Die Giordano-Bruno-Stiftung (gbs) ist eine gemeinnützige Stiftung des bürgerlichen Rechts. Sie vertritt die Position des evolutionären Humanismus und setzt sich für die Werte der Aufklärung ein. Die gbs ist nach Giordano Bruno benannt und wurde 2004 vom Unternehmer Herbert Steffen gegründet. Mitbegründer und Vorstandssprecher ist Michael Schmidt-Salomon. Er bildet seit 2022 mit Ulla Wessels den Vorstand. Sitz der Stiftung ist das Haus Weitblick in Oberwesel in Rheinland-Pfalz.
Grundlagen Name Die Stiftung ist nach dem Dominikaner Giordano Bruno benannt, der im Jahre 1600 als Ketzer auf dem Scheiterhaufen hingerichtet wurde. Die Gründer der Stiftung entschieden sich für Bruno als Namensgeber, da er eine damals „unzeitgemäße Philosophie“ vertreten habe, in der sich bereits „Grundzüge einer nicht-dualistischen, naturalistischen Welterkenntnis“, „Überlegungen zur biologischen Abstammungslehre“ und Elemente einer „evolutionär-humanistischen Ethik“ finden, welche auch „die Rechte nichtmenschlicher Organismen einschließen“. Zudem seien von Bruno „wesentliche Impulse für die Entwicklung der modernen Religionskritik“ ausgegangen.Website der gbs: "Leitbild" / "Der Stiftungsname", abgerufen am 19. Februar 2012
Zweck Die Giordano-Bruno-Stiftung hat den satzungsgemäßen Zweck, die „neuesten Erkenntnisse der Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften zu sammeln und ihre Bedeutung für das humanistische Anliegen eines friedlichen und gleichberechtigten Zusammenlebens der Menschen im Diesseits herauszuarbeiten. Auf diese Weise sollen die Grundzüge einer säkularen, evolutionär-humanistischen Ethik entwickelt und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.“Satzung der Giordano-Bruno-Stiftung, § 2 Stiftungszweck, aktuelle Fassung von Juli 2013, S. 1.
Leitbild Die Giordano-Bruno-Stiftung vertritt die Position des „Evolutionären Humanismus“ und setzt sich für die Werte der Aufklärung ein. Im Einzelnen nennt die Stiftung die Werte der kritischen Rationalität, Selbstbestimmung, Freiheit und sozialen Gerechtigkeit. Sie begreift den Menschen nicht als „Krone der Schöpfung“, sondern als unbeabsichtigtes Produkt der natürlichen Evolution.bruno. Das Jahresmagazin der Giordano-Bruno-Stiftung 2019 (PDF; 7,8 MB), S. 62.
Im Manifest des evolutionären Humanismus plädiert Vorstandssprecher Michael Schmidt-Salomon für eine naturalistische Philosophie. Er geht von einem Bild des Kosmos aus, in dem alles „mit rechten Dingen zugeht“, in dem es keine metaphysischen Fabelwesen (Götter, Dämonen, Hexen oder Kobolde) gibt, die auf supranaturalistische (übernatürliche) Weise mit Wundern in das Weltgeschehen eingreifen. In der Einleitung heißt es:„Wir leben in einer Zeit der Ungleichzeitigkeit: Während wir technologisch im 21. Jahrhundert stehen, sind unsere Weltbilder noch von Jahrtausende alten Legenden geprägt. Diese Kombination von höchstem technischen Know-how und naivstem Kinderglauben könnte auf Dauer fatale Konsequenzen haben. Wir verhalten uns wie Fünfjährige, denen die Verantwortung über einen Jumbojet übertragen wurde.“ (S. 7)
„Wer heute ein logisch konsistentes (= widerspruchsfreies), mit empirischen Erkenntnissen übereinstimmendes (= unserem systematischen Erfahrungswissen entsprechendes) und auch ethisch tragfähiges Menschen- und Weltbild entwickeln möchte, muss notwendigerweise auf die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung zurückgreifen. Die traditionellen Religionen, die bislang das menschliche Selbstverständnis prägten, können diese Aufgabe nicht mehr erfüllen.“ (S. 7)Allerdings sollte laut Schmidt-Salomon in diesem Zusammenhang nicht übersehen werden, dass auch manche traditionellen humanistischen Vorstellungen in Konflikt mit dem heutigen erweiterten Wissen über Mensch und Natur geraten seien. Der Ansatz, den Humanismus mit der Wissenschaft zu versöhnen, kann auf das Werk Evolutionary Humanism von Julian Huxley, dem ersten UNESCO-Generaldirektor und maßgeblichen Mitgestalter der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, zurückgeführt werden.
Symbolik Die Darstellung des vitruvianischen Menschen nach den vom antiken Architekten und Ingenieur Vitruv(ius) formulierten und idealisierten Proportionen wird von der Stiftung bei Veranstaltungen und in der Öffentlichkeitsarbeit oft als alleinstehendes Zeichen mit hohem Wiedererkennungswert verwendet. Die gbs orientiert sich grafisch an der berühmtesten Zeichnung, die von Leonardo da Vinci stammt, sodass damit die Ästhetik der Renaissance und Leonardos naturwissenschaftliches Ordnungsdenken symbolisch aufgegriffen werden sollen. Das Symbol wurde von der Stiftung erstmals im Jahr 2005 auf der Titelseite des Manifests des evolutionären Humanismus verwendet. Im gbs-Briefmarken-Set bildet es das zweite Motiv.
Organisation mini|240px|Haus Weitblick (2019)
Der Sitz der Stiftung ist das Haus Weitblick in Oberwesel in Rheinland-Pfalz, zuvor lag er bis September 2011 in Mastershausen im Hunsrück.Neuer Stiftungssitz in Oberwesel – gbs zieht vom Hunsrück ins obere Mittelrheintal (www.giordano-bruno-stiftung.de, 24. Oktober 2011) Die Stiftung ist seit 2015 eine HybridstiftungVermögensübersicht 2017 auf der Website der Giordano-Bruno-Stiftung und hat 14 Mitarbeiter und Stipendiaten. Geschäftsführerin ist Elke Held.
Stiftungsorgane sind der Vorstand, das Kuratorium und der Beirat. Der Vorstand besteht aus Michael Schmidt-Salomon und Ulla Wessels. Von 2004 bis 2022 war Herbert Steffen 1. Vorsitzender. Das Kuratorium besteht aus Thorsten Barnickel, Jacqueline Neumann, Christian Pawlu, Rainer Rosenzweig und Assunta Tammelleo.
Mitglieder des Beirats sind oder waren u. a.:
Die Mitglieder der Stiftungsorgane, derzeit ungefähr 60 Personen (überwiegend Wissenschaftler, einige Schriftsteller, Künstler und ehem. Politiker), üben ihre Tätigkeit ehrenamtlich aus.
Dem Förderkreis gehören rund 12.000 Personen an. Der Stifterkreis umfasst 40 Personen, die jährlich 5.000 Euro spenden oder eine Zustiftung von 50.000 Euro in das Vermögen der Stiftung getätigt haben.bruno. Das Jahresmagazin der Giordano-Bruno-Stiftung 2019 (PDF; 7,8 MB).
Über ihre jährlichen Finanzdaten sowie über das Stiftungsvermögen erteilt die gbs regelmäßig Auskunft. Im Jahr 2023 betrug das Gesamtvermögen rund 10,8 Millionen Euro (Vergleich 2021: 4,9 Millionen Euro). Die Ausgaben lagen 2023 bei 969.167 Euro, hauptsächlich für Veranstaltungen und Projekte.bruno. Das Jahresmagazin der Giordano-Bruno-Stiftung 2024 (PDF; 15 MB), S. 75.
Die gbs ist Mitgründer und Mitglied im Zentralrat der Konfessionsfreien.
Regional- und Hochschulgruppen Es gibt rund 50 Regional- und Hochschulgruppen der gbs.
Veranstaltungen Die gbs und ihre Regional- und Hochschulgruppen führen deutschlandweit rund 150 Veranstaltungen pro Jahr durch.
Über die wichtigsten Veranstaltungen und Ereignisse der Stiftungsgeschichte informiert eine Chronologie und der Film „Hoffnung Mensch – Die Geschichte des evolutionären Humanismus“.
Geförderte Projekte (Auswahl) „Religionsfreie Zone“ beim Weltjugendtag in Köln (2005) Auf der Veranstaltungsreihe „Religionsfreie Zone: Heidenspaß statt Höllenqual!“ anlässlich des Weltjugendtags 2005 in Köln erregte die Stiftung mit einem Papst-Dinosaurier-Wagen von Jacques Tilly öffentliches Aufsehen. Der Stern zitierte Vorstandssprecher Michael Schmidt-Salomon, dass sich die Kritik vor allem an die „Weichfilterchristen“ richte: „Für die ist alles nur Metapher und ihr Glaube sagt ihnen, alle hätten sich lieb. Es gibt ein umgekehrt proportionales Verhältnis zwischen Wissen und der Begeisterung für den Papst.“ Kooperationspartner war der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA).
Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (2005) → Hauptartikel: Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland Die Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid) arbeitet seit der Gründung 2005 daran, auf empirischer Grundlage und mit robusten wissenschaftlichen Methoden Informationen zu verschiedenen religiösen wie nichtreligiösen Weltanschauungen zu erheben, auszuwerten, zusammenzufassen und zu veröffentlichen.Gert Pickel (Hrsg.): Religion und Politik im Vereinigten Deutschland: Was Bleibt von der Rückkehr des Religiösen? (Politik und Religion). Springer VS, 2013, S. 142–143.Niels Weidtmann u. a.: Kosmologie – Evolution – Geschichte. 2013, S. 178. Zu den Informationsangeboten gehört die jährlich aktualisierte Auswertung mit Tortengrafik zu den Religionszugehörigkeiten in Deutschland, die in Medien und Wissenschaft rezipiert wird.
Humanistischer Pressedienst (2006) → Hauptartikel: Humanistischer Pressedienst Der Humanistische Pressedienst (hpd) bietet seit 2006 täglich Online-Artikel zu freigeistig-humanistischen Themen. Nach eigenen Angaben hat die hpd-Website mehr als 3,5 Millionen Seitenaufrufe im Jahr und durchschnittlich mehr als 10.000 Besucher pro Tag, was den Pressedienst zum reichweitenstärksten Organ der säkularen Szene im deutschsprachigen Raum macht. Die Redakteure, Korrespondenten und Autoren in Deutschland, Österreich und der Schweiz sind für den hpd vorwiegend ehrenamtlich tätig. Die gbs initiierte die Gründung und unterstützt heute den Betrieb über den Trägerverein Humanistischer Pressedienst e. V. Kooperationspartner sind u. a. Bund für Geistesfreiheit (bfg), Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS), Humanistischer Verband Deutschlands – Landesverband Berlin-Brandenburg K.d.ö.R., Humanistischer Verband Österreich, IBKA und der Koordinationsrat Säkularer Organisationen (KORSO).
Zentralrat der Ex-Muslime (2007) Im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin stellte die Stiftung den Zentralrat der Ex-Muslime (ZdE) und dessen Kampagne „Wir haben abgeschworen!“ vor. Die Kampagne sorgte weltweit für Schlagzeilen, da sich nie zuvor ehemalige Muslime in dieser Offenheit dazu bekannten, dem Islam abgeschworen zu haben – eine Handlung, für die der Koran die Todesstrafe vorsieht..
Nachfolgend initiierte und förderte die Stiftung in den Jahren 2008 und 2013 die Kritische Islamkonferenz als „alternatives Dialogforum“ zur Deutschen Islamkonferenz.Kritische Islamkonferenz zu Ende gegangen. Giordano gegen „falsche Toleranz“. In: die tageszeitung. 2. Juni 2008.Niels Weidtmann u. a.: Kosmologie – Evolution – Geschichte. 2013, S. 180. Die Stiftung und der ZdE bemängeln, dass sich die Deutsche Islamkonferenz einseitig auf strenggläubige Muslime und „verbandsislamische Kräfte“ fixiere. Dadurch würden insbesondere die Interessen jener Migranten aus islamischen Ländern negiert, die gerade wegen der islamischen Repression und der religiösen Vorschriften in ihren Heimatländern nach Deutschland gekommen seien. Diese Migranten würden durch eine politisch erzwungene „Muslimisierung“ entmündigt und ausgegrenzt. Als Bestandteile einer solchen Muslimisierung sehen die gbs und der Zentralrat den Bau von Moscheen, die Einführung eines Islamunterrichts an Schulen und eine „islamkonforme Berichterstattung“.Zentralrat der Ex-Muslime gegen neue Moscheebauten. In: Deutschlandradio. 6. Oktober 2007.Gegen Kopftuch und EhrenmordZentralrat der Ex-Muslime. In: n-tv. 19. März 2007. All dies fördere nicht die Integration, sondern unterstütze die Verfestigung einer Parallelgesellschaft. Ziel der Kritischen Islamkonferenz solle es hingegen sein, „integrationswidrige Verhaltensweisen wie den Kopftuchzwang oder Zwangsheiraten zu bekämpfen und die sprachliche und berufliche Integration der Migranten voranzutreiben“. auf Website der gbs, abgerufen am 29. Januar 2012. In: ex-muslime.de, 30. April 2007.
Giordano-Bruno-Denkmal am Potsdamer Platz (2008)