mini|hochkant|Wappen der ehemaligen Stadt und des heutigen Hammer Stadtbezirkes am ehemaligen Rathaus von Bockum-Hövel
Die Geschichte der beiden Dörfer Bockum und Hövel, die heute zum Stadtbezirk Hamm-Bockum-Hövel der Stadt Hamm in Westfalen gehören, ist von ihrer Grenzlage zwischen dem Bistum Münster und der Stadt Hamm geprägt. Letztere gehörte bis 1609 zur Grafschaft Mark, dann zu Preußen. Bockum-Hövel und Heessen, die nördlich der Lippe liegen, gehören noch heute zum Bistum Münster, während die südlich der Lippe gelegenen Stadtbezirke Teil des Erzbistums Paderborn sind.
Bis 1905 waren Bockum und Hövel rein landwirtschaftlich geprägt. Erst als am 13. März 1905 der erste Spatenstich für die Zeche Radbod getan wurde, begann die Industrialisierung. Der dadurch bedingte Bevölkerungszuwachs führte zum Zusammenwachsen der beiden Dörfer. 1939 schlossen sie sich zur Gemeinde Bockum-Hövel zusammen. Am 20. März 1956 wurden ihr die Stadtrechte verliehen. Im Rahmen der Gebietsreform in Nordrhein-Westfalen von 1975 wurde die Stadt Bockum-Hövel mit einem Teil von Hamm-Norden, der bis dahin zur Stadt Hamm gehört hatte, als Stadtbezirk Hamm-Bockum-Hövel in die neue Großstadt Hamm eingegliedert.
Vorindustrielle Zeit Jäger- und Sammlerspuren Der Haarstrang stellte die südliche Grenze der Maximalausdehnung der Gletscher vor 160.000 Jahren dar (Drenthe-Stadium der Saale-Kaltzeit). Im Gebiet der Gemeinde erhob sich eine 300 bis 400 m hohe Eisschicht,Fritz Schumacher, Hartmut Greilich: Bockum-Hövel. Aus Geschichte und Heimatkunde, Regensberg, Münster 1956, S. 15. die menschliche Besiedlung unmöglich machte. Neben den bekannten Findlingen brachten die Eismassen große Mengen an Feuerstein mit.Michael Becker: Der Raum Unna von den Anfängen bis zur Römerzeit, S. 1. Entlang der Lippe kam es zwischen 70.000 und 50.000 Jahren vor heute zu Kiesablagerungen, die zeitlich einer starken Erosionsphase folgten. In diesen als „Knochenkiese“ bekannten Ablagerungen fanden sich nicht nur die namengebenden Tierknochen, sondern auch vereinzelt Werkzeuge, zuletzt im Jahr 2008 ein von einem Neandertaler angefertigtes Klingenmittelstück.Michael Baales: Siedlungsreste des Neandertalers aus den Knochenkiesen von Lippe und Emscher, in: Georg Eggenstein (Hrsg.): Mensch und Fluss. 7000 Jahre Freunde und Feinde, Ausstellungskatalog. Kamen/Bönen 2010, S. 34–42 (online, PDF). mini|Kennzeichnend für das Jungpleistozän in Europa sind die Weichsel-/Würm-Kaltzeiten (hier im Vergleich zum älteren Saale/Riß-Komplex). Die Gletschervorstöße waren von wärmeren Perioden unterbrochen. Ab etwa 40.000 v. Chr. besiedelte der ebenfalls aus Afrika eingewanderte Cro-Magnon-Mensch diese Gebiete. Menschliches Leben wurde im Raum Bockum-Hövel abermals nach der letzten Kaltzeit möglich, als die Schmelzwasserfluten der Eisdecke, die in dieser Kaltzeit bis an die Ruhr reichte, durch das Urstromtal der Lippe abgeflossen waren, der Boden sich mit Pflanzen bedeckt hatte und auch die Tierwelt wieder in diese Gegend zurückkehrte. Beim Bau des Lippe-Seitenkanals fand man einen Mammutzahn und bei der Anlegung eines Sportplatzes das Geweih eines Riesenhirsches. Es gehörte ursprünglich zur Sammlung des 1961 gegründeten Heimatmuseums in der Klostermühle, doch gelangte es durch die Auflösung des Bockum-Höveler Heimatmuseums 1975 in den Besitz des Städtischen Gustav-Lübcke-Museums Hamm.Fritz Schumacher, Hartmut Greilich: Bockum-Hövel. Aus Geschichte und Heimatkunde, Regensberg, Münster 1956, S. 16.
Frühbäuerliche Kulturen, Metallzeitalter Die Jagd spielte für die Nahrungsbeschaffung auch im Neolithikum mit seinen bäuerlichen Lebensformen eine bedeutende Rolle. Dabei verlangte die Neuorientierung in Richtung Lebensmittelproduktion einen leichten, trockenen Boden, der eine Bearbeitung mit einfachen Ackergeräten zuließ. Die neue Lebensform setzte hier Mitte des 6. Jahrtausends v. Chr. durch Zuwanderer aus Südosteuropa und letztlich dem Nahen Osten ein. Bei der Durchforstung des Hallohbuschs im Jahr 1926 fand man eine Feuerstelle.Fritz Schumacher, Hartmut Greilich: Bockum-Hövel. Aus Geschichte und Heimatkunde, Regensberg, Münster 1956, S. 16.
Ein bronzezeitlicher Spinnwirtel bezeugt, dass man hier spätestens 1000 v. Chr. die Kunst des Webens beherrschte. Die Toten wurden verbrannt und die Asche in Urnen beigesetzt. Ein spätbronzezeitlicher Urnenfriedhof aus der Zeit um 800 v. Chr. liegt auf dem nördlichen Lippeufer und erstreckt sich von der Zeche Radbod ostwärts bis weit in das Hammer Stadtgebiet. Hier entdeckte Ortsheimatpfleger Arthur Schauerte nach dem Ersten Weltkrieg Tonurnen mit Brandresten.Arthur Schauerte: Ein Rückblick, in: Stadt Bockum-Hövel (Hrsg.): Das Werden und Wachsen von Bockum-Hövel, Westfalendruck, Dortmund 1958, S. 6 f. Diese Funde sowie beigegebene Gefäße befinden sich im Besitz des Gustav-Lübcke-Museums.Fritz Schumacher, Hartmut Greilich: Bockum-Hövel. Aus Geschichte und Heimatkunde, Regensberg, Münster 1956, S. 18.
Brukterer und Römer (1. Jahrhundert v. Chr. bis 5. Jahrhundert n. Chr.) mini|Feldzüge der Jahre 4 bis 5 n. Chr. unter Tiberius Sämtliche schriftlichen Zeugnisse stammen von Römern. Zu dieser Zeit gehörte die Region zum Gebiet der Brukterer, an deren Namen der Brukterergau erinnert, der unter fränkischer Herrschaft entstand. Sie wurden 12 v. Chr. durch Drusus besiegt, dann im Zuge des immensum bellum, eines Aufstandes, im Herbst 4 n. Chr. von Tiberius unterworfen. Sie gehörten zu den Stämmen, die 9 n. Chr. an der Varusschlacht beteiligt waren. Germanicus verheerte 15 n. Chr. das Gebiet der Brukterer großflächig (Germanicus-Feldzüge).Brukterer, § 2 (Historisches). In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Bd. 3 (1978), S. 585. 69/70 nahmen die Brukterer am Bataveraufstand unter Iulius Civilis teil. Vor dem Jahr 98 wurden sie von Angrivariern und Chamaven laut Tacitus fast vollständig ausgelöscht.Tacitus, Germania 33. Vgl. Ulrich Nonn: Die Franken, Stuttgart 2010, S. 21. Die Brukterer flohen jedenfalls in das Gebiet der mit ihnen verbündeten Tenkterer und ließen sich südlich der Lippe nieder. Als Konstantin der Große im Jahr 306 von seinen Truppen in Britannien zum Kaiser ausgerufen wurde, nutzten einige Stämme seine Abwesenheit aus und überfielen römisches Gebiet. Daran waren auch Brukterer beteiligt, die nun von den Römern zum Stammesverband der Franken gezählt wurden.Vgl. Eugen Ewig: Die Franken und Rom (3.–5. Jahrhundert). Versuch einer Übersicht, in: Rheinische Vierteljahrsblätter 71 (2007), S. 1–42.
Entlang der Lippe drangen römische Armeen von 12 vor bis 16 nach Christus mehrere Male vor. Eine Marschstraße führte von Xanten aus am südlichen Lippeufer entlang bis in die Gegend von Hamm, überquerte dort den Fluss und verlief dann weiter in Richtung Wiedenbrück. An dieser Straße lagen die beiden großen Römerlager Haltern und Oberaden. Im 56 ha umfassenden Oberaden fanden zwei Legionen zu ca. 4500 Mann Platz. Einige Forscher verfolgten die These, dass das urkundlich belegte Römerlager Aliso bei Bergkamen oder auf dem Gebiet von Bockum-Hövel zu finden gewesen sein soll. Jacob Schneider erwähnte 1878 noch Reste der Straße zwischen Bockum und „dem Hause Geinige“.Jacob Schneider: Die römischen Militärstrassen an der Lippe und das Castell Aliso nach eigenen Localforschungen dargestellt, in: Jacob Schneider (Hrsg.): Neue Beiträge zur alten Geschichte und Geographie der Rheinlande, Düsseldorf 1878, S. 10 (online). In Bockum-Hövel erinnert die Römerstraße an diese Zeit.
Sachsen Die Region wurde durch die Sachsen in Besitz genommen, die ihr Einflussgebiet so weit ausdehnten, dass es letztlich alle nordwestdeutschen Stämme umfasste. Das Stammesherzogtum Sachsen gliederte sich danach in Westfalen, Ostfalen, Engern und Nordalbingien. Doch die sächsische Binnenorganisation ist seit langem umstritten und von den jeweiligen zeitgebundenen Vorstellungen geprägt.Matthias Springer: Die Sachsen, Kohlhammer, Stuttgart 2004, S. 57–96. Nach der im 19. Jahrhundert entwickelten Vorstellung – die an administrative staatliche Hierarchien gewöhnt war – teilten die Sachsen ihr Siedlungsgebiet in Gaue ein. Gemäß dieser Konstruktion einer Verwaltungsstruktur in „altsächsischer“ Zeit gehörte Bockum-Hövel zum Dreingau, der zwischen den heutigen Städten Beckum, Greven und Werne lag. Die Südgrenze bildete demnach die Lippe. An der Existenz sächsischer Gaue wird inzwischen gezweifelt; Matthias Springer hält sie für eine „Schöpfung“ Karls des Großen oder seiner Nachfolger.Matthias Springer: Die Sachsen, Kohlhammer, Stuttgart 2004, S. 149.
Fritz Schumacher und Hartmut Greilich haben 1956 in ihrem Heimatbuch Bockum-Hövel (Neuauflage 2002) auf ein „für unsere Heimat interessantes Forschungsergebnis“ des Cappenberger Pfarrers Stephan Schnieder aufmerksam gemacht: Karl der Große habe wiederholt Sachsen mit ihren Familien in fränkische Gebiete umgesiedelt. Sie hätten ihre Ortsnamen mitgenommen. Für eine solche Umsiedlung aus dem Raum Bockum-Werne in den Raum Bochum seien ähnliche Ortsnamen in beiden Gebieten ein „überzeugender Beweis“. Dagegen hat Peter Hertel bereits 1970 vor „voreiligen Schlüssen“ gewarnt. „Spekulationen über die Umsiedlung“ von „rebellischen Sachsen“ gebe es „genug“.
Südlich zur Lippe hin schloss sich die heutige Bauerschaft Merschhoven an. Sie wurde früher Da(h)lbockum genannt. Dort befanden sich der gleichnamige Hof und der Hof Frye to Dahlbockum (heute Frey). Zahlreiche Scherben, die an der Bockumer Straße beim Gehöft Lange gefunden wurden, belegen, dass auch an dieser Stelle Sachsen lebten. Aus der Merowingerzeit ist nur ein Einzelfund von 1826 aus Holsen, eine Münze, überliefert.Hans Gebhart, Konrad Kraft, Maria R. Alföldi: Die Fundmünzen der römischen Zeit in Deutschland, Gebr. Mann, Trier 1971, n. 4036, S. 43.
Fränkische Herrschaft, Christianisierung – Bauern, Freibauern, Grundherren Als Folge des fränkischen Sieges über die Sachsen in den Kriegen ab 772 wurde 804 das Bistum Münster gegründet. Dessen erster Bischof Liudger ließ Kirchen und Klöster errichten, darunter die St. Victor geweihte Pfarrei in Herringen. Ihr Patronat entstammte St. Victors Hauptkirche in Xanten. St. Victor in Herringen wurde zur Stammpfarrei mehrerer Kirchen des Kreises Hamm, etwa in Kamen, Bönen und Rhynern. Ebenfalls durch Liudger wurde die Pfarre in Ahlen gegründet, zu deren Sprengel Hövel lange Zeit zählte, und die Pfarre im erstmals um 834 urkundlich erwähnten, jedoch wahrscheinlich schon um 800 entstandenen Werne, von der später Bockum abgepfarrt wurde.Fritz Schumacher, Hartmut Greilich: Bockum-Hövel. Aus Geschichte und Heimatkunde, Verlag Regensberg, Münster 1956. Neuauflage 2002, S. 20.
Mit der Christianisierung im Frühmittelalter verschwand die Totenverbrennung. Von diesem Umbruch in der Art der Bestattung zeugen zwei Baumsärge, dte man beim Ausheben der Fundamente für den Neubau der Bockumer Kirche fand. Der eine, der Skelettknochen und Schädelreste enthielt, wurde 1907 vom Museum für Völkerkunde Berlin erworben. Er ging im Zweiten Weltkrieg verloren. Der andere gehört zur Sammlung des Hammer Gustav-Lübcke-Museums. Der Versuch einer Dendro-Datierung dieses Baumsarges war ergebnislos. Jedoch liegen Parallelen zu einem Baumsarg aus Hamm-Rhynern nahe, der sich ebenfalls im Gustav-Lübcke-Museum befindet. Sein Eichenstamm wurde um 935 gefällt.Franz Bäumer (verantw.), Johannes Werges, Günther Bachtrop, Hermann-Josef Dörholt, Anneliese Langenstroth, Andreas Weber: St. Stephanus Bockum 1907–2007, Kath. Pfarrgemeinde Heilig Geist Bockum-Hövel, Gemeinde St. Stephanus Bockum (Hrsg.), Löcke Druck, Hamm 2006, S. 50 f.