mini|Nikolaas Tinbergen, 1978 mini|Nikolaas Tinbergen (r.) und Konrad Lorenz, 1978
Nikolaas Tinbergen (* 15. April 1907 in Den Haag; † 21. Dezember 1988 in Oxford) war ein niederländischer Zoologe und bedeutender Ethologe. Zwischen 1940 und 1949 war er Professor an der Universität Leiden, von 1949 bis 1974 an der University of Oxford. 1955 nahm er die britische Staatsbürgerschaft an.
Gemeinsam mit Patrick Bateson, Robert Hinde und William Thorpe trug Nikolaas Tinbergen nach dem Zweiten Weltkrieg maßgeblich dazu bei, das biologische Fachgebiet der Verhaltensforschung in Großbritannien zu etablieren. Zusammen mit Karl von Frisch und Konrad Lorenz wurde Tinbergen 1973 mit dem Nobelpreis für Physiologie oder Medizin ausgezeichnet.
Leben Nikolaas Tinbergen wurde zeitlebens von allen, die mit ihm persönlichen Umgang hatten, stets Niko genannt. Seine Eltern waren Dirk Cornelis Tinbergen (* 1874) und Jeanette van Eek (* 1877), 1902 hatten sie geheiratet. Die Stammlinie der Familie Tinbergen reicht zurück bis ins 15. Jahrhundert und ist abgeleitet von einem Landgut namens Engbergen nahe Doetinchem im östlichen Teil der Niederlande. Die Eltern von Nikolaas Tinbergen zeugten sechs Kinder, von denen eines allerdings kurz nach der Geburt starb: Jan (1903–1994); Jacomiena (genannt Mien, * 1905); der früh gestorbene Junge; Niko (1907–1988); Dik (* 1909) und Luuk (1915–1955).
Vater Dirk war Lehrer für Niederländisch an einem Gymnasium in Den Haag und ein anerkannter Experte für mittelalterliches Niederländisch. Er war Autor mehrerer Bücher, unter anderem einer viel genutzten Grammatik der niederländischen Sprache und einer kommentierten Ausgabe der niederländischen Version des Epos über Reineke Fuchs aus dem 13. Jahrhundert, Van den vos Reynaerde.
Die Mutter von Nikolaas Tinbergen stammte aus einer Lehrerfamilie und war ebenfalls ausgebildete Lehrerin. Nach ihrer Hochzeit gab sie ihren Beruf auf, unterrichtete aber zeitweise noch einige Privatschüler. Sie sprach fließend Deutsch, Französisch und Englisch.
Sowohl sein Vater als auch seine Mutter suchten, wann immer möglich, Entspannung durch lange Spaziergänge außerhalb Den Haags in der ungestörten Natur und hatten ab 1923 auch regelmäßig ein Ferienhaus bei Hulshorst gemietet. Sie besuchten mit ihren Kindern häufig Museen und weckten auf diese Weise sowohl bei Niko als auch bei seinem jüngsten Bruder Luuk das Interesse an der Naturkunde. Tinbergens Biograf Hans Kruuk beschreibt die Familie als für die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg ungewöhnlich liberal: Die Kinder durften ihre Eltern mit „Du“ anreden, obwohl damals in den Niederlanden noch das förmliche „Sie“ auch gegenüber den Eltern üblich war.Kruuk, Niko’s Nature, S. 17; Kruuk, der selbst aus den Niederlanden stammt, schreibt ergänzend: “This was quite unusual, and showed a deep friendship...” In seiner Autobiografie beschrieb Nikolaas Tinbergen seine Jugend so: „Wir waren eine wirklich glückliche Familie.“Nikolaas Tinbergen: Watching and wondering. In: D. A. Dewsbury: Studying animal behavior. Autobiographies of the Founders. Chicago University Press, 1985, S. 435
Sein älterer Bruder Jan studierte Mathematik und wurde zum Wegbereiter der mathematischen Modellbildung und der Ökonometrie; 1969 wurde ihm der Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften zuerkannt. Seine Schwester Mien studierte Deutsch in Amsterdam, wurde Lehrerin und leitete später den sprachlichen Fachbereich einer großen Schule. Sein Bruder Dik studierte Ingenieurwissenschaften in Delft und beendet seine berufliche Laufbahn als Direktor der öffentlichen Energieversorgungsbetriebe von Den Haag. Der jüngste Bruder Luuk Tinbergen wurde 1949 Professor für Ökologie an der Reichsuniversität Groningen.
Jugendzeit Schon im Alter von fünf oder sechs Jahren hatte Nikolaas sich mehrere Aquarien im Garten seiner Eltern in der Haager Bentinck Straat 146 eingerichtet und besetzte sie mit Stichlingen, Molchen und Insekten.Tinbergen selbst schrieb: “When I look back over […] my live, I remember having shown unmistakable signs of an interest in the outdoors and in living things from when I was five or six years old.” N. Tinbergen, Watching and wondering, S. 431 Die Schule langweilte ihn, er wirkte – modern gesprochen – hyperaktivElizabeth Hall: A conversation with Nobel Prize winner Nico Tinbergen. In: Psychology today, März 1974. Wörtlich schreibt der Interviewer: „As a child today, he might be diagnosed as hyperactive and doped with Ritalin.“ und betätigte sich außer mit seinen Aquarien am liebsten sportlich: Bis ins hohe Alter galt er als ausgezeichneter Eisläufer. Hockey spielte er ab seiner Schulzeit so erfolgreich, dass er später zeitweise der niederländischen Hockey-Nationalmannschaft angehörte. Im Stabhochsprung übertraf er bei einem Trainingssprung den niederländischen Landesrekord.Kruuk, Niko’s Nature, S. 24 f. Außerdem betätigte er sich in seiner Freizeit als Tierfotograf.
Ab 1920 besuchte Nikolaas Tinbergen das Gymnasium und bestand 1925 mit mäßigen Leistungen (außer im Sport) das Abitur.“My school career remained unglorious through secondary school; my interests centered on drawing, sports, and natural history.” N. Tinbergen, Watching and wondering, S. 437. Während dieser Schulzeit schloss er sich dem Nederlandse Jeugdbond voor Natuurstudie (NJN) an, einer Art Pfadfinderbewegung für naturkundlich interessierte Jugendliche zwischen 12 und 25: An den Wochenenden und in den Ferien fuhr man über Land und beobachtete Vögel und andere wild lebende Tiere, fing Schmetterlinge und Käfer oder übte sich im Bestimmen von Pflanzen. Nikolaas Tinbergen schrieb im Alter von 16 Jahren seinen ersten Artikel für das Vereinsmagazin Amoeba (über die Venusmuschel Venus gallinaAmoeba, Band 3, 1923), hielt später Vorträge bei Vereinssitzungen und wurde als Student schließlich Leiter des NJN-Bereichs für Den Haag, Rotterdam und Delft.
Nach Abschluss der Schulausbildung legten ihm seine Eltern wegen seiner gezeigten Interessen nahe, ein Biologiestudium zu beginnen. Dies lehnte Nikolaas Tinbergen allerdings ab, da er wusste, dass ein Biologiestudium damals vor allem aus Kursen in vergleichender Morphologie bestand, die Namen von Arten auswendig zu lernen waren (was ihn beides schon in der Schule gelangweilt hatte), Studien im Freiland aber völlig unüblich waren. Stattdessen überlegte er, Landwirt in Kanada zu werden oder eine Laufbahn als Sportler oder Fotograf einzuschlagen. Sein ehemaliger Biologielehrer schlug den verunsicherten Eltern daher vor, ihren Sohn für einige Zeit zur damals weltweit einzigartigen ornithologischen Feldforschungsstation, der Vogelwarte Rossitten auf der Kurischen Nehrung zu schicken.
Ab August 1925 war Nikolaas Tinbergen dann tatsächlich in Rossitten (heute: Rybatschi) zwei Monate lang zu Gast bei Johannes Thienemann, dem Initiator der Vogelberingung. Er war beeindruckt von den großen Wanderdünen, beschäftigte sich vor allem mit dem Fotografieren von Wildvögeln und war besonders stolz auf einige gelungene Bilder von Elchbullen, hatte aber kaum Kontakt mit Thienemann und schied von diesem in Unfrieden, da er dem Professor einige seiner besten Fotografien überlassen musste. Gleichwohl prägte ihn der Aufenthalt im damaligen Ostpreußen für den Rest seines Lebens: Zurück in den Niederlanden, begann er noch im November 1925 in Leiden mit dem Biologiestudium.
Studium Als Biologiestudent musste man sich in den 1920er-Jahren an der Universität Leiden vor allem mit vergleichender Anatomie und vergleichender Morphologie beschäftigen, also mit der Analyse von Verwandtschaftsbeziehungen zwischen den Lebewesen. Dies geschah zum einen vor dem Hintergrund der Evolutionslehre von Charles Darwin, deren Konsequenzen seit der Jahrhundertwende an den Hochschulen Fuß gefasst hatten. Zum anderen wurden beide Fächer im Leidener Zoologischen Institut auch für die Medizinstudenten unterrichtet, und 100 Medizin-Studienanfängern standen 1925 nur neun Biologie-Erstsemesterstudenten gegenüber.Kruuk, Niko’s Nature, S. 38. Das Fach Tierphysiologie gab es noch nicht, es fand erst 1926 Eingang in den Lehrplan der Leidener Biologen, und eine Professur für Ökologie existierte damals noch nirgendwo in den Niederlanden. Die erste genaue Studie zum Verhalten von Vögeln wurde in den Niederlanden erst 1930 durch Jan Verwey über Fischreiher publiziert.Jan Verwey: Die Paarungsbiologie des Fischreihers. Verhandlungen des 6. Internationalen Ornithologen-Kongresses, Kopenhagen, 1929, S. 390–413 (= Zoologische Jahrbücher 1930).
Nikolaas Tinbergen beschrieb sein Grundstudium später so: Neben dem universitären Pflichtprogramm beschäftigte er sich daher in der Freizeit weiterhin mit privaten Tierbeobachtungen, nun auch in einer kleinen Gruppe, die sich Club von Haagse Trekwaarnemers („Club der Haager Vogelzugbeobachter“) nannte. Ihr besonderes Augenmerk richtete sich auf eine kleine Kolonie der Silbermöwen, die in den 1920er-Jahren in den Dünen nahe Den Haag im Entstehen war – seine späteren akademischen Studien zum Verhalten von Möwen nahmen hier ihren Anfang, und noch im hohen Alter dokumentierte Tinbergen die Vogelwelt britischer Dünenlandschaften fotografisch.Er selbst beschrieb das aber 1985 in seiner Autobiografie wehmütig nur als Ersatz: “It is the sandy shores of Holland that are my real home range, where I feel at home in all seasons and all wheathers, at all times of day and night.” N. Tinbergen, Watching and wondering, S. 433.
1930 beendete Nikolaas Tinbergen sein Biologiestudium und wurde Assistent im Zoologischen Institut der Universität Leiden. Da ornithologische Feldstudien an den Hochschulen noch primär als Amateurvergnügen galten, verfasste er eine 29 (!) Seiten umfassende Doktorarbeit über das Verhalten und das Lernvermögen des Bienenwolfes in der Nähe seines Nests.N. Tinbergen: Über die Orientierung des Bienenwolfes (Philanthropus triangulum Fabr.). Zeitschrift für vergleichende Physiologie, Band 16, 1932, S. 305–334. Mit diesen Tieren hatte er sich bereits in einem früheren studentischen Projekt beschäftigt, da er sie von seinen diversen Ferienaufenthalten bei Hulshorst kannte; auch seine Doktorarbeit entstand nahe der elterlichen Ferienwohnung in den Binnendünen von Hulshorst. Feldstudien an Insekten stießen beim Leiter des Zoologischen Instituts auf Wohlwollen, weil Karl von Frisch in den 1920er-Jahren erste Ergebnisse zum Bienentanz veröffentlicht hatte.
Am 12. April 1932 wurde Nikolaas Tinbergen zum Doktor der Philosophie promoviert. Zwei Tage später heiratete er in der Stadthalle von Utrecht die Chemiestudentin Elisabeth Amélie Rutten (genannt Lies), die er 1929 im Nederlandse Jeugdbond voor Natuurstudie kennengelernt hatte und mit der er bis zu seinem Tod zusammen blieb. In seinen letzten Lebensjahren veröffentlichte er mit ihr sogar gemeinsame Studien zum frühkindlichen Autismus. Ihre „Hochzeitsreise“ führte sie nach Grönland. Sie dauerte von Juli 1932 bis September 1933 – es war keine Privatreise, sondern eine sechsköpfige wissenschaftliche Expedition im Rahmen des Internationalen Polarjahres 1932–33, an der neben Nikolaas und Lies Tinbergen noch vier niederländische Meteorologen teilnahmen. Ein Kollege aus dem Club der Haager Vogelzugbeobachter hatte die Teilnahme des jungen Ehepaars eingefädelt.Kruuk, Niko’s Nature, S. 59.
Ein Jahr in Grönland