegründeten Zeitschrift de Stijl zu publizieren, was er auch mit zwei Artikeln im ersten Jahrgang tat. Die sich um die Zeitschrift formierende Bewegung suchte nach einer Gesellschaftsordnung, in der alle Elemente egalitär, harmonisch und konfliktlos agieren, was den Gedanken Wils' sehr entgegenkam. 1918 unterzeichnete er neben Theo van Doesburg, Robert van ’t Hoff, Vilmos Huszár, Anthony Kok, Piet Mondriaan und Georges Vantongerloo das „Erste Manifest“ und gilt somit als Mitgründer der de Stijl-Gruppe.De Stijl, 2. Jahrgang, Nummer 1, November 1918, S. 2/3. Online abrufbar über Digital Dada Library. De Stijl wurde zu einer lockeren Künstlervereinigung, in dessen Zeitschrift sich Wils anfänglich inhaltlich intensiv beteiligte, sich bald aber zunehmend der Zeitschrift Het bouwbedrijf zuwendete, wo er schließlich Redakteur wurde. Wahrscheinlich hat es van Doesburg diesem Umstand zu verdanken, dass er dort ausgiebig publizieren konnte. Bald kam es aber zu Unstimmigkeiten und Auseinandersetzungen zwischen Wils und van Doesburg, die ihre Freundschaft und Zusammenarbeit zunehmend gefährdeten. Van Doesburg wollte Wils untersagen, in anderen Zeitschriften zu publizieren, besonders in Levende Kunst – einem Blatt, das er als direkte Konkurrenz zu de Stijl ansah. Gleichwohl veröffentlichte Wils dort 1918 „De nieuwe bouwkunst. Bij het werk van Frank Lloyd Wright.“ (Die neue Baukunst, gesehen durch das Werk von Frank Lloyd Wright), gefolgt von weiteren Veröffentlichungen in diesem und anderen Blättern.
miniatur|De Dubbele Sleutel in Woerden 1918 erhielt Wils den Auftrag für die Planung des Hotel-Cafés De Dubbele Sleutel in Woerden, in dem er die Ideen eines geometrisch-abstrakten, „asketischen“ Baustils und puristischer Funktionalität umsetzte, das er durch van Doesburg mit einem Farbkonzept betonen ließ. Das Bauwerk gilt als ein exemplarisches Beispiel der frühen Kunsttheorien der de Stijl-Gruppe.Architectural Excursions, S. 50
Die Situation zwischen den Freunden eskalierte 1919, als sich van Doesburg einerseits öffentlich beklagte, Wils habe ihn angesichts des Werts seiner künstlerischen Beteiligung an dem Bauvorhaben De Dubbele Sleutel nicht angemessen entlohnt und ihm andererseits Publikationen außerhalb von de Stijl definitiv untersagen wollte.Freijser, S. 59 Als Folge zog sich Wils 1919 von van Doesberg zurück und beendete seine aktive Mitgliedschaft in der Gruppe de Stijl. Gleichwohl beteiligte er sich im Juli 1920 zusammen mit den de Stijl-Künstlern an der von dem Haagsche Kunstkring veranstalteten Ausstellung La Section d'Or (Goldener Schnitt), wo er eine Goldmedaille gewann.
Zum endgültigen Bruch mit van Doesburg kam es nach Wils' Erinnerung erst nach dem Bau des Olympiastadions um 1928. „Er wollte uns beherrschen und Diktatorchen spielen“, schrieb er 1965 in einem Brief an Hendrik Theo Wijdeveld, dem Herausgeber der Zeitschrift Wendingen.Der Brief befindet sich im Wils-Archiv des Niederländischen Architekturinstituts, siehe auch van Bergeijk, S. 32
Wils und Eileen Gray