Der Begriff Deutscher Oktober bezeichnet den Plan des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale (EKKI), die Staatskrise der Weimarer Republik auf ihrem Höhepunkt im Jahr 1923 für einen bewaffneten Umsturz in Deutschland auszunutzen. Nach dem Vorbild der russischen Oktoberrevolution von 1917 wollten die Kommunisten die Macht an sich reißen und damit das Signal zur Revolution in Mitteleuropa geben. Fernziel war der Sieg der kommunistischen Weltrevolution. Als die KPD unter der Losung einer linken „Einheitsfront“ im Oktober 1923 mit der SPD in Thüringen und Sachsen Regierungsbündnisse einging, sahen die Akteure eine günstige Ausgangsbasis für eine Erhebung. Die Revolution, die für Oktober/November 1923 geplant war, wurde jedoch durch Maßnahmen der Reichsregierung, insbesondere die Reichsexekution gegen Sachsen und Thüringen, vereitelt.

Ausgangslage in Deutschland Die Ereignisse sind Teil der existenziellen Krise der Weimarer Republik des Jahres 1923. Vier wesentliche Ereignisse des Jahres 1923, die Ruhrbesetzung, separatistische Unruhen im Rheinland und der Pfalz, die Hyperinflation sowie die Gefahr eines aufs Reich ausgreifenden Putsches in Bayern bedrohten die ungefestigte Republik und die Reichsregierung. Sie ließen die Weimarer Republik im Herbst 1923 in politischem Chaos versinken. Auf Anordnung von Reichspräsident Friedrich Ebert wurde am 26. September 1923 der Ausnahmezustand über das Deutsche Reich verhängt.

mini|Freiberg, Platz der Oktoberopfer, Denkmal für die Demonstranten, die am 27. Oktober 1923 von der Reichswehr erschossen wurden

Besetzung des Ruhrgebietes durch Franzosen und Belgier Kurz nach Amtsantritt der Regierung Cuno marschierten am 11. Januar 1923 belgische und französische Truppen in Deutschland ein und besetzten das Ruhrgebiet. Die Begründung war ein Vorwand: Nichterfüllung von Reparationen nach dem Friedensvertrag von Versailles durch u. a. mangelnde Lieferung von Schnittholz, Telegrafenstangen und Kohle. Es ging Frankreich u. a. einerseits darum, ein Druckmittel gegenüber seinem ehemaligen Kriegsgegner zu erhalten und andererseits gab es starke Sicherheitsinteressen. Dieses Vorgehen wurde sehr kritisiert und unter anderem als eine Politik „hart am Rand des Krieges“ angesehen.Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens. Die Zeit der Weltkriege 1914–1945. Beck, Sonderausgabe der BpB, München 2011, S. 303. Von den Alliierten erhielt Frankreich keine Unterstützung. Großbritannien protestierte gegen die Besetzung.

Die Antwort der Regierung Cuno war eine Politik des passiven Widerstandes: die „Nichtbefolgung von Anweisungen der Besatzer.“Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens. Die Zeit der Weltkriege 1914–1945. Sonderausgabe, München 2011, S. 303 f. Im Rahmen des passiven Widerstandes fanden unter anderem öffentliche Schweigegedenken statt, oder die Beamten und Mitarbeiter der Reichsbahn verzögerten Zugfahrten der Kohlezüge nach Westen. Als das wirksam wurde, gingen die Besatzer nach einiger Zeit dazu über, Zechen und Kokereien zu beschlagnahmen und stillzulegen und Personen zu verhaften. Außerdem übernahmen sie das Eisenbahnwesen. Das Reich musste die Gehälter der Beamten und Angestellten der Reichsbahn weiterbezahlen und zudem den Bergbauunternehmen große Kredite geben, damit sie die Gehälter ihrer Arbeiter bezahlen konnten. Dies verstärkte die wirtschaftliche Notlage, die in die Hyperinflation mündete.

Streiks im Reich und Umsturzbestrebungen in Sachsen und Thüringen Gleichzeitig kam es im Reich, besonders in Bayern, zu Streiks und Aufständen gegenüber der Reichsregierung. Der KPD nahestehende Gewerkschaften und Arbeiterversammlungen versuchten sogar einen Generalstreik gegen die Regierung Cuno anzuzetteln. In dieser Zeit war die KPD in Sachsen, wo eine sozialdemokratische Minderheitsregierung unter Erich Zeigner mit parlamentarischer Hilfe der KPD regierte, und in Thüringen sehr einflussreich. Eine Folge war, dass die paramilitärischen Proletarischen Hundertschaften dort nicht verboten waren, vielmehr seit August 1923 damit begannen, ihre militärischen Übungen zu verstärken und Waffen zu sammeln. Auch in Thüringen mit einer sozialdemokratischen Minderheitsregierung unter August Frölich war die KPD einflussreich und ihre Hundertschaften nicht verboten.

Separatisten im Rheinland und der Pfalz Ebenfalls im Herbst 1923 gab es separatistische Unruhen im Rheinland mit dem Ziel der Gründung einer Rheinischen Republik und Loslösung vom Deutschen Reich. Ab dem 21. Oktober 1923 brachten die Separatisten einige rheinische Stadt- und Gemeindeverwaltungen (z. B. in Aachen, Koblenz, Bonn, Wiesbaden, Trier und Mainz) teilweise mit militärischer Hilfe der belgischen und französischen Besatzungstruppen unter ihre Kontrolle. Am 21. Oktober riefen sie eine „Rheinische Republik“ aus, am 12. November eine „Autonome Pfalz“. Da im Rheinland nach den Bestimmungen des Versailler Vertrages kein Militär erlaubt war, konnte die Reichsregierung auch keine Soldaten einsetzen, um den Aufstand zu beenden. Die Herrschaft der Separatisten wurde von Frankreich zunächst anerkannt. Hintergrund waren Sicherheitsinteressen der Franzosen, die zwischen Frankreich und Deutschland Pufferstaaten einrichten wollten. Dies stieß bei der deutschen, britischen und amerikanischen Regierung auf deutliche Missbilligung, sowie energischen Widerstand der Bevölkerung und führte bis November 1923 durch preußische Polizeieinsätze und Hilfskräfte, sowie die Aufgabe der Unterstützung durch die Franzosen, zum Ende der Aufstände.

Versuch einer kommunistischen Revolution in Deutschland Entscheidung in Moskau Die Entscheidung über einen kommunistischen Revolutionsversuch fiel in Moskau. Zahlreiche Streiks gegen die rechtsgerichtete Regierung Wilhelm Cunos (Cuno-Streiks) schienen der Beginn revolutionärer Ereignisse zu sein. Der Vorsitzende der Komintern Grigori Sinowjew wies die KPD am 15. August 1923 an, sich auf eine herannahende revolutionäre Krise vorzubereiten. Dem stimmte Leo Trotzki ausdrücklich zu. Am 23. August 1923 kam es zu einer geheimen Sitzung des Politbüros der Kommunistischen Partei Russlands. Auch der Deutschland-Experte Karl Radek befürwortete dort ein offensives Vorgehen. Skeptisch zeigte sich von Anfang an Josef Stalin, der in seiner Position als Generalsekretär der KPR(B) erstmals mit außenpolitischen Problemen konfrontiert war.Bernhard H. Bayerlein u. a. (Hrsg.): Deutscher Oktober 1923 - Ein Revolutionsplan und sein Scheitern. Aufbau-Verlag, Berlin 2003, ISBN 3-351-02557-2, S. 99. Der Vorteil, den sich die sowjetische Führung von der Ausführung des Plans versprach, war, dass nach einem Sieg der KPD das hoch industrialisierte „Sowjetdeutschland“ den wirtschaftlichen Aufbau der noch überwiegend agrarischen Sowjetunion unterstützen würde. Außerdem würden beide Länder gemeinsam militärisch und wirtschaftlich stark genug sein, um sich zu schützen, wie es Sinowjew im September 1923 prophezeite.Bert Hoppe: Stalin und die KPD in der Weimarer Republik. In: Jürgen Zarusky (Hrsg.): Stalin und die Deutschen. München 2006, S. 21. Der schwerkranke Lenin, der sich seit einem Schlaganfall im März 1923 nicht mehr verständlich machen konnte, spielte bei der Entscheidungsfindung keine Rolle mehr. Am Ende der Sitzung wurde eine Kommission des ZK aus vier Mitgliedern gebildet und umgehend unter falschen Identitäten zur illegalen Arbeit nach Deutschland geschickt. Die Mitglieder waren Radek, Unschlicht, Wassili Schmidt und Pjatakow. Radek sollte im Sinne Moskaus auf das ZK der KPD einwirken, Schmidt als Organisator der revolutionären Zellen innerhalb der deutschen Gewerkschaften fungieren, auf Pjatakow entfiel die allgemeine Koordination und Verbindung mit Moskau, und Unschlicht war verantwortlich für paramilitärische Belange sowie für die Bildung einer deutschen Tscheka für die Zeit nach dem Umsturz.Boris Baschanow: Ich war Stalins Sekretär. Ullstein, Frankfurt am Main 1977, S. 58. Ihre Untergrundarbeit inoffiziell unterstützen sollte auch der sowjetische Botschafter in Berlin, Nikolai Krestinski. Dieser war für die Verwaltung der geheimen Gelder (400.000 US-Dollar) zur Vorbereitung des Deutschen Oktober verantwortlich.

Für die Führung in Moskau schien die Situation in Deutschland der in Russland im Sommer 1917 vergleichbar. Die innen- und außenpolitische Krise in Deutschland hatte sich 1923 derartig zugespitzt, dass eine gewaltsame Lösung von rechts oder links geradezu als logisch angesehen wurde. Für die Kommunisten ging es zunächst um die Entscheidung, ob die KPD oder die Faschisten den ersten Schlag führen sollten. Radek plädierte für eine baldige Offensive. Dabei spielten auch innersowjetische Aspekte eine Rolle. Als Anhänger von Trotzki sah er eine Möglichkeit, dessen Position gegenüber Sinowjew und Stalin zu stärken. Von einem Erfolg in Deutschland erhoffte man sich auch eine positive Wirkung auf die Stimmung in Russland. Im September entschied sich die Komintern schließlich endgültig für den Deutschen Oktober. Am 9. November 1923, genau fünf Jahre nach der deutschen Novemberrevolution von 1918, sollte – nach den Plänen Leo Trotzkis – das Deutsche Reich durch eine Revolution zu einem kommunistischen Land werden.

Rolle der KPD Heinrich Brandler, der Vorsitzende der KPD, war zunächst skeptisch, ließ sich aber von den Plänen überzeugen. Brandler, der noch im August vor übereilten Schritten gewarnt hatte, schwenkte nun um und malte die Erfolgsaussichten des Unternehmens in rosigsten Farben: 253000 Kommunisten stünden in proletarischen Hundertschaften zum Kampf bereit; aus ihnen könnten im Laufe von sechs bis acht Wochen fünfzehn Divisionen gebildet werden. Waffen seien in genügender Zahl vorhanden. Die Linken, unter anderem Ruth Fischer und Ernst Thälmann, waren von Anfang an zum Losschlagen bereit. Besonders Arkadi Maslow aus der Fischer-Gruppe blieb trotz Moskauer Drohungen unkooperativ.Boris Baschanow: Ich war Stalins Sekretär. Ullstein, Frankfurt am Main 1977, S. 59. Als Voraussetzung der Aktion gab Sinowjew den Eintritt der KPD in die sächsische Landesregierung vor. Von dieser Position aus sollten die Arbeiter bewaffnet werden. In Sachsen und Thüringen sollten jeweils 50.000 bis 60.000 Arbeiter bewaffnet werden. Beide Länder sollten gegen die Nationalsozialisten aus Bayern verteidigt werden. Die Reichswehrtruppen sollten ignoriert werden.

Ereignisse in Sachsen, Thüringen und Hamburg mini|Abriegeln einer Straße durch Reichswehr mit gefälltem Bajonett in Freiberg in Sachsen alternativtext=Eine Menschenmenge auf einer Straße ist im Vordergrund zu sehen, dahinter marschieren Truppen mit Gewehren. Im Hintergrund sind Gebäude der Altstadt zu sehen|mini|Truppen der Reichswehr marschieren auf den Dresdner Landtag zu mini|Verhaftung eines Mitglieds der Proletarischen Hundertschaften durch Reichswehr-Truppen

Die innenpolitische Lage in Deutschland spitzte sich im Laufe der Vorbereitungen indes weiter zu. Brennpunkte waren Sachsen, Thüringen und Hamburg.

Am 10. Oktober 1923 trat die KPD wie geplant in die sächsische Regierung Zeigner ein. Allerdings gelang es nicht wie erhofft, das Innenministerium und damit den Befehl über die Polizei zu erhalten. Dennoch übernahm der KPD-Vorsitzende Heinrich Brandler als Leiter der Staatskanzlei eine wichtige Rolle.

Am 16. Oktober trat die KPD auch in Thüringen in die Regierung ein. Diese Vorgänge waren legal und die Regierungen unternahmen auch keine reichsfeindlichen Schritte. Damit unterschied sich die Lage grundsätzlich von der in Bayern, wo Gustav von Kahr und dessen rechtsradikales Umfeld einen Putsch planten. In Berlin hingegen zweifelte niemand daran, dass der Regierungseintritt lediglich eine Vorstufe eines bewaffneten kommunistischen Aufstandes bilden würde.

Zusammen mit linksgerichteten Sozialdemokraten stellte die KPD Kampfverbände zusammen, die die Revolution herbeiführen sollten. Diese wurden „Proletarische Hundertschaften“ genannt.