mini|hochkant|rechts|Raymond FitzGerald in einer Darstellung aus dem 13. Jahrhundert in einer Handschrift der Expugnatio Hibernica von Gerald de Barri

Raymond FitzGerald (* 12. Jahrhundert; † zwischen 1189 und 1200), auch in Anspielung auf seine stämmige Figur Raymond le Gros genannt, war ein in Wales geborener Engländer normannischer Abstammung,Vgl. Michael Richter: Irland im Mittelalter. Verlag C. H. Beck, München 1996, ISBN 3-406-40481-2, S. 135: Wie Michael Richter darlegt, verstand sich der Adel, dem Raymond angehörte, zur Zeit der Invasion in Irland längst selbst als englisch und kommunizierte auch in der englischen Sprache. Auch in den Primärquellen ist von den Angli bzw. Engleis die Rede. Deswegen empfiehlt Michael Richter in Abweichung von früheren Traditionen die Terminologie den historischen Tatsachen anzupassen: Wir werden seinen Sprachgebrauch aufgreifen, auch wenn wir uns damit über langjährige Traditionen der historiographischen Terminologie hinwegsetzen und seit 1169 von den Engländern bzw. Anglo-Walisern, nicht den Normannen in Irland handeln. der neben dem Heerführer Strongbow in führender Position an der anglonormannischen Eroberung von Irland teilnahm und 1174 zum Constable von Irland ernannt wurde.Der Name Strongbow wird zum ersten Male 1223 in einer Urkunde für Tintern Abbey erwähnt. In den genannten Primärquellen wird er unter seinem Namen Richard FitzGilbert geführt bzw. einfach als quens bzw. comes mit seinem Titel bezeichnet. Er gilt als der fähigste Kommandant der englischen Invasion in Irland und gleichzeitig als eine ihrer schillerndsten Figuren.Vgl. Orpen, Band 1, S. 168: […] Raymond, the most brilliant commander and the most picturesque figure in the army of the invaders, […].

Leben Familie und Jugend mini|Am Pembroke Castle im Südwesten von Wales gehörte Raymond zum Hofe von Strongbow. Allerdings war die Anlage zu seiner Zeit noch etwas einfacher; die heute noch zu sehende Form geht auf die Ausbauten im 13. Jahrhundert zurück. Raymond wuchs in Wales auf und gehörte im Pembroke Castle dem Hof von Strongbow an.Vgl. Orpen, Band 1, S. 181–182. Er war einer der Enkel der Prinzessin Nest ferch Rhys, einer Tochter von Rhys ap Tewdwr, dem letzten unabhängigen Prinzen von Südwales. Fast alle führenden Personen der später folgenden englischen Invasion in Irland waren Nachkommen Nests und somit miteinander eng verwandt. Nest wurde zunächst von Heinrich I. als Geisel genommen und später zu seiner Mätresse gemacht. Aus dieser Verbindung gingen die beiden Söhne Henry (dessen Sohn Miler FitzHenry an der Invasion teilnahm) und Robert FitzHenry hervor. Danach heiratete sie Gerald of Windsor und gebar William FitzGerald, den Vater von Raymond, Maurice FitzGerald, David FitzGerald und Angharad. Nach dem Tode Gerald de Windsors heiratete Nest den Constable Stephen von Cardigan und bekam mit ihm Robert FitzStephen.Vgl. Roche, S. 106–107.

Zu den Cousins Raymonds gehörte Gerald de Barry, dessen Vater William de Barri mit Anghared eine Tochter aus der zweiten Verbindung von Nest heiratete. Gerald wurde Geistlicher, bereiste mehrfach Irland und wurde unter seinem latinisierten Namen Giraldus zum wichtigsten Chronisten der englischen Invasion. Gerald stand Raymond und den anderen Familienangehörigen recht nahe, so dass seine Darstellung deren Erfolge nicht nur in besonderem Maße würdigte, sondern wohl gelegentlich auch parteiisch war oder zu Übertreibungen neigte.Vgl. Scott, S. xxi, xxiii.

Zu Strongbow gab es zwei verwandtschaftliche Beziehungen, die durch Heiraten der Nachkommen von Raymonds Onkel Maurice FitzGerald entstanden: William heiratete mit Alina eine der Töchter Strongbows, und Nest, den Namen ihrer Großmutter tragend, heiratete Hervey de Montmorency, einen Onkel Strongbows, der später zu einem Gegenspieler von Raymond werden sollte.

Beginn der englischen Invasion in Irland Dermot MacMurrough, der König von Leinster, der vom damaligen Hochkönig Ruaidhrí Ua Conchobair und seinem Verbündeten Tigernán Ua Ruairc im August 1166 aus seinem Heimatland ins Exil vertrieben wurde, suchte Unterstützung bei König Heinrich II., den er 1167 in Aquitanien nach monatelanger Suche traf.Vgl. Furlong, S. 108. Die Suche währte vom Herbst 1166 bis in den Beginn des Jahres 1167. Heinrich war zu dieser Zeit in Konflikt mit dem König von Frankreich, Ludwig VII. und wechselte häufig seinen Standort. Er bot seine Unterwerfung an, wenn er im Gegenzug die Unterstützung erhalten würde, die notwendig war, um sein Königreich wiederzugewinnen.Vgl. La Geste des Engleis en Yrlande, Zeile 260–295; Orpen, Band 1, S. 24–26; Furlong, S. 109. Dermot wurde herzlich empfangen und erhielt ein Schreiben, das ihm Unterstützung zusicherte. Aber letztlich musste er ohne konkrete Zusagen nach Wales zurückkehren. Dort gelang es ihm, die Unterstützung von Robert FitzStephen und Maurice FitzGerald zur Rückeroberung seines Königreichs zu gewinnen. Beide landeten zusammen mit dreißig Rittern, sechzig Reitern und etwa 300 Bogenschützen mit drei Booten in der Bannow Bay an der Südküste von Wexford am 1. Mai 1169. Zu den Rittern gehörten auch Meiler FitzHenry und Robert de Barry.Vgl. Orpen, Band 1, S. 145–146. Somit waren nicht weniger als vier Verwandte von Raymond in führender Position beteiligt. Dank der Unterstützung der englischen Truppen gelang es Dermot, die von Norwegern und Dänen befestigte Stadt Wexford einzunehmen und sein Reich wiederzugewinnen. Dermot sah aber die Möglichkeit, ganz Irland für sich zu gewinnen, und bot am Ende des Jahres 1169 Strongbow seine Tochter und seine Nachfolge an. Strongbow versuchte, für die Übernahme von Leinster die Genehmigung bei Heinrich II. einzuholen. Heinrich II. scheint zwar nicht direkt zugesagt, dem aber auch nicht widersprochen zu haben. Jedenfalls begann anschließend Strongbow mit den Vorbereitungen.Vgl. Orpen, Band 1, S. 181. Strongbow sandte im Mai 1170 als Vorhut Raymond zusammen mit zehn Rittern und siebzig Bogenschützen nach Irland.Vgl. Orpen, Band 1, S. 182; Giraldus, Buch 1, 13. Kapitel; La Geste des Engleis en Yrlande, Zeile 1404.

Erster Feldzug nach Irland (1170) mini|Baginbun Head war ein idealer Landungsplatz für Raymond im Jahr 1170. Nahe zu Waterford gelegen, lag es noch im Territorium von Dermot und ließ sich gut verteidigen. mini|Reste des Ringwalls von Baginbun Head Im Mai 1170 landete Raymond mit seinen Truppen bei Baginbun Head,Vgl. Roche, S. 145. einer schmalen Landzunge mit steil abfallenden Klippen, die eine natürliche Festung darstellt. Zum Baginbun Head gehören ca. 12 Hektar Land, die nur über eine 200 m enge Anbindung erreicht wird.Vgl. Orpen, Band 1, S. 184. Die Angaben in Fuß und Acre wurden in das metrische System überführt. Bis heute verläuft an dieser schmalen Stelle ein ca. 12 m breiter Graben, der auf beiden Seiten von aufgeschütteten Dämmen umgeben ist. Es wird davon ausgegangen, dass diese Verteidigungsanlage auf Raymond zurückgeht.Vgl. Orpen, Band 1, S. 184 und Roche S. 151. Kurz nach der Landung stieß noch Hervey de Montmorency mit drei Rittern und einer kleinen Truppe zu Raymond hinzu.

Schlacht bei Baginbun Head Da die Gruppe mit insgesamt ca. 100 Männern noch zu klein war, um Größeres zu unternehmen, beschränkte sich Raymond darauf, Vieh in ausreichender Zahl zu rauben und die Verteidigung der Landzunge vorzubereiten. Diese Aktivitäten konnten den Einwohnern des nahegelegenen Waterford nicht lange verborgen bleiben. In Kenntnis des Schicksals der Stadt Wexford im vorherigen Jahr wurden alle Anstrengungen unternommen, um möglichst rasch eine ausreichende Übermacht zusammenzustellen, um die Engländer von Baginbun Head zu vertreiben. Die Waterforder erhielten dabei Unterstützung von den Iren der Umgebung, so dass eine ca. 3.000 Mann starke Truppe zusammenkam.Diese Angaben wurden sowohl von irischer Seite als auch von englischer Seite bestätigt: MCB1167.9; Giraldus, Buch 1, 13. Kapitel; La Geste des Engleis en Yrlande, Zeile 1424. Vgl. Orpen, Band 1, S. 186.

Als sich die skandinavisch-irische Streitmacht vor der Befestigung der Landzunge versammelte, entschloss sich Raymond dazu, einen überraschenden Ausfall zu wagen.Hierin stimmen die beiden nicht-irischen Quellen überein: La Geste des Engleis en Yrlande, ab Zeile 1444 und Giraldus, Buch 1, 13. Kapitel. Angesichts der überwältigenden Übermacht wurden sie jedoch zurückgedrängt. Der Rückzug erfolgte so überhastet, dass die Gegner sofort nachsetzen und mit in den befestigten Bereich eindringen konnten. In diesem Moment wandte sich Raymond wieder zum Angriff und erschlug den vordersten Gegner mit einem einzigen Hieb.Vgl. Giraldus, Buch 1, 13. Kapitel; MCB1167.9. Der Eintrag in den irischen Annalen berichtet, dass mit einem Schwerthieb der Schädel des Gegners gespalten wurde. Gemäß einem der überlieferten Berichte wurde das zusammengetriebene Vieh durch die Kampfeshandlungen so aufgescheucht, dass die Rinder in Form einer Stampede nach draußen drängten und dort die skandinavisch-irischen Streiter überrannten bzw. vertrieben.Vgl. La Geste des Engleis en Yrlande, Zeile 1448–1459; Orpen, Band 1, S. 187. Raymond und seine Männer setzten nach und erschlugen oder ertränkten im weiteren Verlauf der Auseinandersetzung über 500 Gegner.Vgl. Giraldus 13. Kapitel; La Geste des Engleis en Yrlande, ab Zeile 1468. Das Lied schätzt die Zahl auf über 1.000.

Am Ende der Schlacht hatte Raymond ca. 70 Gefangene, die allesamt zu den führenden Bürgern Waterfords zählten.Vgl. Giraldus, Buch 1, 13. Kapitel; La Geste des Engleis en Yrlande, Zeile 1472. Um das Schicksal dieser Gefangenen kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen Raymond und Hervey of Montmorency, von der Giraldus Cambrensis ausführlich berichtete und dabei aus moralischer Sicht die Partei von Raymond ergriff.Vgl. Giraldus, Buch 1, 14. und 15. Kapitel: Giraldus Cambrensis versuchte, beide Reden bzw. Standpunkte zu rekonstruieren. Raymond plädierte für die Freilassung der Gefangenen, da die Schlacht selbst vorüber sei und die Gefangenen nur ihr Land auf ehrenhafte Weise verteidigt hätten. Hervey betonte jedoch, dass sich ein Land nicht durch Begnadigungen erobern lasse und daher Gnadenakte erst folgen können, wenn die Eroberung abgeschlossen und durch die Bevölkerung akzeptiert sei. Hervey setzte sich mit seiner Meinung durch, so dass gegen den Willen von Raymond alle Gefangenen getötet wurden.Vgl. Giraldus, Buch 1, 15. Kapitel; La Geste des Engleis en Yrlande ab Zeile 1478: Die Schilderungen unterscheiden sich in der Art der Tötung. Nach Giraldus wurden den Gefangenen die Knochen gebrochen, bevor sie über die Klippen ins Meer geworfen wurden. Im Lied wird geschildert, wie ein irisches Mädchen genötigt wurde, alle Gefangenen zu köpfen.

Belagerung von Waterford mini|hochkant|rechts|Reginalds Turm markierte den östlichsten Punkt des von drei Türmen gebildeten Befestigungsdreiecks im 12. Jahrhundert. Heute ist dieser Turm die älteste in Irland noch erhaltene Befestigungsanlage aus Stein und Mörtel.Martin: S. 301, Anmerkung 84. In den folgenden drei Monaten blieb Raymond weiterhin in Baginbun Head, um auf Verstärkung zu warten.Vgl. Giraldus, Anfang des 16. Kapitels; La Geste des Engleis en Yrlande, Zeile 1494–1499; Orpen, Band 1, S. 188. Am 23. August 1170 landete dann Strongbow mit zahlreichen in Südwales frisch rekrutierten Truppen etwa 10 Kilometer östlich von Waterford bei der heutigen Ortschaft Crooke am Passage Strand. Zu Strongbows Truppen gehörten etwa 200 Ritter und 1.000 weitere Soldaten.Vgl. Giraldus, Buch 1, 16. Kapitel; La Geste des Engleis en Yrlande, Zeile 1503. Im Lied wird eine Gesamtzahl von 1.500 genannt. Am folgenden Tage überquerte Raymond mit vierzig seiner Ritter die Flussmündung des Suir, um Strongbow zu begrüßen. Am Morgen des 25. August marschierten die vereinigten Truppen nach Waterford.