mini|hochkant|Ritt unter einer Zollernburg (Hirschberg?)Holzstich zur Hirschguldensage von Wilhelm Hauff

Die Schalksburgsage oder – wie sie in der literarischen Verarbeitung durch Wilhelm Hauff auch genannt wird – Die Sage vom HirschguldenSiehe hier: Wilhelm Hauff: Märchenalmanach auf das Jahr 1828 – Das Wirtshaus im Spessart – Die Sage vom Hirschgulden ist eine historische Sage oder historische Überlieferung.Der Historiker Klaus Graf plädiert für die Ablösung des Begriffs der Historischen Sage durch den Begriff der Historischen Überlieferung (PDF; 3,2 MB) Thesen zur Verabschiedung des Begriffs der „historischen Sage“. In: Fabula 29 (1988), S. 21–47 Sie handelt vom Verkauf der Stadt Balingen und der dazugehörenden Herrschaft zu einem unangemessen geringen Betrag. In den jüngsten Versionen, erstmals belegt bei Gustav SchwabDie Neckarseite der Schwäbischen Alb, mit Andeutungen über die Donauseite, eingestreuten Romanzen und andere Zugaben. Wegweiser und Reisebeschreibung von Gustav Schwab nebst einem natur-historischen Anhang von Professor D. Schübler und einer Spezialcharte der Alb. J. B. Metzler’sche Buchhandlung, Stuttgart 1823 (Nachdruck der ersten Ausgabe mit einer Einführung von Hans Widmann, Tübingen 1960)., wird dieser Betrag durch den Hirschgulden gegenständlich gemacht.

Der historische Kern der Überlieferung ist der Verkauf der Herrschaft Zollern-Schalksburg an Württemberg im Jahr 1403. Bereits in der Zimmerischen Chronik (geschrieben 1540/1558–1566) findet sich ein Beleg, wie das Ereignis in damaligen Adelskreisen wiedergegeben wurde. Die zollerische Geschichtsschreibung suchte dem ihre Version entgegenzusetzen und nutzte die Beschreibung auch als Mahnung an künftige Generationen, sorgsam mit dem Familienbesitz umzugehen. Jakob Frischlin beschrieb – das eine Mal für die Zollern, das andere Mal in einer württembergischen Landesbeschreibung – die Überlieferung aus zwei klar zu unterscheidenden Blickwinkeln. Die Zeit zwischen dem Dreißigjährigen Krieg und dem frühen 19. Jahrhundert stellt eine Überlieferungslücke dar, in der Erweiterungen, wie der erwähnte Hirschgulden, aber auch eine weitere Burg Eingang in die Überlieferung fanden. Im Zuge der von den Brüdern Grimm eingeleiteten Sagenforschung fand die Überlieferung durch Schwab wieder weitere Verbreitung. Wilhelm Hauff schuf darauf aufbauend ein um typische Märchenmotive erweitertes eigenständiges Werk, welches er in die Rahmenerzählung Das Wirtshaus im Spessart einbettete.

Die Sage Verkürzte Wiedergabe nach Schwab:

Historischer Hintergrund mini|hochkant|Die Zollerischen Grafschaften um 1370. Die Herrschaft Schalksburg zusammen mit dem ursprünglich zur Herrschaft Mühlheim gehörenden Oberdigisheim wurde 1403 an Württemberg verkauft. Siehe im Detail: Herrschaft Schalksburg

In den 1280er Jahren hatte sich das Adelsgeschlecht der Zollern in die Linien Zollern-Zollern und Zollern-Schalksburg geteilt. Das 14. Jahrhundert begann mit einem Bürgerkrieg zwischen Friedrich dem Schönen und Ludwig dem Bayern. In Schwaben bauten die Grafen von Württemberg ihre Herrschaft weiter aus – in Opposition zu den Städten und dem niederen Adel einerseits, und im Gegensatz zu Habsburg andererseits. Letztere hatten mit dem Erstarken der Eidgenossen in ihren Stammlanden zu kämpfen. Beide zollerischen Familien schlossen sich als Gefolgsleute diesen beiden Häusern an. Zur Interpretation der Sage ist dabei relevant, dass die beiden Familien nicht immer im selben Lager kämpften und die Unterstützung zumindest teilweise auf eigene Rechnung erfolgte. 1377 starb Friedrich IV., genannt „der Junge Ritter“ und älterer Bruder des letzten Grafen von Zollern-Schalksburg, auf der Seite der Württemberger in der Schlacht bei Reutlingen im Kampf gegen den Schwäbischen Städtebund. Ein Leichenzug von Reutlingen nach Balingen führt unweigerlich unterhalb der Burg Hohenzollern vorbei. Als im Jahr 1403 der einzige Sohn von Graf Friedrich V., genannt „Mülli“, starb, entschloss sich der Vater, seine Herrschaft für 28.000 Gulden an Württemberg zu verkaufen. Das Erbbegräbnis der Zollern lag im Kloster Stetten. Ein Leichenzug von Balingen dorthin hätte ebenfalls unterhalb der Burg Hohenzollern vorbeigeführt. Stetten war zwar lange Zeit noch das Hauskloster auch für Zollern-Schalksburg, aber Friedrich VI., wie auch später sein Vater, wurden in der St.-Nikolaus-Kapelle in Balingen beerdigt. Die nächste für die Sage relevante Frage ist, weshalb die Herrschaft nicht an Zollern-Zollern verkauft wurde. Die Antwort lautet, dass ihre finanzielle Situation durch die Beteiligung an den oben genannten kriegerischen Aktionen ebenso desolat war wie die ihrer Verwandten. Graf Friedrich Ostertag, genannt „Tägli“, aus der Linie Zollern-Zollern siegelte sogar als Zeuge auf den beiden Verkaufsurkunden. Eine letzte offene Frage ist, wann der erst 200 Jahre nach dem eigentlichen Verkauf aufgelegte Hirschgulden Bestandteil der Sage wurde.

Berichte späterer Chroniken über den Verkauf Neben dem Kaufvertrag vom 3. November 1403Transkription hier: und der notariellen Bestätigung vor dem Hofgericht in RottweilTranskription hier: gibt es noch weitere Berichte über den Verkauf:

Der Bericht der Zimmerischen Chronik In der um 1565/66 erstellten Zimmerischen Chronik schildert Froben Christoph von Zimmern am Beispiel der Zollern die Folgen von Uneinigkeit, Neid und Misstrauen unter Verwandten (er schreibt „Brüdern“). Es ist ein Beispiel unter mehreren. Froben Christoph von Zimmern erzählt, dass der Vetter auf Zollern, als er hörte, dass der Sohn des die Balinger Hälfte des zollerischen Besitzes innehabenden Verwandten gestorben war, eine halbe Nacht vor dessen Burg zu Balingen gepfiffen und getanzt habe, worauf der Balinger Bruder seinen Besitz um „ain gerings, und namlichen umb […] [an Württemberg] zu kaufen gegeben…“Zimmerische Chronik, Band 2, S. 284 habe.

Froben Christoph kannte den Betrag nicht, hätte ihn aber, wie die bewusste Auslassung zeigt, als sorgfältiger Chronist gerne wiedergegeben. Man kann davon ausgehen, dass diese Version dem Allgemeinwissen des süddeutschen Adels entsprach, wie dieses auch über 100 Jahre später bei Zusammentreffen untereinander ausgetauscht wurde. Die Chronik berichtet mehrfach über solche Treffen der Grafen und Herren im Land zu Schwaben, und Froben Christoph war, wie er in seiner Chronik berichtet, ab 1559 ausschreibender Graf für solche Treffen.

Bereits hier finden sich also zwei maßgebliche Elemente der späteren Sage: Der niedrige Kaufpreis und das missgünstige Verhalten des Verwandten auf der Zollernburg. Froben Christoph benutzt das Wort „Bruder“ als allgemeinen Begriff für Verwandtschaft, spricht aber konkret und korrekt vom „Vetter“. Dieter Mertens rechnet am Beispiel verschiedener zeitgenössischer Herrschaftsverkäufe vor, dass der Kaufpreis für damalige Verhältnisse angemessen war.Dieter Mertens: Die Schalksburgsage. Auf Seite 30 wird vorgerechnet, dass für Burg und Stadt Vaihingen 18.500 Pfund Heller, also je nach angesetztem Umrechnungskurs 18.500–27.750 Gulden, für Burg und Stadt Tübingen zwischen 20.000–30.000 Gulden bezahlt wurde. Der sagenhafte Hirschgulden im Wert von 60 Kreuzern wurde nur in den beiden Jahren 1622 und 1623 im Herzogtum Württemberg geprägt. Es handelte sich um eine typische Kipper- und Wippermünze.

Die Hauschronik der Grafen von Zollern mini|hochkant|Die Hauschronik der Grafen von Zollern – hier: Eitelfriedrich III. Im Jahr 1511 war es den Zollern nochmals gelungen, in den Besitz zumindest der Burg Schalksburg zu gelangen. Graf Eitelfriedrich II. von Zollern hatte die Pfandschaft über die Burg erworben. Es war sein Plan, die verloren gegangene Herrschaft wieder an das Haus Zollern zurückzubringen. So trug er dem Haus Württemberg an, dass einer seiner Söhne doch die Vogtei über das Amt Balingen übernehmen könne. Laut Zimmerischer Chronik sei er auch bereit gewesen, das Amt Balingen als Pfandschaft zu übernehmen.Zimmerische Chronik, Band 2, S. 419 Die Pläne zerschlugen sich aber durch seinen Tod 1512. Im Jahr 1520 wurde in einem Erbvergleich im Hause Zollern die Schalksburg Eitelfriedrich III. als standesgemäßer Sitz zugewiesen. Sie kam 1525 nach dessen Tod an seinen Neffen Jobst Nikolaus II. († 1558). Von ihm löste Württemberg unter Herzog Christoph im Jahr 1554 die Pfandschaft wieder aus.

Graf Karl I. (1516–1576) fielen nach dem Tod Jobst Nikolaus’ II. im Jahr 1558 alle schwäbischen Besitzungen der Zollern zu. Er war aber auch damit konfrontiert, diese Besitzungen wieder unter vier Söhnen aufteilen zu müssen. Der endgültige Verlust der Herrschaft Schalksburg führte ihm vor Augen, dass sich ein solcher Verlust auf Grund von interfamiliären Streitigkeiten nicht wiederholen dürfe. Er nahm deshalb ausdrücklich Bezug auf den Verlust Balingens und der dazugehörigen Herrschaft, als er am 24. Januar 1575 in einem als Hausgesetz verfassten Letzten Willen erklärte:

Graf Karl I. war darauf bedacht, seinen Nachkommen das gemeinsame Erbe ans Herz zu legen. Deswegen ließ er zwischen 1569 und 1576 auf der Basis von Vorarbeiten des Chronikschreibers Johannes Basilius Herold eine Hauschronik erstellen. Die Hauschronik der Zollern besteht aus einer Regentenreihe von 21 ganzseitigen, kolorierten Federzeichnungen mit Regentenabbildungen und einer durchschnittlich zehnzeiligen Legende. Sie ist vor allem in der Darstellung verwandtschaftlicher Verhältnisse sehr ungenau. So verwechselt, im für die Betrachtung der Hirschguldensage relevanten 15. Bild, das Friedrich Ostertag, genannt „Tägli“, darstellt, die Chronik den Großvater mit dem Enkel und macht diesen, der in Wirklichkeit nur über einen gemeinsamen Ururgroßvater mit dem Schalksburger verwandt war, zu dessen Bruder.

Die Chronik kehrt, erwartungsgemäß, die Sympathiebewertung um. Der Zollerngraf ist ein fröhlicher, kurzweiliger Mensch, der arglos auf seiner Burg ein Fest feiert, als sein eigenbrötlerischer Balinger Bruder den Leichnam seines Sohnes unterhalb der Burg von Balingen zum Kloster Stetten, dem zollerischen Hausbegräbnis, bringt, ohne aber dem Bruder den Todesfall angesagt zu haben. Wie oben dargelegt, fand ein Leichenzug von Balingen nach Stetten nicht statt. Eher spekulativ ist die Vermutung Bumillers, dass mit dem Leichnam, dem nicht die rechte Reverenz erwiesen wurde, nicht Friedrich VI. gemeint sei, sondern der in der Schlacht bei Reutlingen gefallene Friedrich IV., der Bruder Graf Müllis. Da nicht bekannt ist, auf welcher Seite die von Zollern-Zollern gekämpft haben, wäre dies ein nachvollziehbarer Grund für ein Zerwürfnis.Casimir Bumiller: Das „schalksburgische Jahrhundert“ in der hohenzollerischen Geschichte. In: Andreas Zekorn, Peter Thaddäus Lang, Hans Schimpf-Reinhardt (Hrsg.): Die Herrschaft Schalksburg zwischen Zollern und Württemberg. Epfendorf 2005, ISBN 3-928471-56-2, S. 69–104 Graf Friedrich Ostertag, genannt Tägli von Zollern-Zollern, war einer der Mitsiegler auf der Verkaufsurkunde; er befürwortete also den Verkauf.

Zwei Berichte Jakob Frischlins aus unterschiedlichen Blickwinkeln Eine Festschrift im Auftrag der Grafen von Zollern Eine Generation nach der Chronik entstand ein Auftragswerk für Graf Eitelfriedrich von Hohenzollern-Hechingen (1545–1605) zu Ehren der Hochzeit seines Sohnes Johann Georg mit der Wild- und Rheingräfin Franziska von Salm-Neufville im Jahr 1598. Beauftragt wurde Jakob Frischlin, der Bruder des Dichters Nicodemus Frischlin und wie dieser aus dem Raum Balingen kommend.