Die Waldsiedlung ist eine anderthalb Quadratkilometer große Wohnsiedlung, die als geschlossene Siedlung für die Mitglieder und Kandidaten des Politbüros des ZK der SED (Nomenklatura) gebaut und bekannt wurde. Die ab 1958 entstandene Anlage wird häufig wegen der Nähe zum Ort Wandlitz auch als Waldsiedlung Wandlitz (oder umgangssprachlich nur Wandlitz) bezeichnet, liegt jedoch nicht auf dem Gebiet des Ortes. Das bewachte Gelände wurde nach dem Ende der DDR geöffnet, umgestaltet und zu großen Teilen neu bebaut.
Die Waldsiedlung liegt auf dem Gebiet der Stadt Bernau bei Berlin und ist seit dem Jahr 2001 als Wohnplatz ausgewiesen. Im Juni 2017 wurde die historische Bebauung der Siedlung unter Denkmalschutz gestellt.Jens Blankennagel: Ulbrichts Haus steht unter Denkmalschutz. Die Waldsiedlung, das Zuhause des SED-Politbüros, gilt nun offiziell als historisch wertvoller Ort. In: Berliner Zeitung, 17./18. Juni 2017, S. 16. (Printausgabe). (online: ).
Geschichte Bau und Bezug mini|Bebauungsplan Waldsiedlung 1959–1989
Die Siedlung wurde 1958 bis 1960 auf Beschluss des SED-Politbüros inmitten eines Waldgebietes gebaut, das bei der einheimischen Bevölkerung als Schießstände bekannt war. Die fertige und auf keiner Landkarte verzeichnete Siedlung umfasste 23 Mehrfamilienhäuser und unterstand der Hauptabteilung Personenschutz des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Die Wohnsitze der Mitglieder des Politbüros konnten dort besser gesichert werden als bis dahin in den Villen am Majakowskiring in Berlin-Niederschönhausen. Den Wohnsitz in die Waldsiedlung zu verlegen, war mit der Berufung in das Politbüro für in Berlin tätige Mitglieder obligatorisch.
Sicherung mini|Mauer am Westrand des Areals in Originalhöhe, Innenansicht, August 2010
Die Abschirmung war von außen nicht unmittelbar erkennbar. Der äußere Ring wurde durch einen Maschendrahtzaun umsäumt, an dem Schilder mit dem Hinweis auf ein Wildforschungsgebiet hingen. Der innere Ring, der nur teilweise vom äußeren Ring umschlossen war, war mit einer zwei Meter hohen und rund fünf Kilometer langen grün angestrichenen Beton-Sicherungsmauer umgeben und durfte nur mit Sonderausweis betreten werden. Das Gelände mit seinen vier Toren wurde vom Wachregiment „Feliks Dzierzynski“ gesichert. Zusätzlich war die PS-Wache (Hauptabteilung Personenschutz) eingesetzt. Insgesamt bestand der Sicherungsbereich aus 33 Postenbereichen, einschließlich der Postenbereiche 32 (Badestelle Liepnitzsee) und 33 (Haus am See – Sommerhaus der sowjetischen Botschaft). Zwei Posten waren in vorgelagerten Wachtürmen untergebracht. Die Bewachung wurde als „Militärisch-operativer Sicherungsdienst“, unter Diensttuenden mit „MOS“ bezeichnet. Das Wachpersonal umfasste rund 140 Personen.Andreas Malycha: Die SED in der Ära Honecker. De Gruyter Oldenbourg, Berlin 2014, S. 21
Die Sicherungsposten hatten einen pilzförmigen Unterstand mit Postentelefon. Die Tore wurden zusätzlich zu den Posten auch per Video überwacht. Die grüne Mauer war nachts etwa alle 30 Meter mit einer Leuchtstofflampe beleuchtet. Bei Nebel wurde eine zweite nach oben leuchtende dazugeschaltet. In einigen Abschnitten waren Signalanlagen auf der Mauer befestigt. Die Posten hatten jeweils 24 Stunden Dienst und wurden in dieser Zeit vier Mal abgelöst.
Leben in der Siedlung zwischen 1960 und 1990 mini|Ehemaliges Ladenkombinat
Die ersten Bewohner zogen im Sommer 1960 in die Waldsiedlung ein. Sie bestand im inneren Ring zunächst aus 21 ein- und zweistöckigen Einfamilienhäusern mit teils 7 und teils 15 Zimmern, letztere mit bis zu 180 Quadratmetern Grundfläche, einem Klubhaus mit Arztpraxis, Schwimmbad, Sauna, Kino und Gaststätte, einem Jagd- und Handfeuerwaffen-Schießstand und einem Sportplatz mit Tennisanlage. Im sogenannten äußeren Ring gab es unter anderem eine Gärtnerei, eine Poliklinik, einen Busbahnhof mit Tankstelle, Waschplatz und Garagen sowie Wohn- und Sozialgebäude und eine Kaufhalle für Angestellte und Wachpersonal. Im inneren Ring der Siedlung wohnten die Funktionäre des SED-Politbüros auf vergleichsweise hohem Niveau. Ihnen und ihren Familien stand ein Ladenkombinat zur Verfügung mit hochwertigen Erzeugnissen, teilweise mit Importwaren sowie eine Änderungsschneiderei und ein Friseur. Verantwortlich für die Erfüllung aller Wünsche war der Sektor Letex des Bereichs Kommerzielle Koordinierung. Als während der friedlichen Revolution im November 1989 die Sendung Elf 99 des DDR-Fernsehens eine Reportage über Wandlitz ausstrahlte, steigerte dies die Empörung der Bevölkerung über das Regime, dabei war zu diesem Zeitpunkt das Sortiment des Ladenkombinats schon deutlich reduziert. Mit Bezug auf die zahlreichen dort verkehrenden Volvos kursierte für die Waldsiedlung die scherzhafte Bezeichnung Volvograd.
Ein Stab von über 60 Hausangestellten (alles MfS-Angestellte mit militärischem Dienstgrad) sorgte sich in den Politikerhaushalten in der Waldsiedlung und den Ferienobjekten bei auswärtigen Aufenthalten um alle Aspekte des täglichen Lebens. Insgesamt wurden 650 Bedienstete im Personenschutz, im Unterhalt der technischen Infrastruktur, als Gärtner, Kraftfahrer, Verwaltungskraft etc. in der Siedlung beschäftigt. Die Mitglieder der Partei- und Staatsführung wohnten zwar mit Ausnahme Honeckers in Zweifamilienhäusern, waren aber durchweg von der eigenen Bevölkerung abgeschottet und leisteten sich einen Lebensstil, der weit über dem eines normalen DDR-Bürgers lag. Dies trug zur Entfremdung zwischen der Führung und dem Volk bei und wurde während der Wende, aber auch schon zuvor, immer wieder scharf kritisiert. Die Verwaltung der Siedlung betrieb eine eigene Müllabfuhr, die dafür zu sorgen hatte, dass Müll und Abfall nicht zu einer kommunalen Deponie gebracht wurden. So erfuhr die DDR-Bevölkerung nichts über die Versorgung der Siedlungsbewohner mit hochwertigen Konsumgütern.Bernd Brückner: An Honeckers Seite. Der Leibwächter des Ersten Mannes. Verlag Das Neue Berlin. Berlin 2014, S. 100.
1989 wurde die Dokumentation Wandlitz: Einzug ins Paradies von Jan Carpentier veröffentlicht.
Ehemalige Bewohner der Waldsiedlung Nach damaligen Hausnummern vorsortiertQuelle: Paul Bergner: Die Waldsiedlung, Seite 273.
Hausnummer Bewohner zuletzt ausgeübte ehemalige Funktion Amtszeit Bild, ggf. Bemerkung 1 Otto Grotewohl Willi Stoph Vorsitzender des Ministerrates Vorsitzender des Ministerrates 1949–19641976–1989 140x140px|rechts 2 Erich ApelErich Mückenberger Vorsitzender der Staatlichen Plankommission 1963–1965 140x140px|rechts 3 Hermann MaternHorst Sindermann Präsident der Volkskammer 1976–1989 140x140px|rechts 4 Egon KrenzWerner LamberzBruno Leuschner Vorsitzender des StaatsratesVorsitzender der Staatlichen Plankommission 19891952–1961 140x140px|rechts heute Bussardweg 4 5 Günther KleiberAlfred KurellaHeinrich Rau 140x140px|rechts heute Bussardweg 5, Bauzustand 2024 6 Günter MittagWilli Stoph Vorsitzender des Ministerrates 1976–1989 140x140px|rechts 7 Gerhard Schürer ab 1973,zuvor Walter Ulbricht Vorsitzender der Staatlichen PlankommissionVorsitzender des Staatsrates 1965–19891960–1973 140x140px|rechts 8 Werner Krolikowski 140x140px|rechts 9 Horst DohlusFriedrich Ebert Oberbürgermeister von Ost-Berlin 1948–1967 140x140px|rechts 10 Alfred Neumann 140x140px|rechts 11 Erich HoneckerMargot Honecker Vorsitzender des StaatsratsEhefrau Erich Honeckers, Ministerin für Volksbildung 1976–19891963–1989 140x140px|rechts heute Habichtweg 5, Bauzustand 2010 12 Joachim HerrmannHerbert WarnkeVorsitzender des FDGB 1948–1975 140x140px|rechts 13 Paul Verner 140x140px|rechts 14 Erich Mielke Minister für Staatssicherheit 1957–1989 140x140px|rechts 15 Edith BaumannWerner Jarowinsky 140x140px|rechts 16 Hermann AxenGeorg EwaldKonrad Naumann 140x140px|rechts 17 Herbert HäberAlbert Norden 140x140px|rechts 18 Kurt Hager 140x140px|rechts 19 Gerhard GrünebergGünter Schabowski 140x140px|rechts 20 Walter HalbritterIngeburg LangeKarl Mewis Vorsitzender der Staatlichen Plankommission 1961–1963 140x140px|rechts 21 Hermann AxenOtto Grotewohl Vorsitzender des Ministerrates 1949–1964 140x140px|rechts 22 Harry Tisch Mitglied des Politbüros des Zentralkomitees der SED und Vorsitzender des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes 140x140px|rechts 23 Friedrich EbertWerner Felfe Oberbürgermeister von Ost-Berlin 1948–1967 140x140px|rechts Die Liste zeigt auch, dass einige Familien mindestens einmal umzogen.
Umbauten während und nach der Wende Gesundheit und Gewerbe mini|hochkant|Erste Kurgäste in der Brandenburgklinik, Januar 1990 1989 mussten die DDR-Politiker auf Beschluss der DDR-Regierung unter Ministerpräsident Hans Modrow die Siedlung verlassen. 1990 wurde die Brandenburg Klinik Bernau als erstes großes Rehabilitationszentrum in den neuen Bundesländern auf dem Gelände der Waldsiedlung errichtet. Mit dem Tag der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 begann ein umfassendes Bau- und Renovierungsprogramm.
Außer den Reha-Kliniken und anderen neu gebauten Einrichtungen wurden die früheren Wohngebäude vermietet. Eine Vielzahl neuer Wohnhäuser ist hinzugekommen. Ein komplett angelegtes erweitertes Wegesystem mit den Hauptachsen Brandenburgallee (West-Ost-Richtung) und Kurallee (Nord-Süd-Richtung) erschließt den Bernauer Stadtteil.
Ab 1990 erfolgte die schrittweise Umwandlung der Häuser der Waldsiedlung in medizinische und Betreuungseinrichtungen unter der Leitung des ehemaligen stellvertretenden Ministers für Gesundheit der DDR Ulrich Schneidewind.Detail aus der Chronik der Wende vom rbb (online), abgerufen am 19. Dezember 2011. Per Dezember 2011 sind auf dem Gelände vorhanden:
mini|Haupthaus der Brandenburgklinik
Das Unternehmen Michels-Kliniken mit dem Komplex Brandenburgklinik (Brandenburgallee 1). Diese Klinik beheimatet Fachabteilungen für Neurologie in den Behandlungsphasen B (75 Akutbetten im Krankenhausbedarfsplan des Landes), C und D, Psychosomatik sowie Orthopädie und Kardiologie. Mit einer Aufnahmekapazität von insgesamt 700 stationären Patienten ist die BrandenburgklinikBrandenburgklinik das größte Haus im Unternehmensverbund der Michels-Kliniken. Die einzelnen Fachbereiche verteilen sich auf mehrere Häuser wie folgt: Klinik I Haus Brandenburg, Klinik II Haus Barnim, Klinik IV Haus Havelland, Klinik V Haus Potsdam (seit Oktober 2013, vorher Parkklinik,Website Brandenburgklinik mit dem Hinweis auf die erfolgte Umbenennung, abgerufen am 31. August 2014. Klinik VI Haus Berlin. Die Kindernachsorgeklinik Berlin-Brandenburg ist eine gemeinnützige familienorientierte Rehabilitationsklinik für herz- und krebskranke Kinder und Jugendliche mit 100 Betten. Sie wird durch „Carpe diem“, einen Förderverein für krebskranke Kinder, betreut.Website der Kinder-Nachsorgeklinik Alle Kliniken umfassen rund 1000 Betten. Das Wachkoma-Zentrum im Regine-Hildebrandt-Haus.Website mit Informationen zum Wachkoma-Zentrum Das Seniorenzentrum Haus Birkenhof für 99 Bewohner (Johann-Strauß-Straße 2).Webseite mit Informationen zum Seniorenzentrum Birkenhof Die Seniorenresidenz Lindenhof (Offenbachstraße 150), 2003 eröffnet, eine Wohnanlage mit insgesamt 65 Zwei- oder Dreizimmerwohnungen.Website Seniorenresidenz Lindenhof
Außerdem haben sich in einigen vorhandenen oder neu errichteten Hallen Firmen angesiedelt wie Möbel-Wolf (Lager, Spedition, Werksverkauf), eine Lebensmittelkette oder eine Gärtnerei.
Wohnbereich Ein Netz aus elf Straßen in West-Ost-Richtung und drei Straßen in Nord-Süd-Richtung erschließt das Gelände. Für die Bewohner gibt es Dienstleister wie Friseur, Kosmetik, Schneider, Arztpraxen, Restaurants und Imbiss. Eine Sonderschule für geistig behinderte Menschen und eine Montessorischule vervollständigen das Angebot.
Kunst in der Siedlung mini|Keiler von Waldemar Grzimek, heute Zufahrt Klinik I nahe Haupteingang