Otto Heinrich Westphal (* 18. Februar 1891 in Hamburg; † 15. Februar 1950 ebenda) war ein deutscher Historiker und ordentlicher Professor für Mittlere und Neuere Geschichte am Historischen Seminar der Hamburger Universität von 1933 bis 1936. Westphal war Wegbereiter einer Ausrichtung von Wissenschaft und universitärer Struktur im Sinne des Nationalsozialismus.

Leben Otto Westphal entstammte einer wohlhabenden Patrizierfamilie. Sein Vater Eduard Wilhelm Westphal war Rechtsanwalt.Lebenslauf. In: Otto Westphal: Die Preußischen Jahrbücher von 1858–1863. Dietsch & Brückner, Weimar 1918 (Dissertation, Universität München, 1917).

1910 begann Westphal mit dem Geschichtsstudium an der Universität Freiburg. Weitere Stationen waren Berlin und München, wo Friedrich Meinecke, Max Lenz und der spätere Herausgeber der Historischen Zeitschrift und aktive Nationalsozialist Karl Alexander von Müller zu seinen akademischen Lehrern gehörten. 1917 promovierte Westphal in München bei Erich Marcks mit einer Dissertation über die Geschichte des deutschen Liberalismus. Westphal habilitierte sich 1923 in Hamburg und lehrte dort als Privatdozent, bis er sich im Wintersemester 1931/32 an die Georg-August-Universität Göttingen umhabilitieren ließ.Peter Borowsky: Geschichtswissenschaft an der Hamburger Universität 1933 bis 1945. In: Hochschulalltag im „Dritten Reich“. Die Hamburger Universität 1933–1945. Berlin, Hamburg 1991 (Hamburger Beiträge zur Universitätsgeschichte, Bd. 3, Teil 2), S. 537–588, hier S. 542. Dort wirkte er nach Vermittlung von Karl Brandi an einem Projekt zum zweihundertjährigen Jubiläum der Universität mit.

Als Friedrich Keutgen, Inhaber des Lehrstuhls für Mittlere und Neuere Geschichte II an der Universität Hamburg, zum September 1933 emeritiert wurde, erhielt Otto Westphal einen Ruf auf diese Stelle. In einer Laudatio der Fakultät wurde die Entscheidung für Westphal mit dessen politischer Haltung begründet.Peter Borowsky: Geschichtswissenschaft an der Hamburger Universität 1933 bis 1945. In: Hochschulalltag im „Dritten Reich“. Die Hamburger Universität 1933–1945. Berlin, Hamburg 1991 (Hamburger Beiträge zur Universitätsgeschichte, Bd. 3, Teil 2), S. 537–588, hier S. 544. Westphal war im April 1933 der NSDAP beigetreten. Am 11. November 1933 unterzeichnete er das Bekenntnis der deutschen Professoren zu Adolf Hitler.Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Fischer Taschenbuch Verlag, 2. aktualisierte Auflage, Frankfurt am Main 2005, ISBN 978-3-596-16048-8, S. 672.

Westphal lehrte ab dem Wintersemester 1933 als ordentlicher Professor in Hamburg, bis er 1936 die Vertretung der Professur des aufgrund seiner jüdischen Herkunft vertriebenen Hans Rothfels in Königsberg übernahm. Am 6. Oktober 1936 wurde er wegen Verstoßes gegen den § 175 StGB (Homosexuelle Handlungen) festgenommen. Vorausgegangen war eine Razzia auf der Hamburger Reeperbahn, in deren Folge Westphal „Kontakte“ zu männlichen Prostituierten vorgeworfen wurden.Helmut Heiber: Universität unterm Hakenkreuz. Teil 1: Der Professor im Dritten Reich. Bilder aus der akademischen Provinz, S. 463. Zwar sprach man Westphal mangels ausreichender Beweise frei, die Landesunterrichtsbehörde strebte dennoch in einem Disziplinarverfahren seine Entlassung an. Wahrscheinlich um diesem Vorgang zu entgehen, verzichtete Westphal mit seiner Entlassung am 30. September 1937 auf „Titel, Gehalt und Pension“. Fortan publizierte er als freier Schriftsteller. Am 15. Februar 1950 starb Westphal in Hamburg.

Wissenschaftliches Werk 1917–1932 In seiner Dissertation von 1917 untersuchte Westphal die Entstehungsgeschichte der Preußischen Jahrbücher, die für ihn das zentrale Organ der liberalen Bewegung vor der Gründung des Kaiserreichs darstellen. Über die Auswertung der Jahrbücher strebte er an, zu einem „Bild des liberalen deutschen Menschen in seinen inneren Zusammenhängen“ zu gelangen.Westphal, Welt- und Staatsauffassung des deutschen Liberalismus, S. 11. Die Dissertation ist keine reine Abrechnung mit dem Liberalismus, spart aber auch nicht mit Kritik, die sich aus Westphals Weltbild ergibt. So betont der Promovend den Einfluss des Liberalismus auf die Nationswerdung Deutschlands, kritisiert jedoch die mangelnde Bindekraft der nationalliberalen Staatsauffassung. Diese habe die Herrschaft über die Massen – die in Westphals Denken erst Bismarck vereinen konnte – nie innegehabt.Westphal, Welt- und Staatsauffassung des deutschen Liberalismus, S. 306.

Überhaupt beschäftigte sich Westphal in mehreren Publikationen mit der deutschen Nationswerdung im Rahmen einer allgemeinen Staatsphilosophie. Es folgten Arbeiten über die Deutsche Nationalversammlung, die Entwicklung einer allgemeinen Staatslehre, den Mitverfasser der Paulskirchenverfassung von 1848, Friedrich Christoph Dahlmann und den Staatsbegriff des Historikers Heinrich von Treitschke, dem er auch schon ein Kapitel in seiner Dissertation eingeräumt hatte.

Seine Arbeiten intendierten stets, Orientierungsfunktion für Gegenwart und Zukunft zu besitzen. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem „politischen Menschentum“ sollte gleichzeitig Anleitung für die Praxis in der konkreten politischen Situation Deutschlands sein – eine Devise, der Westphal nach 1933 durch sein universitätspolitisches Handeln äußerst energisch folgte. Er betonte, die Deutschen seien ein „Volk der Wissenschaften“ und nur im Zusammenwirken von Staat und Wissenschaft könnten die Krisen der Gegenwart überwunden werden.Westphal, Philosophie der Politik, S. 32.

Westphal war Anhänger Bismarcks und der preußischen Traditionen, die Reichsgründung von 1871 war für ihn die Vollendung des lutherischen Protestantismus, wie er in seinem Werk „Feinde Bismarcks“ ausführte. Hierin untersuchte der national-konservative Historiker die kulturelle Opposition nicht nur gegen Bismarck, sondern auch gegen die in die Gegenwart tradierten „Ideen von 1871“, ausgehend von einer Kritik an der Bismarckbiographie des Schriftstellers Emil Ludwig. Indem Westphal den von ihm gepriesenen „Ideen von 1871“ die „Ideen von 1919“ als politische Verfallskultur gegenüberstellte, die sich nicht am Staat als zentraler sittlicher Idee orientierten, griff er gleichzeitig die ideengeschichtliche Basis der Weimarer Republik an.

Ein weiteres Thema, das Westphal bis ans Ende seiner wissenschaftlichen Tätigkeit beschäftigen sollte, war die Universalgeschichte. Schon in seiner „Philosophie der Politik“ von 1921 unternahm er den Versuch, den Verlauf der Weltgeschichte bis in die Gegenwart nachzuvollziehen. Die Weltgeschichte gipfelte für Westphal im Deutschen Reich, das seit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges, von dem Bündnis der anderen Mächte eingekreist, im Mittelpunkt gestanden habe: „Mit ihrem Willen, uns zu vernichten, erhoben sie uns“.Westphal, Philosophie der Politik, S. 10.

Nationalsozialismus 1933–1945 Kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten erschien von ihm ein Aufsatz unter dem Titel „Bismarck und Hitler“, in dem er Hitler zum Vollender des Bismarckschen Werkes erklärte, der mit den „Ideen von 1933“ an die beschworenen „Ideen von 1871“ anknüpfe. So heißt es dort: „In der Frontstellung gegen die goldene, die schwarze und die rote Internationale, gegen den ‚schwarz-rot-goldenen’ Gedanken begegnen sich der Reichsgründer und der Heraufführer des dritten Reiches. Demokratie nach Innen und Internationale nach Außen sind die Ideale, in deren Pflege der eine wie der andere die Unvereinbarkeit mit einem eigentümlichen und souveränen deutschen Dasein erkannten“.Westphal, Bismarck und Hitler, S. 471.

Westphal solidarisierte sich mit der nationalsozialistischen Idee: „Das war Umsturz und Neuordnung zugleich, revolutionäre Verwandlung und dennoch tiefste geschichtliche Verbundenheit: eine Einheit von Germanentum und Preußentum, die unsere Feinde deswegen als Barbarei verlästern möchten, weil sie ahnen, daß in ihr die Idee eines deutschen Jahrhunderts Wurzel schlägt.“Westphal, Bismarck und Hitler, S. 481.

Als für Westphal der preußische Staat und das germanische Volk ideengeschichtlich konvergierten, scheint es ihm auch gelungen zu sein, seine bisherige Forschung mit den nationalsozialistischen Auffassungen von deutscher Geschichte zu vereinbaren. Im selben Jahr schrieb er einen Artikel für die Hamburger Universitätszeitung unter dem Titel „Politische Wissenschaft“, in dem er festhielt, dass 1933 „Volk und Staat“ identisch geworden seien.Westphal, Politische Wissenschaft, S. 21. Die Wissenschaft dürfe keinem „L’art pour l’art“ mehr folgen und keine Professoren dulden, die aus einem Streben nach Objektivität heraus die Anforderungen des Volksstaats in ihrer Arbeit ignorierten.Westphal, Politische Wissenschaft, S. 25. Der Artikel erhält programmatischen Charakter, wenn Westphal in jener Zeit den Gelehrten für den Staat – und damit explizit für den nationalsozialistischen Staat – in die Pflicht nimmt.

Erst nach seiner Entlassung kam 1941 das Werk heraus, das Peter Borowsky das „wahrscheinlich wichtigste Manifest nationalsozialistischer Geschichtsideologie“ nannte: Das Reich. Aufgang und Vollendung. Darin skizzierte Westphal den Weg des germanisch-deutschen Volkes durch die Geschichte bis zur Reichswerdung und unternahm den Versuch einer deutenden, metaphysisch wertenden Geschichtsschreibung. Die Reichsgeschichte war dabei gleichzeitig Religionsgeschichte, Religion und Staat waren untrennbar verbunden.Westphal, Das Reich, S. XVI.

Diese deutende Geschichtsschreibung war gleichermaßen von völkischer Ideologie beeinflusst, die es ermöglichte, deutsche Geschichte als Einheit und als zielgerichtet zu erfassen, wie zu Zeiten des Borussianismus, der auf die Reichswerdung unter preußischer Führung programmiert gewesen war. Adolf Hitlers Wirken beschreibt er in seiner Einleitung, die an eine Darstellung des Jüngsten Gerichts erinnert, wie folgt: „Eine ungeheure Verwandlung bricht sich, wie ein geologisches Ereignis, in der Geschichte der Gegenwart Bahn.“Westphal, Das Reich, S. 2.

Inhaltlich, thematisch und politisch hatte sich Westphal klar dafür entschieden, Geschichtsschreibung im Sinne der Nationalsozialisten zu betreiben. Geopolitik, Rassenlehre und „nordischer Geist“ wurden feste Bestandteile seiner Arbeit.Westphal, Das Reich, S. 24. Sozialdarwinistisch beschrieb er den Rassenkampf als eine naturgegebene „planetarische Gesamterscheinung“.Westphal, Das Reich, S. 21.

Nach 1945 Begegnung der Götter sollte der Titel des Werkes lauten, das Otto Westphal nur noch als Fragment hinterließ, als er 1950 starb. Gustav Adolf Rein, sein ehemaliger Weggefährte, gab es später als Weltgeschichte der Neuzeit 1750–1950 heraus. Hier war Westphal auf das Thema der Universalgeschichte zurückgekommen, in deren Rahmen er auch „zu einer neuen Deutung des deutschen Schicksalsweges“ geführt wurde.Adolf Rein: Otto Westphal zum Gedächtnis. In: Zeitschrift für Geopolitik 52 (2003) 3, S. 192.

In der Einleitung stellt sich der Autor als geläuterter „Exfaschist“ dar, dessen Aufgabe es nun sei, den Nationalsozialismus zu erforschen, um eine neue, „reaktionäre Auflage“ des „Dritten Reiches“ zu verhindern.Westphal, Weltgeschichte der Neuzeit, S. 11. Hitler wird nun von ihm als gesamteuropäische Katastrophe, als Fegefeuer dargestellt. Wie sein ehemaliger Gegenspieler am Historischen Seminar der Hamburger Universität, Justus Hashagen, in einer Rezension schreibt, ist Westphals Umgang mit dem Nationalsozialismus oder der Judenfrage äußerst lückenhaft, wenn er ihm auch attestiert, er habe „apologetischen Charakter“ weitgehend vermeiden können.Justus Hashagen: Weltgeschichte der Neuzeit 1750–1950. Von Otto Westphal. In: Historische Zeitschrift 178 (1954), S. 362. Von einer Aufarbeitung seiner persönlichen Rolle im Nationalsozialismus sei Westphal an dieser Stelle weit entfernt, dafür habe er die Schrecken des Terrorregimes viel zu sehr gedeckt. Die „Lückenhaftigkeit“, wie Hashagen schreibt, wäre mit einem „Verschweigen“ wohl besser benannt.