miniatur|Abdallah I. Abdallah ibn Husain I. oder Abdallah I. (; * Februar 1882 in Mekka; † 20. Juli 1951 in Jerusalem) war ab 1921 Emir und von 1946 bis zu seinem Tod König von Transjordanien, das 1949 in Jordanien umbenannt wurde. Aus dem arabischen Geschlecht der Haschimiten stammend schloss sich Abdallah während des Ersten Weltkriegs der Arabischen Revolte gegen das Osmanische Reich an. Er suchte stets ein gutes Verhältnis zu Großbritannien, mit dessen Unterstützung er 1921 den Titel eines Emirs von Transjordanien erhielt. Sein Land stand unter britischer Oberhoheit. Sein politisches Hauptziel war die Erweiterung seines Reichs, dessen Unabhängigkeit er 1946 erreichte. Im Mai 1948 ließ er während des Palästinakrieges das Westjordanland besetzen. 1951 fiel er dem Attentat eines palästinensischen Nationalisten zum Opfer.
Leben Abstammung; frühes Leben Abdallah wurde 1882 in Mekka als zweiter Sohn des Scherifen von Mekka Hussein ibn Ali und dessen erster Gattin Abdiyya bint Abdullah geboren und gehörte zur Familie der Haschimiten. Als seine Mutter bereits 1886 starb, kam er in die Obhut seiner väterlichen Urgroßmutter. Privatlehrer unterrichteten ihn u. a. in der Dichtkunst, Geschichte, Kalligraphie und der Rezitation des Korans. 1892 wurde sein Vater zwangsweise vom türkischen Sultan Abdülhamid II. nach Konstantinopel berufen. Abdallah zog bald mit seinen Brüdern Ali und Faisal I. zu seinem Vater und erhielt in Konstantinopel seine weitere Ausbildung. 1902 heiratete er seine Cousine Misbah bint Nasser und hatte mit ihr zwei Kinder.Michael T. Thornhill: Abdullah ibn Hussein, in: Oxford Dictionary of National Biography, Bd. 1 (2004), S. 51.
Während der Revolution der Jungtürken 1908 überzeugte Abdallah seinen Vater, für das vakante Amt des Großscherifs von Mekka zu kandidieren. In der Tat erhielt Hussein diesen wichtigen Posten, woraufhin Abdallah nach Mekka zurückkehrte. Nach der Wiedereröffnung des osmanischen Parlaments im Dezember 1908 kamen die Jungtürken an die Regierung, und Abdallah wurde 1909 Abgeordneter für Mekka im Parlament, eine Position, die er bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs (1914) innehatte. Die Jungtürken versuchten Abdallahs Vater in Verfolgung ihrer Zentralisierungstendenzen die politischen Befugnisse zu entziehen, wobei ihnen zugutekam, dass die Errichtung von Eisenbahnlinien und Telegraphenverbindungen eine direkte Regierung Mekkas von Konstantinopel aus ermöglichte. Hussein verteidigte aber seinen Einfluss erfolgreich; und Abdallah vermittelte in dem Konflikt zwischen seinem Vater und den Jungtürken. 1912 vermählte er sich in polygamer zweiter Ehe mit Suzdil Hanum; aus dieser Verbindung gingen drei Kinder hervor.Michael T. Thornhill: Abdullah ibn Hussein, in Oxford Dictionary of National Biography, Bd. 1 (2004), S. 51; Jenab Tutunji: Abdullah I. ibn Hussein, in: Encyclopedia of the Modern Middle East and North Africa, 2004, Bd. 1, S. 29.
Kurz vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs traf Abdallah im Februar 1914 den britischen Hochkommissar für Ägypten, Lord Kitchener, um für seinen Vater um britische Hilfe im Fall eines gravierenden Konflikts mit der osmanischen Regierung zu ersuchen. Ferner führte er Gespräche und später einen Briefwechsel mit dem hochrangigen britischen Kolonialbeamten Ronald Storrs. Dabei ging es vor allem um die Zukunft des Hedschas. Die Briten lehnten aber die Unterstützung von Scherif Hussein gegen die Türken ab, mit denen sie wegen des bevorstehenden Weltkriegs jeden Konflikt vermeiden wollten.Helmut Mejcher: Der arabische Osten im 20. Jahrhundert 1914-1985, in: Ulrich Haarmann: Geschichte der arabischen Welt, 3. Auflage, C. H. Beck, München 1994, ISBN 3-406-38113-8, S. 437.
Die britische Haltung änderte sich mit Kriegseintritt des Osmanischen Reichs auf der Seite Deutschlands und Österreichs. Auf Abdallahs Ermunterung verhandelte sein Vater 1915 mit Kitcheners Nachfolger Henry McMahon über die Errichtung eines von der osmanischen Herrschaft unabhängigen arabischen Königreichs. Im folgenden Jahr nahm Abdallah mit seinem Bruder Faisal I. an der von seinem Vater am 10. Juni 1916 verkündeten Arabischen Revolte gegen die Osmanen teil. Er belagerte die türkischen Garnisonen in Ta'if und Medina, während Faisal erfolgreich in Syrien operierte, im September 1918 in Damaskus einmarschierte und die osmanische Herrschaft in Syrien beendete. Scherif Hussein war als König von Hedschas anerkannt worden. Im Mai 1919 erlitten aber die Streitkräfte Abdallahs in einer bedeutenden Schlacht in Südarabien eine Niederlage gegen die wahhabitischen Anhänger von Ibn Saud, der Hedschas den Krieg erklärt hatte.
miniatur|Winston Churchill (rechts) am 28. März 1921 bei einem Besuch bei Abdallah (5. v. links) auf der Nahostkonferenz in Jerusalem. In der Mitte Sir Herbert Samuel. Am 8. März 1920 rief ein „Irakischer Kongress“, eine politische Organisation fragwürdiger Legitimität, Abdallah zum konstitutionellen König des Irak aus. Er trat aber dieses Amt nicht an.M. Colombe: Abd Allah b. al-Husayn, in: Encyclopaedia of Islam, 2. Auflage, Bd. 1 (1960), S. 46. Faisal wurde am selben Tag in Damaskus als König von Syrien proklamiert. Nach Ausbruch des Irakischen Aufstands von 1920 verließ Abdallah im September desselben Jahres den Irak, während sein Bruder im Juli 1920 durch die Franzosen aus Syrien vertrieben wurde. Abdallah erschien mit einem kleinen Trupp bewaffneter Anhänger in Madaba und plante mit einem Beduinenheer nach Damaskus zu marschieren, um Faisal wieder zum syrischen Thron zu verhelfen. Zwar war das Vorhaben militärisch aussichtslos, durch befürchteten die Briten bei einer zweiten Niederlage der Arabischen Bewegung einen weiteren Prestigeverlust bei den Arabern. Im März 1921 traf Abdallah den britischen Kolonialminister Winston Churchill in Jerusalem, der ihm für die Einstellung seiner Feindseligkeiten gegen die Franzosen in Syrien die Verwaltung Transjordaniens anbot. In der Folge wurde er nach der britischen Nahostkonferenz im April 1921 von Großbritannien als Emir von Transjordanien unter britischem Protektorat anerkannt. Auch wurde Transjordanien von den zionistischen Siedlungsinteressen (Balfour-Deklaration) ausgenommen. Abdallahs Bruder Faisal erhielt den mit dem Königstitel verbundenen irakischen Thron.Jenab Tutunji: Abdullah I. ibn Hussein, in: Encyclopedia of the Modern Middle East and North Africa, 2004, Bd. 1, S. 29; Helmut Mejcher, in: Geschichte der arabischen Welt, 1994, S. 445 f.
Emir Transjordaniens Zuerst war Abdallahs Status als Emir Transjordaniens unsicher. Seine Position festigte sich, als der Völkerbund im September 1922 die britische Entscheidung akzeptierte, Transjordanien von dem unter britischem Mandat stehenden Palästina abzutrennen. Formell wurde das Emirat Transjordanien am 25. Mai 1923 als autonomer Staat gegründet.
1922 traf Abdallah sich zu einem ersten Gespräch mit dem allgemein-zionistischen Politiker Chaim Weizmann in London. Abdallah suchte Unterstützung gegen seinen größten politischen Widersacher, den Jerusalemer Politiker Mohammed Amin al-Husseini, hierzu unterstützte er auch dessen lokalen Konkurrenten Raghib an-Naschaschibi.
Das von Abdallah autokratisch regierte Transjordanien war eine aride Region, die zum Zeitpunkt seiner Machtübernahme etwa 235 000 meist arme und ungebildete Einwohner, in der Mehrzahl Beduinen, hatte. In dem Land gab es rund ein halbes Dutzend kleinere Städte und 200 Dörfer. Eine zentrale Verwaltung musste erst geschaffen werden. Dazu hatte Abdallah seine Herrschaft über die sesshaften und nomadischen Stämme seines Landes zu konsolidieren und versuchte hierzu die unterschiedlichen Volksgruppen zu einer Nation zusammenzuführen. Militärische und polizeiliche Unterstützung erhielt er durch die vom britischen Offizier Frederick Gerard Peake gegründete Arabische Legion, die bei der Durchsetzung einer zentralen staatlichen Ordnung eine wesentliche Rolle spielte. Außerdem war die von den Briten bezahlte und ausgebildete Legion zunächst für den Schutz der insbesondere durch die Truppen Ibn Sauds bedrohten Landesgrenzen zuständig, ehe sie in dieser Funktion von den Transjordanischen Grenztruppen abgelöst wurde. 1925 wurden Akaba und Maʿan mit ihren zugehörigen Gebieten an Transjordanien angeschlossen. Mit der Zeit erfolgte eine erfolgreiche Integration der Beduinen in die staatlichen Strukturen, insbesondere dank der von John Bagot Glubb Anfang der 1930er Jahre aufgestellten Mobilen Wüstenkräfte. Abdallah vermochte seine Position als Herrscher Transjordaniens bis Ende der 1920er Jahre abzusichern. Zwar wurde 1928 eine konstitutionelle Regierungsform und ein Legislativrat geschaffen, doch konnte er per Dekret mit großer Machtfülle unter britischer Oberhoheit regieren.Michael T. Thornhill: Abdullah ibn Hussein, in Oxford Dictionary of National Biography, Bd. 1 (2004), S. 51–52; Jenab Tutunji: Ab-dullah I. ibn Hussein, in: Encyclopedia of the Modern Middle East and North Africa, 2004, Bd. 1, S. 29–30.
Das politische Fernziel Abdallahs war es, die Region des Fruchtbaren Halbmonds (Transjordanien, Syrien Palästina, Libanon) zu einem unabhängigen arabischen Königreich Großsyrien unter seiner Führung zu vereinen. Hierzu entwickelte er Bündnispläne mit Nachbarstaaten und vertrat bei ihm dienlichen Anlässen die Idee der arabischen Einheit. Doch zog er sich mit dieser Politik das Misstrauen anderer arabischer Herrscher zu. Seine probritische Politik war wiederum arabischen Nationalisten ein Dorn im Auge. Hochrangige britische Residenten wie St. John Philby (1921–24) und Percy Cox suchten unterdessen einen Keil zwischen Abdallah und die syrischen Mitglieder der Istiqlal-Partei zu treiben, welche die Haschimiten als Verteidiger der Unabhängigkeit Syriens von Frankreich betrachtet hatten. Mit der Ermordung des populären syrischen Nationalistenführers Abd ar-Rahman Shahbandar (Juli 1940) verlor Abdallah seinen wichtigsten Unterstützer in Syrien. Wegen dauerhaften Widerstands Großbritanniens, von dem er militärisch abhängig blieb, musste er schließlich die Pläne zur Ausdehnung seiner Herrschaft ab den späten 1930er Jahren auf Palästina beschränken.Michael T. Thornhill: Abdullah ibn Hussein, in Oxford Dictionary of National Biography, Bd. 1 (2004), S. 52; Jenab Tutunji: Abdullah I. ibn Hussein, in: Encyclopedia of the Modern Middle East and North Africa, 2004, Bd. 1, S. 30.
Im November 1929 war Abdallah während eines Besuchs in Jerusalem einem Attentat entgangen.Abdullah I ibn Hussein, in: Dictionary of the Israeli-Palestinian Conflict. Den Juden wollte Abdallah bezüglich deren Siedlungspolitik in Palästina nur nach dem Vorbild des osmanischen Millet-Systems als religiöser Minderheit weitgehende Autonomie innerhalb eines von ihm regierten Königreichs zugestehen. Dennoch setzte er sich für die arabisch-jüdische Verständigung ein und unterhielt geheime Kontakte zu jüdischen Führern. 1933 vereinbarte er mit der Jewish Agency die Verpachtung von 70.000 Dunam (rd. 70 km2) Kronland im Jordantal, distanzierte sich aber später davon. 1937 akzeptierte er den eine Teilung Palästinas empfehlenden Bericht der Peel-Kommission, auch wenn er weiterhin einen unabhängigen jüdischen Staat ablehnte. Jenab Tutunji: Abdullah I. ibn Hussein, in: Encyclopedia of the Modern Middle East and North Africa, 2004, Bd. 1, S. 30; Uriel Dann: Abdullah ibn Hussein, in Encyclopaedia Judaica, Bd. 1 (1971), S. 58.
Rolle im Zweiten Weltkrieg und Palästinakrieg; König Jordaniens