Das Freiheits- und Einheitsdenkmal ist ein im Bau befindliches Denkmal auf der Schloßfreiheit in Berlin für die friedliche Revolution und deutsche Wiedervereinigung 1989/1990, dessen Errichtung der Bundestag am 9. November 2007 beschloss.
Der in einem Wettbewerb 2011 gekürte Entwurf Bürger in Bewegung des Stuttgarter Büros Milla und Partner ist eine begehbare Schale, die sich durch Interaktion der Besucher langsam nach beiden Seiten neigen kann. Die auch Einheitswippe genannte Konstruktion an der Stelle des von der DDR-Führung abgerissenen Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmals war hinsichtlich Standort, Symbolik, Architektur, Denkmal- und Naturschutz umstritten.
Initiative und Bundestagsbeschluss Die Initiative für das geplante Denkmal ging von einer kleinen Gruppe aus Politikern, Stadtplanern und Journalisten aus. Kurz nachdem der zweite Wettbewerb zum Berliner Denkmal für die ermordeten Juden Europas abgeschlossen war, starteten am 13. Mai 1998 Florian Mausbach, Günter Nooke, Jürgen Engert und Lothar de Maizière die Initiative Denkmal Deutsche Einheit, indem sie an die Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth, den Bundeskanzler Helmut Kohl, den Bundesratsvorsitzenden Gerhard Schröder und den Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen einen Brief schrieben. Ein Bürgerdenkmal an einem zentralen Ort in Berlin solle den Mut der einzelnen Menschen würdigen, sich dem Staatsapparat entgegenzustellen, indem es „die befreiende Freude zum Ausdruck bringt, die der Mauerfall ausgelöst hat – ein Denkmal des historischen Glücks und der Freudentränen“. Sie starteten zugleich eine Unterschriftenaktion, in der sie Prominente und Verbandsvertreter gewinnen konnten. Als Ort schlugen sie den Sockel des Nationaldenkmals vor, da er zwischen dem Kronprinzenpalais – in dem der Einigungsvertrag unterzeichnet wurde – und dem Tagungsort der Volkskammer im Palast der Republik – die dort den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik erklärte – liegt und Durchzugsort des größten Demonstrationszuges der friedlichen Revolution am 4. November 1989 war.
Im April 2000 brachte ein überparteilicher Antrag ostdeutscher Abgeordneter das Anliegen erstmals in den Bundestag, der Kulturausschuss lehnte ihn ab. Im Jahr 2005 nahm die Deutsche Gesellschaft das Projekt wieder auf und begann am 9. November 2006 unter anderem mit Hearings Entscheidungsträger und Multiplikatoren anzusprechen und das Thema breit in die Medien zu bringen. Die Bundesstiftung Aufarbeitung veranstaltete 2007 einen ersten studentischen Wettbewerb für eine künstlerische Umsetzung des Denkmals. Am 9. November 2007 beschloss der Bundestag, das Denkmal errichten zu lassen.Deutscher Bundestag, 16. Wahlperiode: Beschlussempfehlung und Bericht des Ausschusses für Kultur und Medien. 7. November 2007, . Die Bundesregierung wurde aufgefordert, es in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft zu konzipieren. Für ihr Engagement erhielten die Initiatoren von 1998 und die Deutsche Gesellschaft am 18. März 2008 den Deutschen Nationalpreis. Nach monatelangen Beratungen über die Standortfrage (Pariser Platz, Leipziger Platz, Alexanderplatz, Platz der Republik, Platz des 18. März, Lustgartenseite des Berliner Schlosses) setzte sich der Ursprungsvorschlag an der Schlossfreiheit gerade in seiner historischen Dialektik als ursprünglich obrigkeitliches Symbol durch; das Projekt wurde im Juni 2008 in die Gedenkstättenkonzeption des Bundes aufgenommen.Die Idee. Und: Die Debatte. In: Freiheits- und Einheitsdenkmal; Andreas H. Apelt: Das Freiheits- und Einheitsdenkmal – zur Geschichte einer Idee, 11. Juli 2011; freiheits-und-einheitsdenkmal.de (PDF).
Wettbewerbe und Planungen Erster Wettbewerb Anfang 2009 lobte die Bundesregierung zur Gestaltung des Denkmals einen offenen, zweistufiger Wettbewerb aus. Aus den anonym eingereichten Arbeiten sollte ein Preisgericht 20 Teilnehmer zur Teilnahme an der zweiten Stufe auswählen. Bis dahin gingen 532 Arbeiten aus dem In- und Ausland ein, unter anderem von Jonathan Borofsky, Gottfried Böhm, Axel Schultes, Rob Krier, Waldemar Otto und Graft Gesellschaft von Architekten. Eine 19-köpfige Jury traf sich am 27. April 2009 zu einer Preisgerichtssitzung, in der keine Arbeit die von der Jury gewünschte absolute Mehrheit erhielt, worauf sie den Wettbewerb abbrach.
In der Presse waren danach Äußerungen von Jurymitgliedern zu vernehmen, „ein Viertel der Entwürfe“ sei „kompletter Schrott“; die „Naivität vieler Entwürfe“ sei „verheerend“ und „beschämend“.„Kompletter Schrott“: Wettbewerb für Einheitsdenkmal. In: Die Welt, 28. April 2009. Vertreter von Medien, Kammern und Verbänden sowie Jurymitglieder sahen unter den eingereichten Arbeiten durchaus hervorragende, ausarbeitungswürdige Vorschläge. Thomas Brussig, Mitglied der Jury, wies die Verantwortung für das Scheitern der Jury selbst zu. Diese habe sich mit etwa 30 Sekunden pro Arbeit zu wenig Zeit genommen.Thomas Brussig: „Nicht die Künstler, wir haben versagt“. In: Der Tagesspiegel, 8. Mai 2009. Andere Kritiker waren der Ansicht, der vom Wettbewerbsrecht nicht vorgeschriebene Beschluss, in der ersten Runde Arbeiten nur mit absoluter Mehrheit für die zweite Runde zuzulassen, hätten zusammen mit der Größe der Jury zum Scheitern geführt. Die Teilnehmer waren vom Wettbewerbsabbruch und der über sie hereinbrechenden Häme enttäuscht und drängten auf eine erneute Prüfung der Qualität ihrer Arbeiten.Jann Kern (Autor): 16. Juni 2009.
Zweiter Wettbewerb Der Bundestagsausschuss für Kultur und Medien beschloss am 1. Juli 2009 die Durchführung eines zweiten Wettbewerbs. Ein Gremium sollte neben einigen Arbeiten des ersten Wettbewerbs ungefähr zehn Architekten und Künstler für eine zweite Wettbewerbsstufe auswählen. Im neuen Wettbewerb sollte auf das ursprünglich geplante Informationszentrum verzichtet und der Inhalt auf die Ereignisse der friedlichen Revolution 1989 reduziert werden.Deutscher Bundestag, Ausschuss für Kultur und Medien: 82. Sitzung; Martin Schönfeld: Ein erinnerungspolitischer Gegenpol. Das geplante „Freiheits- und Einheitsdenkmal“ in Berlin. In: Zeithistorische Forschungen, Band 6, 2009, Heft 1, S. 129–139.
Das neue Verfahren bestand aus einer internationalen offenen Bewerberrunde, gefolgt von einem beschränkten Wettbewerb. Zum offenen Bewerberverfahren wurden 386 Entwürfe eingereicht. Ein unabhängiges Expertengremium wählte daraus die Teilnehmer für den anschließenden beschränkten Wettbewerb aus. 28 Künstler hatten sich an ihm beteiligt. Am 3. Oktober 2010 präsentierte Kulturstaatsminister Bernd Neumann in Berlin die Ergebnisse: es wurden drei gleichrangige Preise sowie zwei Anerkennungen vergeben. Die drei gleichrangigen Preise gingen an Stephan Balkenhol, Andreas Meck sowie Milla und Partner in Zusammenarbeit mit Sasha Waltz. Die beiden Anerkennungen erhielten Xavier Veilhan in Zusammenarbeit mit BP architectures, Paris und realities:united (Jan und Tim Edler in Arbeitsgemeinschaft mit Bjarke Ingels Group, Kopenhagen). Vom 4. bis 31. Oktober 2010 wurden alle 28 Wettbewerbsbeiträge im Martin-Gropius-Bau bei freiem Eintritt ausgestellt.Drei Sieger sollt ihr sein. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3. Oktober 2010; Peter von Becker: Drei Entwürfe in der Endauswahl. In: Der Tagesspiegel, 4. Oktober 2010.
Das Preisgericht empfahl, die drei preisgekrönten Beiträge überarbeiten zu lassen. Am 13. April 2011 gab die Jury bekannt, sich nach den Überarbeitungen für den Entwurf des Büros Milla und Partner und der Choreografin Sasha Waltz entschieden zu haben.Das Einheitsdenkmal wird eine Schaukel. In: Der Tagesspiegel, 14. April 2011.
Siegerentwurf Der Entwurf Bürger in Bewegung des Milla-Partners Sebastian Letz ist eine begehbare Schale von 50 m Länge, 700 m² begehbarer Fläche und 150 Tonnen Gesamtgewicht. An ihrer breitesten Stelle ist die Schale 2,5 m tief; sie verschmälert sich zu den Enden, die sanft nach oben geneigt sind. Die Schale sollte auf den weitgehend erhaltenen Sockel des früheren Nationaldenkmals aufgesetzt werden. Kern der Konstruktion ist ein Raumtragwerk aus Stahl. Auf der Oberseite der Schale, deren Oberfläche wegen der Rutschfestigkeit aus gebundenem Edelsplitt besteht, finden sich die Losungen der Montagsdemonstranten aus der Zeit des Mauerfalls „Wir sind das Volk. Wir sind ein Volk.“ Auf der vergoldeten Unterseite, die mit Leichtmetallpaneelen bedeckt wird, sind Bilder aus der Wendezeit angebracht. Die Unterseite wird nachts von unten angeleuchtet; mittels Stahlnetzen, die sich den Bewegungen der Schale anpassen, sollen Besucher von den mechanischen Vorgängen an der Unterseite abgeschirmt werden.Milla und Partner: Kurzkonzept: Nationales Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin. In: Freiheits- und Einheitsdenkmal. freiheits-und-einheitsdenkmal.de (PDF; 817 kB). Happy-End für Riesenwaage. In: EVB BauPunkt aktiv. Nr. 2, 2017, S. 8 f. geithundniggl.de (PDF; 5,2 MB). Reinhart Bünger: Denkmal wird zum Jubiläum nicht fertig. In: Der Tagesspiegel, 11. Juni 2019.
Das Objekt geht über die traditionelle Denkmalbetrachtung hinaus; die Planer sprechen von einer sozialen Plastik: Es ist als begehbares kinetisches Objekt konzipiert, dessen Erscheinungsbild die Besucher mitgestalten und das sie sich dadurch aktiv aneignen. Sie müssen sich verständigen und zu gemeinsamem Handeln entschließen, um etwas zu bewegen: Erst wenn sich auf einer Schalenhälfte mindestens zwanzig Personen mehr zusammenfinden als auf der anderen, beginnt sich die Schale langsam und sanft zu neigen. Allerdings müssen es mindestens 3,5 Tonnen sein. Die maximale Auslenkung der Schale von einem Meter Höhenunterschied wird durch 50 Menschen mehr an einem Ende erreicht, bis zu 1400 Menschen finden auf der Schale Platz. Unter der Schale sorgen vier hydraulische Stempel für eine Bremsung der Bewegung. Das Denkmal enthält keine Sensorik oder Steuerungstechnik, aber eine Bodenheizung für Außentemperaturen unter fünf Grad Celsius.Der Siegerentwurf. Website der Deutschen Gesellschaft, abgerufen am 8. August 2016; Riesenwippe soll an Wiedervereinigung erinnern. In: Zeit Online, 13. April 2011; Tim Schleider: Stuttgarter Büro baut das Einheitsdenkmal. In: Stuttgarter Zeitung, 23. Februar 2017; Happy-End für Riesenwaage. In: EVB BauPunkt aktiv. Nr. 2, 2017, S. 8 f.; geithundniggl.de (PDF; 5,2 MB) Die tischartige Konstruktion, auf der die Schale ruht, ist 50 m × 18 m breit und stützt sich auf sieben Tiefbohrpfähle von 1,5 m Durchmesser, die durch den historischen Denkmalsockel 40 m tief in den Untergrund reichen.Reinhart Bünger: Denkmal wird zum Jubiläum nicht fertig. In: Der Tagesspiegel, 11. Juni 2019.
Der Entwurf bezieht sich laut Johannes Milla insofern auf das vorher an dieser Stelle stehende Nationaldenkmal, als die Besucher auf der Höhe die Schale betreten, in der sich beim früheren Nationaldenkmal Wilhelm I. auf der Reiterstatue befand. Zudem nimmt die Kontur der Schale den historischen Sockel auf, löst sich aber von ihm.Maritta Adam-Tkalec: Interview zum Einheitsdenkmal: „Es sollte ein Platz in Mitte sein, definitiv im Osten“. In: Berliner Zeitung, 30. Juli 2018. Wegen der Nähe zum Deutschen Historischen Museum im Zeughaus auf der gegenüberliegenden Seite des Spreekanals soll auf ausführliche Hinweistafeln verzichtet werden. Neben einer Informationstafel ist ein Internetauftritt des Denkmals geplant. Eine Bewachung des Denkmals ist nicht vorgesehen.Reinhart Bünger: Denkmal wird zum Jubiläum nicht fertig. In: Der Tagesspiegel, 11. Juni 2019.
Nicht realisierte Alternativvorschläge