Als Wahrsagen, Wahrsagung oder Mantik werden zahlreiche Praktiken und Methoden zusammengefasst, die dazu dienen sollen, zukünftige Ereignisse vorherzusagen oder anderweitig verborgenes Wissen zu erlangen, das den gewöhnlichen Sinneswahrnehmungen nicht zugänglich sei.
Frühzeit Wahrsagen ist historisch in allen Gesellschaften und Zeitaltern nachgewiesen, aus denen es Schriftzeugnisse gibt. Nach den ältesten schriftlichen Dokumenten, die man im Nahen Osten fand, kam ihm in jener Zeit eine grundlegende soziale Rolle zu. Im 3. vorchristlichen Jahrtausend wird bereits eine Fülle einschlägiger Praktiken genannt, darunter die Weissagung mit einer Schale Wasser oder Öl, Vorhersagen anhand von Missbildungen (Teratomantie) und die Anwendung der aus der Traumdeutung gewonnenen Erkenntnisse. Die ausgefeilteste Technik war damals die Vorhersage anhand der Betrachtung der Eingeweide speziell dafür geschlachteter Opfertiere (Haruspizium). Die dabei streng befolgten Verfahren waren derart verfeinert, dass daraus auf eine noch sehr viel weiter zurückreichende Vorgeschichte geschlossen werden konnte, und sie erforderten eine sehr präzise morphologische und anatomische Beobachtung.Georges Minois: Histoire de l'Avenir. Paris 1996; deutsch: Geschichte der Zukunft. Düsseldorf/Zürich 1998, S. 26f; siehe auch Georges Contenau: La Divination chez les Assyriens et les Babyloniens. Paris 1940, und W. Farber: Witchcraft, magic, and divination in ancient Mesopotamia. In: Jack M. Sasson (Hrsg.): Civilizations of the Ancient Near East. Band 3, New York 1995, S. 1895–1909.
Von Anfang an wurde nur göttlichen Wesen eine Kenntnis der Zukunft zugeschrieben. Die Götter, so meinte man, sendeten aber Zeichen, deren Deutung es dem Menschen erlaubte, die Zukunft immerhin zu erahnen. Dem lag ein Glaube an die Existenz von Entsprechungen zugrunde: Entsprechungen zwischen dem Makrokosmos und dem Mikrokosmos (Astrologie) und Entsprechungen zwischen der göttlichen und der menschlichen Welt. Die Spezialisten der mantischen Disziplinen machten Aufzeichnungen über beobachtete Zusammenhänge von Ereignissen, werteten diese aus und sammelten so ein immer komplexeres Wissen an. Darin kommt ein deterministisches Weltbild und eine fatalistische Haltung zum Ausdruck. Es konnte jedoch durchaus ein Glaube an die Wirksamkeit von Magie damit verbunden sein; der Zeichendeuter konnte dank seiner Kenntnisse zugleich ein Zauberer sein, zumal die Wahrsagungen zumeist nur Tendenzen angaben.Minois, S. 27–29.
In Palästina war das Wahrsagen im 2. vorchristlichen Jahrtausend sehr verbreitet, wie nach der modernen Exegese zahlreiche Stellen im Alten Testament belegen. Und das gilt für die Hebräer ebenso wie für die anderen dortigen Völker. Erst ab der Wende zum letzten vorchristlichen Jahrtausend versuchten die religiösen Autoren, die Wahrsager auszurotten oder zu vertreiben, was aber trotz erheblicher Anstrengungen nur mäßigen Erfolg hatte.Minois, S. 29f; siehe auch O. Eissfeldt: Wahrsagung im alten Testament. In: F. Wendel: La divination en Mésopotamie ancienne et dans les régions voisines. XIVe Rencontre assyriologique internationale. Strasbourg 1965, S. 141–146, und Jean Michel de Tarragon: Witchcraft, magic, and divination in Canaan and Ancient Israel. In: Jack M. Sasson (Hrsg.): Civilizations of the Ancient Near East. Band 3, New York 1995, S. 2071–2081.
Von großer Bedeutung war das Wahrsagen auch bei den Germanen und bei den Kelten, die ebenfalls vielfältige Verfahren anwendeten, darunter die Weissagung aus Tierstimmen oder aus dem Flug der Vögel. Bei den Kelten hatten die Spezialisten des Wahrsagens, die Druiden, erheblichen Einfluss auf die Politik, in die sie sich mitunter sogar aktiv einmischten.Minois, S. 58–61. Die Alektryomantie anhand des Verhaltens eines Hahnes war in Afrika aber auch in Griechenland verbreitet.
Bei den meisten archaischen Völkern findet sich außerdem eine „Proto-Astrologie“, die im Unterschied zur eigentlichen Astrologie kaum mathematische Kenntnisse erfordert. Gut bekannt ist ihre Ausprägung im alten Babylonien gut tausend Jahre vor Beginn unserer Zeitrechnung. Hier wurde das Himmelsgewölbe in konkreter Entsprechung zur irdischen Welt gedacht. Einzelne Sternbilder wurden bestimmten Städten zugeordnet, die beweglichen Planeten bestimmten Personen oder auch Staaten. Man beobachtete die Bewegungen der Himmelslichter und die Veränderungen ihrer Leuchtkraft und deutete diese als Vorboten wichtiger Ereignisse, die zumeist die Politik und das sonstige Schicksal der gesamten Gesellschaft betrafen. Damit verbunden war ein hochgradiger Determinismus, der in Formulierungen zum Ausdruck kommt wie: „Wenn der Mond den Planeten Jupiter verdunkelt, dann wird in diesem Jahr ein König sterben“.Minois, S. 31–33.
Eine weitere Form der Weissagung, die schon in archaischer Zeit bei allen Völkern bekannt war, ist die Prophetie. Propheten verkünden die Worte von Göttern und werden daher nicht zu den Wahrsagern gerechnet, welche äußere Zeichen deuten.Minois, S. 34.
Griechische Antike mini|Ornithomantie, Wahrsagen aus dem Vogelflug
Im antiken Griechenland wurde das Wahrsagen ursprünglich als eine Gabe betrachtet, die auserwählten Personen durch die Götter verliehen wird. Dadurch sollten diese Heroen in der Lage sein, die Zeichen der Götter zu verstehen, wobei diese jedoch so menschlich vorgestellt wurden, dass sie ihre Botschaften oft absichtlich kompliziert und verwirrend gestalteten. Später wurde das Wahrsagen zu einer erlernbaren Wissenschaft entwickelt, in der (soweit überliefert) an die 230 verschiedene Methoden gebräuchlich waren. „Die Griechen lassen kein Mittel außer acht, um sich über die Zukunft zu informieren“ (Georges Minois). Einen bevorzugten Platz nahm dabei die Traumdeutung ein, weil Träume als unmittelbare göttliche Mitteilungen angesehen wurden, die allerdings vielfach allegorisch seien und daher einer Auslegung bedurften. Der Glaube an diese Bedeutung der Träume war allgemein verbreitet; selbst unter den größten Skeptikern zweifelten nur wenige daran. Minois bezeichnet die damaligen Experten der Oneiromantie als „ausgezeichnete Psychologen (...), die Klugheit mit Kenntnis der menschlichen Seele verbinden“.Minois, S. 71–73; siehe hierzu und zum Folgenden auch Raymond Bloch: Les Prodiges dans l’Antiquité Classique: Grèce, Etrurie et Rome. Paris 1963.
Eine weitere Spezialität der alten Griechen war die intuitive oder inspirierte Divination mit der Sonderform des Orakels. Auch hierbei handelt es sich um Mitteilungen der Götter, die jedoch – oft in Ekstase – von Propheten ausgesprochen wurden. Im Fall der Orakel war die göttliche Botschaft zunächst dunkel und rätselhaft, weshalb es neben den zahlreichen Orakelstätten selbst noch wesentlich zahlreichere Exegeten gab, deren Aufgabe darin bestand, die Bedeutung der übermittelten Botschaften zu entziffern. Die bedeutendste Orakelstätte in Delphi, die von Priestern des Gottes Apollon verwaltet wurde, bestand über tausend Jahre lang, und das trotz der immer wieder erhobenen Kritik an der kolossalen Bereicherung der profitierenden Priesterschaft und an der Unzuverlässigkeit, ja sogar Käuflichkeit der Vorhersagen. Wegen der Dunkelheit der Formulierungen konnte das Nichteintreffen einer Prophezeiung immer damit erklärt werden, dass der Orakelspruch schlecht gedeutet worden war, und auch dass Apollon aus irgendwelchen Gründen einmal absichtlich eine falsche Auskunft gegeben haben könnte, wurde in solchen Fällen in Erwägung gezogen. Der Einfluss der Orakel auf die Politik war enorm und offenbar vielfach stark von den eigenen Interessen bestimmt. Minois spricht sogar von einer „Futurokratie“, also einer Herrschaft der (angeblichen) Zukunft.Minois, S. 74–82.
Als die Orakelstätten immer mehr an Glaubwürdigkeit einbüßten und das allgemeine Interesse sich von Weissagungen kollektiver Schicksale ab- und dem Individuum zuwandte, trat die Astrologie auf den Plan: die Kunst, das individuelle Schicksal aufgrund der Konstellation der Planeten am Tag der Geburt vorherzusagen. Die erste Astrologieschule der hellenistischen Welt gründete der Babylonier Berossos gegen Ende des vierten vorchristlichen Jahrhunderts auf der Insel Kos. Seine Vorhersagen machten ihn bald sehr berühmt, und seine Lehren fanden vor allem bei der geistigen Elite Anklang, während das gemeine Volk weitgehend an der herkömmlichen Wahrsagung festhielt. Die Astrologie kam dem zunehmenden Streben nach Rationalität und gedanklicher Strenge entgegen; sie wurde als Wissenschaft betrachtet. Das Meisterwerk der hellenistischen Astrologie, die Tetrabiblos des Ptolemaios (Mitte des 2. Jh. n. Chr.), baut auf dessen astronomischem Grundwerk Almagest auf, welches für den Autor nur eine notwendige Vorarbeit für das wesentliche Ziel war, mit Hilfe der Astrologie die Zukunft zu kennen. Die zugrundeliegende Weltsicht war bei Berossos streng deterministisch und mit der Überzeugung verbunden, dass alle Ereignisse sich nach 432.000 Jahren wiederholen. Ptolemaios dagegen, und mit ihm die meisten späteren Astrologen, vertrat den abgemilderten Determinismus der stoischen Philosophie, aus dessen Sicht die Astrologie sogar zu einem Instrument der Befreiung wurde: Weiß ich, was wahrscheinlich eintreten wird, dann kann ich versuchen, es zu vermeiden.Minois, S. 78–82 und 85–95.
mini|Orest und das delphische Orakel auf einem von Python verzierten paestanisch-rotfigurigen Kelchkrater (um 350 v. Chr.). Der einflussreichste Befürworter des Wahrsagens war Platon, der sogar angab, welches Organ diese Fähigkeit ermögliche, nämlich die Leber (Timaios, 72). Die Seherkraft sei uns von den Göttern verliehen worden, um die Unzulänglichkeit des Verstandes zu mildern, und sie könne am ehesten dann zum Zuge kommen, wenn letzterer geschwächt ist oder schläft. Daher habe z. B. das Orakel zu Delphi „im Wahnsinn“ viel Hilfreiches von sich gegeben, „bei Verstande aber Kümmerliches oder gar nichts“ (Phaidros). Platons Ansichten, die wie bei Berossos eine ewige Wiederkehr in sehr langen Zeitabständen zugrunde legten, wurden bis in die ersten nachchristlichen Jahrhunderte hinein von heidnischen Philosophen fortentwickelt, so durch Plotin, Iamblichos und Porphyrios. Ähnlich war auch die Auffassung des Aristoteles und der Pythagoreer sowie einflussreicher Dichter wie Hesiod, Homer, Sophokles und Aischylos, wobei Aristoteles allerdings ebenso wie Platon die meisten Seher als Scharlatane bezeichnete und nur bei besonders begabten Personen eine echte Wahrsagung anerkannte. Platon forderte aus diesem Grund übrigens, dass der Staat das Sehertum monopolistisch kontrollieren solle. Grundsätzliche Befürworter des Wahrsagens waren außerdem die Stoiker.Minois, S. 95 f. und 100–103.