mini|Große Moschee in Banda Aceh, vor 2011 mini|Dominante Religion in Indonesien nach Kecamatan (2022) Der Islam ist in Indonesien die Religion der Mehrheit der Bevölkerung des Landes. 88 % der Indonesier sind Muslime. Mit über 191 Millionen Muslimen ist Indonesien der Staat mit der größten muslimischen Bevölkerung weltweit.
Gegenwärtige Situation Binnendifferenzierung des Islams in Indonesien mini| Die Muslime Indonesiens gehören mehrheitlich der sunnitischen Richtung an und folgen der schafiitischen Rechtsschule. Daneben gibt es etwa 100.000 SchiitenVgl. Zulkifli: The Struggle of the Shi‘is in Indonesia. ANU Press, Canberra, 2013. Digitalisat und eine Minderheit von Angehörigen der Ahmadiyya. Seit 2008 ist der Ahmadiyya-Bewegung allerdings die öffentliche Religionsausübung untersagt. Seither kam es durch einen militanten muslimisch-orthodoxen Mob zu mehreren Übergriffen auf einzelne ihrer Mitglieder.Indonesia pressured over Ahmadiyah Muslim sect killings. BBC; 8. Februar 2011 Religionsminister Suryadharma Ali forderte im September 2010 das Verbot der Ahmadiyya.
Die Auslegung des Islam unterscheidet sich stark nach Region und ethnischer Zugehörigkeit seiner Anhänger. Als orthodoxe Muslime sind vor allem die Maduresen, Minangkabau, Achinesen und die Makassaren bekannt, während die Javaner und Osing traditionell eine gemäßigte Form des Islam praktizieren. Auf Lombok existiert bei den Wetu Telu eine islamisch-animistische Mischreligion. Auf Java ist die Verehrung der Wali Songo, der neun Heiligen, die zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert den Islam auf der Insel verbreitet haben, sehr wichtig. Ihre Gräber stellen bedeutende Wallfahrtsstätten dar.Wali Songo: the nine Walis. Sejarah Indonesia Auch bei den Einwohnern Sumatras und Kalimantans haben sich traditionelle Glaubensvorstellungen und vorislamische Traditionen bis heute erhalten.
Traditionell spielen in Indonesien die Sufi-Orden eine wichtige Rolle. Einer der wichtigsten Orden ist der Kombinationsorden der Tariqa Qadiriyya wa Naqshbandiyya (TQN), der im 19. Jahrhundert von Ahmad Chatīb Sambas (gest. 1875) gegründet wurde und heute in Indonesien mehrere hunderttausend Anhänger hat, wovon die meisten den städtischen Eliten angehören.Vgl. van Bruinessen: Shaykh ʿAbd al Qâdir al-Jîlânî. 2000, S. 361, 386. Die TQN stellt eine Kombination aus Qādirīya und Naqschbandīya dar und ist ein spezifisch indonesischer Orden. Die Qādirīya in ihrer einfachen Form ist bereits seit dem 17. Jahrhundert auf dem Gebiet Indonesiens präsent. Der indonesische Zweig der Qādirīya führt seine Silsila über einen gewissen Muhammad al-Hattāk auf ʿAbd al-ʿAzīz, den Sohn von ʿAbd al-Qādir al-Dschīlānī, zurück.Vgl. van Bruinessen: Shaykh ʿAbd al Qâdir al-Jîlânî. 2000, S. 377.
mini|Muslimische Mädchen an der Istiqlal-Moschee in Jakarta, vor 2007 Die beiden größten muslimischen Organisationen Indonesiens sind die traditionalistische Nahdatul Ulama (NU) und die modernistische Muhammadiyah. Dogmatisch sind sie beide an der Aschʿarīya ausgerichtet. Die Nadhlatul Ulama ist mit über 30 Millionen Mitgliedern die größte muslimische Organisation der Welt. Eine Organisation mit militanter Ausrichtung ist die Front Pembela Islam (FPI; „Front der Islam-Verteidiger“) von Muhammad Rizieq Syihab. Sie kämpft für die Einführung der Scharia in Indonesien und geht mit Gewalt gegen Muslime vor, die die religiösen Vorschriften des Islams übertreten, wobei sie sich auf das koranische Prinzip des Gebietens des Rechten und Verbietens des Verwerflichen beruft. In der Dogmatik und Normenlehre ist sie aber ähnlich ausgerichtet wie die NU.
In vielen Provinzen Indonesiens hat sich darüber hinaus in den letzten Jahren der wahhabitische bzw. salafistische Islam verbreitet. Eine Organisation mit explizit dschihadistischer Orientierung ist der Majelis Mujahidin Indonesia (MMI; „Indonesische Dschihad-Kämpfer-Rat“) von Abu Bakar Bashir.
Einer der prominentesten Islam-Prediger im gegenwärtigen Indonesien ist Abdullah Gymnastiar. Eine islamische Vereinigung mit liberaler Ausrichtung ist das „Liberale Islam-Netzwerk“ (Jaringan Islam Liberal). In ihm sind heute etwa tausend indonesische Intellektuelle und Aktivisten zusammengeschlossen.
Der Islam im staatlichen System Im Gegensatz zu vielen anderen mehrheitlich muslimischen Staaten ist der Islam in Indonesien nicht de jure Staatsreligion. Grundlegend ist theoretisch vielmehr die 1945 vom damaligen Präsidenten Sukarno formulierte Staatsideologie Pancasila, die auf einen Ausgleich und Toleranz zwischen den verschiedenen Völkern und Religionen Indonesiens abzielt und sechs Religionen bzw. Konfessionen offiziell anerkennt (neben dem Islam die christlichen Konfessionen Protestantismus und Katholizismus, den Hinduismus, den Buddhismus und den Konfuzianismus).
In 16 Provinzen bildet die Scharia die Grundlage der Rechtsprechung. Vor allem aus Aceh wird in diesem Zusammenhang immer wieder von Bestrafungsaktionen wie öffentlichem Auspeitschen oder Stockhieben für Spieler oder für sich öffentlich küssende Paare berichtet. In der indonesischen Stadt Tangerang bei Jakarta wurde das Küssen in der Öffentlichkeit verboten, wenn es länger als fünf Minuten dauert. Zusätzlich wurde Frauen polizeilich verboten, nach 19 Uhr alleine spazieren zu gehen. Immerhin erklärte ein dafür zuständiger Polizeibeamter, dass man bei einer Nichteinhaltung des Gesetzes nicht gleich mit einer Verhaftung zu rechnen brauche. In Jakarta verschwanden Anfang 2006 Getränke mit einem Alkoholgehalt von über 5 % aus den Supermarktregalen. Die wichtigste islamische Partei Indonesiens ist die Partai Keadilan Sejahtera (PKS). Sie orientiert sich ideologisch an der ägyptischen Muslimbruderschaft.
Islamische Schulen und Hochschulen Von großer Bedeutung für die religiöse Sozialisierung der muslimischen Jugend in Indonesien ist das Pesantren-System. Pesantrens sind islamische kostenpflichtige Privat-Schulen, die von einem Kyai, einem religiösen Meister, geleitet werden. Schüler und Absolventen eines Pesantren werden als Santri bezeichnet. Der Staat beteiligt sich an der Finanzierung der Pesantrens.
mini|Das Institut Agama Islam Negeri Antasari in Banjarmasin, eine kleinere IAIN in Süd-Kalimantan Auf weiterführender Ebene besteht in Indonesien ein stark ausgebautes islamisches Hochschulwesen. Dieses gliedert sich in das Staatliche Islamische Hochschulwesen (Perguruan Tinggi Agama Islam Negeri; PTAIN) und das Private Islamische Hochschulwesen (Perguruan Tinggi Keagamaan Islam Swasta; PTKIS).
Das PTAIN besteht aus drei verschiedene Einrichtungstypen: Die kleinsten sind die Staatlichen Islam-Hochschulen (Sekolah Tinggi Agama Islam Negeri; STAIN), höhere Bildungseinrichtungen, die nur aus einer oder zwei Fakultäten bestehen. Historisch gesehen, waren viele STAINs ursprünglich Zweigstellen größerer universitärer Institutionen. Mittelgroße Islam-Hochschulen werden als Staatliche Islam-Institute (Institut Agama Islam Negeri; IAIN) bezeichnet und verfügen in der Regel über mindestens vier oder fünf Fakultäten, nämlich: Tarbiyah (Religionspädagogik), Scharia (islamisches Recht), Ushuluddin (Theologie), Da'wah (Einladung, Werbung) und Adab (gutes Benehmen). Die größten Hochschulen sind die Staatlichen Islamischen Universitäten (Universitas Islam Negeri; UIN), die auch über nichtreligiöse Fakultäten und Studienprogramme verfügen. Wie die STAIN- und IAIN-Hochschulen sind die UIN-Hochschulen strukturell dem Ministerium für Religion unterstellt, unterstehen allerdings hinsichtlich Regulierung und Aufsicht der Autorität des Ministeriums für Forschung und Hochschulbildung, da dieses für Fakultäten und Studiengänge zuständig ist.
In ganz Indonesien gab es 2021 18 STAINs, 26 IAINs und 11 UINs.Ali Nurdin: “Modernization of Islamic Higher Education in Indonesia at A Glance: Barriers and Opportunities” in International Journal of Multicultural and Multireligious Understanding (IJMMU) Bd. 8, Nr. 3 (März 2021) 288–296. Hier S. 291f.
Eine der wichtigsten UINs ist die Syarif Hidayatullah State Islamic University Jakarta.
Das PTKIS besteht ebenfalls aus drei Arten von Einrichtungen: kleine private islamische Hochschulen (Sekolah Tinggi Agama Islam Swasta; STAIS), mittelgroße private Islam-Institute (Institut Agama Islam; IAI) und Islam-Fakultäten (Fakultas Agama Islam; FAI), die Teil einer dem Ministerium für Forschung und Hochschulbildung unterstehenden öffentlichen Universität sind. 2021 gab es 496 STAISs, 36 IAIs und 96 FAIs. Eine der bekanntesten privaten islamischen Universitäten in Indonesien ist die 1945 gegründete Universitas Islam Indonesia in Yogyakarta.
Islamische Feste mini|Mandi Safar im Dorf Air Hitam Laut: Männer bringen mit Koranversen beschriebene Mangoblätter zum Strand. Die drei wichtigsten islamischen Feste sind wie in anderen islamischen Ländern auch das Opferfest (Iduladha) vom 10. bis 12. Dhū l-Hiddscha, das Fest des Fastenbrechens (Idulfitri oder Lebaran) im Anschluss an den Ramadan in den ersten Tagen des Monats Schauwāl und der Prophetengeburtstag (Maulid Nabi Muhammad) am 12. Rabīʿ al-awwal. In der Stadt Yogyakarta auf Java geht dem Prophetengeburtstag eine ganze Festwoche mit Umzügen, Musikdarbietungen und Vorträgen von Prophetengeschichten voraus. Während dieser Zeit findet auf dem nördlichen Vorplatz des Kraton ein Jahrmarkt statt, der Sekaten genannt wird.Norbert Hofmann: Der islamische Festkalender in Java und Sumatra unter besonderer Berücksichtigung des Fastenmonats und Fastenbruchfests in Jakarta und Medan. Bad Honnef: Bock + Herchen 1978. S. 72f.
Ein Festbrauch, der ausschließlich in der Provinz Jambi und auf den Riau-Inseln verbreitet ist, ist die Badezeremonie Mandi Safar („Safar-Bad“) am vorletzten Mittwoch des zweiten islamischen Monats Safar. Bei dieser Zeremonie streuen die Menschen mit Koranversen beschriebene Mangoblätter ins Wasser und nehmen anschließend ein Bad darin. Ähnliche Zeremonien werden in verschiedenen Gegenden Javas am letzten Safar-Mittwoch unter dem Namen Rebo Wekasan abgehalten.
Geschichte Islamisierung Sumatra Einer 674 datierten chinesischen Quelle zufolge soll es in Südsumatra (Srivijaya, heute Palembang) eine Siedlung arabischer Händler gegeben haben. Vermutlich gelangten Ende des 9. Jahrhunderts aus China vertriebene muslimische Händler arabischer und persischer Herkunft über die Malaiische Halbinsel bis nach Sumatra. Ab Anfang des 12. Jahrhunderts kamen mit den Händlern aus Arabien auch Islamgelehrte, die ihre arabische Kultur – einschließlich der in der religiösen Musik gespielten Laute Gambus – mitbrachten und eine intensive Islamisierung Nordsumatras im 13. Jahrhundert betrieben.S. M. N. Al-Attas: Indonesia. IV. History: (a) Islamic period. In: Encyclopaedia of Islam. New Edition. Band 3, 1971, S. 1218 Ein Grabstein aus Lamreh in Aceh aus dem Jahr 1211 ist der früheste Beleg für einen Herrscher auf dem Gebiet des heutigen Indonesiens, der den Islam annahm. Die Herrscher von Samudera Pasai, einem weiteren Hafen in Aceh, gingen in den 1290er Jahren zum Islam über.Vgl. Sebastian Prange: Like Banners on the Sea. Muslim Trade Networks and Islamization in Malabar and Maritime Southeast Asia. In: R. Michael Feener, Terenjit Sevea (Hrsg.): Islamic Connections. Muslim Societies in South and Southeast Asia. Singapore 2009. S. 25–47. Im Laufe des 16. Jahrhunderts entwickelte sich das in der gleichen Region gegründete Sultanat von Aceh zur wichtigsten muslimischen Handelsmacht im Malaiischen Archipel sowie auch zu einem bedeutenden Zentrum islamischer Gelehrsamkeit. Von hier aus verbreitete sich der Islam auch bei der Bevölkerung im Inland der Insel. Bei der Verbreitung des Islams in Sumatra spielten die Institution des Surau sowie der Schattārīya-Orden eine sehr wichtige Rolle. Die Schattārīya geht auf den aus Gujarat stammenden Scheich Sibghatullāh (gestorben 1606) zurück, der den Orden Ende des 16. Jahrhunderts in Indien gründete und dann durch Mission im Hedschas internationalisierte.
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