mini|Zahnärztlich-forensische Untersuchung zur Identifizierung von US-Soldaten im JPAC

Forensische Zahnmedizin (Synonyma: Forensische Odontologie, Forensische Stomatologie, auch Forensische Odontostomatologie von lat.: forum Marktplatz (früher: Gerichtsplatz)) ist eine der drei gerichtlichen Wissenschaften vom Menschen, neben der Rechtsmedizin und der forensischen Anthropologie. Sie dient insbesondere der individuellen Identifizierung von Leichen anhand des Vergleichs ihrer Gebisse (Zähne/Kiefer) ante und post mortem (vor und nach dem Tod). Angewendet wird sie bei Opfern von Natur-, Brand-, Flugzeug-, Schiffs-, Zug- und Verkehrskatastrophen sowie bei Verbrechen. Daneben beschäftigt sie sich mit der Zuordnung von Bissspuren, der Altersdiagnostik, der Geschlechtsbestimmung, mit Missbrauchsopfern und im weitesten Sinne mit Behandlungsfehlern.

Identifikationsverfahren mini|hochkant|Jadeverzierte Zähne

Innerhalb der Identifikationsverfahren ist der Anteil der forensischen Odontologie sehr hoch. Bei der Tsunami-Katastrophe 2004 in Südostasien wurden 1.474 Verstorbene identifiziert. Der zahnärztliche Vergleich war in 79 % der Fälle der primäre Identifikator durch einen odontologischen Vergleich ihres Zahnstatus.H. James: Thai tsunami victim identification overview to date. In: The Journal of forensic odonto-stomatology. Band 23, Nummer 1, Juni 2005, S. 1–18, PMID 16224829. In den meisten Ländern gilt die Regel, dass mindestens 12 ähnliche charakteristische Elemente von zwei zu vergleichenden Fingerabdruckproben eine positive Identifizierung bedeuten. Auf die forensische Zahnheilkunde übertragen bedeutet dies, dass ebenfalls mindestens 12 ähnliche charakteristische Elemente von zwei zu vergleichenden Gebissbefunden zu einer Identifizierung führen. Mathematisch übersteigt bei beiden Verfahren die Zahl der Möglichkeiten diejenige der Erdbevölkerung.S. Keiser-Nielsen: Person Identification by Means of the Teeth: A Practical Guide. Hrsg. John Wright. Bristol 1980, ISBN 0-7236-0557-2, S. 67–70. Insgesamt gibt es mehr als zwei Billionen Kombinationsmöglichkeiten. Die individuellen Charakteristika der Zähne und zahnärztlicher Therapiemaßnahmen erlauben damit eine sehr enge Eingrenzung der Person, die in der Identifizierungssicherheit mit dem Fingerabdruck oder sogar dem genetischen Fingerabdruck vergleichbar ist. Die Methode wird deshalb auch als dental fingerprinting (engl.: „dentaler Fingerabdruck“) bezeichnet.K. W. Alt: ‚Dental Fingerprinting‘ – Identifikation durch die Forensische Odontologie. Vortragsabstract zum 2. Kongress der Gesellschaft für Anthropologie in Berlin, 3.–6. Oktober 1996. Dabei werden die noch erhaltenen Zähne der Opfer mit dem Zahnstatus und Röntgenbildern von vermissten Personen verglichen.

Bestimmte Berufe (Glasbläser, Zuckerbäcker) oder Gewohnheiten (Pfeifenraucher) lassen sich aus Veränderungen an den Zähnen, durchgemachte Krankheiten (Rachitis, Syphilis) aus der Form der Zähne erkennen. Pflege des Gebisses und Art der Behandlung geben Hinweise auf Stand und soziale Stellung des Unbekannten.Franz Josef Holzer: Bedeutung und Mitarbeit des Zahnarztes bei der Feststellung der Identität von Personen. In: Berichte des naturwissenschaftlichen-medizinischen Verein Innsbruck. Band 57, 1969, S. 271–279 ().

Die Erfolge der Prophylaxe haben zu einem Rückgang der Karies bei jungen und der parodontalen Schäden bei erwachsenen Menschen geführt und damit die Zahl zahnärztlicher Behandlungen und der erstellten Röntgenbilder reduziert. Dies erschwert den Vergleich von Informationen ante und post mortem. Bei der Feststellung der Identität wird der Schwerpunkt verstärkt auf die Untersuchung anatomischer und morphologischer Strukturen gelegt.D. J. Sweet, S. Kashani, D. Leavitt, T. Manji, V. Miao-Wan, N. Peeters: Forensic Dentistry: A Review of its Scope and Application. In: Canadian Society of Forensic Science Journal. 29, 1996, S. 143–153, doi:10.1080/00085030.1996.10757058.

Zahnärztliche Mithilfe bei der Identifizierung Regelmäßig veröffentlicht die Kriminalpolizei den Zahnstatus unbekannter Opfer in zahnärztlichen Fachzeitschriften, wie den Zahnärztlichen Mitteilungen, einer Fachzeitschrift, die vierzehntäglich an alle Zahnärzte in Deutschland verschickt wird, wodurch Zahnärzte den Zahnstatus mit ihren Unterlagen vergleichen und zur Identifizierung beitragen können., Zahnärztliche Mitteilungen 100, Nr. 9 A, 1. Mai 2010, (1118), S. 118. Abgerufen am 16. Dezember 2014. In: Zahnärztliche Mitteilungen. 1. März 2017. Abgerufen am 12. März 2017. Ebenso sei das Joint POW/MIA Accounting Command (JPAC) erwähnt, deren Aufgabe es ist, nach Kriegsgefangenen (englisch Prisoner of War, POW) und vermissten Soldaten (englisch Missing in action, MIA) von Angehörigen der Streitkräfte der Vereinigten Staaten zu suchen sowie deren Identitätsfeststellung. Dies ist auch bei Opfern möglich, die bis zur Unkenntlichkeit verbrannt sind: Zähne, einschließlich der Zahnfüllungen und Implantate können Temperaturen bis 1200 °Celsius widerstehen.Claus Grundmann, Klaus Rötzscher: The effects of high temperatures on human teeth and dentures. In: Int Poster J Dent Oral Med. Vol 6, No 01, 2004, Poster 213. Abgerufen am 16. Dezember 2014.Claus Grundmann, Klaus Rötzscher: The Odontological Identification of the Unknown Bodies. In: Int Poster J Dent Oral Med. Vol 7, No 03, 2005, Poster 280. Abgerufen am 16. Dezember 2014. Zahnärzte haben teilweise eine Art fotografisches Gedächtnis, wodurch ein Gebiss oder eine (umfangreichere) Behandlung (wieder)erkannt werden kann. Ansonsten kann der Befund mit den Aufzeichnungen der Patienten eines Zahnarztes verglichen werden. Wünschenswert wäre, wenn die Praxisverwaltungssoftware ein Abgleichprogramm bereitstellen würde, mit dem eingegebene Befunde mit den Befunden aller Patienten eines Zahnarztes automatisiert abgeglichen werden könnten, so wie heutzutage Fingerabdrücke mit einer Datenbank durch ein Automatisiertes Fingerabdruckidentifizierungssystem (AFIS) abgeglichen werden können.

In einer deutschlandweiten Studie aus 2023 wurden in 72,6 % der Fälle bei der Identifizierung verschiedene Merkmale kombiniert, am häufigsten DNA mit Zahnstatus (37,1 %). Die DNA-Analyse wird am häufigsten verwendet. 62,9 % der Befragten stimmten zu, dass die zahnärztliche Identifizierung „oft“ angewendet wird. Der Anteil der Identifizierungen mittels Zahnstatus wird auf 1,6 – 8,1 % geschätzt. Für die forensische Zahnmedizin haben 19,4 % eine feste Ansprechperson. Eine digitale Plattform, um Zahnmediziner zu kontaktieren, schätzten 56,5 % als hilfreich ein.Bjelopavlovic, M., Badt, F., Lehmann, KM et al.: Verwendung von forensischer Zahnmedizin zur Identitätsfeststellung. Eine Befragung auf Ebene der Länderpolizei. Bundesgesundheitsbl 66, 1268–1276 (2023).

Zahnmedizinische Untersuchung post mortem mini|Zahlreiche Merkmale in einem Gebiss

Die zahnmedizinische Untersuchung post mortem umfasst nach WrightF. D. Wright: Postmortem considerations. In: M. Bowers, G. L. Bell (Hrsg.): Manual of forensic odontology. American Society of Forensic Odontology. Colorado Springs 1995, S. 9–14. die Bestimmung folgender Charakteristika, die in einem Zahnschema erfasst werden. Daneben gibt es spezielle Befundbögen der forensischen Zahnmedizin. AKFOS. Abgerufen am 30. Dezember 2014. Zur Dokumentation können zusätzlich Foto- und Videoaufnahmen, Abformungen (Silikone, Polyäther) und Gipsmodelle, einschl. Datierung und Beschriftung der Modelle angefertigt werden. Die Untersuchung kann durch zahlreiche Faktoren erschwert sein, beispielsweise durch den Rigor mortis (lat.: Totenstarre), der den Zugang erst nach einer Obduktion ermöglicht.

Untersuchungsraster Vorhandene, fehlende und retinierte Zähne sowie Restaurationen Art der Restaurationen und behandelte Zahnflächen parodontaler Zustand, Zahnstein und Verfärbungen Fehlstellungen, Rotationen, Impaktierungen, unvollständig durchgebrochene Zähne Bestimmung der nach dem Eintreten des Todes verlorenen Zähne; Festsitzender Zahnersatz, Teilprothesen, Implantate; Spuren von abnehmbaren Prothesen (Druckstellen); Okklusale und intermaxilläre Beziehungen; Eigenschaften der Zahnbögen, eventuelle Tori; Eigenschaften der einzelnen Zähne (Winkelmerkmal, Krümmungsmerkmal, Wurzelmerkmal, Kronenflucht, Zahnachse); Zahnanomalien Eigenschaften des Parodonts; Pathologische Prozesse an Zähnen, am Parodontium, an Schleimhäuten oder Knochen; Analyse von post mortem angefertigten Röntgenbildern: existierende endodontischer Behandlungen und spezielle Bestimmung folgender Strukturen: Zahnanatomie Verkalkungen der Pulpa, Pulpaanatomie Trabekulation und andere Eigenschaften des Knochens Anatomie der Kieferhöhlen;

Untersuchung der Kiefer Man unterscheidet verschiedene Kieferformen auf der Grundlage der biogenetischen Einteilung nach Alfred Kantorowicz und Gustav Korkhaus (modifiziert nach Reichenbach und Brückl).Frank Nötzel, Christian Schultz: Leitfaden der kieferorthopädischen Diagnostik: Analysen und Tabellen für die Praxis. Deutscher Ärzteverlag, 2009, ISBN 978-3-7691-3369-1, S. 11–13. (Eingeschränkte Vorschau in Google Books)

Schmalkiefer mit engstehender Protrusion mit lückiger Protrusion Missverhältnis zwischen Zahn- und Kiefergröße frontaler Engstand primärer Engstand Kreuzbiss Progener Formenkreis progene Verzahnung – Anomalie der Zahnstellung frontaler Kreuzbiss – Anomalie der Kieferform progener Zwangsbiss – Anomalie der Kieferlage echte Progenie unechte Progenie – Anomalie der Kiefergröße maskierte echte Progenie Deckbiss Offener Biss lutschoffener Biss echter offener Biss (gnathisch) zungenoffener Biss (Makroglossie) Folgen vorzeitigen Zahnverlustes Kieferwachstumshemmung (unechte Progenie bzw. Prognathie) Zahnwanderung (Eckzahnhochstand) Sonstige einfach bedingte Anomalien Hyperdontie Hypodontie Zahnretention Diastema (jede Lückenbildung im Gebiss) Trema (Lücke zwischen den mittleren Schneidezähnen) echtes Trema unechtes Trema Zahnüberzahl (Hyperdontie) eutypische Form dystypische Form Strukturanomalien der Zähne Amelogenesis imperfecta (Schmelzhypoplasien) Dentinhypoplasien Einteilung der Dysgnathien Angle-Klasse I – Neutralokklusion Angle-Klasse II – Distalokklusion, Gruppe 1 und 2 Angle-Klasse III – Mesialokklusion Erbliche Merkmale Missverhältnis zwischen Zahn- und Kiefergröße frontaler Engstand primärer Engstand progener Formenkreis (echte Progenie) Deckbiss offener Biss (abnormer Schädelaufbau) zungenoffener Biss (Makroglossie) Hyperdontie Hypodontie Lippen-Kiefer-Gaumenspalten

Bisswunden mini|Drei Tage alte Bisswunde, durch einen Hund verursacht

Bissspuren und Bisswunden können zur Identifikation eines Täters beitragen. Die Spuren können sowohl bei den Opfern als auch bei den beteiligten Aggressoren einer kriminellen Tat auftreten., Medienmitteilung Forensik, SSO. Abgerufen am 16. Dezember 2014. In manchen Fällen hinterlässt das Gebiss einen Abdruck, eine Art Negativ, im menschlichen Gewebe, aus dem Rückschlüsse auf die Zahnstellung, Zahnform und zahlreiche andere Merkmale gezogen werden können.R. D. Rawson, S. Brooks: Classification of human breast morphology important to bite mark investigation. In: The American journal of forensic medicine and pathology. Band 5, Nummer 1, März 1984, S. 19–24. PMID 6711514. Bisswunden, die von Erwachsenen zugefügt wurden, treten unter anderem als Folge von sexuellem Missbrauch auf. Ein Eckzahn-Abstand von mehr als 3 cm lässt dabei meist auf ein bleibendes Gebiss schließen. Bisswunden von Tieren müssen ausgeschlossen werden. Die Einzigartigkeit des menschlichen Gebissabdrucks ist gemäß einem Review vom November 2014 in Bezug auf die Bissspurenanalyse bisher unbewiesen.Ademir Franco, Guy Willems u. a.: The uniqueness of the human dentition as forensic evidence: a systematic review on the technological methodology. In: International Journal of Legal Medicine. 15. November 2014, doi:10.1007/s00414-014-1109-7.