mini|180px|Ludwig Tieck William Lovell ist der Titel des ersten 1795/96unter dem Titel William Lovell (https://www.deutschestextarchiv.de/book/view/tieck_lovell01_1795?p=9) bzw. Geschichte des Herrn William Lovell (https://www.deutschestextarchiv.de/book/view/tieck_lovell01_1795?p=13) bei Carl August Nicolai in Leipzig und Berlin. Überarbeitete Ausgaben veröffentlichte Tieck 1813/14 und 1828 (Paulin, S. 31). anonym publizierten Romans von Ludwig Tieck. Der Gesellschaftsroman in Briefform handelt von dem jungen Engländer William Lovell, der als begeisterungsfähiger, empfindsamer Jüngling durch idealistische, schwärmerische Freundschaft und Liebe mit Eduard Burton und Amalie Wilmont verbunden ist. Als er eine Bildungsreise nach Frankreich und Italien unternimmt, um nach den Vorstellungen seines Vaters zu reifen und gesellschaftsfähig zu werden, gerät er in einen in der Vergangenheit seines und Eduards Vaters wurzelnden Intrigenplan, der ihn in sinnliche Egozentrik und seelische Zerrüttung, in Konflikte mit seinen alten Freunden und schließlich in den Tod treibt.
Inhalt Der Roman ist eine Mischung aus der komplizierten Intrigenhandlung und der Entwicklungsgeschichte Williams, der im Laufe der Zeit in verschiedene tragische Beziehungen verstrickt wird. Durch den wechselseitigen Briefverkehr der Protagonisten entsteht ein aus verschiedenen Perspektiven zusammengesetztes Mosaikbild der Geschichte. Dabei ist der Informationsstand der Figuren begrenzter als der des Lesers. Erst im letzten Kapitel erfährt William aus dem Lebensbericht des 80-Jährigen Waterloo, den er nach dessen Tod erhält, die Zusammenhänge (10. Buch, Nr. 20Kapitelangaben, im Folgenden abgekürzt X, 20, und Zitate beziehen sich auf: Ludwig Tieck: „William Lovell“. In: „Werke in vier Bänden“. Bd. 1 „Frühe Erzählungen und Romane“. Nach dem Text der Schriften von 1828-1854, unter Berücksichtigung der Erstdrucke, hrsg. von Marianne Thalmann. Winkler Verlag München 1963.):
Vorgeschichte Der Engländer Waterloo tritt zum ersten Mal im Roman als Geheimbündler Andrea Cosimo mit einem Brief an den von ihm manipulierten Italiener Rosa (II, 20) auf. Er hat ein wechselvolles Leben und entwickelt sich vom idealistischen Jüngling in einer ihn verspottenden Umgebung zu einem äußerlich angepassten, jedoch die Gesellschaft verachtenden enttäuschten Einzelgänger. Zwar gilt er als witziger Kopf und ist gern gesehen, aber sein Wertgefühl wechselt zwischen Selbstverachtung und Selbstüberschätzung. Ein Schlüsselerlebnis ist nach seiner Rückkehr von einem langjährigen Frankreich- und Italienaufenthalt die Zurückweisung seiner Liebe zu Marie Milford, die ihm seinen Freund Walter Lovell vorzieht. Er beginnt nun ein Doppelspiel. Während er vorgibt, die Werbung seines Freundes bei Maries Vater zu unterstützen, verleumdet er ihn mit falschen Beschuldigungen und erreicht, dass Lovell Hausverbot erhält und er selbst der Bräutigam Maries gegen ihren Willen wird. Es kommt zum Eklat, als Lovell am Hochzeitstag erscheint und das Lügengeflecht aufdeckt. Waterloo taucht unter und lässt nach einem Jahr die Nachricht seines Todes verbreiten. Unterstützt wurde er durch seinen Neffen Burton, der in seiner menschenverachtenden Lebensauffassung nur nach seinen eigenen Vorteilen operiert und auch die Freundschaft mit Walter Lovell, die er von Anfang an nicht ernst nimmt, hintergeht. Nach dem Scheitern der Intrige wechselt er sofort die Seiten. Lovell überlebt einen Giftanschlag Waterloos und heiratet Marie. Als sie ein Jahr später nach der Geburt ihres Sohnes stirbt, überträgt sich Waterloos Hass auf den Vater auch auf William. Er entwickelt jetzt ein Weltbild ohne sittliche Werte. In den Menschen sieht er „vorübergehende Bilder“ und ihre Gesinnungen seien wandelbar „wie das zufällige Kolorit“. So greifen sie mit ihren Ecken in die Fugen der anderen und es entstehe „die seltsame Maschinerie, die wir das menschliche Leben nennen. Verachtung und Verehrung, Stolz und Eitelkeit, Demut und Eigensinn: alles eine blinde, von Notwendigkeiten umgetriebene Mühle, deren Gesause in der Ferne wie artikulierte Töne klingt. Vielleicht ist es keinem Menschen gegeben, alles aus dem wahren Standpunkte zu betrachten, weil er selbst irgendwo als umgetriebenes und treibendes Rad steckt“ (IV, 12). Aus seiner Menschenverachtung heraus beschließt er die Gründung einer geheimen Gesellschaft, deren Mitgliedschaft man sich erkaufen muss. Dafür haben seine Jünger das Gefühl, einer Elite anzugehören. Er hat erfahren, dass viele Menschen einen Hang zum Wunderbaren und einen Drang nach Unterordnung unter einen charismatischen Führer haben. Er zieht alle Register der Manipulation und hat Spaß daran, sich als geheimnisumwobener Meister Andrea Cosimo verehren zu lassen und die Anhänger zu betrügen. Als „Schildknappen“ wählt er sich den Italiener Rosa und dieser versucht in Paris das Vermögen der Comtesse Blainville für den Bund anzuzapfen. Als William von seinem Vater auf Bildungsreise geschickt wird, erfährt Waterloo davon und kann sein altes Rachebedürfnis verwirklichen. Er setzt Rosa auf den naiven jungen Mann an und tritt ihm in Rom selbst als geheimnisvolle Gestalt mit einer Gespenstermaschinerie auf, um ihn und seinen Vater zu ruinieren.
Erstes Buch Die Handlung des ersten Buchs spielt in den Monaten Mai und Juni 1793. Die Hauptfiguren wohnen in dieser Zeit im ländlichen Bondly in Yorkshire (Der alte Burton und seine Tochter Emilie, sein Gesellschafter Karl Wilmont und seine Besucherin, seine Schwester Amalie, sowie Eduard Burton und sein Gast William Lovell) und London (Walter Lovell, Mortimer, Amalie Wilmont). Von dort aus schreiben sich die miteinander befreundeten Personen Briefe und informieren sich gegenseitig über das Geschehen. Eine Schaltstation ist Karl Wilmont, der sowohl mit Mortimer als auch Eduard Burton befreundet ist und der die Situation des schwermütigen William und dessen Liebe zu seiner Schwester Amalie kennt. Er selbst verliebt sich in Burtons Schwester Emilie. Beide Beziehungen haben jedoch geringe Chancen auf Realisierung, da die Väter planen, ihre Kinder mit reichen Partnern zu verheiraten.
Im Zentrum stehen die emotional und ideell miteinander harmonierenden Freunde William Lovell und Eduard Burton. Lovell ist sentimental-empfindsam, leicht zu Tränen gerührt und hat ideale Vorstellungen von einem Leben mit Gleichgesinnten in einer ruhigen ländlichen Naturlandschaft. Er hat kein Bedürfnis nach gesellschaftlicher Anerkennung, beruflicher Karriere und Reichtum. Doch ahnt er, dass sich eine solche Utopie schwer realisieren lässt, und verfällt in Schwermut, Weltschmerz und Angst vor der ungewissen Zukunft: „Ich komme mir in vielen Momenten wie ein Kind vor, welches jammert, ohne selbst zu wissen, worüber.“ (I, 2)
Zu seinem kranken Vater Walter, der seit kurzem ein Landhaus bei London bewohnt, hat er ein gutes Verhältnis. Dieser möchte ihn, aus der Erfahrung seiner eigenen Jugend (III, 9), aus seiner kindlichen Gefühlswelt und seinem naiven Menschenbild durch eine Frankreich- und Italienreise lösen und durch gesellschaftliche Kontakte und neue Auslandserfahrungen seine Persönlichkeit festigen. Denn er hat die Karriere seines Sohnes im Sinn. William denkt bei dem Wort Italien allerdings mehr an die südliche Landschaft und die großen Künstler.
Walter Lovell gibt dem Sohn als Gegenpol den reiseerfahrenen vernunftorientierten Mortimer als Begleiter mit. Dieser steht wie sein Freund aus vergangenen lustigen Tagen Karl Wilmont, der ihn über die fragile Verfassung Williams und dessen Liebe zu seiner Schwester Amalie informiert, William distanziert gegenüber und sieht in ihm eine gefährdete Person, die es gilt, aus seiner Schwärmerei herauszuholen. Er will versuchen, zu ihm ein vertrauliches Verhältnis zu entwickeln, um den Auftrag des Vaters zu erfüllen. William dagegen gefällt Mortimers überlegenes und spöttisches Auftreten und seine mangelnde Emphase nicht.
William sucht vor allem Halt bei Eduard Burton, der seine Lebensauffassung teilt und dem er seine Gedichte über seine Untergangsstimmung schickt. Dieser darf jedoch den Freund nicht auf seiner Reise begleiten, weil sein profitorientierter Vater den Sohn aus der Beziehung lösen möchte und einen Prozess gegen Walter Lovell vorbereitet. Eduard ahnt die skrupellosen Methoden seines Vaters und würde gern die Opfer entschädigen.
Vor seiner Abreise entschließt sich William nach langer Hemmung, der mit ihm seelenverwandten Amalie seine Liebe zu gestehen, die von ihr erwidert wird. Beide schwören sich ewige Treue.
Zweites Buch In Paris gerät William in die formvollendete feine Gesellschaft mit ihrem Oberflächenglanz, hinter dem sich Eitelkeit und Egoismus verbergen. Aus Langeweile wechselt man von einer zur nächsten Veranstaltung und amüsiert sich anschließend im brieflichen Austausch über das Gesellschaftsspiel.
Mortimer frischt seine Kontakte aus früheren Reisen auf, führt William in die adligen und großbürgerlichen Kreise ein und macht ihn im Garten des Grafen Melun mit den witzigen Köpfen, schönen Geistern, Gelehrten, Politikern und ihrem Damen bekannt. William ist anfangs vom Großstadtleben enttäuscht und angeekelt. Die Menschen wirken auf ihn wie Schauspieler, die bei ihren gesellschaftlichen Auftritten, bei Empfängen und in der Oper, eine Rolle übernehmen.
Mit drei Personen kommt er in näheren Kontakt: mit dem das breite Spektrum des gewandten Auftretens beherrschenden kenntnisreichen Italiener Rosa, mit dem melancholischen und ihm seelenverwandten Deutschen Balder, der die Marionettenhaftigkeit des Publikums durchschaut und den Freund davor warnt, und vor allem mit der jungen schönen Witwe Comtesse Louise Blainville, dem „Modell einer griechischen Grazie“ (II, 11). Die Gesellschaft ist ihre Bühne, auf der sie ein frivoles Spiel inszeniert. Sie nutzt ihre Beliebtheit bei den Männern und deren Eifersucht aus und suggeriert jedem ihrer Favoriten, er sei ihr Auserwählter und sie warte nur auf dessen Liebeserklärung. Ihrem Onkel Graf Melun gegenüber gibt sie sich als häusliche Frau mit dem Wunsch nach einem zurückgezogenen Eheleben und erhält dessen Heiratsantrag. Besonders reizt es ihre Eitelkeit, zurückhaltende Männer an sich zu binden und Rivalinnen auszustechen. Dies gelingt ihr schließlich mit vorgetäuschter Natürlichkeit und Herzensgüte bei William, der glaubt, erst in ihren Armen die wahre Liebe erfahren zu haben, und der darüber Amalie vergisst: „…ich habe zum Dienste jener höheren Gottheit geschworen, vor der sich ehrerbietig die ganze lebende Natur neigt, die in sich jede abgesonderte Empfindung des Herzens vereinigt, die alles ist, Wollust, Liebe, für die die Sprache keine Worte“ (II, 23). Den aktuellen Stand ihrer Eroberungen teilt sie sofort ihrem Vertrauten Rosa mit, mit dem sie ein stilles Einverständnis über ihre Amouren verbindet und der ihren Ehrgeiz anstachelt, den naiven William zu verführen (II, 10).
Amalie ist bereits über seine ausbleibenden Briefe besorgt, fürchtet um sein Durchhaltevermögen, wenn er attraktiven Frauen der Pariser Gesellschaft begegnet, und sieht ihre Liebe als kurzen Traum an. Außerdem hat sie von seinem Vater erfahren, dass er für William eine Verbindung mit einem Fräulein Bentink vorbereitet. Der kränkliche alte Lovell ist zu Zeit in einen Prozess mit Burton verwickelt, der behauptet, Walters Großvater habe zwei von seinen Vorfahren gekaufte Güter nicht bezahlt. Lovell findet allerdings keine Belege aus dieser Zeit.
Nachdem William aus seinem Liebesrausch mit Louise erwacht ist, bereut er seinen Verrat an Amalie, bekennt ihr in einem Brief seine Herzensbindung und beschleunigt seine Abreise aus Paris über Lyon nach Genua. Da Mortimer wegen des Todes seines Onkels nach London zurückkehrt, um bei den Erbverhandlungen präsent zu sein, muss William sich neue Begleiter suchen. Es sind Balder und der Italienkenner Rosa, der seine Freundschaft gesucht hat, um einen, wie der Leser am Schluss erfährt, gegen seinen Vater gerichteten Racheplan auszuführen.