mini|Frederick Cayley Robinson - Acts of Mercy Orphans I 1915 Unter Heimerziehung wird die Hilfe zur Erziehung in einer Einrichtung verstanden, in der Kinder und Jugendliche über Tag und Nacht pädagogisch betreut werden, um sie durch eine Verbindung von Alltagserleben mit pädagogischen und therapeutischen Angeboten in ihrer Entwicklung zu fördern. Der Ursprung der heutigen Heimerziehung liegt in dem klassischen Kinderheim, sie hat sich aber wesentlich weiterentwickelt. Der reine Fürsorgegedanke wurde durch das Partizipationsprinzip abgelöst. Für einen Großteil der Bevölkerung stellt das Kinderheim noch immer die klassische Jugendhilfeleistung dar und ist oft negativ konnotiert. Die Aufgabenbereiche der Heimerziehung sind vielfältig.

Geschichte Mit der Fürsorge für Waisenkinder beschäftigte sich bereits im 3. Jahrhundert v. Ch. der Philosoph Platon. So ist in seinen Athener Gesetzen (Nomoi, Elftes Buch, 926ff.) formuliert, dass Waisen Schutz und Obhut zu gewähren ist.NOMOI (De legibus) Die Gesetze. Nach der Übersetzung von Dr. Franz Susemihl in: Platon’s<-- sic! --> Werke, vierte Gruppe, neuntes bis fünfzehntes Bändchen, Stuttgart 1862, 1963, bearbeitet. Ähnliche Ansätze finden sich auch in der Halacha, der jüdischen Gesetzgebung. Eine erste gemeinschaftliche Fürsorge für Waisenkinder leisteten die christlichen Kirchen.

Im Mittelalter bestanden Waisenhäuser für Kinder, deren Eltern zum Beispiel durch Hunger und Krankheiten umgekommen waren, und Findelhäuser für Säuglinge, insbesondere außereheliche Kinder, die von ihren Müttern nicht weiter versorgt wurden.

Reformen im Bereich der Heimerziehung kamen unter anderem durch Johann Heinrich Pestalozzi und Philipp Emanuel von Fellenberg. In den Rettungsanstalten und Armenerziehungsanstalten wurden auch Kinder aus der Unterschicht, aus diskriminierten Gruppen (zum Beispiel Jenische, Fremdarbeiter) und Kinder von Suchtkranken untergebracht.

Situation nach Ländern Deutschland mini|Freudenstadt, Waisenhaus

Die Heimerziehung in Deutschland entstand aus der Armenfürsorge im Mittelalter. Mittlerweile werden Wohngruppen gegenüber den Großheimen bevorzugt. 2010 kam es zum Runden Tisch Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren (RTH) zur Aufarbeitung von Gewalt und Zwangsarbeit in der Heimerziehung in den alten Bundesländern, der zur Einrichtung eines Fonds führte.

Seit Jahren steigt in Deutschland die Zahl der Kinder und Jugendlichen in den Heimen und betreuten Wohngruppen. Ende 2011 lebten rund 65.000 junge Menschen in einer betreuten Wohnform. Die Zahl stieg damit seit 2008 um 11 %. 2016 wurden, laut Bundesamt für Statistik, 95.582 Kinder und Jugendliche in stationären Einrichtungen betreut, ein Plus von 63 % zu 2008.Pressemitteilung des Bundesamtes für Statistik: 65 000 junge Menschen lebten Ende 2011 in einem HeimHeimkinder in Deutschland. SOS im Kinderdorf, SPIEGEL ONLINE, 16. Mai 2018

Deutsche Demokratische Republik

Gründe für die Einweisung in ein Heim des Systems der Spezialheime von Seiten der Jugendhilfe kamen neben schweren Erziehungsproblemen und Verhaltensstörungen auch im politisch-ideologischen Fehlverhalten (s. Erziehung zur Sozialistischen Persönlichkeit) liegen. Vom System der Spezialheime (z. B. Jugendwerkhöfen, im besonderen Ausmaß vom Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau) ist bekannt, dass erzieherischer Missbrauch mit dem Ziel Umerziehung angewendet wurden. Menschen, die in einem Spezial- oder Sonderheim waren, können deshalb Rehabilitierung beantragen und Entschädigungszahlungen erhalten.

Von 1949 bis 1990 durchliefen 495.000 Minderjährige das Heimsystem der DDR: 135.000 davon waren in einem Spezialheim untergebracht und etwa 3500 im Kombinat der Sonderheime. Insgesamt gab es 662 Heime: davon 456 Normalheime mit 21.259 Plätzen, 168 Spezialheime mit 9364 Plätzen und 38 Jugendwerkhöfe mit 3031 Plätzen.

Zum 1. Juli 2012 wurde der Fonds Heimerziehung in der DDR in den Jahren 1949 bis 1990 errichtet. Aufgrund der hohen Anzahl ehemaliger Heimkinder war der Fonds Anfang 2014 ausgeschöpft. Der Fonds wurde mit Mitteln des Bundes und der Länder aufgestockt. Die Laufzeit des Fonds ist bis Ende Juni 2017 geplant. Neu ist eine Stichtagsregelung. Berücksichtigt wurden nur die bis zum 30. September 2014 gestellten Anträge. Die Antragsannahme wurde über die Anlauf- und Beratungsstellen für ehemalige Heimkinder in der DDR sichergestellt.Informationen zu Leistungen des Fonds Heimerziehung in der DDR in den Jahren 1949 bis 1990

Großbritannien und Commonwealth-Länder mini|Chaim Weizmann Home, Instow, Großbritannien, 1942 Im Februar 2010 bat der britische Premierminister Gordon Brown ehemalige Heimkinder für erlittenes Unrecht öffentlich um Entschuldigung. Hierbei stand insbesondere die Verschickung von Kindern aus Großbritannien in die britischen Kolonial-Gebiete im Mittelpunkt, was bis in die 1960er-Jahre hinein betrieben wurde.

In Australien und Kanada wurden in den vergangenen Jahren Wahrheitskommissionen gebildet zur Untersuchung der von den Behörden betriebenen Vorgänge, bei denen Kinder aus kanadischen Indianer- und australischen Eingeborenenfamilien ihren Eltern entzogen und in Heime gesteckt wurden.Rezension zu: Erst nach der Wahl von Gough Whitlams zum Premierminister von Australien wurde diese Praxis, heute unter der Bezeichnung stolen generations bekannt, ab 1972 beendet.M. Mann: Die dunkle Seite der Demokratie. Eine Theorie der ethnischen Säuberung. Verlag HIS, 2007.

Missbrauchsvorfälle in Heimen sowie der missbräuchliche Umgang mit Betreuungsgeldern in den Einrichtung führte in Australien in den 1980er und 1990er Jahren zur Schließung von Kinderbetreuungseinrichtungen. Diese Entwicklung hatte zur Folge, dass viele Heimkinder in das Obdachlosenprogramm SAAP (Supported Accommodation Assistance Program) sowie in die Jugendgerichtsbarkeit fielen.F. Ainsworth, P. Hansen: A dream come true-no more residential care. A corrective note. In: International Journal of Social Welfare. Band 14, Nr. 3, 2005, S. 195–199.

Eine Kommission für Kriminalität und Fehlverhalten veröffentlichte 2004 einen Bericht mit dem Titel „Schutz von Kindern: Eine Untersuchung über den Missbrauch von Kindern in der Pflege (CMC-Bericht)“. Als Reaktion auf die Ergebnisse dieses Berichts beschloss die Regierung, Kinderbetreuungseinrichtungen für Kinder wieder einzurichten. Ein besonderer Schwerpunkt wurde dabei auf die Qualitätsstandards der Einrichtungen gelegt. Die Unterbringung von Kindern und Jugendlichen in Heimen wird, u. a. im Bundesstaat Queensland, als eine Notwendigkeit angesehen.Department of Communities: A Contemporary Model of Residential Care for Children and Young People in Care. Queensland 2010.

In den Jahren zwischen 1944 und 1959 wurden in Kanada durch die Regierung von Maurice Duplessis in der Provinz Quebec tausende, oft unehelich geborene, Kinder von ihren Eltern getrennt und in die Obhut kirchlicher und staatlicher Waisenheime gegeben. Es galt, diese Kinder als „gesellschaftliche Fehltritte“ zu verstecken. Die Heime wurden größtenteils von der Provinzregierung finanziert. Dort wurden sie über viele Jahre als billige Arbeitskräfte benutzt, sexuell missbraucht oder körperlich misshandelt. Einige von ihnen wurden für geisteskrank erklärt und in psychiatrische Anstalten abgeschoben. Auch Heime selbst wurden in psychiatrische Anstalten umgewandelt und die darin untergebrachten Waisen für geisteskrank erklärt. Der Grund dafür war der höhere Pflegesatz, der für geistig behinderte Kinder von der Regierung gezahlt wurde. Man benutzte sie als Versuchskaninchen für Medikamente – manchmal mit tödlichem Ausgang.Ein Tag mit Folgen: Die verratenen Waisen des Maurice Duplessis. Französische TV-Dokumentation von Marc Petitjean, Arte 2003

Irland Die Heimerziehung in Irland ist dort und weltweit seit den 1990er Jahren im Zusammenhang mit systematischen Missbrauch und Misshandlung Tausender Kinder in Heimen bekannt geworden. Im Jahr 2000 wurde eine Kommission ins Leben gerufen die einen, nach juristischem Eingreifen anonymisierten Untersuchungsbericht vorlegte. Sie stellte 2009 fest: „Ein Klima der Angst, geschaffen durch umfassende, überzogene und willkürliche Strafmaßnahmen, durchzog die meisten dieser Institutionen.“ In den Schulen, die nur von Jungen besucht wurden, war der sexuelle Missbrauch der Schüler dem Bericht zufolge durchgängig üblich. Mädchen wurden routinemäßig sexuell missbraucht. Sowohl der ehemalige irische Premierminister Bertie Ahern als auch Kardinal Seán Brady, Primas von Irland und Erzbischof von Armagh entschuldigten sich mehrmals öffentlich für jahrzehntelangen Missbrauch.Brady calls for change of culture. In: RTÉ News. 20. Oktober 2007. In: The Irish Times. 12. Februar 2008. Den Opfern wurden Entschädigungen in der Höhe von insgesamt 1,28 Milliarden Euro zugesprochen, die Kosten tragen Staat und katholische Kirche gemeinsam.

Der Skandal wurde auch durch den Film Die unbarmherzigen Schwestern, der verschiedene Auszeichnungen erhielt, bekannt. Er schildert die Misshandlungen in den maßgeblichen Magdalenenheimen (Magdalene Laundries „Magdalenen-Wäschereien“). Ein weiterer Fall wurde im Film Philomena dargestellt.

Durch die Historikerin Catherine Corless wurden die Fälle der fast 800 Kinder bekannt, deren Leichen in einem bereits in den 1970ern entdeckten Massengrab in Tuam gefunden worden waren. Die Historikerin hatte Zugang zu den Akten des Heims St. Mary’s Mother and Baby Home und den dort geführten Daten zu Identität, Geburtsdaten und Sterbealter der Kinder erhalten. In dem von 1925 bis 1961 durch die Congregation of the Sisters of Bon Secours geführten Heim brachten Frauen ihre unehelichen Kinder zur Welt.

Nach der Veröffentlichung des Abschlussberichts Mother and Baby Homes report bezeichnete Ministerpräsident Micheál Martin im Januar 2021 das dort Berichtete als ein „dunkles, schwieriges und beschämendes Kapitel“ der jüngsten Geschichte Irlands.

Österreich

Die heute geltenden Regelungen zur Jugendfürsorge und Fürsorgeerziehung in Österreich besitzen ihren Ursprung im ABGB von 1811 und dem Außerstreitgesetz von 1854. Auch noch im 20. Jahrhundert waren Kinder und Jugendlichen teils schweren Übergriffen und Misshandlungen ausgesetzt. Das Jugendwohlfahrtsgesetz von 1989 brach mit dem System der geschlossenen Unterbringung. Bis in die 2000er-Jahre wurden die letzten Großheime geschlossen und flächendeckend kleinere Betreuungseinheiten eingerichtet.

Rumänien Internationales Aufsehen erregte das Thema Heimerziehung auch nach der politischen Wende 1989 in Rumänien und dem Bekanntwerden der schlechten Zustände in den Kinder- und Behindertenheimen dort. Zahlreiche ausländische und einheimische Initiativen nahmen ihre Arbeit auf, um den aus der Gesellschaft ausgestoßenen Kindern der rumänischen Heime eine neue Zukunft zu ermöglichen (siehe auch Cighid, Geschichte Rumäniens).

Schweiz

Zu den weltbekannten Schweizer Pionieren im Bereich der Heimerziehung zählen Johann Heinrich Pestalozzi und Philipp Emanuel von Fellenberg. Heute arbeiten verschiedene Initiativen daran, die Folgen der Heimerziehung, darunter erlittene Gewalt und Zwangsarbeit, aufzuarbeiten und für erlittene Schäden Schadensersatz durchzusetzen.

Südkorea