Akusmata ( „Gehörtes, Hörsprüche“, ein Plural) ist ein Begriff aus der griechischen Philosophie der Antike. Er bezeichnet Aussprüche, die dem Philosophen Pythagoras zugeschrieben wurden. Angeblich wurden sie von seinen Schülern gehört und den folgenden Generationen überliefert. Ihr Ursprung und ihre Verbreitung sind unklar und in der Altertumswissenschaft umstritten. Nach neueren Forschungsergebnissen stammt der größte Teil der Sprüche nicht von Pythagoras oder seinen Schülern und gehörte nicht zum Lehrgut der frühen Pythagoreergemeinschaft.
Terminologie
In allen älteren und den meisten späten Quellen werden die Sprüche Symbola (Sinnbilder) genannt. Die Bezeichnung Akusmata wird in moderner Fachliteratur verwendet, war aber in der Antike unüblich. Sie ist erst bei Iamblichos von Chalkis, der im 3. und frühen 4. Jahrhundert lebte, bezeugt und war auch nach seiner Zeit nicht gebräuchlich.Leonid Zhmud: Pythagoras and the Early Pythagoreans, Oxford 2012, S. 173.
Ursprung, Einteilung und Sinn
Die Symbola sind kurze Lebensregeln und Sprüche, die angeblich von Pythagoras mündlich mitgeteilt und später von Anhängern seiner Lehre schriftlich zusammengestellt wurden. Das überlieferte Material besteht teils aus Fragen und den zugehörigen Antworten, teils aus Vorschriften. Die gängige Einteilung in drei Gruppen geht vermutlich auf Aristoteles zurück. Die erste Gattung sind Definitionen, also Antworten auf Fragen des Typus „Was ist ...?“. Die zweite Gattung sind Fragen des Typus „Was ist am meisten ...?“, die auf eine höchste Steigerung zielen. Die dritte, gewichtigste Gruppe machen die Handlungsanweisungen aus.Leonid Zhmud: Pythagoras and the Early Pythagoreans, Oxford 2012, S. 170f. Die Antworten sind oft rätselhaft und daher auslegungsbedürftig. Der Sinn mancher Aussprüche ist unbekannt oder nur hypothetisch erschlossen. In der antiken Überlieferung sind einem Teil der Symbola Erläuterungen beigefügt, die das Verständnis erschließen sollen.Johan C. Thom: The Pythagorean Akousmata and Early Pythagoreanism. In: Gabriele Cornelli u. a. (Hrsg.): On Pythagoreanism, Berlin/Boston 2013, S. 77–101, hier: 94–98.
Iamblichos von Chalkis berichtet von der Einteilung in die drei Gattungen, wobei er wohl Material aus der Darstellung des Aristoteles verwertet. Er überliefert eine Liste von 39 Handlungsanweisungen sowie zwei Fragen des Typus „Was ist ...?“ und sieben Fragen des Typus „Was ist am meisten ...?“. Iamblichos weist darauf hin, dass nicht alle überlieferten Erläuterungen zu den Pythagoras zugeschriebenen Aussprüchen pythagoreisch seien; ein Teil sei erst später von Außenstehenden hinzugefügt worden.Iamblichos, De vita Pythagorica 82–86. Siehe dazu Walter Burkert: Weisheit und Wissenschaft, Nürnberg 1962, S. 151–154.
Beispiele für definierende Sprüche sind: „Was sind die Inseln der Seligen? – Sonne und Mond“, „Was ist das Orakel von Delphi? – Die Tetraktys“. Fragen nach einer höchsten Steigerung sind beispielsweise: „Was ist das Schönste? – Harmonie“, „Was ist das Mächtigste? – Einsicht“. Mit Sätzen wie „Meide die Hauptstraßen und gehe über die Pfade!“, „Nimm keine Schwalbe in dein Haus auf!“, „Überschreite nicht das Joch!“ werden Verhaltensregeln gegeben, teilweise mit Begründungen.Walter Burkert: Weisheit und Wissenschaft, Nürnberg 1962, S. 155–157; Leonid Zhmud: Pythagoras and the Early Pythagoreans, Oxford 2012, S. 170f.; Bartel Leendert van der Waerden: Die Pythagoreer, Zürich/München 1979, S. 79–93.
Die Anweisungen, zu denen Gebote und Verbote zählen, sind nach einer in der Antike verbreiteten Auffassung metaphorisch zu verstehen und haben einen verborgenen tiefen Sinn.Cornelia J. de Vogel: Pythagoras and Early Pythagoreanism, Assen 1966, S. 160f.; vgl. Walter Burkert: Weisheit und Wissenschaft, Nürnberg 1962, S. 158f. So wurde behauptet, die Vorschrift „Schüre das Feuer nicht mit dem Messer!“ bedeute, dass man einen Zornigen nicht mit scharfen Worten reizen solle.Geoffrey S. Kirk, John E. Raven, Malcolm Schofield (Hrsg.): Die vorsokratischen Philosophen, Stuttgart 2001, S. 255 (Text, Übersetzung und Kommentar). Vgl. Johan C. Thom: The Pythagorean Akousmata and Early Pythagoreanism. In: Gabriele Cornelli u. a. (Hrsg.): On Pythagoreanism, Berlin/Boston 2013, S. 77–101, hier: S. 82f. und Anm. 29. In den Quellen ist ein Wandel erkennbar: Während die Anweisungen in Berichten älteren Ursprungs teils buchstäblich, teils allegorisch aufgefasst werden oder beide Möglichkeiten offen bleiben, dominiert in den Darstellungen aus der römischen Kaiserzeit die metaphorische Interpretation.Leonid Zhmud: Pythagoras and the Early Pythagoreans, Oxford 2012, S. 192–199.
Eine moderne Forschungsmeinung besagt, die Vorschriften seien ursprünglich nicht nur wörtlich verstanden, sondern auch in der alltäglichen Lebenspraxis der Pythagoreer buchstäblich befolgt worden. Ihr Ursprung sei in uraltem Volksglauben und in kultischen Riten zu suchen. Dieser Deutung zufolge waren es archaische, den Alltag prägende Regeln, die ängstlich eingehalten werden mussten, die Bewegungsfreiheit einschränkten und das Leben stark belasteten. Erst später habe sich das Bedürfnis nach einem rationalen Verständnis geltend gemacht. Infolgedessen habe die Suche nach einem verborgenen Sinn begonnen, und so sei die allegorisch-symbolische Auslegung entstanden.Walter Burkert: Weisheit und Wissenschaft, Nürnberg 1962, S. 157–159, 175; Christoph Riedweg: Pythagoras: Leben, Lehre, Nachwirkung, 2. Auflage, München 2007, S. 92f. Eine gegenteilige Hypothese lautet, vermutlich habe niemand die Regeln im wörtlichen Sinn eingehalten, jedenfalls habe es keinen aus den Anweisungen bestehenden Verhaltenskodex der frühen Pythagoreer gegeben.Leonid Zhmud: Wissenschaft, Philosophie und Religion im frühen Pythagoreismus, Berlin 1997, S. 93–100. Beide Forschungsrichtungen nehmen an, dass der Sinn der meisten Sprüche ursprünglich ein buchstäblicher war und dass in diesen Fällen die allegorische Deutung erst im Lauf der Zeit aufkam und sich schließlich in der literarischen Verarbeitung des Stoffs durchsetzte.Leonid Zhmud: Pythagoras and the Early Pythagoreans, Oxford 2012, S. 192–194; Walter Burkert: Weisheit und Wissenschaft, Nürnberg 1962, S. 157f. Vgl. Tomáš Vítek: The origins of the Pythagorean Symbola. In: La Parola del Passato 64, 2009, S. 241–270, hier: 248–251.
Die moderne Forschung geht davon aus, dass ein ursprünglich relativ kleiner Bestand an Symbola im Lauf der Zeit massiv erweitert wurde. Die Tabus, die unter anderem einzelne tierische Speisen wie bestimmte Seefische betreffen, sind offenbar nicht aus dem Pythagoreismus heraus entstanden. Parallelen bei Homer und Hesiod, in Mysterienkulten, im Volksglauben und in magischen Praktiken zeigen, dass der Ursprung dieser Verbote in der Folklore zu suchen ist.Leonid Zhmud: Pythagoras und die Pythagoreer. In: Hellmut Flashar u. a. (Hrsg.): Frühgriechische Philosophie (= Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike. Band 1), Halbband 1, Basel 2013, S. 375–438, hier: 389f.; Tomáš Vítek: The origins of the Pythagorean Symbola. In: La Parola del Passato 64, 2009, S. 241–270, hier: 253–255.
Akusmatiker
Da Pythagoras seine Lehren nicht schriftlich fixierte, bildeten sich in der Gemeinschaft schon früh verschiedene Sichtweisen heraus.Leonid Zhmud: Pythagoras und die Pythagoreer. In: Hellmut Flashar u. a. (Hrsg.): Frühgriechische Philosophie (= Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike. Band 1), Halbband 1, Basel 2013, S. 375–438, hier: 384, 402. Spätestens um die Mitte des 5. Jahrhunderts zeigten sich unter denen, die sich zur pythagoreischen Tradition bekannten, unterschiedliche Strömungen. Es soll zwei sehr verschiedenartige Gruppen gegeben haben, die „Akusmatiker“ und die „Mathematiker“.Bartel Leendert van der Waerden: Die Pythagoreer, Zürich/München 1979, S. 64ff.; Walter Burkert: Weisheit und Wissenschaft, Nürnberg 1962, S. 187–202; Leonid Zhmud: Wissenschaft, Philosophie und Religion im frühen Pythagoreismus, Berlin 1997, S. 93–104. Angeblich orientierten sich die Akusmatiker an den Anweisungen in den Symbola, die Mathematiker an „Mathemata“, worunter man überprüfbares Wissen verstand, nicht nur Mathematik. Diese Aufspaltung ist allerdings erst in kaiserzeitlichen Berichten erwähnt, deren Quellenwert zweifelhaft ist. Unklar ist, ob schon Pythagoras seine Schüler je nach Neigung und Befähigung in Gruppen aufteilte, denen er unterschiedliche Aufgaben zuwies. Angeblich gab es bei ihm „Esoteriker“ (privilegierte Schüler) und „Exoteriker“ (bloße Hörer). Jedenfalls kam es nach einem Bericht, den manche Forscher auf Aristoteles zurückführen,Walter Burkert: Weisheit und Wissenschaft, Nürnberg 1962, S. 190f.; Bartel Leendert van der Waerden: Die Pythagoreer, Zürich/München 1979, S. 69–73; anders jedoch Leonid Zhmud: Wissenschaft, Philosophie und Religion im frühen Pythagoreismus, Berlin 1997, S. 100–104. zu einem unbekannten Zeitpunkt nach dem Tod des Schulgründers zu einer Spaltung zwischen zwei Richtungen. Dabei nahm jede von ihnen für sich in Anspruch, die authentische Tradition des Pythagoras fortzusetzen.Bartel Leendert van der Waerden: Die Pythagoreer, Zürich/München 1979, S. 64–70. Vgl. John T. Hamilton: Der pythagoreische Kult und die akousmatische Mitteilung von Wissen. In: Therese Fuhrer, Almut-Barbara Renger (Hrsg.): Performanz von Wissen, Heidelberg 2012, S. 49–54, hier: 49–51.
Nach Angaben, deren Glaubwürdigkeit umstritten ist, herrschte bei denen, die sich an die Symbola hielten, ein religiöser Autoritätsglaube. Demnach waren sie von der übermenschlichen Natur und Unfehlbarkeit des Meisters Pythagoras überzeugt, folgten strikt den Vorschriften und antworteten auf Einwände mit dem „Autoritätsbeweis“: „Er selbst [Pythagoras] hat es gesagt.“Antike Belege sind zusammengestellt von Arthur S. Pease (Hrsg.): M Tulli Ciceronis de natura deorum liber primus, Cambridge (Mass.) 1955, S. 149f. Eine späte Überlieferung, wonach es eine esoterische Geheimlehre des Pythagoras gab, die den verborgenen Sinn der rätselhaften Sprüche ausmacht und die der Meister nur seinen zu strenger Diskretion verpflichteten Schülern verkündete, hält Leonid Zhmud für unglaubwürdig.Leonid Zhmud: Pythagoras and the Early Pythagoreans, Oxford 2012, S. 183–205. Die Gegenmeinung vertreten Walter Burkert und Gabriele Cornelli. Sie rücken den ursprünglichen Pythagoreismus in die Nähe der Mysterienkulte und meinen, alle Schüler des Pythagoras seien zur Geheimhaltung verpflichtete Akusmatiker gewesen.Walter Burkert: Weisheit und Wissenschaft, Nürnberg 1962, S. 150–175; Gabriele Cornelli: In Search of Pythagoreanism, Berlin 2013, S. 62f., 71f., 78–83. Eine vermittelnde Position nimmt Johan C. Thom ein. Er vermutet, dass schon Pythagoras den Grundstock einer Sammlung von damals bereits verbreiteten Sprüchen anlegte und eigenes Gedankengut hinzufügte. Nach Thoms Ansicht gab es wohl schon unter den frühen Pythagoreern eine buchstabengläubige und eine rational ausgerichtete Strömung, und später ergab sich durch Verfestigung dieses Gegensatzes die Aufspaltung in Mathematiker und Akusmatiker.Johan C. Thom: The Pythagorean Akousmata and Early Pythagoreanism. In: Gabriele Cornelli u. a. (Hrsg.): On Pythagoreanism, Berlin/Boston 2013, S. 77–101, hier: 82, 97f. Anderer Meinung ist Tomáš Vítek, der die Aufspaltung für eine Legende hält. Nach Víteks Auffassung wurde die älteste Sammlung von angeblich pythagoreischen Hörsprüchen nicht im Kreis der Pythagoreer angelegt und war auch nicht für sie gedacht. Vielmehr entstand sie wohl im Milieu der rivalisierenden Philosophenschulen des späten 4. Jahrhunderts v. Chr., vermutlich im Peripatos.Tomáš Vítek: The origins of the Pythagorean Symbola. In: La Parola del Passato 64, 2009, S. 241–270, hier: 264–269.
Rezeption Antike