Die heute noch bestehende Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SP) ist am 21. Oktober 1888 in Bern gegründet worden. Ihre Vorgängerorganisationen waren verschiedene Arbeitervereine, kantonale Sozialdemokratische Parteien, der Arbeiterbund und in gewissem Masse auch der Grütliverein.

Die ersten Versuche einer Parteigründung: Grütliverein und Sozialdemokratie miniatur|«Das neue Verhältnis zwischen Arbeiter und Unternehmer». Karikatur von 1896 auf die schlechten Arbeitsbedingungen in schweizerischen Unternehmungen aus Sicht der Arbeiterbewegung in der satirischen Zürcher Zeitschrift «Der neue Postillon» Die älteste Organisation der schweizerischen Arbeiterbewegung war der Grütliverein, der 1838 in Genf gegründet wurde und sich bis 1843 über die ganze Schweiz ausbreitete.Zum Grütliverein siehe Gruner: Die Arbeiter in der Schweiz. S. 468–504. Seine Mitglieder bezeichneten sich als «Grütlianer». Sie sahen ihren Verein als «Vereinigung gesunden nationalen und sozialen Strebens» und widmeten sich vor allem der Bildung der Arbeiterschaft. Anfänglich gehörten dem Grütliverein vor allem Handwerksgesellen an, später auch Arbeiter. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts betonten die Statuten den ständeübergreifenden Charakter des Vereins. Erst durch die Statuten von 1849 wandte sich der Grütliverein stärker der Politik zu, zuerst vor allem im Sinn der freisinnigen Bewegung, d. h. Demokratisierung und Zentralisierung der Eidgenossenschaft waren ein Hauptanliegen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vertraten die städtischen Vereine zunehmend eine dem Sozialismus zuneigende linke Tendenz und wurde zu einem «Stosstrupp der demokratisch-sozialen Erneuerungsbewegung».Gruner: Die Arbeiter in der Schweiz. S. 475.

Aufsehen erregte der Anschluss des führenden Grütlianers Albert Galeer an die 1849 in Genf gegründete kantonale Sozialdemokratische Partei, wenn dies auch auf den Verein als Ganzes vorerst keine Auswirkungen hatte. Der Verein vertrat zunehmend politische Anliegen der Arbeiterschaft auf nationaler und kantonaler Ebene. 1874 wurden die Statuten dahingehend verändert, dass als Vereinsziel «die Entwicklung des politischen und sozialen Fortschrittes im Schweizerlande und die Förderung des nationalen Bewusstseins auf demokratischer Grundlage» festgelegt wurde. Der Grütliverein spielte bei verschiedenen Abstimmungskämpfen eine wichtige Rolle als Interessenvertreter der Arbeiterschaft, so beim Kampf um das Fabrikgesetz von 1877 ohne sich dabei klar marxistische bzw. sozialistisch auszurichten. Die Mitgliederzahlen erreichten im Jahre 1890 mit rund 16'000 Mitgliedern einen Höchststand. Verschiedene Versuche, den Verein in eine Partei umzuwandeln scheiterten. Allerdings war der Verein durch einige Mitglieder im Nationalrat tatsächlich politisch vertreten.

Einen ersten Versuch zur Gründung einer Sozialdemokratischen bzw. Sozialistischen Partei der Schweiz gab es 1870 in Zürich anlässlich eines allgemeinen sozialistischen Kongresses auf die Initiative von Herman Greulich, dem Gründer und Redaktor der Arbeiterzeitung Tagwacht. Die Partei konnte sich jedoch neben dem Grütliverein, den deutschen Arbeitervereinen sowie den Sektionen der Ersten Internationalen nicht behaupten. Nachdem die Auseinandersetzungen zwischen den Marxisten und den Anarchisten 1872 zur Spaltung der Internationalen geführt hatten, versuchte man vergeblich, 1873 alle Gruppierungen der Arbeiterbewegung im Alten Arbeiterbund zusammenzufassen. 1880 wurde der Arbeiterbund deshalb am Oltener Kongress der schweizerischen Arbeiterbewegung wieder aufgelöst und die Sozialdemokratische Partei erneut gegründet. Parallel dazu wurden der Schweizerische Gewerkschaftsbund und die Arbeiterstimme als neues Parteiorgan aus der Taufe gehoben. Auch die zweite Parteigründung erwies sich mangels geeigneter Führer und wegen Geldmangel als nicht überlebensfähig. miniatur|Herman Greulich (Mitte) mit seinen Mitarbeitern im Schweizerischen Arbeitersekretariat, ca. 1889 1883 fanden sich sozialdemokratisch gesinnte Vertreter des Grütlivereins, Gewerkschafter und die Vertreter der glücklosen Partei zu einem Komitee zusammen, das eine Reorganisation der Partei an die Hand nahm. Unter der Leitung des freisinnigen Berner Rechtsanwalts Albert Steck wurde schliesslich 1888 die Partei zum dritten und bisher letzten Mal neu gegründet. Eigentlich war diese dritte Gründung nur eine Wiederbelebung, da die Partei aber eine grundsätzlich andere Ausrichtung als 1880 hatte, kann von einer «Neugründung» gesprochen werden.Gruner: Die Parteien der Schweiz. S. 130 Steck entwarf selber das erste Parteiprogramm, das als Hauptziel der Partei die Vergesellschaftung der Produktionsmittel bezeichnete und eher am Konzept des ethischen Sozialismus orientiert war als am Marxismus. Die Sozialdemokratische Partei der Schweiz schien deshalb zu Anfang als eine «Verlängerung des Freisinns auf den vierten Stand» in grütlianischer Tradition.Dommer: Entstehung und Entwicklung der schweizerischen Sozialdemokratie. S. 131. Der Grütliverein blieb aber auch jetzt als viel bedeutendere Arbeiterorganisation neben der SP bestehen.

Entwicklung bis zum Ersten Weltkrieg miniatur|Erste Nummer der Tageszeitung Volksrecht, 1. April 1898, dem Organ der Sozialdemokratischen Partei in Zürich mini|Wahlpropaganda für die Zürcher Kandidaten der Arbeiterschaft im Vorfeld der "Nationalrats-Wahlen 1899", auf der Rückseite die Kandidatennamen Otto Lang, Herman Greulich, M. Fähndrich, Robert Seidel, Jakob Vogelsanger, Friedrich Erismann miniatur|Die «Kapelle Greulich», die sieben Vertreter der SP im Nationalrat zwischen 1908 und 1911: Herman Greulich aus Zürich, Howard Eugster aus Hundwil, Mario Ferri aus Lugano, Heinrich Scherrer aus St. Gallen, August Rickli aus Langenthal, Alfred Brüstlein aus Bern sowie Friedrich Studer aus Winterthur 1893 reformierte der Grütliverein unter dem Eindruck der Verstärkung der sozialistischen Ausrichtung seiner Mitglieder seine Statuten dahingehend, dass er sich als «proletarische Klassenorganisation» definierte. Das Zusammenrücken der beiden Organisationen mündete schliesslich 1902 in der «Solothurner Hochzeit», als die Führungsspitze der SP und des Grütlivereins fusioniert wurden und der mächtige Grütliverein der noch relativ unbedeutenden SP beitrat. Erst durch diesen Schritt gelang die definitive Festigung der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz. Der Grütliverein hielt allerdings auch innerhalb der SP bis zu seiner Auflösung 1925 daran fest, dass die soziale Frage friedlich innerhalb des demokratischen Staates gelöst werden könne.Gruner: Die Arbeiter in der Schweiz. S. 504.

Auf politischer Ebene konnte die SP bis zum Ersten Weltkrieg kaum Erfolge verbuchen, da das Majorzwahlverfahren in den schweizerischen Parlamentswahlen ihren Aufstieg behinderte. Bei den Wahlen 1890 wurde Jakob Vogelsanger zum ersten sozialdemokratischen Nationalrat gewählt. Obwohl gemäss zeitgenössischen Quellen ca. 64'000 der 350'000 schweizerischen Stimmberechtigten sozialdemokratisch wählten,Giovanoli: Die Sozialdemokratische Partei. S. 27. gelang es bis 1902 lediglich sieben Sozialdemokraten, einen Sitz im Nationalrat zu gewinnen. Sie bildeten im Rat die von bürgerlichen Politikern belachte und beargwöhnte sog. «Kapelle Greulich». Ein Ständeratsmandat konnte erst 1911 erobert werden. Zwei Volksinitiativen zur Einführung des Proporzes bei den Nationalratswahlen scheiterten 1900 und 1910.Volksinitiative «für die Proporzwahl des Nationalrates». Abgelehnt in der Volksabstimmung vom 23. Oktober 1910 mit 52,5 % Nein-Stimmen. Erfolgreicher war die Partei auf kommunaler und kantonaler Ebene. Unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg stieg die Zahl der sozialdemokratischen Nationalräte 1911 auf 18. Im Jahr 1913 gelang es der SP, zusammen mit den Katholisch-Konservativen, eine neue Initiative zur Einführung der Proporzwahl für den Nationalrat zu lancieren, die am 13. Oktober 1918 von Volk und Ständen angenommen wurde.Volksinitiative «für die Proporzwahl des Nationalrates», angenommen in der Volksabstimmung vom 13. August 1918 mit 66,8 % Ja-Stimmen und 17 5/2 Standesstimmen.Fritz Studer: Erinnerungen an die Kämpfe für die Einführung des proportionalen Wahlverfahrens, in: Rote Revue, Band 23 (1943–1944), Heft 3, S. 81–89. doi:10.5169/seals-334944 (PDF)

Die Zunahme der Arbeitskämpfe und die sich häufenden Ordnungsdiensteinsätze von Polizei und Militär gegen die streikende oder protestierende Arbeiterschaft radikalisierte die sozialdemokratische Bewegung zusehends. Als 1904 das Parteiprogramm revidiert werden sollte, setzte sich deshalb der «marxistische» Programmentwurf des orthodoxen Marxisten Otto Lang durch. Die SP bekannte sich darin klar zum Marxismus, womit eine starke Dogmatisierung einherging. Daraus ergaben sich zahlreiche Widersprüche zur politischen Praxis, da sich ein Bekenntnis zur schweizerischen Demokratie schlecht mit den Thesen des Marxismus vereinbaren liess. Die neuen Grundsätze der Partei waren in der breiten Bevölkerung nicht sonderlich populär; besonders die Ideen des Klassenkampfs und des Internationalismus wurden als «unschweizerisch» angesehen und brachten der SP wegen ihrer zunehmenden Anlehnung an die deutsche Sozialdemokratie und der zahlreichen Ausländer in den Gewerkschaften den Ruf einer «Ausländerpartei» ein.Gruner: Die Parteien der Schweiz. S. 131f.

Im Parteiprogramm von 1904 wurden zahlreiche Politikbereiche angesprochen, die als Schwerpunktthemen bis zum Ersten Weltkrieg für die SP aktuell blieben. Die Demokratisierung des Heerwesens, die Abschaffung der Militärjustiz besonders in Friedenszeiten, soziale Abfederung der Kosten des Militärdienstes für die Milizsoldaten, der Ausbau der Koalitionsfreiheit, das Streikrecht, die Einführung des Proporzwahlrechts auf Bundesebene, Volkswahl des Bundesrates, staatliche Massnahmen gegen Monopole und Kartelle sowie ein weiterer Ausbau der Volksrechte. Daneben wurde in marxistischem Sinne eine weitgehende Verstaatlichung von Teilen der Wirtschaft, sozialer Wohnungsbau, die Einführung von Reichtumssteuern etc. gefordert. Mehrere Parteitage kamen jedoch zum Schluss, dass klassenkämpferische Zwangsmittel wie der Generalstreik in der Schweiz angesichts ihrer demokratischen Organisation nicht durchführbar seien.