mini|Henry Berry Lowry, Anführer der Swamp Bandits und zentrale Figur des Lowry-Krieges Der Lowry-Krieg oder Lowrie-Krieg (engl.: Lowry War oder Lowrie War) wird als einer der umstrittensten Abschnitte der Geschichte des Bundesstaates North Carolinas im Südosten der Vereinigten Staaten betrachtet. Der nach heutigen Maßstäben eher als Rebellion betrachtete Krieg wurde auf Seiten der Aufständischen angeführt von Henry Berry Lowry, einem 17-jährigen amerikanischen Ureinwohner aus dem Stamm der Lumbee. Dieser führte eine Gruppe Indianer und Afroamerikaner aus North Carolina ab 1864 in einen bis 1874 andauernden Krieg gegen die weiße Oberschicht der Südstaaten. Ausgelöst wurde diese Rebellion durch persönliche, wirtschaftliche und soziale Motive der Beteiligten. Neben der Ermordung Allen und William Lowrys durch die konföderierte Bürgerwehr waren diese Gründe unter anderem die Diskriminierung und Unterdrückung durch die weiße Bevölkerung und die schlechte Versorgungslage der gesellschaftlich benachteiligten Schichten während der letzten Jahre des Sezessionskrieges.

Während dieser Zeit entwickelten sich Lowry, seine als „Swamp Bandits“ bezeichneten Gefolgsleute und seine Frau, Rhoda Strong, in den Augen der armen Bevölkerung des Robeson County zu Helden im Stile Robin Hoods. Der Lowry-Krieg spielt für das erstarkende Selbstbewusstsein der indianischen und afroamerikanischen Bevölkerungsteile North Carolinas im 19. und 20. Jahrhundert eine zentrale Rolle, insbesondere für die Angehörigen der Lumbee und Melungeon. Lowrys Verhalten während des Krieges und sein spurloses Verschwinden im Jahre 1872 führten zur Legendenbildung, in dessen Rahmen Lowrys positiver Einsatz für die Benachteiligten zunehmend stilisiert wurde und die durch ihn ausgelöste Gewalt und Blutvergießen zurücktreten ließ. Während die wohlhabende weiße Oberschicht in der Vergangenheit die Verklärung seiner Straftaten missbilligte und ihn als gewöhnlichen Kriminellen ansah, verehrt die Bevölkerung der ländlichen Gebiete North Carolinas die Beteiligten, allen voran Henry Berry Lowry, bis heute als eine Art Volkshelden.

Vorgeschichte

Im Jahre 1835 verabschiedete die Generalversammlung North Carolinas ein Gesetz, das allen „Nicht-Weißen“ neben dem Entzug des Wahlrechts auch den Besitz und das Tragen einer Waffe untersagte. Im Robeson County wurde dieses Gesetz mehrfach durch Petitionen und richterliche Entscheidungen in den Jahren zwischen 1835 und 1852 gestärkt.Gerald M. Sider: Living Indian Histories: Lumbee and Tuscarora People in North Carolina. University of North Carolina Press, 2003, Seite 173, ISBN 0-8078-5506-5 Für die freien Afroamerikaner und Indianer, die zeitgenössisch auch zu den „Farbigen“Als Free People of Color oder Free Person of Color bezeichnet werden „Black, Negro, Mulatto, Mustee or even Native American Indian“, vgl. hierzu die „Colonial Records of North Carolina“ im North Carolina State Archives, Miscellaneous Records in the Office of Secretary of State: Free People of Color Petition filed in Granville County in 1771 gezählt wurden, hatte das gravierende Folgen, da sie ohne Waffen weder sich selbst verteidigen noch auf die Jagd gehen konnten. In der Folgezeit nutzten weiße Siedler diese Tatsache und begannen, Zwischenfälle, die sogenannten „Tied-Mules-Incidents“ (engl. für Zwischenfälle mit angebundenen Maultieren), zu inszenieren. Dabei ließen die weißen Farmer ihre Tiere auf dem Land der Indianer weiden und beschuldigten diese anschließend, die Tiere gestohlen zu haben. Als Wiedergutmachung und für die Rücknahme der Anzeige forderten die Weißen Land oder Frondienste von den indianischen Landbesitzern.

Zwei Jahrzehnte später, im Jahre 1860, blickte North Carolina auf eine lange Tradition der Sklavenhaltung zurück, etwa ein Drittel der Bevölkerung waren Sklaven afrikanischer Abstammung, ein geringerer Anteil als in den meisten anderen Staaten der Konföderation. Darüber hinaus gab es einen bemerkenswerten Anteil freier Afroamerikaner in der Bevölkerung, etwa 30.000 Menschen, meist Nachfahren der im 18. Jahrhundert aus Virginia eingewanderten SiedlerUS-Census 1860, University of Virginia. Trotz der anfänglichen Haltung, sich nicht am Sezessionskrieg zu beteiligen, schloss sich der Bundesstaat nach dem Aufruf Abraham Lincolns, im Schwesterstaat South Carolina einzumarschieren, im Jahre 1861 den konföderierten Staaten an. Daraufhin wurden Soldaten ausgehoben und mit dem Ausbau der militärischen Anlagen begonnen. Im Verlauf des amerikanischen Bürgerkrieges wurden in North Carolina 125.000 Soldaten rekrutiert.

Viele Angehörige des Stammes der Cherokee im Westen North Carolinas unterstützten die Konföderation und vor allem die Legion Thomas, das 69. North Carolina Regiment. Diese Einheit der Konföderierten unter der Führung des Cherokee Colonel William Holland Thomas hatte zwei Kompanien bestehend aus Cherokee-Indianern. Die nicht freiwillig am Krieg teilnehmenden freien Afroamerikanern wurden zur Arbeit an wehrtechnischen Anlagen, beispielsweise der konföderierten Befestigung Fort Fisher nahe Wilmington gezwungen. Dieser Anteil der Bevölkerung, zu denen auch Teile der Lumbee und die Familie Lowry gehörte, wurde entweder als Gefahr oder als potenzielle Zwangsarbeiter für die konföderierten Militärprojekte betrachtet. Viele von ihnen flüchteten, versteckten sich in dem Sümpfen und schlossen sich zu Widerstandsgruppen zusammen, um einer Zwangsrekrutierung durch die Konföderierten zu entgehen.

Diese beiden Faktoren, zum einen die drohende Gefahr der Zwangsrekrutierung wie auch die massive Einschränkung der Jagd durch das Verbot von Waffen, führten zu einer Verknappung der Lebensmittel. Die afroamerikanische und indianische Bevölkerung in Robeson County empfand die materielle Benachteiligung und die Verfolgung der armen Bevölkerungsschicht zunehmend als ungerecht, und ihr Unmut gegenüber der wohlhabenden, weißen Schicht stieg an.Vortrag William McKee Evans im Native American Resource Center of The University of North Carolina at Pembroke am 10. November 2005: „The Civil War was a rich man’s war and a poor man’s fight, war brought inequality to absolutely grotesque proportions. The people who had it worst were the poor Lumbee, who were rounded up and forced to work at Fort Fisher.“ Die überwiegend weiße Bürgerwehr unterstützte die Konföderation in ihren Bemühungen und bei den Rekrutierungen und versuchte, die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten, während die Soldaten an der Front kämpften.

Die Lowry-Familie

Henry Berry Lowry, die zentrale Figur des Lowry-Krieges, war eines von zwölf Kindern der Familie Allen und Mary Lowry, einer angesehenen indianischen Familie. Sie lebten in dem als „The Settlement“ oder „Scuffletown“ bezeichneten angestammten Gebiet der Lumbee in der Umgebung von Pembroke im Robeson County. Die Familie besaß in der Nähe von Hopewell eine Farm von über 800 Hektar, die der Familie zu einigem Wohlstand und Einfluss innerhalb der indianischen Gemeinde verhalf. mini|Lage Robeson Countys in North Carolina, Wohnort der Lowrys und Schauplatz des Lowry-Krieges Die Abstammung der Familie ist nach historischen Quellen unklar, die Lowrys werden im Allgemeinen als LumbeeFrederick E. Hoxie: Encyclopedia of North American Indians: Native American History, Culture, and Life from Paleo-Indians to the Present. Houghton Mifflin Harcourt, 1996, Seite 350 ISBN 0-395-66921-9 bezeichnet, in anderen Aufzeichnungen als Tuscarora oder Tuscarora-Mischlinge.Gerald M. Sider: Living Indian Histories: Lumbee and Tuscarora People in North Carolina. UNC Press, 2003, Seite 269, ISBN 0-8078-5506-5 Henry Berrys Großmutter gehörte zu diesem Stamm. Gelegentlich wird Henry Berry auch als „North Carolina Modoc“ oder „Robeson County Apache“Christopher Arris Oakley: Keeping the Circle: American Indian Identity in Eastern North Carolina 1885–2004. University of Nebraska Press, 2005, Seite 22, ISBN 0-8032-3574-7 beschrieben. Nach heutiger Betrachtung gehörten die Lowrys zu den Lumbees, einem Stamm, der sich aus den Nachkommen verschiedener indianischer Stämme, darunter auch den Tuscarora, freien Afroamerikanern und Weißen zusammensetzte. Sie verstanden und verstehen sich selbst als amerikanische Ureinwohner und trotz der zeitgenössischen Zuordnung nicht als „freie Farbige“. Sie kämpften im 19. Jahrhundert um ihre Anerkennung sowohl als Stamm wie auch um den Erhalt ihrer Stammesgebiete. Es ist anzunehmen, dass sich die Lowrys selbst ebenfalls ausschließlich als Indianer verstanden, unabhängig von der genauen Zuordnung zu einem bestimmten Stamm.

Die Männer der Familie Lowry und ihre Verwandten nahmen nicht am Krieg teil, einige von ihnen lebten zeitweilig in den Sümpfen, um der Zwangsarbeit im Fort Fischer zu entgehen. Der Vater Allen stand, wie weite Teile der in Robeson County von Zwangsarbeit und Militärdienst bedrohten indianischen Bevölkerung, der Konföderation kritisch gegenüber. Diese Haltung teilten seine Söhne ebenso wie die verwandten Cousins und Onkel, zwischen denen anscheinend eine enge Beziehung bestand.

Auslösende Ereignisse

Eskalation und erste Morde

Im Dezember 1864 eskalierte die Unzufriedenheit, und vier der Söhne der Lowrys schlossen sich einer Bande an, möglicherweise angeführt von William Lowry. Sie versteckten sich in den Sümpfen, um der Zwangsrekrutierung zu entgehen, und begannen damit, Schweine und Nahrungsmittel von den wohlhabenden Weißen in der Gegend zu stehlen. Einer der Bestohlenen war der Farmer und Sklavenhalter James P. Barnes, dem zwei Schweine entwendet wurden. Er wurde am 21. Dezember 1864 von der Bande erschossen. In der Folge wurde Jarmen, einer der Cousins der Lowry-Söhne von dem Anführer der Bürgerwehr James Brantley „Brant“ Harris getötet. Harris soll eine Vorliebe für indianische Frauen gehabt haben und sich diese auch mit Gewalt und gegen den Willen der Ehemänner oder Verwandten genommen haben und deswegen von einem der Lowrys gewarnt worden sein. Zwei weitere Cousins wurden von Harris ermordet, als sie zur Beerdigung Jarmens in Robeson County eintrafen. Im Gegenzug erschossen die Mitglieder der Bande, darunter wahrscheinlich auch Henry Berry Lowrie, am 15. Januar 1865 Harris und plünderten das County House. Dabei entwendeten sie Waffen und Munition, wurden jedoch zunächst nicht gefasst.Unterrichtsmaterialien der Public Schools of Robeson County: Henry Berry Lowrie: Lumbee Legend - The Man & The Mystery

Verhaftung und Hinrichtung Allen und William Lowrys

Die Bürgerwehr nahm Allen Lowry und seinen Sohn William im Januar 1865 unter einem Vorwand fest. Die Gründe, die für die Festnahme angegeben werden, unterscheiden sich je nach Quelle: In der mündlich überlieferten Geschichte der Lumbee, die Karin I. Blu in „The Lumbee Problem: The Making of an American Indian People“ aufgezeichnet hat, wird erzählt, dass die beiden gefangen genommenen Lowrys Opfer eines „Tied-Mule-Incidents“ wurden. Der Nachbar der Lowrys, Bob McKenzie, soll Geschirre und Fleisch auf dem Gebiet der indianischen Nachbarn versteckt und diese anschließend bei der Bürgerwehr angezeigt haben, um in den Besitz ihres Landes zu kommen. Bei einer Durchsuchung wurden die „gestohlenen“ Waren entdeckt und die Männer verhaftet.Karen I. Blu: The Lumbee Problem: The Making of an American Indian People. University of Nebraska Press, 2001, Seite 149–150, ISBN 0-8032-6197-7 Anderen Quellen zufolge wurde die Familie von einem konföderierten Offizier beschuldigt, Schweine und Fleisch aus den Räuchereien gestohlen zu haben sowie Gewehre zu besitzen. Nachdem diese bei einer Durchsuchung von der Bürgerwehr gefunden wurden, erfolgte die Festnahme von Allen und William Lowry sowie Allens Frau und weiteren drei Kindern.