mini|hochkant|Jupitergigantensäule aus Ladenburg, Nachbildung vor dem Lobdengau-Museum Lopodunum war eine römische Stadt, aus der das heutige Ladenburg (Rhein-Neckar-Kreis, Baden-Württemberg) hervorgegangen ist. Aus der frühesten Besetzungszeit im letzten Viertel des 1. Jahrhunderts n. Chr. sind zwei Kastelle bekannt, nach deren Aufgabe eine planmäßige Stadtgründung erfolgte. Der Beiname der zugehörigen Verwaltungskörperschaft (Civitas Ulpia Sueborum Nicrensium) legt nahe, dass dies zur Regierungszeit Kaiser Trajans (98–117 n. Chr.) stattfand, dessen ursprünglicher Name Marcus Ulpius Traianus lautete. Lopodunum war der Vorort der hier ansässigen Neckarsueben. Zeugnis dieser Vorortfunktion in römischer Zeit geben die Reste eines Forums sowie einer monumentalen Basilika. Das antike Ladenburg war einer der bedeutendsten Orte im Hinterland des Obergermanischen Limes bis zu dessen Aufgabe nach der Mitte des 3. Jahrhunderts. In der Spätantike, als der Rhein wieder die Reichsgrenze bildete, wurde von den Römern erneut eine militärische Anlage in Form eines Ländeburgus im Stadtgebiet angelegt.
Geschichte mini|Rhein-Neckar-Region in römischer Zeit
Vorgeschichte Das Gebiet am Unterlauf und im Schwemmkegel des Neckar wies schon vor dem Vordringen der Römer an den Rhein eine weitgehende Besiedlung auf. Namensgebend für die römische Gründung war vermutlich das keltische Toponym Lokudunum (zu deutsch „Seeburg“). Das lateinische Lopo- stellt eine lautliche Assimilierung beziehungsweise eine Vermischung aus lateinisch lupus (Wolf) und dem thematischen keltischen loku dar.Xavier Delamarre: Dictionnaire de la langue gauloise. Une approche linguistique du vieux-celtique continental. 2e édition revue et augmentée, Editions Errance, Paris 2003, ISBN 2-87772-237-6, S. 206. Neben Fundstellen in der Ebene zeugen besonders die Ringwallanlagen auf dem nahe gelegenen Heiligenberg von der keltischen Besiedlung in diesem Raum. Das Fehlen von Fundmaterial seit der Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. ist möglicherweise eine Folge des Gallischen Kriegs und für das rechtsrheinische Südwestdeutschland typisch („Helvetier-Einöde“). Nahe dem Rhein zwischen Neckar und Main sind einige Gräberfelder bekannt, die nach längerer wissenschaftlicher Diskussion heute als germanisch angesehen werden und unter dem Begriff Oberrheingermanen zusammengefasst werden.Gertrud Lenz-Bernhard: Lopodunum III: Die neckarswebische Siedlung und Villa rustica im Gewann „Ziegelscheuer“: eine Untersuchung zur Besiedlungsgeschichte der Oberrheingermanen. Theiss, Stuttgart 2003, ISBN 3-8062-1567-7 (Forschungen und Berichte zur Vor- und Frühgeschichte in Baden-Württemberg 77), S. 17–24. Bereits Kaiser Tiberius (regierte 14–37 n. Chr.) ließ hier Jahrzehnte vor den rechtsrheinischen Eroberungen (Chattenkriege Kaiser Domitians) Sueben im Vorfeld der Reichsgrenze am Rhein ansiedeln. Im Ladenburger Stadtgebiet liegen Siedlungsfunde in den Fluren Lustgarten, Weihergärten und Ziegelscheuer vor, ferner Bestattungsplätze im Bereich der Kiesgrube Rechts des Wallstädter Wegs und am Erbsenweg (mit zugehöriger Siedlung).Angaben nach Gertrud Lenz-Bernhard: Lopodunum III: Die neckarswebische Siedlung und Villa rustica im Gewann „Ziegelscheuer“: eine Untersuchung zur Besiedlungsgeschichte der Oberrheingermanen. Theiss, Stuttgart 2003, ISBN 3-8062-1567-7 (Forschungen und Berichte zur Vor- und Frühgeschichte in Baden-Württemberg 77), S. 16f. Die oberrheingermanischen Bevölkerungsgruppen im Bereich des unteren Neckars, also rund um Ladenburg, bildeten die Gruppe der Neckarsueben – eine Stammesbezeichnung, die später in römischer Zeit auch auf Inschriften auftaucht.Michael Speidel, Barbara Scardigli: Neckarschwaben (Suebi Nicrenses). In: Archäologisches Korrespondenzblatt. Band 20, Nummer 2, 1990, S. 201–207.
Im Verlauf des 1. Jahrhunderts n. Chr. begannen die Römer, die Verkehrswege am Rhein auszubauen. Bereits vor der Einrichtung des Limes wurde die rechtsrheinische Route der römischen Rheintalstraße ausgebaut. Als kürzeste Verbindung zwischen den bedeutenden Legionsstandorten an Rhenus (Rhein) und Danuvius (Donau) führte sie von Mogontiacum (Mainz) über Groß-Gerau–Gernsheim–Ladenburg nach Süden, wo sie bei Offenburg gegenüber von Argentoratum (Straßburg) die von Gnaeus Pinarius Cornelius Clemens angelegte „Kinzigtalstraße“ erreichte.
Militärstandort im späten ersten Jahrhundert n. Chr. In den 70er Jahren des ersten Jahrhunderts legten die Römer im Gebiet der heutigen Ladenburger Altstadt, die sehr zentral innerhalb der Neckarebene liegt, nacheinander zwei Kastelle an. Das Lagerdorf (vicus) von Kastell I überlagert Kastell II, so dass Kastell II älter sein muss.Britta Rabold: Ladenburg (HD) – Die römische Stadt. In: Dieter Planck (Hrsg.): Die Römer in Baden-Württemberg. Römerstätten von Aalen bis Zwiefalten. Theiss, Stuttgart 2005, ISBN 3-8062-1555-3, S. 161–168, hier S. 161. Der bereits nach wenigen Jahren erfolgte Neubau könnte auf einen Wechsel der hier stationierten Truppe hindeuten. Beide Kastelle befanden sich auf dem vor Hochwasser geschützten Hochufer des Nicer (Neckar). Wie in vielen rückwärtigen Kastellen war hier mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Reitereinheit (ala) stationiert.Britta Rabold: Ladenburg (HD) – Die römische Stadt. In: Dieter Planck (Hrsg.): Die Römer in Baden-Württemberg. Römerstätten von Aalen bis Zwiefalten. Theiss, Stuttgart 2005, ISBN 3-8062-1555-3, S. 161–168, hier S. 163. Darauf deuten die Größe von Kastell I, dazugehörige Pferdeställe, charakteristische Fundstücke von Pferdegeschirr sowie der Weihestein eines decurio der Ala I Cannanefatium hin, der 1906 verbaut in der mittelalterlichen Stadtmauer gefunden wurde. Ein Ausbau des ursprünglich mit einer Rasensodenmauer errichteten Kastell I in Stein erfolgte in domitianischer Zeit um 90 n. Chr.Berndmark Heukemes: Ladenburg HD. In: Philipp Filtzinger (Hrsg.): Die Römer in Baden-Württemberg. 3. Auflage. Theiss, Stuttgart 1986, ISBN 3-8062-0287-7, S. 384.
Die Ala I Cannanefatium ist zwischen 74 und 90 n. Chr. durch Militärdiplome als Teil des obergermanischen Heeres bezeugt. Erstmals im Jahr 116 erscheint sie in Pannonien, wohin sie von Trajan (regierte 98–117 n. Chr.) zu den Dakerkriegen abkommandiert wurde. Ebenfalls in die Zeit Kaiser Trajans fällt die Aufgabe des Kastells, wobei die Mauern abgebrochen und die Spitzgräben verfüllt wurden. Die Schuttschichten enthielten Keramik aus trajanischer Zeit. Die Aufgabe des rückwärtigen Militärstandortes geht einher mit parallelen Entwicklungen im gesamten Hinterland des Limes. Unter Trajan wurden rückwärtige Garnisonen wie in Nida-Heddernheim, Wiesbaden und Groß-Gerau aufgelöst und die Einheiten an den Limes verlegt. In den nun weitgehend entmilitarisierten Gebieten im Hinterland des Limes erfolgte daraufhin eine grundlegende administrative und politische Neustrukturierung, die auch Lopodunum betraf.Egon Schallmayer: Traian in Obergermanien und die Folgen. In: Egon Schallmayer (Hrsg.): Traian in Germanien, Traian im Reich. Bericht des Dritten Saalburgkolloquiums. Saalburgmuseum, Bad Homburg v. d. H. 1999, ISBN 3-931267-04-0 (Saalburg-Schriften 5), S. 179–194, besonders S. 186–190.
Die Stadt in der hohen Kaiserzeit Mit dem Abzug des Militärs wurde die Siedlung noch unter Trajan planmäßig zu einem zivilen Zentralort umgewandelt. Die genaue Datierung dieser „Stadtgründung“ ist unklar, allerdings sprechen einige archäologische Detailbeobachtungen für eine Verortung in den Jahren nach 106.C. Sebastian Sommer: Trajan und die Einrichtung der Civitas Ulpia Sueborum Nicrensium. In: Egon Schallmayer (Hrsg.): Traian in Germanien, Traian im Reich. Bericht des Dritten Saalburgkolloquiums (= Saalburg-Schriften. Band 5). Saalburgmuseum, Bad Homburg 1999, ISBN 3-931267-04-0, S. 241–246. Der markante Einschnitt in die Infrastruktur der Siedlung wird dadurch deutlich, dass nun im hinteren Bereich (retentura) des aufgegebenen Kastells ein städtisches Forum mit monumentaler Basilika entstand. Die Gesamtanlage findet mit einer Größe von 130 × 84 m keine Entsprechung in den größeren städtischen Siedlungen rechts des Rheins. Vermutet wird daher die Planung einer weitergehenden Funktion Ladenburgs (colonia oder municipium?), die aus unbekannten Gründen nicht zu Ende geführt wurde.Britta Rabold: Ladenburg (HD) – Die römische Stadt. In: Dieter Planck (Hrsg.): Die Römer in Baden-Württemberg. Römerstätten von Aalen bis Zwiefalten. Theiss, Stuttgart 2005, ISBN 3-8062-1555-3, S. 161–168, hier S. 164f.; dieselbe: Öffentliche Großbauten. Architektur nach dem Vorbild Roms. In: Imperium Romanum. Roms Provinzen an Neckar, Rhein und Donau. Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg, Esslingen 2005, ISBN 3-8062-1945-1, S. 171f. Verschiedene Indizien wie das Fehlen von Funden, besonders Fußbodenteilen, aus den Bodenschichten der Basilika sprechen dafür, dass sie nicht fertiggestellt wurde. Das Forum war aber voll funktionsfähig, worauf Funde von Ziegelplattenböden und anderer Architekturteile in den Ladenlokalen hindeuten.Britta Rabold: Ladenburg (HD) – Die römische Stadt. In: Dieter Planck (Hrsg.): Die Römer in Baden-Württemberg. Römerstätten von Aalen bis Zwiefalten. Theiss, Stuttgart 2005, ISBN 3-8062-1555-3, S. 161–168, hier S. 165. Ungefähr um diese Zeit wurde auch ein Theater errichtet.
Lopodunum erfüllte damit im 2. und 3. Jahrhundert die Funktion eines Zentralortes im unteren Neckargebiet, dem Kraichgau und der Bergstraße. Dieses Areal bildete eine Gebietskörperschaft, die Civitas Ulpia Sueborum Nicrensium, die ebenfalls durch Kaiser Trajan eingerichtet worden war. Die nächsten Zentralorte dieser Art befanden sich nördlich in Dieburg (Zentrum der Civitas Auderiensium), östlich in Bad Wimpfen (Civitas Alisinensium), südlich in Aquae (Baden-Baden) (Civitas Aurelia Aquensis) und südöstlich möglicherweise in Portus (Pforzheim). Nach Westen hin bildete der Rhein die Grenze zu den Civitates der Nemeter – mit dem Hauptort Noviomagus (Speyer) – und der Vangionen – mit dem Hauptort Borbetomagus (Worms).Christian Witschel: Historische Einführung: Die Region am nördlichen Oberrhein und die civitas der Neckarsueben während der römischen Epoche. In: Johannes Lipps, Stefan Ardeleanu, Jonas Osnabrügge, Christian Witschel: Die römischen Steindenkmäler in den Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim (= Mannheimer Geschichtsblätter Sonderveröffentlichungen. Band 14; = Publikationen der Reiss-Engelhorn-Museen. Band 91). Verlag Regionalkultur, Ubstadt-Weiher 2021, ISBN 978-3-95505-216-4, S. 28–129, hier S. 86–87 und 103–104 sowie die Karte auf S. 97. Die Stadt erlebte ihre Blütezeit im 2. und frühen 3. Jahrhundert. In ihrem Umland entstanden bedeutende Landgüter (villae rusticae), von denen gut ergrabene Beispiele in Hirschberg-Großsachsen und in Ladenburg selbst („Ziegelscheuer“) vorliegen. Grundlage der wirtschaftlichen Blüte dürfte die Präsenz der zahlungskräftigen römischen Grenztruppen gewesen sein. Die städtischen Privathäuser bestanden bis um die Mitte des 2. Jahrhunderts vorwiegend aus Fachwerk. Die aus dem Kastellvicus hervorgegangenen Teile der Siedlung an der Fernstraße nördlich und südlich des Kastells wiesen eine Bebauung in Form von bis zu 30 m langen Streifenhäusern auf. Erst ab der Mitte des 2. Jahrhunderts wurden Steingebäude mit durchschnittlichen Größen bis zu 2000 m² üblich, wobei gelegentlich mehrere Grundstücke zusammengelegt wurden.Britta Rabold: Topographie des römischen Ladenburg. Aufstieg vom Truppenstandort zur Metropole. In: Imperium Romanum. Roms Provinzen an Neckar, Rhein und Donau. Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg, Esslingen 2005, ISBN 3-8062-1945-1, S. 180; Britta Rabold: Ladenburg (HD) – Die römische Stadt. In: Dieter Planck (Hrsg.): Die Römer in Baden-Württemberg. Römerstätten von Aalen bis Zwiefalten. Theiss, Stuttgart 2005, ISBN 3-8062-1555-3, S. 161–168, hier S. 164.
Ende der Stadt und Spätantike mini|Karte des römischen Ladenburg