Der Dekan. Aus Spencer C. Spencers hinterlassenen Papieren. Gesammelt und herausgegeben von Dr. Elizabeth Ney, Bibliothekarin am Humanities Research Center, The University of Texas at Austin ist ein Roman von Lars Gustafsson. Die schwedische Ausgabe erschien erstmals unter dem Titel Dekanen im Jahr 2003, die deutsche Übersetzung von Verena Reichel 2004 im Carl Hanser Verlag unter der ISBN 3-446-20530-6. Der Verlag bezeichnete das Werk als einen philosophischen Thriller über das Böse.Klappentext
Inhalt Rahmenhandlung Wie schon in Der Tod eines Bienenzüchters gibt Gustafsson vor, dass die Aufschriebe des eigentlichen Erzählers nach dessen mutmaßlichem, aber nicht bestätigten Tod von einer dritten Person herausgegeben worden sind. Spencer C. Spencer, einst Dozent, später außerordentlicher Dekan an der University of Texas, hat an einem „hektischen Nachmittag“,Der Dekan, S. 8 über den nichts Näheres berichtet wird, seine Bankkonten geleert und sich in ein Motel in der Chihuahua-Wüste zurückgezogen, wo er unter dem Vorwand, geologische Forschungen zu betreiben, offenbar unter falschem Namen lebt. Hier verfasst er ein Manuskript über die zurückliegenden Jahre, das er zunächst im Sekretär seines Zimmers verwahrt, das jedoch später unter dem Reserverad seines verlassenen Wagens gefunden wird – durch Feuchtigkeitsschäden zum Teil unleserlich geworden und, wie Gustafsson die fiktive Herausgeberin im Juni 2002 vermuten lässt, auch von vornherein unvollständig. Spencer selbst bleibt verschwunden. Der Roman ist also als Fragment angelegt und stellt den Leser bewusst vor Leerstellen.
Spencers Bericht Spencer C. Spencer hat, als er den Dekan Paul Chapman kennenlernt, bereits vier Jahre an der Universität in Austin unterrichtet. Er ist von Haus aus Philosoph, gibt jedoch auch Kurse über Schreiben und Literatur. Eines Tages wird er zum Dekan gerufen, der ihm das Angebot macht, als außerordentlicher Dekan zu arbeiten – eine glanzvolle Stelle, die Spencer, von dem Angebot überrumpelt, annimmt, obwohl er vorher nie an eine solche Umorientierung gedacht hat. Schon in dem kurzen Gespräch in Chapmans Büro wird deutlich, dass er von nun an zwei Rollen zu spielen hat: Einerseits sind die Dekanatsaufgaben zu erledigen, andererseits wird er zum jederzeit verfügbaren Zuhörer und Gesprächspartner für den Dekan. Dies wird schon in dem ersten Gespräch zwischen den beiden deutlich. Chapman geht auf Spencers Condillac-Forschungen ein und entwirft ein Gegenbild. Während Condillac das Bild einer Statue erdacht hat, die nach und nach mit Sinneswahrnehmungen ausgestattet wird und immer differenziertere Begriffe von sich und der Welt gewinnt, denkt Chapman an eine Figur, die nach und nach reduziert wird, bis sie sich ein bloßer Duft nicht mehr von der sie umgebenden Welt unterscheidet. Spencer findet diese Vorstellung melancholisch, ohne zu ahnen, dass ihm ein ähnliches Schicksal bevorsteht. Im Verlauf des Gesprächs fällt die Aussage, er sei eigentlich Atheist, was dem Dekan offenbar gefällt. mini|links|Aus Piranesis Zyklus Carceri d’ Invenzione Nachdem Spencer sein Aufgabenfeld gewechselt hat, liegt ihm daran, sich über die Person seines Vorgesetzten ein Bild zu machen. In dessen geräumigem und sonnigem Büro ist ihm zunächst der Wandschmuck ins Auge gesprungen – auffallend gute Abzüge von Piranesis „Gefängnissen“, den Carceri d’Invenzione. Auch der Rest der Ausstattung ist gediegen und Professor Chapman selbst, wie stets im tadellosen Anzug, trägt eine Krawatte vom King’s College in Cambridge.
Der Dekan, Sohn eines Fußballtrainers, hat ein bewegtes Leben hinter sich. Vor die Entscheidung gestellt, in den Vietnamkrieg zu gehen oder den Rest seines Lebens als Deserteur im neutralen Schweden zu verbringen, hat er sich für den Krieg entschieden, brachte es bis zum Hauptmann und trug bei einer Verletzung durch Granatsplitter eine Querschnittlähmung davon. Diese hindert ihn allerdings nicht, unverhofft überall in der Stadt und der Gesellschaft aufzutauchen. Über sein Privatleben erfährt Spencer nicht viel, doch offenkundig kennt Chapman zahlreiche einflussreiche Menschen und hat viele Bewunderer. In der Universität kann er seinen Willen und seine Etatwünsche stets durchsetzen und hat große Autorität; außerhalb des Universitätslebens fallen besonders seine donnerstäglichen Besuche in einer Buchhandlung auf, in der ein heterogener Kreis von Menschen sich trifft und Experimente mit Fliegenpilzen macht. Einige Mitglieder dieser Gruppe sind anscheinend, wie auch Chapman, Vietnamveteranen und haben möglicherweise auch andere Drogenerfahrungen. Ziel dieser Versuche ist offenbar die Verbindung mit der „Unterwelt“.
Spencer versucht Informationen über Chapman von dessen vier Sekretärinnen zu erfahren. Doch nur mit zweien, Susan und Gertrude, tritt Spencer in nähere Beziehungen ein. Susan ist eine eher unkomplizierte Frau, die ihm die eine oder andere Information übermittelt, Gertrude dagegen, eine äußerlich kühl und reserviert auftretende Schönheit, lässt sich auch in einer intimen Situation nichts entlocken. Sie scheint mit dem Dekan in enger Beziehung zu stehen und behandelt Spencer am Tag nach der Liebesnacht, als sei nichts geschehen.
Eine weitere Frau, die mit Chapman in Verbindung steht, ist die Studentin Mary Elizabeth. Sie ist zunächst, wenn auch unregelmäßig, in einem von Spencers Seminaren erschienen und hat sich dann auch in den Sprechstunden Rat bei ihm geholt. Mary Elizabeth möchte in einer Erzählung den Faust-Stoff neu bearbeiten und gerät mit Spencer in eine Debatte über die Hauptperson dieses Werks. Nachdem die beiden festgestellt haben, dass Faust eigentlich eine höchst mittelmäßige, im Grunde „leere“ Seele hat, beschließen sie, ihn in dieser Neufassung als zunächst erfolglosen Fußballtrainer erscheinen zu lassen. Schwieriger erscheint ihnen die Gestaltung des Mephisto, zumal der Gedanke aufkommt, ihn durch eine weibliche Versucherin zu ersetzen.
Mary Elizabeth ist nicht nur an der Universität tätig, sondern arbeitet auch in der erwähnten Buchhandlung. Eines Nachmittags schickt der Dekan Spencer in die Buchhandlung, um sich dort ein Buch zu beschaffen, von dem Chapman meint, er solle es lesen. Es handelt sich um ein Werk einer verschollenen Lokalgröße, des Schriftstellers Anthony Travis Winnicott. Chapman hat Spencer in den Laden geschickt, damit er sich das Buch „Die Pilzgöttin und ihre Söhne“ holt, das offenbar mit dem in seinen Kreisen betriebenen Schamanismus zu tun hat. Doch auch der Titel „Die Karten zerfallen in der Feuchtigkeit“ wird im Verkaufsgespräch erwähnt. Dieser Titel taucht später wieder im Mund des Dekans auf, als er von seinen Einsätzen in Vietnam und den im dortigen Klima zerfallenden, durch Schimmelbildung neue „Landschaften“ zeigenden und damit Desorientierung hervorrufenden Landkarten erzählt. Ein weiterer Titel Winnicotts, „Geh leise! Sprich nicht mit den Fliegen!“, scheint in seinem Titel nicht nur auf die Fliegenphobie des Dekans hinzuweisen, die er vielleicht aus Vietnam mitgebracht hat, sondern handelt auch, wie Piranesis Carceri von der Gefangenschaft durch Illusion. Mary Elizabeth weist Spencer noch auf ein weiteres Werk Winnicotts hin, in dem es um einen Geheimagenten geht, der sich ins Umfeld eines islamischen Diktators einschleichen soll, dessen rechte Hand werden und ihn schließlich ermorden soll. Den Auftrag dazu erhält er in einer Bibliothek. Gewisse Parallelen zu dem Einstellungsgespräch Spencers bei Chapman und zu seiner weiteren Arbeit tun sich auf. Angedeutet wird, dass die Bücher nicht von dem verschwundenen Winnicott, sondern von Chapman selbst geschrieben sein könnten.
Mary Elizabeth hat die Eigenheit, immer wieder über längere Zeitabschnitte zu verschwinden. Einmal verliert Spencer sie für drei Jahre aus den Augen und findet sie zufällig an einer Bushaltestelle wieder, als sie gerade eine Krise durchzumachen scheint. Er nimmt sie mit nach Hause, und sie wird zu seiner Geliebten. Doch bald darauf verliert er sie an seinen Cousin Derek Spencer, der es in der IT-Branche zu einem Millionenvermögen gebracht hat. Der offenbar allwissende Dekan spricht Spencer eines Tages auf die Situation an: Aber, fügte er ganz überraschend hinzu. Da wir gerade von de Sade sprechen, wollte ich Sie fragen, ob Sie Ihre Freundin immer noch mit diesem Cousin teilen. Ich war, gelinde gesagt, perplex. Mir war schleierhaft, wie er über meine privaten Verhältnisse so viel wissen oder überhaupt eine Ahnung davon haben konnte. Oder, wenn man so will, Mißverhältnisse. Wer konnte getratscht haben? - Ich glaube schon, antwortete ich. Im selben Moment wurde ich mir natürlich meiner Dummheit bewußt. Warum sollte ich verpflichtet sein, auf eine solche Frage zu antworten? Warum antwortete ich nicht einfach ganz höflich, ich hätte nicht den leisesten Schimmer, wovon der Dekan spreche. Doch er fuhr fort, ebenso ruhig dozierend, wie er angefangen hatte: - Eins dürfen wir nicht vergessen. Wir leben in einer vollkommen amoralischen Zeit.Der Dekan, S. 156
Im Verlauf des Gesprächs macht Chapman, nicht zum ersten Mal, deutlich, dass er die Welt für schlecht und das Böse für gegeben hält. Im Diesseits würden Verbrechen entweder gar nicht oder nur in lächerlichem Verhältnis zur Schwere der Tat bestraft. Als Beispiel führt er unter anderem Hitler an, dessen Selbstmord im Vergleich zu dem Unheil, das dieser Mann über die Welt gebracht habe, nicht ins Gewicht falle. Im Grunde sei eine andere Welt notwendig als die vorhandene. Spencer, der immer noch verwirrt durch Chapmans Kenntnisse über sein Privatleben ist, kann Chapmans spekulativen Gedankengängen kaum folgen. Doch den Appell am Schluss des Gesprächs überhört er nicht: Wenn ihn die Eifersucht wirklich so quäle und ihm an dem Mädchen etwas liege, solle er sich seinen Cousin „vorknöpfen“.Der Dekan, S. 159
Bei einem gemeinsamen Angelausflug macht der Dekan Spencer das Angebot, ihm in dieser Angelegenheit zu helfen, allerdings unter der Bedingung, dass Spencer ihm selbst einen ähnlichen Gefallen tue, über die Sache werde anschließend nie wieder geredet.Der Dekan, S. 172 Zu diesem Zeitpunkt wird der Dekan durch einen Besucher beunruhigt, der unverhofft an der Universität aufgetaucht ist. Er nennt sich Douglas Melvin Smith und behauptet, Chapman aus der Zeit in Vietnam zu kennen. Er will ihn für ein Buchprojekt über den Umgang mit der Wahrheit im Vietnamkrieg interviewen. Chapman jedoch legt keinerlei Wert auf diesen Kontakt. mini|Helikopter in Vietnam, 1966 Er hat Spencer einmal erzählt, wie es zu seiner Verwundung kam: Das Geschwader war auf einer angeblich unbedrohten Lichtung gelandet, doch im Dschungel entdeckten die Männer dann die niedergemetzelte Bevölkerung eines ganzen Dorfes. Jemand musste also dem Bataillon zuvorgekommen sein. Außerdem war offensichtlich der Plan, in der Lichtung zu landen, verraten worden: Beim Versuch, sich einen Überblick von der Lage zu verschaffen, wurde Chapman beschossen und sein Rückenmark verletzt. Er schwor sich, den Verräter zu bestrafen, falls er seiner jemals habhaft werden sollte. Zufällig entdeckte er ihn als er noch in Vietnam im Lazarett lag und hat ihn zusammen mit einem Freund „eliminiert“. Offenbar weiß Smith von dieser Sache und könnte Chapman gefährlich werden. Spencers lückenhaften Aufzeichnungen ist nicht zu entnehmen, was nach dem Gespräch am Fluss im Einzelnen geschehen ist, doch vermutlich hat er seinem Vorgesetzten den Gefallen getan und Smith beseitigt – sofern jedenfalls jener Fremde am Fluss, der gegenüber der von Chapman bevorzugten Stelle Karpfen zu fangen pflegte, überhaupt mit Smith identisch ist. Spencer hat sich mit einem Gewehr mit Zielfernrohr „des Problems angenommen“.Der Dekan, S. 187