Als Schraubleica werden umgangssprachlich alle Sucherkameras () der Firma Leitz bezeichnet, die vor der Leica-M-Reihe gebaut wurden und kein Objektivbajonett besaßen. Mit Ausnahme der ersten Leica-Serie mit fest montiertem 50-mm-Standardobjektiv wurden Wechselobjektive per präzise ausgerichtetem M39 × 1/26 ″-Gewinde an die Kamera geschraubt (die erste Leica mit dem Leica-M-Bajonett war die 1954 vorgestellte Leica M3).
Die zentrale Idee des Leica-Erfinders Oskar Barnack bestand darin, eine kompakte Fotokamera mit dem, für damalige Verhältnisse kleinen, 35 mm breiten Kinofilm zu konstruieren, deren Negative für stärkere Vergrößerungen geeignet waren. Im Vergleich zu den am Anfang des 20. Jahrhunderts üblichen Box- und Balgenkameras mit Rollfilm sowie den bereits 20 Jahre vorher gebauten Vorläufern der Kleinbildkamera war Barnacks erste Serien-Leica ausgesprochen innovativ. Rückblickend betrachtet führte die Entscheidung zu ihrer Produktion sowohl zu einem epochalen Wandel in der bildgebenden Fotografie als auch zu einer über sieben Jahrzehnte dauernden marktbeherrschenden Position der Kleinbildfotografie, die erst mit dem Siegeszug der Digitalfotografie in den 2000er Jahren endete.
Vorgeschichte Ur-Leica Die Geschichte der Schraubleica nahm ihren Anfang zwischen 1913 und 1914 mit zwei Versuchsapparaten, welche Oskar BarnackInternationale Barnack Biennale – gff-foto.de/Gesellschaft für Fotografie e. V., 16. Mai 2015Das Geheimnis einer Legende – faz.net/FAZ.NET als Entwicklungsleiter für 35-mm-Filmprojektoren der Bauart Mechau bei der Firma Leitz in Eigeninitiative konstruiert und gebaut hatte.Die Kleinbildkamera – die ganze Geschichte – heureka-stories.de, 9. Januar 2018Erfindung der Leica – spiegel.de/Spiegel Online, 24. Oktober 2014 Überlegungen zu einer Kleinbildkamera mit doppelseitig perforiertem 35-mm-Kinofilm (Stummfilm) waren schon einige Jahre vorher von Konstrukteuren vor allem aus Europa (unter anderem aus Dänemark, Italien, Frankreich sowie namentlich von Firmen aus dem Deutschen Reich wie C. P. Goerz und Ernemann-Werke AG) praktisch umgesetzt worden.Early 35mm cameras – corsopolaris.net Die ersten Patente für das grundlegende Prinzip der Kleinbildkamera folgten, angemeldet in Frankreich, England und im Deutschen Reich, jedoch konnte sich daraus weder eine Standardisierung noch ein nennenswerter Markt von Kleinbildkameras entwickeln.
Das Kinobild des 35-mm-Films, das mit vertikal ablaufendem Film erzeugt wurde, hatte das Format 18 mm × 24 mm; um das Format optimal zu nutzen, hatte Barnack beide Versuchsapparate mit 24 mm × 36 mm bzw. einem 3:2-Seitenverhältnis auf das doppelte Kinobild ausgelegt, das durch die horizontale Ausrichtung der Filmführung möglich wurde. Die Apparate besaßen noch zahlreiche Schwächen, insbesondere den Schlitzverschluss und die versuchsweise eingesetzten Kino- und Mikroskop-Objektive betreffend. Beispielsweise erfüllte das versenkbare, mit einer Irisblende und zur Fokussierung mit einer Einstellschnecke ausgestattete Mikroskop-Objektiv Leitz Mikro-Summar 1 : 4,5 F = 4,2 cm (6 Linsen, symmetrische Anordnung) nicht die von Barnack gewünschte Auflösung, die er durch den Vergleich mit den damals üblichen 13 cm × 18 cm- und 9 cm × 12 cm-Plattenformaten zu definieren versuchte. Mit beiden Kameras sind dennoch Bilder in respektabler Qualität aufgenommen worden, fotografiert vom Firmeninhaber und dessen Konstrukteur mit ihren jeweiligen Apparaten.Kleinste Kamera blickt auf höchste Häuser – zeit.de/Zeit Online, 1. November 2014Erste Fotos mit Ur-Leica – faz.net, 12. Juni 2012
Von den Eigenschaften der Kamera angetan, ließ Ernst Leitz II (der zweite Sohn und Nachfolger des Firmengründers Ernst Leitz I) am 12. Juni 1914 einen Patentantrag für die von Barnack „Lilliput“ genannte Kamera einreichen, der jedoch abgelehnt wurde. Nach Ansicht des Kaiserlichen Patentamtes war ein Patent der Firma Carl Zeiss / Jena und ein französisches Patent berührt, so dass lediglich ein 10-jähriger Gebrauchsmusterschutz gewährt wurde.
Der von Ernst Leitz benutzte Apparat dieser heute sogenannten Ur-Leica wird im Museum der Leica Camera AG unter Verschluss gehalten. Um zahlreichen Nachfragen entgegenzukommen, fertigte die Firma in den Jahren 2000 bis 2002 eine Anzahl von 2.000 Repliken dieses ersten Prototyps, versehen mit der Inschrift Nachbildung der Ur-Leica.
Zweiter Prototyp und Leica 0 Soweit nicht mit weiteren Einzelnachweisen versehen, sind die Angaben in den Kapiteln bzw. Unterkapiteln über einzelne Details von Kameras und Objektiven den im Kapitel Literatur angegebenen Werken des Autors Gianni Rogliatti entnommen Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs nahm Barnack die Entwicklung wieder auf und konstruierte zwischen 1918 und 1920 einen Zweiten Prototyp („Barnacks Kamera Nummer 3“). Eine bedeutende Verbesserung dieses Apparats bestand (unter anderem) in der Ablaufsteuerung der Verschlussvorhänge, deren Schlitzbreite jetzt über einen Schlitzbreitenwähler sowie einen Schlitzeinstellknopf von 2 mm bis 38 mm einstellbar war. Für die beiden waagrecht ablaufenden Verschlussvorhänge ergaben sich daraus 5 (später 7) definierte, unterschiedlich breite Schlitze entsprechend Verschlusszeiten von 1/20 s bis 1/500 s. Weitere Verbesserungen betrafen die Kopplung des Verschlusses mit dem Getriebe für den Filmtransport, sowie damit verbunden ein zur Vermeidung von unbeabsichtigten bzw. überlappenden Doppelbelichtungen exakt eingehaltener Bildabstand in Kombination mit einem Bildzählwerk. Ein Rückspulmechanismus samt Rückspulknopf war noch nicht vorhanden, d. h. der Film musste in der Dunkelkammer oder unter Zuhilfenahme eines Wechselsacks nach dem Abnehmen der Bodenplatte entladen werden.
Ein einzelnes Exemplar dieser Kamera ist im Werksmuseum von Leitz zu besichtigen.
Von 1923 bis 1924 wurde an einem Nullserienmodell gearbeitet, von dem etwa 25 Exemplare gefertigt und an Fotografen zu Testzwecken übergeben wurden. Die später inoffiziell Leica 0 genannten Apparate verfügten bereits über wesentliche Merkmale des im Jahr darauf produzierten Serienmodells. Ein nach wie vor ungelöstes Problem betraf den Schlitzverschluss, dessen Verschlusstücher beim Filmtransport nicht überlappten und folglich den Film freilegten – das Objektiv musste also während des Filmtransports bis zum vollständigen Spannen des Verschlusses etwas umständlich mit einem Deckel verschlossen werden.
Zwölf Kameras des Nullserienmodells sind erhalten geblieben, wovon in jüngster Zeit einzelne, auf Auktionen versteigerte Exemplare für Rekordsummen in Millionenhöhe den Besitzer wechselten.Spiegel Online vom 12. Mai 2012: Rekordpreis für Kamera – Alte Leica bringt 2,16 Millionen bei AuktionSpiegel Online vom 10. März 2018: Leica-Kamera für 2,4 Millionen Euro versteigertSpiegel Online vom 11. Juni 2022: Hundert Jahre alte Kamera – Leica-Prototyp für 14,4 Millionen Euro versteigert
Serienmodelle Die endgültige Entscheidung, die bereits weit fortgeschrittene Prototypenentwicklung in die Serienfertigung zu überführen, traf Ernst Leitz II im Juni 1924. Vorangegangen waren lange Debatten mit seinen engsten Mitarbeitern über technische Detailfragen und über die problematische Risikoabschätzung der Markteinführung der von Oskar Barnack entwickelten Kleinbildkamera. Die finanziellen Risiken, die das Unternehmen in der wirtschaftlich schwierigen Zeit kurz nach der Währungsreform (1923–1925) dabei einging, waren beträchtlich, denn neben der anspruchsvollen Kameramechanik musste gleichzeitig ein System hochauflösender Objektive, Projektoren und Vergrößerungsgeräte entwickelt und zur Serien- bzw. Marktreife gebracht werden.„Ich entscheide hiermit: Es wird riskiert.“ – leica-hunting-blog.com; dito – faz.net, aktualisiert am 27. Oktober 2021; Knut Kühn-Leitz: Über Ernst Leitz II – leica-camera.blog (PDF)
Die gesammelten Erfahrungen mit dem Nullserienmodell wurden für weitere Anpassungen genutzt, indem wichtige Details wie das Verschlussproblem gelöst und ein praktikabler (Galilei’scher) Fernrohrsucher auf der Kameraoberseite fest angeschraubt wurde. Die gründliche Überarbeitung führte zwischen 1924 und 1925 zu einer ersten Versuchsserienproduktion von 850 Kameras. Die Apparate wurden betriebsintern neben „Lilliput“ auch „Barnack-Kamera“ oder „Leca“ (Leitz-Camera) genannt, trugen jedoch außer der Gravur für die Seriennummer und der Inschrift Ernst Leitz Wetzlar D.R.P. (Deutsches Reichs-Patent) vorerst keine Namensbezeichnung; der weltbekannte „Leica“-Namenszug wurde erst sieben Jahre später mit der Leica II (D) eingeführt.
Leica I (A) (1925–1930) mini|links|Leica I (A), Seriennummer 12711 (1928); Objektiv: Leitz Elmar 1 : 3,5 F = 50 mm mini|Leica I (A) (1929 oder 1930); Objektiv: Leitz Elmar f = 5 cm 1 : 3,5; Neugestaltung von Auslöseknopf und Objektiv-Gravur (vergl. Bild links) mini|Leica I (A), Seriennummer 20502 (1929); ehemals im Besitz von Henri Cartier-Bresson mini|Leica I (A), Seriennummer 5193 (1927); mit aufgestecktem Schnittbild-Entfernungsmesser (Code: FODIS)Der frühe FoDis fängt 1923 an – leica-historica.de (PDF)
Die offiziell Leica und nach heutigem Sprachgebrauch Leica I – in den USA Leica Model AThe Most Important 35 of All Time: the Leica A of 1925-1936 – cameraquest.com (oder Leica Model I A) – genannte Kamera kam mit der Präsentation auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1925 auf den Markt und ebnete der Kleinbildfotografie mit 35-mm-Film im sogenannten 24 mm × 36 mm-Kleinbildformat den Durchbruch zu einem der erfolgreichsten Massenprodukte der Neuzeit. Sowohl bei den Profi- als auch bei den Amateurfotografen wurde das „Kleinbild“ zum dominierenden Aufnahme- bzw. Kameraformat.
Aufgrund des hohen Qualitätsanspruchs kostete die Leica etwa das 1½-Fache eines durchschnittlichen Monatslohns, entwickelte sich jedoch – unter Berücksichtigung der damaligen Marktsituation niedriger Einkommen und schwacher Kaufkraft der Bevölkerung nach dem Ersten Weltkrieg bzw. der sich anschließenden Währungsreform – mit 21.000 verkauften Apparaten in den ersten knapp vier Jahren zu einem unerwarteten Verkaufserfolg.
Die robuste Kamera, deren Gehäuse aus Aluminium gefertigt wurde und die ohne den empfindlichen Balgen auskam, verband in einer bisher nicht bekannten Weise Zuverlässigkeit, ein geringes Gewicht, minimale Abmessungen und eine hohe Flexibilität für schnelle Bildserien mit einer großen Anzahl von Bildern (maximal 36 bis 40 pro Film und Sorte). – web.archive.org Eigenschaften, welche den Leica-Fotografen nicht nur zu überraschenden „Schnappschüssen“ befähigte, sondern auch einen neuartigen dynamischen Stil mit der Kamera vor dem Auge (statt vor dem Bauch) hervorbrachte.100 Jahre Schnappschuss – zeit.de, 6. November 2014 Vorher unbekannte Fotografen und Fotojournalisten sollten durch die „unauffällige Dokumentation des entscheidenden Augenblicks“ mit ihren Bildern erst Berühmtheit erlangen und nicht zuletzt zum Erfolg der Leica beitragen; der wohl bekannteste Vertreter aus dieser Richtung war das französische Multitalent Henri Cartier-Bresson.Meister des „Moment décisif“ – faz.net, 5. August 2004
Vor der Aufnahme konnte der Fotograf das Motiv über den fest montierten Fernrohrsucher anvisieren, die Entfernung für die Scharfeinstellung musste entweder geschätzt oder mittels eines aufsteckbaren Entfernungsmessers (im Bild rechts/unten) bestimmt und anschließend händisch auf die Entfernungs-Skala des Objektivs übertragen werden. Vergleichbares galt für die Belichtungsmessung, aufsteckbare Geräte wurden jedoch nicht von Leitz hergestellt, sondern von Zubehör-Herstellern wie der Firma Metrawatt in Form kompakter Selen-Belichtungsmesser. Zur Aufnahme eines dieser Zusatzgeräte war direkt über der Objektivachse ein einzelner Zubehörschuh vorhanden.