Mentalisierung oder auch Mentalisation bezeichnet ein ursprünglich psychoanalytisches Konzept,Christiane Montag: Zum Konzept der Mentalisierung in Theorie und Behandlungstechnik der Psychosen. In: Forum Psychoanal. 31, 2015, S. 375–393, (PDF online) das die menschliche Fähigkeit beschreibt, „eigenes Verhalten und das Verhalten anderer Menschen durch Zuschreibung mentaler Zustände zu interpretieren“.Melitta Fischer-Kern: Mentalisierung und Depression. In: Spectrum Psychiatrie. 3, 2012 (Online). Zugleich werden Vorstellungen darüber gebildet, welche Überzeugungen, Einstellungen, Gefühle und Wünsche dem Verhalten des anderen zugrunde liegen könnten. Die Fähigkeit zur Mentalisierung ermöglicht Perspektivenübernahme und das eigene Erleben und Handeln sowie das des anderen reflexiv zu erfassen.

Für das Verstehen anderer Menschen gibt es eine Überschneidung mit dem Begriff der Empathie. Das Konzept der Mentalisierung umfasst zusätzlich die Wahrnehmung eigener mentaler Zustände.

Auf Grundlage der Erkenntnisse von Säuglingsforschung, Entwicklungspsychologie und Bindungstheorie wurde der Begriff der Mentalisierung von der Forschergruppe um Peter Fonagy und Mary Target am University College London geprägt. Angelehnt an das Konzept der Theory of Mind fand das Mentalisierungskonzept Eingang in die Entwicklung der mentalisierungsbasierten Psychotherapie. Das Vermögen, sich und andere zu verstehen, muss laut Fonagy und Target erworben werden.

Die Fähigkeit zur Mentalisierung wird ab den ersten Lebensmonaten entwickelt: In einer sicheren Bindungsbeziehung mit den Hauptbezugspersonen geschieht sozialer Austausch. Dabei wird davon ausgegangen, dass Säuglinge zunächst noch kein differenziertes Bewusstsein über ihre emotionalen Zustände und ihr Erleben haben. Dieses entsteht erst allmählich durch eine besondere Art der Affektspiegelung, mit der die frühen Bezugspersonen dem Kind empathisch und Resonanz gebend begegnen. Die Theorie der Mentalisierung beschreibt diese in verschiedenen aufeinander aufbauenden Phasen, die es dem Kind ermöglichen, zunehmend Affekte und Gefühlsbewegungen zu unterscheiden, zu verstehen und zu kontrollieren sowie die eigene Aufmerksamkeit zu regulieren. Die grundlegende Fähigkeit zu mentalisieren ist häufig ab dem vierten Lebensjahr ausgeprägt.

Begriffsgeschichte Geschaffen wurde der Begriff ursprünglich von Édouard Claparède, so Florence Guignard (2001).Florence Guignard: Le couple mentalisation / démentalisation, un « concept de troisième type ». Revue française de psychosomatique, 2001/2 (no 20), S. 115–135, , Hinweis in der Einleitung (Introduction) „(…) d’Édouard Claparède – père du terme de mentalisation“ (…), auf cairn.info https://www.cairn.info/revue-francaise-de-psychosomatique-2001-2-page-115.htm Im Jahr 1930 hatte Claparède den Begriff in dem Artikel La mentalisation erstmalig in der polnischen Zeitschrift Polskie Archiwum PsychologjiPOLSKIE ARCHIWI PSYCHOLOGJI, Tom III. 1930 r., auf dbc.wroc.pl hier S. 3–7 publiziert.Carlo Trombetta, Luciano Mecacci: Édouard Claparède and the Concept of Mentalization. S. 139–51 In: European Yearbook of the History of Psychology. Sources, Theories, and Models. Vol. 5, 2019

Später tauchte er im französischen Diskurs um Psychoanalyse und Psychosomatik auf,Robbie Duschinsky, Sarah Foster: Mentalising and Epistemic Trust: The work of Peter Fonagy and colleagues at the Anna Freud Centre. Oxford University Press, 2021, S. 49 f. der zu Beginn der 1960er Jahre durch die Psychoanalytiker Michel Fain (1963)Michel Fain, Christian David: Aspects fonctionnels de la vie onirique. Rev FrançPsychanal (1963) 27: 241–343 und Christian David (1964)Christian David, Pierre Marty: Perspective psychosomatique sur la fonction des fantasmes. Rev FrançPsychanal (1964) 28: 609–622 sowie Michel de M’Uzan und Pierre Marty (1963/1991)Pierre Marty, Michel de M’Uzan: La pensée opératoire. Rev Fr Psychoanal (1963) 27 (Suppl.): 1345–1356Pierre Marty: Mentalisation et psychosomatique. Paris 1991Christiane Montag: Zum Konzept der Mentalisierung in Theorie und Behandlungstechnik der Psychosen. Forum Psychoanal (2015) 31:375–393 , hier S. 377Josef Brockmann, Holger Kirsch: Konzept der Mentalisierung Relevanz für die psychotherapeutische Behandlung. Psychotherapeut (2010) 55:279–290, , hier S. 279 als geprägt wurde. Sie beschrieben mit dem Begriff eine klinische Entität, die in einer Unfähigkeit zur Symbolisierung mentaler Zustände oder auch deren Fehlen im „operativen Denken“ (pensée operatoire) liegt. In den 1960er Jahren arbeiteten Pierre Marty, Michel Émile de M’Uzan und Christian David gemeinsam daran, die Behandlung in der psychosomatischen Medizin zu verbessern, so dass ihre Gruppe zeitweise die Bezeichnung d’École psychosomatique de Paris erhielt.Michel Fain: Mentalisation et passivité. Revue française de psychosomatique, 2001/1 (no 19), S. 29–37, , online auf cairn.info So beschrieben sie unter anderem einen psychosomatisch erkrankten Patienten, der sich nicht nur durch einen Mangel an bzw. Fehlen von Phantasie- und Traumtätigkeiten präsentierte, sondern auch durch eine fehlende Identifikation in Objektbeziehungen auszeichnete.Pierre Marty, Michel de M’Uzan: Das operative Denken (»Pensee operatoire«). Psyche (1978) 32(10), S. 974–984Timo Storck: Mentalisierung und die Pariser Schule der Psychosomatik. Forum Der Psychoanalyse (2019),

Pierre Luquet (1981)Pierre Luquet: Le changement dans la mentalization. Rev Fr Psychoanal (1981) 45:1023–1028 differenzierte das Konzept weiter und beschrieb vier Stufen der Mentalisierung. Während Serge Lecours und Marc-André Bouchard (1997)Serge Lecours, Marc-André Bouchard: Dimensions of mentalisation: outlining levels of psychic transformation. Int J Psychoanal (1997) 78(5):855–875Marc-André Bouchard, Serge Lecours: Contemporary Approaches to Mentalization in the Light of Freud's Project. In: Fredric N. Busch (Hrsg.): Mentalization. Theoretical Considerations, Research Findings, and Clinical Implications. Routledge, New York 2008, S. 103–129 die theoretischen Implikationen der „Mentalisierung“ gemäß der Freudschen Strukturtheorie als eine (vorbewusste) Ich-Funktion verorteten. Diese Ichfunktion verbindet hiernach „basale sensomotorische Muster“ mit den entsprechenden mentalen Repräsentationen und generiert hieraus „komplexere mentale Strukturen mit höherem Symbolisierungs- und Abstraktionsgrad“.Lena Maria Splinter: Affektmentalisierung in analytischen Psychotherapien. Eine Erstanwendung der Grille de l’Élaboration Verbale de l’Affect (GEVA) und der Mesure pour l’Identification des Contenus Affectifs (MICA) auf deutschsprachiges klinisches Material. Dissertationsschrift, Ludwig-Maximilians-Universität, München 2021, auf edoc.ub.uni-muenchen.de hier S. 4–5; 7–16

Grundlagen der Mentalisierung mini|hochkant|Der Psychoanalytiker Peter Fonagy ist einer der Urheber des Konzeptes der Mentalisierung und der mentalisierungsbasierten Psychotherapie.

Das Mentalisierungskonzept ist in die Theory-of-Mind-Forschung aufgenommen worden. Peter Fonagy und Mary Target bevorzugten den Ausdruck ‚Mentalisieren‘, weil es sich dabei um eine psychische Aktivität handelt.P. Fonagy, G. Gergely, E. Jurist, M. Target: Affektregulierung, Mentalisierung und die Entwicklung des Selbst. Klett-Cotta, Stuttgart 2002. Ohne dabei selbst direkt Handeln zu müssen.Wolfgang Wöller, Johanes Kruse: Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Basisbuch und Praxisleitfaden. 5. Auflage, Schattauer, Stuttgart 2021, ISBN 978-3-608-43275-6, S. 336 Ob ‚Mentalisierung‘ („statisch“, „ergebnisbezogen“) oder ‚Mentalisieren‘ („dynamisch“, „prozessbezogen“), beide Begriffe setzen ein Verständnis der Natur des Mentalen voraus. Das prozesshafte, die Tätigkeit des ‚Mentalisierens‘ umfasst u. a. die psychischen Funktionen, wie die Aufmerksamkeit, Achtsamkeit, Wahrnehmung, Erkennen, Beschreiben, Erzählen, Interpretieren, Symbolisieren, Schlussfolgern, Vorstellen, Erinnern, Reflektieren und Antizipieren.Josef Brockmann, Holger Kirsch: Konzept der Mentalisierung Relevanz für die psychotherapeutische Behandlung. Psychotherapeut (2010) 55:279–290, Lois Choi-Kain: Mentalization. 13. November 2011, Vortrag, auf borderlinepersonalitydisorder.org hier slice 4

Allgemein umfasst das Wissen oder die Erkenntnis, dass die Realität in der „Psyche“ lediglich repräsentiert oder abgebildet wird – die innerpsychischen Vorstellungen und Empfindungen der „realen Welt“ aber nicht exakt entsprechen.

Mentalisierung ist ein wissenschaftliches Konstrukt für die in der Alltagspsychologie normale Vergegenwärtigung geistiger Vorgänge. Es bedeutet also, affektive und mentale Zustände von Aktivität zu unterscheiden und dabei gleichzeitig als deren Verursacher anzuerkennen.Anthony W. Bateman, P. Fonagy: Psychotherapie der Borderline Persönlichkeitsstörung. Ein mentalisierungsgestütztes Behandlungskonzept. Psychosozialverlag, Gießen 2008, S. 124. Mentalisierung bedeutet, eine Vorstellung davon zu besitzen, welche geistigen, mentalen, also gedanklichen Gründe für das Verhalten eines Menschen vorliegen könnten. Es umfasst die Fähigkeit, in anderen Menschen wie bei sich selbst Wünsche, Gedanken und Überzeugungen zu vermuten, also mentale, geistige Vorgänge zu sehen, die dem Handeln zugrunde liegen. Ebenso ist es möglich, sich selbst zu mentalisieren, also reflexiv zu erfassen, welche Umstände und Erfahrungen in der Vergangenheit und Gegenwart zu den jetzigen Wünschen, Gedanken und Überzeugungen geführt haben. Um diese Fähigkeit zu entwickeln, ist es notwendig, eine grundlegende Vorstellung von dem Mentalen zu entwickeln.

Es ist für viele Menschen selbstverständlich, eigene und fremde Handlungen auf Wünsche, Bedürfnisse, Absichten, Erwartungen und Meinungen von anderen, aber auch von sich selbst zurückzuführen. Öffnet eine Person beispielsweise ein Fenster, so tut sie das, weil sie den Wunsch nach frischer Luft hat; sie lächelt, da sie sich freut; oder sie zeigt auf ein Objekt, da sie die Aufmerksamkeit auf dieses lenken möchte. Es gehört zum Alltag, diese mentalen Zustände bei anderen als Ursache von Handlungen zu betrachten.Martin Dornes: Die Seele des Kindes. Entstehung und Entwicklung. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2006.

Man kann die Fähigkeit zu mentalisieren als beim Menschen einzigartig ansehen. Sie scheint das Fundament der „sozialen Spezies“ Mensch zu sein, und möglicherweise die Grundlage dafür, kulturelles Wissen zu akkumulieren und zu erhalten. Der Mensch ist aufgrund seines „sozialen Gewissens“ eine Spezies, die Altruismus auch gegenüber nicht verwandten Artgenossen zeigt und dazu in der Lage ist, bei Konflikten Hilfestellung zu leisten. Dies wird ebenfalls auf die Fähigkeit zur Mentalisierung zurückgeführt.

Hierbei ist grundsätzlich nicht entscheidend, ob die vermuteten mentalen (geistigen) Zustände tatsächlich so vorhanden sind. Wichtig für die soziale Einstellung des Individuums scheint das Wissen zu sein, dass es sich bei den mentalisierten Gedanken lediglich um Repräsentationen der Wirklichkeit handelt. So ist es beispielsweise nicht entscheidend, ob von einem Gegenstand tatsächlich eine Gefahr ausgeht, sondern ob ein Gegenüber glaubt, dass es so ist, um vorhersehen zu können, wie er handeln wird. Allerdings bietet die Fähigkeit, korrekt zu mentalisieren, einen deutlichen Selektionsvorteil im Sinne von Charles Darwins Evolutionstheorie. Je häufiger es einer Person gelingt, ihr Gegenüber zu verstehen, umso eher wird sie sich auf die jeweilige soziale Umwelt einstellen können. Ist eine Person dazu in der Lage, die Wünsche, Gedanken und Überzeugungen anderer Personen häufig richtig zu deuten, wird sie dadurch anpassungsfähiger. Effektives Mentalisieren dient „der Orientierung und Kontrolle bei jeder Art interpersoneller Kommunikation und Beziehungsgestaltung der eigenen Emotions- und Selbstregulation