mini|Gnom, Eisenbahn betrachtend, von Carl Spitzweg (etwa 1848) Zwerge ist eine Sammelbezeichnung für menschengestaltige, kleinwüchsige Fabelwesen des Volksglaubens, die meist unterirdisch in Höhlen oder im Gebirge leben. Ihren Ursprung haben sie in der nordischen Mythologie.

Häufig wird den Zwergen übermenschliche Kraft und Macht nachgesagt. Sie gelten als schlau und zauberkundig, bisweilen listig, geizig und tückisch, meist aber als hilfreich, und werden vor allem in späterer Zeit, in Märchen und Sage, als bärtige Männchen mit Zipfelmütze dargestellt.

Sie treten vor allem als kunstreiche Schmiede auf, wobei der Begriff „Schmied“ (altnordisch: smiðr, isländisch: smiður) ursprünglich einen Handwerker bezeichnete, der sowohl mit Holz als auch mit Metallen umzugehen verstand, allgemein einen Kunsthandwerker (vgl. auch Geschmeide), im übertragenen Sinn einen Künstler, Schöpfer (vgl. z. B. den „Reimschmied“). In Zeiten geringer Arbeitsteilung bauten die Schmiede die benötigten Erze oft selbst ab und verhütteten sie auch. Somit galten die Zwerge auch als tüchtige Bergleute und Metallurgen. Später übten sie darüber hinaus alle möglichen land- und hauswirtschaftlichen Tätigkeiten aus und arbeiteten auch in „bürgerlichen“ Handwerksberufen, wie Schneider, Bäcker und Schuster.

Im Gegensatz zu Kobolden, die als einzelnes Individuum an ein bestimmtes Haus, einen Ort oder eine Familie gebunden sind, leben Zwerge in der Gesellschaft ihresgleichen, ganz ähnlich wie Menschen: In archaischen Zeiten lebten sie in Sippen unter Anführern (z. B. Dvalins Schar), im Mittelalter hatten sie Könige (z. B. Laurin), später lebten sie auch in Städten (z. B. die Heinzelmännchen in Köln).

Zwerge spielen auch in den Novellen und Belletristiken der deutschen Romantik eine Rolle. Bis heute sind die Sammlung von Volksmärchen durch die Brüder Grimm und die darin dargestellten Zwergenmotive weltweit prägend. Nicht minder prägend sind sich daraus ergebende Rezeptionen aus dem 20. Jahrhundert, wie beispielsweise die Zeichentrickfilm-Adaption des Grimmschen Märchens Schneewittchen durch Walt Disney. Ebenso finden sich Zwerge in der modernen Fantasy-Literatur, hier unverkennbar beeinflusst von der Konzeption der Zwerge in J. R. R. Tolkiens Werken, vor allem im Herrn der Ringe und in Der Hobbit.

Barocke Skulpturen von Zwergen waren in Mitteleuropa vielfach als Teil von Barockgärten beliebt, so etwa in der Stadt Salzburg im Mirabellgarten.Reinhard Medicus: Der Zwergelgarten und seine Geschichte. In Bastei, Zeitschrift des Salzburger Stadtvereins, Jahrgang 2010, Folge 2, Salzburg 2010. Aus der Verbindung solcher Darstellungen von Hofzwergen mit den Märchenzwergen entwickelten sich die heutigen Gartenzwerge.

Etymologie Die germanischen Wörter für „Zwerg“ (althochdeutsch twerg, mittelhochdeutsch twerc / querh (Maskulin, Neutrum) zwerc, altsächsisch gidwerg (Neutrum), altnordisch dvergr, altenglisch dweorg, altfranzösisch dwerch, schwedisch dvärg, norwegisch dverg, dänisch dværg, niederländisch dwerg, englisch dwarf) weisen auf eine urgermanische Vorform *đwerʒaz hin.Vladimir Orel: A Handbook of Germanic Etymology. Brill, Leiden/Boston 2003, ISBN 90-04-12875-1, S. 81. Eine etymologische Anknüpfung ist aber unsicher. Vielleicht steht es im Zusammenhang mit dem Verb trügen („Trugwesen“), vgl. ahd. gidrog („Gespenst“), auch altind. dhvaras („dämonisches Wesen“).Friedrich Kluge, Elmar Seebold: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 24. Auflage. Berlin 2002, Stichwort „Zwerg“.

Nordische Mythologie mini|Detail der Ramsundritzung (Schweden; 11. Jahrhundert): Sigurd umgeben von den drei Söhnen des Zauberers Hreidmar. Der lange Körper des von Sigurd erschlagenen Drachen Fafnir dient als Rahmen für die Runeninschrift. Sigurd brät gerade dessen Herz über einem Feuer (und erlangt so das Verständnis der Sprache der Vögel). Ottur (oder Ótr, oben) war zum Zeitpunkt des Drachenkampfes schon lange tot. Er wird hier nur noch dargestellt, weil sein Tod der Auslöser für die folgenden Verwicklungen um den Nibelungenhort wurde. Der (nach einer Warnung der Vögel ebenfalls von Sigurd erschlagene) Zwerg Regin ist hingegen als kurzbeiniger, bärtiger Mann dargestellt, umgeben von seinem Schmiedewerkszeug: Hammer, Blasebalg, Amboss und Zange. Erwähnt werden Zwerge vor allem in den beiden Texten, die unter dem Begriff Edda bekannt sind, sowie in einigen ebenfalls altnordischen Isländersagas.

Sie wohnen unter den Bergen und Felsen sowie in Erdhöhlen, wie die skaldischen Kenningar aus dem 11. und 12. Jahrhundert und die Sagen des 13. und 14. Jahrhunderts berichten. Die Zwerge aus Sindris Geschlecht leben in einem goldenen Saal in Nidawellir, im Norden.

Dass man sich Zwerge ursprünglich als besonders klein vorstellte, ist nicht belegt; eher scheinen sie Formwandler zu sein, die auch in Gestalt von Tieren (vielleicht auch von Hirschen) erscheinen können. So nimmt Fafnir, der Bruder des Zwerges Regin, mit Hilfe des Schreckenshelms die Gestalt eines Drachen an. Ihr gemeinsamer Bruder Ottur bevorzugte die Gestalt eines Otters.

Mit Hilfe eines magischen Huts (Zwergenhut oder huliðshjálmr), manchmal auch durch einen Mantel, können sie sich unsichtbar machen (siehe: Tarnkappe).

Ursprung Über den Ursprung der Zwerge gibt es in den eddischen Texten unterschiedliche abweichende Aussagen. In der Völuspá wird die Erschaffung der Zwerge aus dem Blut des Riesen Brimir und den Knochen des Riesen Bláinn im Rahmen der allgemeinen Kosmogonie dargestellt. In den Strophen 9 und 10 lautet dies: Þá gengu regin öll á rökstóla, ginnheilög goð, ok um þat gættusk, hverir skyldi dverga dróttir skepja ór Brimis blóði ok ór Bláins leggjum.

Þar var Móðsognir mæztr of orðinn dverga allra, en Durinn annarr; þeir mannlíkun mörg of gerðu dvergar í jörðu, sem Durinn sagði.Zum Richtstuhl gingen die Rater alle, heilige Götter, und hielten Rat, wer der Zwerge Schar schaffen sollte aus Brimirs Blut und Blains Knochen.

Modsognir ward der mächtigste da aller Zwerge, der zweite Durin; die machten manche menschenähnlich, wie Durin es hieß, die Höhlenzwerge.Altnordischer Grundtext nach G. Jonsson, deutsche Übertragung nach F. Genzmer.

Snorri berichtet hingegen, dass die Zwerge Maden im Fleisch des Urriesen Ymir waren, die dann von den Göttern mit Verstand ausgestattet wurden. Er setzt sie mit einer Untergruppe der Alben, nämlich den Schwarzalben (svartálfar), gleich, also den Elfen zugehörig.

Zwerge und Götter Schon in der Edda und der Völsunga saga findet sich das Motiv der Zwerge als Schatzhüter. Hier besitzt Andvari, ein Zwerg in der Gestalt eines Hechts, einen Hort unklarer Herkunft und den Ring Andvaranaut. Nachdem Andvari von Loki gefangen wurde, musste der Zwerg den Schatz zusammen mit dem Ring an die Asen ausliefern, um sich freizukaufen. Aus Rache belegte er den Schatz mit einem Fluch (siehe: Nibelungenhort).

Da Zwerge auch Züge von Totendämonen aufweisen (sie tragen Namen wie Nár „Leiche“, Náinn „der Tote“, Bláinn („blau“ symbolisiert die Farbe des Todes), Dáinn „Tod“), besteht hier vielleicht ein Zusammenhang zu Sagas über Abenteurer, die in einen Grabhügel hinabsteigen, um die Grabbeigaben zu rauben. Dort müssen sie sehr handfest mit dem Besitzer der Schätze, einem „lebenden Toten“ (Draugr), kämpfen.

Charakteristisch ist die Weisheit der Zwerge, die sich ebenfalls in den Namen belegen lässt: Regin („Rathalter“), Wit („der Kluge“), Alvís („der Allwissende“), Fjölsviðr, Rásviðr usw. Im Alvíssmál bringt Thor den Zwerg Alvís dazu, sein großes kosmologisches Wissen preiszugeben; als die Sonne aufgeht, erstarrt dieser zu Stein. Anderen Erzählungen nach scheinen die Zwerge allerdings unempfindlich gegen Sonnenstrahlen zu sein, und diese Eigenschaft wird sonst eher den riesenhaften Trollen zugeschrieben.

Manche Zwerge haben sogar kosmologische Bedeutung wie Nyi und Nidi, die die Mondphasen steuern, oder Norðri, Suðri, Austri und Vestri, die den aus Ymirs Schädel gebildeten Himmel tragen.

Die Kunstfertigkeit der Zwerge übersteigt die der Menschen, denn sie verfügen auch über Zauberkräfte. So fertigten sie für Odin den Speer Gungnir und den Goldring Draupnir. Thor erhielt den Hammer Mjölnir. Für Freyr bauten sie das Schiff Skidbladnir und den (automatischen?) Eber Gullinborsti. Für Freya schufen sie das Halsband Brisingamen und ihr Reittier, den Eber Hildisvini. Weiterhin flochten sie die Fessel Gleipnir für den Fenriswolf und Sifs goldenes Haar. Regin schmiedet mit Sigurd das Schwert Gram. Im Hervörlied (Hervararkvida) schmieden die Zwerge Durin und Dvalin das Schwert Tyrfing. Auch wenn ihre Schätze und Kleinodien manchmal für Zwist und Neid unter den Göttern sorgen, zeigen sich die Zwerge hiermit als grundsätzlich hilfreich, denn niemals fertigen sie Waffen oder Wunderdinge für die Riesen, die gemeinsamen Feinde der Menschen, Asen und Alben.

Liste von Zwergen in der nordischen Völuspá Die Strophen 10 bis 16 der Völuspá enthalten eine Liste mit Zwergennamen (siehe ausführlich: Dvergatal).

Aus Brimirs Blut und den Beinen Blainns entstanden:

Modsognir, der mächtigste aller Zwerge und Durin, der zweitmächtigste. Durins Horde: Nyi und Niði, Norðri und Suðri, Austri und Vestri, Althjof, Dvalin, Nar und Nain, Niping, Dain, Bifur, Bofur, Bombur, Nori, An und Onar, Ai, Mjoðvitnir, Vigg und Gandalf, Vindalf, Þrain, Þekk und Þorin, Þror, Vit und Lit, Nyr und Nyrað, Regin und Raðvið, Fili, Kili, Fundin, Nali, Heptifili, Hannar, Sviur, Frar, Hornbori, Fræg und Loni, Billing, Bild, Bruni, Buri, Aurvang, Jari, Eikinskjaldi. Dvalins Horde: Draupnir und Dolgþrasir, Hor, Haugspori, Hlevang, Gloin, Dori, Ori, Duf, Andvari, Skirfir, Virfir, Skafið, Ai, Alf und Yngvi, Eikinskjaldi, Fjalar und Frosti, Fið und Ginnar. Andere Zwerge: Brokkr, Eitri, Fafnir, Galar, Hreidmar, Ótr, Sindri, Hadhod, Pandar.

Mittelhochdeutsche Heldenepik und höfische Dichtung Bereits in althochdeutschen Glossen des 9. Jahrhunderts erscheint getwerg als Übersetzung des griechischen pygmaei.

In dem bruchstückhaft überlieferten lateinischen Versepos Ruodlieb (wahrscheinlich vor 1050) wird ein vom Titelhelden gefangener Zwerg (nanus) erwähnt. Dieser verspricht dem Ritter Hilfe bei der Erringung von Thron und Königstochter, als Gegenleistung für seine Freilassung. Der Zwerg hat auch eine Frau, mit deren inständiger Bitte um Freilassung ihres Mannes das Fragment endet.

Die erste Erwähnung von Zwergen in mittelhochdeutscher Sprache findet sich im Herzog Ernst, um 1180, wo sie mit den Pygmäen der antiken Tradition verglichen, aber nicht gleichgesetzt werden (sitzend in den pergen, geleich den twergen, zwair daum prait, ellen langk). Danach sind sie in der mittelhochdeutschen Literatur fest etabliert.

Die unterirdischen Wohnungen der Zwerge und der goldene Saal auf den „dunklen Feldern“ der nordischen Mythologie verbinden sich in der höfischen Dichtung zu unterirdischen Palästen voller Schätze und Wunderdinge, die z. B. allein durch den Glanz der Edelsteine beleuchtet werden.

Während die Zwerge zuvor praktisch nie selbst zur Waffe gegriffen hatten (sondern diese nur für die Götter und Helden herstellten), erscheinen die Zwerge in der höfischen Dichtung oft in Gestalt verkleinerter Ritter in wunderbaren, äußerst prächtigen Rüstungen. So besitzt der Zwergenkönig Laurin ein Schwert, für das man ein ganzes Land kaufen könnte, einen Helm, auf dem automatische singende Vögel angebracht sind, einen Schild, den keine Lanze durchdringen kann usw.