mini|Stammbaum von Georg Friedrich Händel mit Berufsbezeichnungen Genealogie (von altgriechisch genealogéo „die Abkunft ermitteln“, zurückgehend auf geneá „Geburt, Abstammung, Sippschaft, Familie“ und lógos „Lehre“)Wilhelm Gemoll: Griechisch-Deutsches Schul- und Handwörterbuch. Tempsky, Wien 1908, S. 169 (Scan auf gemoll.eu; Scan auf digitale-sammlungen.de). ist ein Fachausdruck für die vor allem privat betriebene Ahnenforschung und (geschichtliche) Familienforschung, zugleich aber auch für eine der Historischen Hilfswissenschaften. Genealogen oder Familienforscher befassen sich mit menschlichen Verwandtschaftsbeziehungen und ihrer Darstellung. Dabei richtet sich das Interesse teilweise vorrangig auf die biologische Herkunft (Ahnenforschung), teilweise auf das gesamte familiäre Umfeld sozialer Beziehungen einschließlich der affinen, Patenschafts- und anderer personenbezogener Beziehungen (Familienforschung), ähnlich wie der Begriff „Verwandtschaft“ in der geschichtswissenschaftlichen und ethnologischen Verwandtschaftsforschung verstanden wird.Bernhard Jussen: Perspektiven der Verwandtschaftsforschung zwanzig Jahre nach Jack Goodys „Entwicklung von Ehe und Familie in Europa“. In: Karl-Heinz Spieß (Hrsg.): Die Familie in der Gesellschaft des Mittelalters. Vorträge und Forschungen. Thorbecke, Ostfildern 2009, S. 275–324, hier S. 304–306 (doi:10.11588/vuf.2009.0.18128).

Als Textsorte stellt eine Genealogie die Auflistung namentlich bekannter Vorfahren einer Person dar;Stefan Willer, Ulrike Vedder: Art. Genealogie. In: Ansgar Nünning (Hrsg.): Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. 5., aktualisierte und erweiterte Auflage. Metzler, Stuttgart/Weimar 2013, ISBN 978-3-476-02476-3, S. 263–264. Beispiele finden sich bereits im Alten Testament oder bei Hesiod.

Von der Familienforschung zu unterscheiden ist die Bedeutung der Genealogie als eines philosophischen Verfahrens: Sie zielt im Anschluss an Friedrich Nietzsche und Michel Foucault darauf, die Geschichtlichkeit gegenwärtiger Moralvorstellungen oder Diskurse herauszuarbeiten.

Bei der Ermittlung von Erben ist die Genealogie von Bedeutung, da nach deutschem Erbrecht auch Nachkommen von weit entfernten Vorfahren erbberechtigt sein können.

In der Biologie, insbesondere in der Tierzucht wird der Begriff Genealogie ebenfalls verwendet; hier für den rein genetischen Zusammenhang einer Gruppe von Lebewesen, die biologische Abstammung eines Lebewesens von anderen Lebewesen.

Mit der Herkunftsgeschichte von Wörtern und Begriffen befasst sich die Etymologie.

Gegenstand Typischerweise setzt die Genealogie bei der Rekonstruktion von (biologisch-genetischen oder rechtlichen) Abstammungsverhältnissen an. Von einer bestimmten Person als Ego „Ich“ oder Proband „Testperson“ ausgehend, erforscht die Genealogie in aufsteigender Linie die Vorfahren (Ahnen, daher „Ahnenforschung“) und in absteigender Linie deren Nachkommen. Sobald die Beschreibung der Zusammenhänge über die reine Darstellung der Abstammung hinausgeht, spricht man von „Familiengeschichtsforschung“ – zum Beispiel mit dem Ziel, die Lebensumstände entfernter Vorfahren herauszufinden.

Ahnen- und Familiengeschichtsforschung Die Gegenstände der Ahnen- und Familiengeschichtsforschung bestehen in den Informationen, die von (Hobby-)Genealogen zur Rekonstruktion von Lebenslauf, Familie und Verwandtschaft typischerweise zusammengestellt werden:

Die sogenannten „Friedhofsdaten“: Name, Geburt, Adoption, (zivile) Heirat, Tod von Personen. Parallel dazu die religiöse Biographie, also Konfessions- oder Religionszugehörigkeit und (soweit zutreffend) die Kasualien Taufe, kirchliche Heirat, Begräbnis. Eltern-Kind-Beziehungen zwischen Personen, zum Beispiel auch im Rahmen von Vaterschaftstests, mit denen Ahnentafeln und Stammbäume erstellt werden können. Heiratsbeziehungen, auch Scheidungen (Heirat konstituiert im deutschen juristischen Sinne keine Verwandtschaft, sondern Schwägerschaft, fällt aber z. B. unter den ethnologischen Verwandtschaftsbegriff). Beziehungen zu Taufpaten und Trauzeugen. Schreibweisen und Varianten der Vor- und Nachnamen. Wohnorte, konkrete Hausadressen, Höfe. Berufe, Ausbildung, Titel, Ämter. Totgeburten, Todesursachen. Beteiligung an historischen Ereignissen, z. B. Kriegen. (Porträt-)Fotos. Persönliche Briefe und andere Schriften. Genealogische DNA-Tests, primär als Hilfsmittel zur Identifikation biologischer Verwandter („Matching“); darüber hinaus verspricht die sogenannte „Herkunftsanalyse“ die Feststellung biologischer „Ethnizität“ jenseits konkreter genealogischer Verbindungen.

Spezielle Fragestellungen Auswandererforschung Erforschung bestimmter Berufsgruppen oder Zünfte (z. B. Gelehrte, Pfarrer, Glasmacher, Müller, Scharfrichter) Vollständige Erfassung der Bevölkerung eines Ortes in einem Ortsfamilienbuch Wirte- und Höfeforschung (Inhaber von Gast- und Bauernhöfen) Ermittlung des Ahnenverlustes durch die Verwandtschaftlichkeit von Vorfahren

Da die Genealogie ein Teilgebiet der geschichtlichen Forschung darstellt, werden häufig auch weitere verwandte oder naheliegende Bereiche wie Namen- und Wappenkunde, Heimat- und Militärgeschichte, Kriegsgräber, aber auch Verwandtschaftsgrade behandelt.

Ein selbstständiger Bereich der Genealogie ist die Namenforschung zur Herkunft, Verbreitung und Bedeutung von Familiennamen.

Forschungsmethoden mini|Seite eines Kirchenbuches|358x358px mini|Eine Personenstandsurkunde|422x422px mini|Ein Freilassungsbrief|421x421px Das Interesse an der Genealogie erwacht meist an der eigenen Familie. Man beginnt mit Fragen an Eltern, Großeltern und Verwandte nach familiären Zusammenhängen und der Herkunft der Vorfahren. Eventuell vorhandene Familienstammbücher, Familienfotos und ein möglicherweise noch vorhandener Ahnenpass liefern weitere Informationen. In einigen Regionen gibt es auch schon seit Jahrzehnten die Tradition der Sterbebildchen oder Totenzettel, die sich hervorragend für die Ahnenforschung eignen, da sie oft neben einem Foto des Verstorbenen auch Geburts- und Sterbedaten sowie weitere Informationen (Namen von Verwandten, Geburtsname, Hinweise auf die Art des Todes) enthalten. Außerdem wird man, insbesondere in den letzten Generationen, auch auf dem Friedhof fündig. Auf den Grabsteinen stehen häufig ebenfalls weitere Daten. Fotos, urkundliche Belege und Dokumente sowie die Biografien und Lebensbilder der Großeltern, Urgroßeltern und weiterer Verwandter sind der Grundstock für eine Familienchronik. Informationen liefern auch die Personenstandsregister der Standesämter.

Die weitere Forschung erfordert die Beschäftigung mit den Quellen; hierzu ist Fachwissen nötig, das sich jeder Genealoge im Laufe seiner Forschungstätigkeit aneignet. In diesem Zusammenhang wurde auch auf die Tücken personengeschichtlicher Forschungen zum Mittelalter hingewiesen und Werner Hechberger: Adel im fränkisch-deutschen Mittelalter. Ostfildern 2005, S. 306–328, hier S. 316. Hechberger verweist seinerseits auf Hans K. Schulze: Reichsaristokratie, Stammesadel und fränkische Freiheit. In: Historische Zeitschrift. Band 227, 1978, S. 361/362, sowie auf Gerd Althoff: Verwandte, Freunde und Getreue. Darmstadt 1990, S. 39–40.

Die Forschung an älteren Quellen wie den Kirchenbüchern oder Gerichtsbüchern erfordert die Fähigkeit des Lesens alter Schriften (siehe Paläografie) und in katholischen Gebieten zumeist Lateinkenntnisse. Veränderlichkeit der Familiennamen und ein ausgedehnter Heiratskreis der zu erforschenden Personen sind zu berücksichtigen. Die Forschung gelangt bisweilen an den sogenannten Toten Punkt, den es zu überwinden gilt. Mit der Verdopplung der Zahl der Vorfahren in jeder Generation weitet sich das Bild von der persönlichen Ahnenschaft aus zu Themen wie Heimatgeschichte, Sozialgeschichte, Wirtschaftsgeschichte und Bevölkerungsgeschichte ganzer Orte (siehe Ortsfamilienbuch) oder Regionen.

Anstatt der eigenen können auch die Vorfahren und Nachkommen historischer Persönlichkeiten, herausragender Vertreter bestimmter Berufsgruppen oder anderer subjektiv gewählter Personen erforscht werden. In einem reiferen Stadium kommen Forscher oft zu einer immer größeren Genauigkeit und Detailliertheit bei der Erfassung der Daten. Beispielsweise kann man die Geschwister der Vorfahren einbeziehen, ihre Ehepartner, ihre Kinder und die soziale Stellung ihrer jeweiligen Schwiegereltern, wodurch wissenschaftliche Sekundäranalysen der Daten sinnvoll und besonders aussagekräftig werden.

Ein wichtiges Qualitätsziel einer weitgehend von Laienforschern betriebenen Datenerhebung und -darstellung in der Genealogie besteht darin, die Forscher so weit mit wissenschaftlichen Standards zu versehen und zu motivieren, dass die erhobenen Daten den Kriterien der Qualität und Wissenschaftlichkeit gerecht werden, in den wissenschaftlichen Diskurs eingegliedert (Publikation, Darstellung, evtl. Internet) und in einen historischen Kontext gestellt werden können.

Eine in den letzten Jahren angewandte Praxis zur Ermittlung von Parentalgenerationen und Herkunftsgebieten sind kommerzielle DNA-Tests, deren Einsatz aber umstritten ist. Unter DNA-Genealogie versteht man die Verbindung der traditionellen Genealogie und Familiengeschichtsforschung auf der Grundlage schriftlicher Quellen mit der Analyse und Auswertung des menschlichen Erbguts, der DNA (englisch Deoxyribonucleic acid; auch DNS = Desoxyribonukleinsäure). Zur DNA-Analyse wird eine Speichelprobe oder mit einem Wattestäbchen eine Probe von Zellen aus der Mundschleimhaut entnommen, aus der dann in spezialisierten Laboren das Erbgut isoliert wird. Dabei wird in der Regel weniger als ein Prozent der DNA entschlüsselt und auf individuell unterschiedliche Merkmale hin untersucht. Die dabei festgestellten Unterschiede oder Gemeinsamkeiten zwischen zwei oder mehr Personen lassen Rückschlüsse auf eine nähere oder fernere Verwandtschaft zu.

Computergenealogie

Mit dem Boom des Internets und insbesondere der zunehmenden Digitalisierung archivischer Quellenbestände hat parallel auch die Genealogie einen starken Aufschwung erfahren. Durch das Medium Internet können weltweite Kontakte zwischen Forschern schnell und kostengünstig hergestellt werden. In genealogischen Datenbanken im Internet sind heute viele Millionen erforschter Ahnentafeln und Stammbäume zu finden. Mit GEDCOM hat sich zudem ein Standard für die Abbildung und Strukturierung von genealogischen Daten gebildet, der von einer Vielzahl genealogischer Programme unterstützt wird.

Bei einem Teil der Genealogen wird die Haltung beobachtet, diese Arbeitsweise sei die Genealogie an sich. So wird dabei teils vernachlässigt, dass nur durch gründliche Arbeit an den Quellen das Material für derartige Datenbanken entsteht.

Einige amerikanische und auch deutsche Firmen nutzen das Thema Ahnenforschung dazu, kostengünstig personenbezogene Daten zu ermitteln. Nutzer von Web-Portalen geben etwa Adressen und Geburtsdaten über ihre Verwandten ein – die jedoch im Zuge des viralen Marketings oder von Affiliate-Netzwerken missbraucht werden können. Personenbezogene Daten werden so in ungewöhnlich großer Menge über lebende und verstorbene Personen vermarktbar. Das Datenschutzrecht greift hier häufig nicht, wenn etwa der Nutzer in den Geschäftsbedingungen der grenzüberschreitenden Verarbeitung zugestimmt hat und somit das deutsche Recht nicht anwendbar ist.

2019 erhielt die Firma Ancestry.com in Deutschland den Negativpreis „BigBrotherAward“ in der neu geschaffenen Kategorie Biotechnik, „weil sie Menschen mit Interesse an Familienforschung dazu verleitet, ihre Speichelproben einzusenden. Ancestry verkauft die Gendaten an die kommerzielle Pharmaforschung, ermöglicht verdeckte Vaterschaftstests und schafft die Datengrundlage für polizeiliche genetische Rasterungen“ (siehe Genetische Genealogie: Kritik).

Wissenschaftliche Arbeitsweise und Bedeutung