Bieber, ehemals ein selbständiger Ort, ist ein Stadtteil der südhessischen Stadt Offenbach am Main und liegt an dem Bach Bieber, einem Nebenfluss der Rodau. Die Gemarkung Bieber umfasst etwa 850 Hektar.
In diesem Stadtteil lebten im März 2023 etwa 17.100 Menschen.
Geografie Geografische Lage mini|200px|Karte von Bieber und der näheren Umgebung
Bieber liegt im Ballungsraum Rhein-Main und ist umgeben von Wäldern, Wiesen und Parkanlagen. Entlang des gleichnamigen Baches erstrecken sich weitläufige Wiesen, Äcker und Kleingartenanlagen. Südlich von Bieber befindet sich das 72,96 Hektar große Naturschutzgebiet Erlensteg von Bieber. Im Norden Biebers befinden sich ausgedehnte Streuobstwiesen. Die Hessische Apfelwein- und Obstwiesenroute führt durch Bieber und hat hier vier Stationen.
Direkte Nachbarorte sind Mühlheim am Main mit dem Stadtteil Lämmerspiel sowie Obertshausen und Heusenstamm.
Bieber hat neben dem Ortskern drei Ortsteile Bieber-Waldhof, Bieber-West und Bieber-Nord. Außerdem ist ein weiterer Stadtteil namens Bieber Waldhof West zwischen Bieber Nord und Waldhof mit rund weiteren 600 Wohneinheiten in Planung.
Bieber-West 200px|mini|Naturschutzgebiet Erlensteg von Bieber
Bieber-West ist ein Ortsteil von Bieber und liegt westlich des alten Ortskerns. 1965 wurde mit der Baulandumlegung begonnen. Zuvor erstreckten sich hier ausgedehnte Streuobstwiesen. Der Ortsteil ist mit Ein- und Mehrfamilienhäusern sowie meist moderaten Wohnhochhäusern bebaut. Bieber-West ist Standort der 1966 eröffneten Geschwister-Scholl-Schule.
Die Straßen in Bieber-West sind im östlichen Teil nach alten Bieberer Flurnamen und im westlichen Teil nach deutschen Politikern des 20. Jahrhunderts benannt.
Bieber-Waldhof mini|200px|Bieber, Ortsteil Waldhof (im Hintergrund Obertshausen, dahinter Rodgau-Weiskirchen)
Bieber-Waldhof ist ein weiterer Ortsteil von Bieber und liegt zwischen dem Ortskern von Bieber und der Stadt Obertshausen und grenzt an den Lämmerspieler Wald. Das Waldhofgebiet ist in ein Wohngebiet und ein ausgedehntes Industriegebiet unterteilt. Im Industriegebiet haben viele Firmen von Weltruf ihre Niederlassung.
Namensgeber des Ortsteils war der durch den Frankfurter Bürger Joseph Anton Bertarelli 1829 inmitten des ausdehnten Markwaldes der alten Biebermark erbaute große „Gutshof Waldhof“. Nach seinem Tod kam der Hof durch Erbschaft in den Besitz der landgräflichen Hauptverwaltung zu Rumpenheim und der Hof wurde durch einen Pächter verwaltet.
Das Waldhofgebiet selbst wurde während des Ersten Weltkrieges in seiner heutigen Ausdehnung von russischen Kriegsgefangenen gerodet. Auf dem gerodeten Teil entstand ein weiterer Hof mit Namen Neuwerk. Die Stadt Offenbach erwarb in den Jahren 1914, 1928 und 1962 durch Käufe den Grundbesitz. Bomben des Zweiten Weltkrieges zerstörten den Waldhof am 29. November 1944. Auch der Hof Neuwerk wurde im Krieg durch Bomben zerstört. Ab 1967 begann die Erschließung des östlichen Waldhofgebietes für die Ansiedlung von Industrie- und Gewerbebetrieben. Im Anschluss daran entstand das Wohngebiet. Die Straßen des Wohngebietes tragen alte Bieberer Flurnamen, die des Industriegebietes Namen deutscher Industrieller.
Der Sportplatz des FV Germania Bieber nennt sich Sportplatz am Waldhof.
In Bieber-Waldhof existieren eine Außenstelle der Grundschule in Bieber, ein städtischer Kindergarten, ein Gemeindezentrum der katholischen Pfarrei und der evangelischen Kirchengemeinde. Der Ortsteil ist durch die Buslinien 101 und 102 der Offenbacher Verkehrsbetriebe und die Linie S1 der S-Bahn Rhein-Main mit einem eigenen S-Bahn-Haltepunkt erschlossen.
In Bieber-Waldhof lebten Anfang 2005 3365 Menschen.
Bieber-Nord mini|200x200px|Bieber, Ortsteil Bieber Nord mit Anbindung an die S-Bahn (S1 & S2) des RMV Bieber-Nord ist ein Wohn- und Neubaugebiet, das seit Anfang der 2010er Jahre entwickelt wird. Die offizielle städtebauliche Festlegung durch die Stadtverordnetenversammlung erfolgte am 7. Mai 2015, die Erschließungs- und Tiefbauarbeiten begannen im Oktober 2017 mit dem Spatenstich; erste Bewohner zogen im Sommer 2021 ein.
Wichtige infrastrukturelle Ergänzungen sind ein neues Schul- und Betreuungszentrum mit Grundschule und Kindertagesstätte, das im Juni 2024 eröffnet wurde, um dem steigenden Bedarf im Neubaugebiet gerecht zu werden. Die Nähe zur S-Bahn-Station Offenbach-Bieber sorgt für eine gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr, zudem bestehen direkte Verbindungen über Buslinien sowie die Bundesstraße 448 in das Rhein-Main-Gebiet.
Geschichte Ursprünge mini|200px|Haus Gesser, eines der ältesten Gebäude
In der Gemarkung wurden zahlreiche Funde aus prähistorischer, römischer und fränkischer Zeit gemacht. Die Karte gibt die Fundorte nur ungefähr an, um Schäden durch selbsterklärte aber unerfahrene Archäologen zu vermeiden. PDF, 45 kB. Auf den Steinäckern in Richtung Lämmerspiel wurden aus der jüngsten Bronzezeit, der UrnenfelderkulturDie Bronzezeit. Auf: offenbach.de, abgerufen am 27. April 2016., der Hallstattkultur, der Latènezeit. Vormals in: offenbach.de, vom 11. Mai 2004, abgerufen am 10. August 2016. und schließlich der Römerzeit Relikte gefunden. Durch Grabungen konnte eine kontinuierliche Besiedlung vom ersten Jahrtausend vor Christus bis zur Römerzeit nachgewiesen werden. An dieser Stelle konnten ausgedehnte Eisenschlackeschichten freigegraben werden, was in Verbindung mit Gefäß- und Werkzeugfunden aus der Eisenzeit auf eine Eisenverhüttung zur damaligen Zeit schließen lässt. mini|200px|Der alte Ortskern Biebers Der Ortsname ist vermutlich keltischer Herkunft. Wie die vielen anderen Orts- und Flussnamen im keltischen Kernland könnte sich der Name Bieber vom keltischen Wort Bebros für das Tier Biber ableiten. Einer anderen Theorie zufolge leitet sich der Name vom keltischen bi-para, also zwischen den Bezirken ab. Die Tatsache, dass der alte keltische Ortsname auch in germanischer Zeit beibehalten wurde, kann darauf schließen lassen, dass es sich damals um eine bedeutende Siedlung gehandelt hatte. Im Laufe der Zeit schrieb sich der Ort auch Bieberaha und Bibera.
Da eine keltische Siedlung südlich des heutigen Ortes auf den Struthäckern wahrscheinlich und auf den Steinäckern nachgewiesen ist, geht man davon aus, dass der Ort in germanischer Zeit an die Stelle des heutigen historischen Ortskerns unter Beibehaltung des keltischen Namens verlegt wurde. Eine römische Villa Rustica und ein römisches GräberfeldVölkerwanderungs- und Merowingerzeit. Auf: offenbach.de, abgerufen am 27. April 2016. konnte auf den oben erwähnten Steinäckern zwischen Bieber und Waldhof nachgewiesen werden. Ebenso durchzogen römische Straßen die Bieberer Gemarkung und kreuzten sich vermutlich nahe der Villa Rustica. Die Gegend gehörte der römischen Civitas Auderiensium in der Provinz Obergermanien an. Während römischer Zeit und der Völkerwanderungszeit blieb die alte keltisch-germanische Mischbevölkerung ansässig.
Mittelalter mini|200px|Blick vom Aussichtsturm über Bieber
Der fränkische Gaugraf Warin und seine Frau Friderum schenkten im späten 8. Jahrhundert dem Kloster Fulda vier Hufen zu „Bieber im Maingau“.Ernst Friedrich Johann Dronke: Traditiones et antiquitates Fuldenses. C. Müller, 1844 (). Auch Graf Walah schenkte seinen Besitz in Bieber an das Kloster Fulda.Ernst Friedrich Johann Dronke: Traditiones et antiquitates Fuldenses. C. Müller, 1844 (). Ein fränkisches Gräberfeld mit 50 Gräbern wurde im Bereich der Herder- und der Uhlandstraße entdeckt. Das Skelett eines etwa elfjährigen Mädchens ist vollständig erhalten und in der Dauerausstellung des Stadtmuseums in Offenbach zu sehen. Eine in einem Grab gefundene Münze wurde um das Jahr 650 nach Christus geprägt.
Erstmals urkundlich erwähnt wurde die Siedlung in einer Schenkungsurkunde des fränkischen Großgrundbesitzers Erlulf am 22. April 791 im Lorscher Codex.Glöckner, Karl, Codex Laureshamensis 02. Band – Kopialbuch, I. Teil Oberrhein-, Lobden-, Worms-, Nahe- und Speiergau, Darmstadt 1933, S. 489, Nr. 1965 (Reg 2311), „Donatio Erlulfi in Buosinesheim“ Schenkung des Erlulf in Biedesheim unter Kaiser Karl und Abt Richbod In Christi Namen, am 22. April im 23. Jahr des Königs Karl (791), beabsichtige ich, Erlulf, eine Zuwendung an den Hl. N(azarius), dessen Leib im Lorscher Kloster ruht, dessen Herr der ehrwürdige Abt Richbodo ist. Ich schenke in pago worm. in Buosinesheim, in Guntheim und in Dagolfesheim alles, was ich dort habe. Ferner schenke ich in Mumenheim meinen Anteil an der Basilika, dann alles, was ich in Magontia besitze, ebenfalls alles, was ich in Hemme und in Heichino besitze, ebenso in Awa, gelegen in pago renensi, weiterhin in Rorheim und in Bellingon, gelegen in Monichgowe und in Biberhahen und in Rotahen superior et inferior. Alles, was ich in den erwähnten Ortschaften besitze: Hofreiten, Wälder, Weinberge, Wohnhäuser, Wirtschaftsbauten und vierzig Leibeigene gebe ich gemäß nachfolgender Fertigung dahin. Da die beiden älteren Schenkungen nicht sicher datiert werden können, gilt dieses Datum als erstmalige urkundliche Erwähnung Biebers. Eine weitere Schenkung erfolgte 868 durch einen Theotger ebenfalls an das Kloster Lorsch.Glöckner, Karl, Codex Laureshamensis: 03. Band Kopialbuch, II. Teil: Die übrigen fränkischen und die schwäbischen Gaue Güterlisten, späte Schenkungen und Zinslisten, Gesamtregister, Darmstadt 1936, S. 135; Nr. 3454 (Reg. 3480), „Donatio Theotgeri in villa Biberaha“ Schenkung des Theotger im Dorf Bieberau unter Abt Teotroh und Kaiser Ludwig Im Namen Gottes lasse ich, Teotger, zu meinem Seelenheil dem heiligen Märtyrer 'N(azarius) eine Schenkung zukommen. Der Leib des Heiligen ruht im Lorscher Kloster, in dem der ehrwürdige Teotroch die Abtwürde innehat. Es ist mein Wunsch, dass diese Stiftung von ewiger Dauer sei, und ich erwähne ausdrücklich, dass sie durchaus freiwillig gemacht wurde. Ich schenke alles, was ich in pago Moynachgowe, im Dorf Biberaha besitze. Das Abkommen ist damit in Kraft getreten. Geschehen im Lorscher Kloster am 28. September im 28. Jahr des Königs Ludwig (868)
200px|mini|Alte Ortsmauer
Im Mittelalter gehörten die umliegenden Wälder zum Wildbann Dreieich, dieser unterhielt in Bieber eine seiner 30 Wildhuben. Die Herren von Hagenhausen (später von Eppstein) gewannen ab 1290 aufgrund ihrer Lehens-, Gerichts- und Grundrechte allmählich die Landeshoheit in Bieber. Bieber gehörte zu ihrem Amt Steinheim, das ab 1371 als Pfand je zur Hälfte den Grafen von Katzenelnbogen und den Herren von Hanau übergeben war. 1393 gelangte das Pfand insgesamt an die Herren von Cronberg.
Frühe Neuzeit 1425 verkaufte Gottfried von Eppstein das Amt an das Kurfürstentum Mainz. In den Jahren 1631–1634, während des Dreißigjährigen Kriegs, beschlagnahmte König Gustav II. Adolf das Amt als Kriegsbeute und stattete damit die Grafen Heinrich Ludwig von Hanau-Münzenberg und Jakob Johann von Hanau-Münzenberg, die mit ihm verbündet waren, aus.Richard Wille: Hanau im Dreißigjährigen Krieg. Hanau 1886, S. 91, 593f. Im Dreißigjährigen Krieg kam es durch Pest, Truppendurchzüge und Verwüstungen zu großen Belastungen und Verlusten unter der Bevölkerung. Da beide Grafen schon bald starben und der Westfälische Friede auf das Normaljahr 1624 abstellte, kam Bieber wieder an Kurmainz, wo es bis 1803 verblieb.
Bieber war bis 1819 mit dem alljährlich abgehaltenen Märkerding am südöstlichen Ortsrand Oberhof der sogenannten Biebermark, einer Markgenossenschaft. Seine Einwohner hatten ab 1372 Burgrecht in Frankfurt mit allen daraus resultierenden Rechten und Pflichten (in Kriegszeiten durfte in der befestigten Stadt Zuflucht gesucht werden, als Gegenleistung mussten sie 10 Ruten Stadtgraben instand halten).
Neuzeit
mini|hochkant=1.2|links|Eine Station mit Hinweistafel und Bank des „Rundweges zur Bieberer Geschichte“ mini|hochkant=1.2|links|Bieberbach Höhe Obermühle mini|hochkant=1.2|Die Obermühle südlich von Bieber