mini|„Ästhetik der Anzahl“ – Waisenhaus in Amsterdam, 1960 (Aldo van Eyck) mini|Habitat 67, Weltausstellung in Montréal, 1967 (Moshe Safdie) mini|Kimbell Art Museum in Fort Worth, 1972 (Louis Kahn) mini|„Konfiguration mit Gebäude-Einheiten“ – Grundriss, Richards Medical Research Building in Philadelphia, 1960 (Louis Kahn) mini|Bacardi-Fabrik in Cuautitlán bei Mexiko-Stadt, 1960 (Félix Candela)
Der Strukturalismus ist eine Mitte des 20. Jahrhunderts aufgekommene Strömung in Architektur und Städtebau. Er entstand als Reaktion auf den CIAM-Funktionalismus (Rationalismus).Aldo van Eyck, „Statement Against Rationalism“, für CIAM VI 1947, in: Aldo van Eyck – Writings, Amsterdam 2008. Statement gegen CIAM-Auffassungen wie: „Stadtbau kann niemals durch ästhetische Überlegungen bestimmt werden, sondern ausschließlich durch funktionelle Folgerungen.“ Diese Formulierung stammt von rationalistischen Architekten und steht in der CIAM-Erklärung von 1928.
Unter Strukturalismus im weiteren Sinn wird ein methodisch-philosophisches Modell verstanden, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den Sprachwissenschaften entstand und von andern Disziplinen übernommen und weiterentwickelt wurde. Angewendet wurden strukturalistische Methoden in der Linguistik, der Anthropologie, der Philosophie, der Bildenden Kunst und der Architektur.
Die niederländischen Architekten des Strukturalismus waren mit ähnlichen Untersuchungen beschäftigt wie Claude Lévi-Strauss (Anthropologie) und nahmen Bezug auf das Prinzip „Langue et parole“ von Ferdinand de Saussure (Linguistik), vor allem beim Thema Partizipation im Sinne von Struktur und Interpretation.Francis Strauven, Aldo van Eyck – The Shape of Relativity, Amsterdam 1998 (1994). Biografie über Aldo van Eyck und seine „konfigurative Disziplin“ des Entwerfens.
Es wird von einem theoretischen Paradigma ausgegangen, dass Elemente der menschlichen Kultur zu einem übergeordneten System oder einer Struktur in Beziehung stehen.
Simon Blackburn schreibt: „Beim Strukturalismus wird davon ausgegangen, dass die Phänomene des menschlichen Lebens nicht begreiflich sind ohne ihre inneren Zusammenhänge. Diese Beziehungen bilden eine Struktur und hinter jeder lokalen Variation von Erscheinungen gibt es konstante Gesetze der abstrakten Kultur.“
Strukturalismus und postmoderne Architektur In Europa entwickelte sich die strukturalistische Architektur in den 1960er Jahren zu einem Gegenmodell zur funktionalistischen Architektur. Architekturkritiker wie Jürgen Joedicke und Kenneth Frampton räumten dem Strukturalismus einen hohen Stellenwert ein. In den 1970er Jahren wurde er von der postmodernen Architektur verdrängt, die durch Publikationen und Vorträge von Autoren wie Charles Jencks, Robert Venturi und Denise Scott Brown weltweit verbreitet und jahrzehntelang zur dominanten Strömung in der Architektur wurde.
Bedeutende theoretische Beiträge des Strukturalismus kamen aus Europa und Japan. Große Bekanntheit erlangte der Strukturalismus im deutschen Sprachraum durch Arnulf Lüchinger. Ab den 2010er Jahren ist ein neuerliches Interesse am Strukturalismus feststellbar. Im Jahr 2011 erschien eine umfassende Zusammenstellung der „strukturalistischen Tätigkeit“ (Zitat nach Roland Barthes) mit dem Titel Structuralism Reloaded,Tomáš Valena (Hrsg.) mit Tom Avermaete und Georg Vrachliotis, Structuralism Reloaded – Rule-Based Design in Architecture and Urbanism, Stuttgart-London 2011. 47 Artikel von Roland Barthes, Herman Hertzberger, Winy Maas u. a. in der sich 47 Autoren mit philosophischen, historischen, künstlerischen und anderen relevanten Aspekten des Strukturalismus auseinandersetzten.
Einige Monate nach Erscheinen des Buches Structuralism Reloaded wurde beim RIBA-Institut in London über die neuen Kandidaten der RIBA-Gold-Medaille-2012 diskutiert. Dabei stellte sich die Frage: „Sollte dieses Jahr die RIBA-Gold-Medaille den Venturis überreicht werden?“ Doch bei der Preisverleihung wurde nicht die postmodernistische Auffassung der Venturis belohnt, sondern die strukturalistische Auffassung von Herman Hertzberger. Eine Akzentverschiebung hatte sich vollzogen. Der Kommentar des früheren RIBA-Präsidenten Jack Pringle lautete: „Der bedeutende britische Preis, die RIBA-Gold-Medaille, sollte einem Architekten gegeben werden, der uns vorwärts bringt und nicht rückwärts.“ Heute kann die postmoderne Architektur bis zu einem gewissen Grad verglichen werden mit der europäischen Strömung des Traditionalismus.
Verschiedene Richtungen mini|„Struktur und Einfüllung in der Architektur“ – Yamanashi Kulturzentrum in Kofu, 1967 (Kenzō Tange). Interpretierbar, anpassbar und erweiterbar. mini|„Struktur und Einfüllung im Städtebau“ – 1960 entwarf Kenzō Tange den strukturalistischen Tokyo-Bay-Plan mit Wohneinheiten.
Der Anthropologe Claude Lévi-Strauss bemerkte: „Ich glaube nicht, dass man von einem einzigen Strukturalismus sprechen kann. Es besteht eine ganze Anzahl Richtungen, die als Strukturalismus bezeichnet werden.“ Diese Vielseitigkeit kommt auch beim Strukturalismus in der Architektur vor, der jedoch eine Eigenständigkeit aufweist, die nicht mit allen Prinzipien des Strukturalismus der Humanwissenschaften übereinstimmt. In der Architektur entstehen durch die Vielseitigkeit verschiedene Erscheinungsbilder.
Ästhetik der Anzahl Den Begriff „Ästhetik der Anzahl“Aldo van Eyck, „Het Verhaal van een Andere Gedachte“ (Die Geschichte einer andern Auffassung), mit dem Prinzip „Ästhetik der Anzahl,“ in Forum 7/1959, Amsterdam-Hilversum. Das Redaktionsteam der Zeitschrift Forum 7/1959-3/1963 und Juli/1967 bestand aus Aldo van Eyck, Herman Hertzberger, Jacob Bakema u. a. formulierte Aldo van Eyck im Jahr 1959. Diese Architektur kann mit Zellgeweben verglichen werden. Einflussreicher Prototyp dieser Richtung ist das Waisenhaus in Amsterdam von Aldo van Eyck, das 1960 fertiggestellt wurde. Die „Ästhetik der Anzahl“ wird auch als „Konfigurative Architektur“ bezeichnet.Aldo van Eyck, „De straling van het configuratieve“ („Steps towards a configurative discipline“, Schritte zu einer konfigurativen Disziplin), in: Forum 3/1962, Amsterdam-Hilversum. Das Erscheinungsbild ist unveränderbar.
Struktur und Einfüllung – Partizipation Die Bezeichnungen „Struktur und Einfüllung“ und „Architektur der munteren Vielfalt“N. John Habraken, Die Träger und die Menschen – Das Ende des Massenwohnungsbaus, Den Haag 2000. Über Bewohnerspartizipation, in Kombination mit 2-Komponenten-Bauweise – Struktur und Zufall. (Ursprüngliche Ausgabe De Dragers en de Mensen – Het Einde van de Massawoningbouw, Amsterdam 1961). führte John Habraken 1961 für die Benutzerpartizipation im Wohnungsbau ein. Gleichzeitig entstanden in den 1960er Jahren verschiedene UtopieprojekteReyner Banham, Megastructure – Urban Futures of the Recent Past, London 1976. mit dem Prinzip „Struktur und Einfüllung“. Ein einflussreicher Prototyp dieser Richtung ist das Kulturzentrum in Kofu von Kenzō Tange aus dem Jahr 1967. Dabei handelt es sich um ein interpretierbares, anpassbares und erweiterbares Gebäude. In Bezug auf Partizipation im Wohnungsbau verwendete Herman Hertzberger die Begriffe „Architektur als Halbprodukt“ oder „Offene Strukturen“ und Alejandro Aravena die Begriffe „Partizipatorischer Entwurfsprozess“ und „Halb-Häuser“.
Die Baugestalt ist nicht eindeutig vorbestimmt, Architektur wird als Prozess mit offenem Ausgang begriffen. Dadurch verlieren konventionelle Gestaltungsregeln ihre Bedeutung. Die gebauten und zu bauenden Strukturen werden als Ausdruck sozialer und funktionaler Zusammenhänge begriffen. Hierbei werden bestimmte ästhetische und konfigurative Entwurfsschemata der Multiplikation von Modul und geometrischen Grundformen angewendet. Oft werden aus diesem theoretischen Ansatz heraus eine Grundstruktur, ein Modul oder ein Raster entwickelt, die dazu bestimmt sind, unter Mitwirkung oder nach Belieben der Nutzer einem ständigen Wachstums- oder Umbauprozess zu unterliegen.
Entstehung
Der Strukturalismus in Architektur und Städtebau entstand in der Architektenvereinigung CIAM (Congrès International d’Architecture Moderne) nach dem Zweiten Weltkrieg. Von 1928 bis 1959 war die CIAM eine der bedeutendsten Diskussionsplattformen für Architektur und Städtebau. In dieser Organisation operierten verschiedene Gruppierungen mit teils widersprüchlichen Auffassungen: Anhänger einer wissenschaftlichen Architektur ohne ästhetische Prämissen (Rationalisten), Anhänger einer Architektur als Baukunst (Le Corbusier), Anhänger von Hochhaus- oder von Niedrigbau (Ernst May), Anhänger eines Reformkurses nach dem Zweiten Weltkrieg (Team Ten), Anhänger der „alten Lehre“ und weitere. mini|„Gebäude-Einheiten“ – Trenton Bath House, Teil eines größeren Projekts, 1954 (Louis Kahn) mini|Salk Institute for Biological Studies in La Jolla, 1965 (Louis Kahn) mini|Centre Le Corbusier in Zürich, 1963–1967 (Le Corbusier) mini|Bürogebäude Centraal Beheer in Apeldoorn, 1972 (Herman Hertzberger) mini|Zentrum Paul Klee in Bern, 2005 (Renzo Piano) mini|Flughafen Madrid-Barajas, Terminal T4, 2006 (Richard Rogers) Die folgende Formulierung in der CIAM-Erklärung von 1928 stammt von Architekten des Rationalismus. Einer der ersten, der gegen diese Auffassung rebellierte, war Aldo van Eyck mit seinem „Statement Against Rationalism“ beim sechsten CIAM-Kongress von 1947. Das kritisierte Zitat aus dem Jahr 1928 lautet:
„Stadtbau kann niemals durch ästhetische Überlegungen bestimmt werden, sondern ausschließlich durch funktionelle Folgerungen.“
Es waren einzelne Mitglieder der internationalen Splittergruppe Team Ten, die die Basis für den Strukturalismus legten. Auf dem letzten CIAM-Kongress, organisiert vom Team Ten und abgehalten im Jahr 1959 im Kröller-Müller-Museum von Otterlo, fielen ihre Ideen auf fruchtbaren Boden. Daher kommt diesem Zeitpunkt für die Durchsetzung strukturalistischen Denkens in Architektur und Stadtbau eine hohe Bedeutung zu.Arnulf Lüchinger, Strukturalismus in Architektur und Städtebau, Stuttgart 1980. Mit Originaltexten von Herman Hertzberger, Louis Kahn, Le Corbusier, Kenzō Tange, Aldo van Eyck und andern Mitgliedern des Team Ten. Später interpretierte Herman Hertzberger, ein Hauptvertreter der zweiten Generation, den Einfluss dieses Teams wie folgt: „Ich bin ein Produkt des Team Ten.“Max Risselada und Dirk van den Heuvel (Hrsg.), Team 10 – In Search of a Utopia of the Present, Rotterdam 2005. Essays von 23 Autoren. Interviews mit Georges Candilis, Giancarlo De Carlo, Balkrishna Doshi, Ralph Erskine, Herman Hertzberger, Alison und Peter Smithson, Aldo van Eyck. Das Team Ten als Avantgarde-Gruppe war von 1953 bis 1981 aktiv, wobei zwei verschiedene Architekturströmungen aus diesem Team hervorgingen. Einerseits war es der Brutalismus der englischen Vertreter (Alison und Peter Smithson) und anderseits der Strukturalismus der holländischen Vertreter (Aldo van Eyck und Jacob Bakema).
Auch von außerhalb des Team Ten kamen wichtige Impulse für den Strukturalismus wie zum Beispiel von Louis Kahn in den Vereinigten Staaten, Kenzō Tange in Japan und dem Niederländer John Habraken mit seiner Theorie der Benutzerpartizipation. Für die Partizipation im Wohnungsbau leisteten Herman Hertzberger, Lucien Kroll und Alejandro Aravena bedeutende architektonische Beiträge.