mini|Paul Schulz – um 1920 Paul Schulz (* 5. Februar 1898 in Stettin; † 31. August 1963 in Laichingen) war ein deutscher Offizier, Politiker (NSDAP) und SA-Führer.Alexander Dimitrios [d. i. Schulz’ Sohn]: Weimar und der Kampf gegen „rechts“. Eine politische Biographie, 4 Bde., Ulm 2009. ISBN 978-3-9803191-0-2, S. 841. (Rezension: Michael Salewski: Freispruch. FAZ, 29. Oktober 2010.) Schulz wurde vor allem bekannt als Führer der „Schwarzen Reichswehr“ in den 1920er Jahren. Ihm wurde die Organisation von Mordanschlägen gegen missliebige Mitglieder der Schwarzen Reichswehr und gegen demokratische Politiker der Weimarer Republik zur Last gelegt. Er profilierte sich in der NSDAP als Reorganisator der nationalsozialistischen Sturmabteilung (SA) nach dem „Stennes-Putsch“ (1930). Schulz überlebte einen Mordanschlag der SS während des „Röhm-Putsches“ von 1934 und lebte danach bis zum Kriegsende im Ausland.
Leben Frühe Jahre und Schwarze Reichswehr (1898–1930) Schulz trat nach der Volksschule 1912 in die Unteroffiziersschule Potsdam ein. Mehrfach im Ersten Weltkrieg verwundet, wurde er im Frühjahr 1918 durch eine Sonderentscheidung des Kaisers wegen Tapferkeit und besonderer Leistung zum Offizier befördert. Nach Kriegsende war Schulz Mitglied des Freikorps 1. Garde-Reserve-Division unter Rüdiger von der Goltz. An den Kämpfen im Baltikum beteiligte er sich in einem Bataillon unter Bruno Ernst Buchrucker im Freikorps von Siegfried Graf zu Eulenburg-Wicken. Anschließend wurde Schulz als Adjutant Buchruckers in die Reichswehr übernommen und zum Oberleutnant befördert. Wegen der Unterstützung des Kapp-Putsches im März 1920 wurden Schulz und Buchrucker aus der Armee entlassen.Sauer, Reichswehr, S. 48. Siehe auch: Emil Julius Gumbel: Verschwörer. Beiträge zur Geschichte und Soziologie der deutschen nationalistischen Geheimbünde seit 1918. Malik-Verlag, Wien, 1924, S. 34, 41. (Reprint im Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 1979, ISBN 3-88423-003-4)
Schulz und Buchrucker wurden per Privatvertrag vom Reichswehrministerium wieder eingestellt; Schulz hatte dabei den Auftrag, in Küstrin ein Arbeitskommando aufzustellen.Sauer, Reichswehr; S. 48f. Das Kommando gehörte zur sogenannten Schwarzen Reichswehr, einer republikfeindlichen Geheimorganisation, die heimliche Personalreserven für die Reichswehr bereitstellte und auf den Sturz des Weimarer Staates hinarbeitete. Innerhalb der Schwarzen Reichswehr war Schulz für den organisatorischen und militärischen Aufbau zuständig, er galt als der eigentliche „Macher des ganzen Ladens“, so eine spätere Zeugenaussage.Aussage vom 27. April 1926, zitiert bei Sauer, Reichswehr, S. 48. Er war zeitweilig mit Rosa Klapproth verlobt, der Schwester des Fememörders Erich Klapproth. Ende 1922 wechselte Schulz in das Wehrkreiskommando III in Berlin und stellte dort weitere Arbeitskommandos der Schwarzen Reichswehr auf. Beim Küstriner Putsch am 1. Oktober 1923 wurde Schulz verhaftet, jedoch nicht wie der Initiator des Putsches, Buchrucker, später angeklagt.Sauer, Reichswehr, S. 57, 64.
Innerhalb der Schwarzen Reichswehr leitete Schulz deren „Femeorganisation“ in Preußen, dem größten Teilstaat des Deutschen Reiches, und betraute und organisierte in diesem Rahmen die Ermordung von linken Politikern und anderen angeblichen „Reichsfeinden“. Der „Femerichter“ Schulz galt später in weiten Teilen der deutschen Öffentlichkeit – Sympathisanten und Gegnern gleichermaßen – als der „Feme-Schulz“.
Der Artikel „Das Spitzelsystem der Schwarzen Reichswehr“, der im Sommer 1925 in der Zeitschrift Die Weltbühne erschien, beschrieb Schulz’ Rolle in der Organisation wie folgt: „Die Grundlage des Femebetriebs in der Schwarzen Reichswehr war ein Spitzelsystem, einzig in seiner Art. Für die Abteilung zeichnete der Oberleutnant Schulz verantwortlich, obwohl die ‚Criminalabteilung‘ durch den Oberleutnant Stennes […] organisiert worden war.“Die Weltbühne Nr. 21, 1925, S. 565. Autor des anonym erschienenen Artikels war Carl Mertens, der im Berliner Wehrkreiskommando der Adjutant von Schulz gewesen war.Sauer, Reichswehr, S. 83.
Im März 1925 wurde Schulz wegen Anstiftung zu mehreren Morden verhaftet. Das Schwurgericht Berlin III verurteilte ihn am 26. März 1927 wegen „Anstiftung zum gemeinschaftlichen Morde“ an dem Feldwebel Walter Wilms zum Tode. „Nachher zu 7 1/2 Jahe begnadigt und Ende des vorigen Jahres [1929 …] aus der Haft entlassen.“So wird's gemacht. Dokumente des Faschismus. In: Die Linkskurve. 2. Jg. 4, April 1930, S. 6–9. In weiten Teilen der deutschen Rechten galt er fortan als Märtyrer: Ein Reichstagsabgeordneter der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) nannte ihn einen „Kriegshelden am Kreuz“, und der nationalsozialistische Völkische Beobachter forderte „Freiheit für Oberleutnant Schulz“.
Der Lobbyist der Schwerindustrie August Heinrichsbauer sammelte 40.000 Reichsmark für die Freilassung von Schulz und blieb weiterhin im Kontakt mit ihm.Kurt Koszyk: Deutsche Presse 1914–1945. Geschichte der deutsche Presse. Teil III. Berlin 1972, S. 177.
Schulz’ Todesurteil wurde schließlich zu einer Haftstrafe reduziert. Im Frühjahr 1930 kam er gegen Kaution aus der Haft frei und im Oktober 1930 wurde er vollständig begnadigt.
SA-Führer und Reichsinspekteur (1930–1932) Zum 1. Oktober 1930 trat Schulz, der seit 1928 Kontakte zur NSDAP unterhielt, in die Partei ein (Mitgliedsnummer 319.068).Bundesarchiv R 9361-II/909673 Sein Eintritt erfolgte vermutlich auf Vermittlung von Walter Buch, dem Obersten Richter der Partei, der ihn noch aus Kriegszeiten kannte und in dessen unmittelbarer Nähe in Solln bei München er sich niederließ. Aus Schulz’ Ehe mit Erna Belten ging 1930 ein Sohn hervor.
Ende 1930 bzw. Anfang 1931 wurde Schulz zum kommissarischen „SA-Führer Ost“ ernannt und war damit zeitweise der faktisch höchste SA-Führer in Berlin. Als Partner von Joseph Goebbels, dem Gauleiter von Berlin, sollte der „Berliner SA-Chef“ Schulz in den folgenden Wochen die Berliner SA reorganisieren. Dies war nach dem Stennes-Putsch notwendig geworden, bei dem der SA-Stabschef Walther Stennes am 1. April 1931 gegen die NSDAP-Parteileitung um Hitler in München revoltiert hatte, um Hitlers „Legalitätskurs“ durch direkte Konfrontation mit der Staatsgewalt zu ersetzen. Im Zusammenspiel mit Goebbels entmachtete Schulz Stennes und führte die meuternde Berliner SA, die zeitweise der Kontrolle durch die Parteiführung völlig entglitten war und sich verselbständigt hatte, wieder der Kontrolle durch die Parteiführung zu.
Anschließend wurde Schulz dem Reichsorganisationsleiter der NSDAP, Gregor Strasser, zugewiesen, vermutlich aufgrund der engen Beziehung Strassers zu Schulz’ Onkel Ernst Schulz, der ein „väterlicher Freund“ Strassers war, und der Autorität von Schulz unter ehemaligen Freikorpskämpfern und Angehörigen der Schwarzen Reichswehr. Infolgedessen rückte Schulz binnen kurzer Zeit in den engeren Führungskreis der NSDAP auf und war 1931 bis 1933 einer der wichtigsten Einflusspersonen Strassers. 1931 war Schulz neben Ernst Röhm der aussichtsreichste Anwärter auf den Posten des Stabschefs der SA, der nach der Entlassung von Franz Pfeffer von Salomon frei geworden war. Schulz’ „Bewerbung“ scheiterte schließlich, trotz der Unterstützung durch Strasser, da Hitler Röhm den Vorzug gab. Im Zuge einer Pressekampagne gegen Röhm druckte die sozialdemokratische Münchener Post am 24. Juni 1931 unter dem Titel „Das Braune Haus der Homosexuellen. Die homosexuelle Linie von München nach Berlin verlängert. Fememörder Schulz berichtet.“ einen angeblichen internen Bericht von Schulz ab.Burkhard Jellonnek: Homosexuelle unter dem Hakenkreuz. Die Verfolgung von Homosexuellen im Dritten Reich. Ferdinand Schöningh, Paderborn 1990, ISBN 3-506-77482-4, S. 65ff. Nach Einschätzung der Bayerischen Politischen Polizei dürfte der Bericht gefälscht gewesen sein und auf Material der von Otto Strasser gegründeten „Kampfgemeinschaft Revolutionärer Nationalsozialisten“ beruht haben.
1930 bis 1932 traf Schulz sich mehrfach mit dem damaligen von der Zentrums-Partei gestellten Reichskanzler Heinrich Brüning, den er während der Ruhrbesetzung von 1923 kennengelernt hatte und zu dem er seither ein gutes Verhältnis hatte.Memorandum von Schulz, abgedruckt bei Udo Kissenkoetter: Gregor Straßer und die NSDAP. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1978, S. 199–204. Schulz’ heimlicher Ehrgeiz war in diesen Jahren – nach der Zurückweisung seiner Ambitionen auf den Posten des Stabschefs der SA durch Hitler – darauf gerichtet, den Strasser-Flügel der NSDAP als den „vernünftigen“ Flügel der Partei mit dem Zentrum zusammenzubringen und auf diesem Weg den „irrationalen und unkalkulierbaren“ Teil der Partei um Hitler und Röhm ins Abseits zu stellen.Joseph Murdock Dixon: Gregor Strasser and the Organization of the Nazi Party, 1925–1932. 1966, S. 201. Schulz’ Plan eines Kompromisses mit dem Zentrum kam letztlich jedoch nicht mehr zustande.
Bei der Landtagswahl im April 1932 wurde er über den Wahlkreis 11 (Merseburg) als Abgeordneter in den Preußischen Landtag gewählt.Ernst Kienast (Hrsg.): Handbuch für den Preußischen Landtag. Ausgabe für die 4. Wahlperiode. R. v. Decker’s Verlag (G. Schenck), Berlin 1932, S. 486.
Im Sommer 1932 wurde Schulz zum Reichsinspekteur I der NSDAP und damit zum Stellvertreter Strassers ernannt. Seine Zuständigkeit galt dabei vor allem dem Norden Deutschlands, während für den Süden der Reichsinspektor II, Robert Ley, zuständig war. Im Dezember 1932 schied Schulz zusammen mit Gregor Strasser aus der NSDAP aus. Er arbeitete in der Folge für die Allgemeine Baugesellschaft Lenz & Co in Berlin.
Röhm-Putsch und späteres Leben (1934–1964) mini|Briefe von und über Schulz, während er sich nach dem gescheiterten Anschlag auf sein Leben verborgen hielt. 1934 wurde Schulz wahrscheinlich auf Betreiben Görings, der eine der Hauptrollen bei der Mordaktion spielte, auf eine besondere Fahndungsliste, die sogenannte „Reichsliste“ gesetzt. Die Reichsliste diente als „Arbeitsgrundlage“ der SS- und Gestapo-Kommandos, die im Sommer 1934 mit der Ermordung von führenden SA-Männern (sowie einigen weiteren unliebsamen Personen) beauftragt wurden. Schulz wurde am 30. Juni verhaftet und in das Gestapohauptquartier in der Prinz-Albrecht-Straße gebracht. Danach fuhren ihn drei Gestapo-Beamten in Zivil in einem zivilen Auto in einen dunklen Wald außerhalb von Potsdam bei dem Dorf Seddin, befahlen ihm auszusteigen und schossen ihm eine Kugel in den Rücken. Schulz – schwer verletzt – fiel zu Boden und stellte sich tot. Die Beamten wandten sich einige Augenblicke von ihm ab, um eine Plane für den leichteren Abtransport des Körpers zu holen. In diesem Moment sprang Schulz auf und floh in den dunklen Wald. Es gelang ihm zu entkommen. In den kommenden Tagen hielt er sich bei einem Freund, dem ehemaligen Konteradmiral Lübbert, verborgen, von dem er vermutete, dass dessen Adresse nicht auf den Fahndungslisten der Gestapo stand, weil die Adresse nicht in Schulz’ Adressbuch stand. Nach den eigenen späteren Angaben von SchulzOtto Gritscheder: „Der Führer hat Sie zum Tode verurteilt…“ Hitlers „Röhm-Putsch“-Morde vor Gericht. Verlag C.H.Beck, München 1993, ISBN 3-406-37651-7, S. 65f. Gritscheder gibt als Quelle seiner Darstellung an: Paul Schulz: Meine Erschiessung am 30. Juni 1934. Fotomechanisch vervielfältigte Auflage durch Paul Illg, Foto-Offsetdruck Stuttgart 1967. gelang es Lübbert, für 14 Tage einen „persönlichen Schutz“ für Schulz gleichermaßen bei Hitler wie bei Göring zu erreichen. Schulz reiste am 20. Juli 1934 in die Schweiz aus und lebte dort als Geschäftsmann in Zürich und Basel. 1935 verschaffte ihm seine frühere Arbeitgeberin eine Auslandsvertretung mit Sitz in Athen, die ihm häufige Ortswechsel und steten Auslandsaufenthalt ermöglichte. Ende 1940 siedelte Schulz von Athen nach Budapest über.