mini|Brustbild (Prášily) mini|Denkmal mini|Fassadenschmuck nach Váchals Grafiken in der Josef-Váchal-Straße in Litomyšl Josef Váchal (* 23. September 1884 in Milawetsch, Bezirk Taus, Habsburgermonarchie; † 10. Mai 1969 in Studeňany, Okres Jičín, Tschechoslowakei) war ein tschechischer Schriftsteller, Maler, Graphiker und Buchdrucker sowie Erfinder neuer Techniken des Farbholzschnitts.

Ein Teil seines künstlerischen Nachlasses wurde im Jahre 2020 von der Bayerischen Staatsbibliothek erworben.https://www.bsb-muenchen.de/article/bayerische-staatsbibliothek-erwirbt-seltene-kuenstlerbuecher-des-tschechischen-kuenstlers-josef-vachal0-3696/

Leben Váchal war ein unehelicher Sohn des Josef Aleš-Lyžec und der Anna Váchalová. Erzogen wurde er von seinen Großeltern, Jan Aleš und Jana Alešová, in Písek. Hier besuchte er das Gymnasium, von dem er jedoch ohne Abschluss abging. 1898 zog Váchal nach Prag, wo er sich zum Buchbinder ausbilden ließ und mit dem Cousin seines Vaters, dem Maler Mikoláš Aleš, Freundschaft schloss. Dieser empfahl ihn in die Malschule von Alois Kalvoda, die Váchal im Jahr 1904 besuchte.

Seit dem Jahr 1903 verkehrte Váchal in theosophischen und spiritistischen Kreisen um Karl Weinfurter, nahm diese jedoch mit Humor.Cikán 2019, S. 323. Er befasste sich auch mit dem SatanismusRakušanová 2012, S. 505; Rakušanová, Plzeň 2014, S. 33–46. und zugleich mit Biologie. Außerdem nahm an Projekten von Edward Babák teil, u. a. an dessen Dokumentarfilm Život mrtvé žáby (Das Leben des toten Frosches, Österreich-Ungarn 1912).Rakušanová, Plzeň 2014, S. 208–210. 1908 erwarb er aus dem Erbe seiner verstorbenen Großmutter seine erste Druckpresse und arbeitete mit der von Emil Pacovský herausgegebenen katholischen „Revue Meditace“ (Meditation) zusammen. 1911 beteiligte er sich an der Gründung der vom Symbolismus und katholischen Mystizismus geprägten Künstlergruppe Sursum, die 1912 aufgelöst wurde. Deren Mitglieder waren u. a. Jan Zrzavý und Jan Konůpek. In dieselbe Zeit fällt Váchals kurze, aber intensive Freundschaft mit dem Schriftsteller Jakub Deml.Cikán 2019 S. 310–311; Rakušanová 2012 S. 485. Seit der Auflösung dieser Gruppe war Váchal Einzelgänger und musste ohne Unterstützung bedeutender Kunstkritiker auskommen.Cikán 2019 S. 313; Rakušanová 2012 S. 487; Rakušanová, Plzeň 2014, S. 15 und 334–336.

1913 heiratete Váchal Marie Pešulová. Im Ersten Weltkrieg diente er 1916–1918 an der italienischen Kriegsfront und malte am Isonzo eine Kirche aus. Nach Kriegsende engagierte er sich bei den Sozialdemokraten, kam aber mit ihrem Wesen als Massenbewegung nicht zurecht.Rakušanová, Plzeň 2014, S. 180–185. 1922 starb seine Frau Marie nach langer Lungenkrankheit, wofür er sich selbst die Schuld gab, da er seit 1920 eine leidenschaftliche Affäre mit seiner (fast gleichaltrigen) Schülerin, der Grafikerin Anna Macková hatte.Cikán 2019 S. 315–317. Macková und Váchal heirateten nie, blieben aber bis zu ihrem fast gleichzeitigen Tod ein Paar.

Váchals produktivste Phase waren die 1920er und 1930er Jahre, als er, von Anna Macková finanziell unterstützt, immer aufwändigere bibliophile Drucke in immer niedrigeren Auflagen schuf und genug regelmäßige Abnehmer hatte, um diese extrem teuren Bücher auch verkaufen zu können. Zu den Abnehmern gehörte u. a. der Beamte Josef Portman aus Leitomischl, dessen Traum es war, für Váchal ein Museum zu gründen, und der sich von Váchal nach und nach sein ganzes Haus ausgestalten ließ. 1927 beteiligte sich Váchal an einer internationalen Ausstellung in Leipzig, 1928 an der Pressa in Köln und erhielt im selben Jahr eine Auszeichnung an der Buchmesse in Florenz. Von diesen Erfolgen beflügelt, erwarb er neue Druckmaschinen und bereitete sich nachfolgend auf eine Reihe großer Einzelausstellungen in der Tschechoslowakei vor, die ihm zum Durchbruch verhelfen sollten. Die Ausstellungen in Prag, Brünn und Königgrätz waren ohne jede Unterstützung der Kunstkritik ein Flop. Váchal war finanziell erschöpft, musste seine Maschinen verkaufen und zog sich verbittert und hasserfüllt mit Anna Macková auf den Bauernhof ihrer Eltern im Dorf Studeňany westlich von Valdice im Okres Jičín zurück.Cikán 2019 S. 318–320.

Der Bauernhof wurde im Rahmen der Zwangskollektivierung durch die Landwirtschaftliche Genossenschaft nach dem Februarumsturz 1948 enteignet. Váchal und Macková hatten nur noch eine kleine Handpresse zur Verfügung, Váchal wurde eine ehemalige Abstellkammer als Wohnung zugeteilt. Er verfasste handschriftliche Romane, die er brieflich an seine Freunde als Dank für Lebensmittelspenden verschickte. Váchals Exil im unbedeutenden Studeňany ist es immerhin zu verdanken, dass er sowohl den Krieg als auch die stalinistischen Schauprozesse nach dem Februarumsturz 1948 unbemerkt überleben konnte. Er war strikter Antikommunist und hatte zudem in den Kriegsjahren aus Zorn auf die ihn ablehnende tschechoslowakische Gesellschaft Satan beschwört und ihn um Rache gebeten: In diesem beschworenen Satan sah er Adolf Hitler.Cikán 2019 S. 321–322.

In der Zeit der politischen Öffnung der 1960er Jahre stieg das Interesse an Váchal, und Anna Macková organisierte kleine Ausstellungen für ihn. Einen Tag nach dem Tod Annas und fünf Tage vor seinem eigenen Tod wurde er von der tschechoslowakischen Regierung auf seinem Sterbebett am 5. Mai 1969 für sein Lebenswerk als „Verdienter Künstler“ („Zasloužilý umělec“) ausgezeichnet. Das war ein eher niedriger Ehrentitel ohne finanzielle Absicherung, der im Schatten der hohen Auszeichnung als Volkskünstler stand. Bedeutend war die Auszeichnung für Váchals Nachwirkung aber insofern, als dadurch im Jahr 1970 sein Werk Der blutige Roman publiziert werden konnte, durch das er in der breiteren Gesellschaft bekannt geworden ist (s. u. unter Nachwirkung).

Váchal wurde im Dorf Radim bei Jičín im Okres Jičín beigesetzt.

Werk Allein was die Buchproduktion (ob gedruckt oder handschriftlich) anbelangt, hinterließ Váchal über 300 höchst unterschiedliche Werke.Bibliographie bei Rakušanová, Plzeň 2014, S. 425–471. Außerdem betätigte er sich als Drucker von Exlibris, als Maler und Bildhauer. Seine Leidenschaft galt vor allem dem Buchdruck und dem Holzschnitt. Mithilfe alter Handbücher und eigener Erfahrung perfektionierte er alte Techniken des Holzschnitts und erfand neue, unter anderem ein Verfahren der Imprägnierung des Druckstöcken, die das Holz an verschiedenen Stellen unterschiedlich saugfähig macht und somit unzählige Farbschattierungen erlaubt. Außerdem experimentierte Váchal mit Druckstöcken unterschiedlichen Materials und baute sich selbst diverse Werkzeuge, die zahnärztlichen Bohrern glichen. Seine Techniken, etwa zur Adaptierung von Photographien zu Graphiken, demonstrierte Váchal in seiner monumentalsten Sammlung von großformatigen Farbholzschnitten, dem Werk Böhmerwald, sterbend und romantisch (Šumava umírající a romantická, 1931).Rakušanová, Plzeň 2014, S. 292–310; Vgl. Abbildungen auf www.vachal.cz z. B. hier und hier. Genauer führte er seine Techniken im Rezeptbuch des Farbholzschnitts (Receptář barevného dřevorytu, 1934) aus.Rakušanová 2012, S. 486–489. Als wichtige Quelle diente ihm dabei ein handschriftliches Handbuch einer österreichischen Druckwerkstatt, das er in seiner Verbitterung im Jahr 1952 verbrannt hatte, weil er fand, dass die Menschheit es nicht wert war, etwas so Wertvolles in die Finger zu bekommen.Rakušanová 2012, S. 490; Cikán 2019 S. 321–322. Ab der zweiten Hälfte der 1920er Jahre schnitt und goss er auch seine eigenen Lettern. Für seine ersten Bücher schnitzte er auch den Text auf mittelalterliche Art in Holzplatten.Cikán 2019 S. 318 und 333.

Während sowohl die tschechische künstlerische Avantgarde als auch der Mainstream sich schon seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts von der französischen Kunst inspirieren ließen, entlarvte Váchal diese Bemühungen früh als plumpen Versuch, eine nationale Kunst nach dem Vorbild des ferneren Auslands zu erschaffen, um sich vom Einfluss der mitteleuropäischen, deutschsprachigen Nachbarn und Österreich-Ungarns zu lösen. Massenbewegungen und Moden gegenüber war er skeptisch eingestellt und orientierte sich, vermutlich als einziger tschechischer Künstler der Zeit, weiterhin nach Österreich und Deutschland.Rakušanová 2012 S. 480–481.

Was seinen Stil anbelangt, so ist bei Váchal ein besonderer Eklektizismus zu erkennen. Kubistisch malte er etwa den Teufel,Rakušanová, Plzeň 2014, S. 241–243; vgl. Abbildung auf www.esbirky.cz abstrakte Kompositionen (vergleichbar etwa mit František Kupka) wandte er an, wenn er die Eindrücke seiner biologischen Forschung und des Mikroskopierens verarbeitete.Rakušanová, Plzeň 2014, S. 208–214; vgl. Abbildung auf www.vachal.cz Und in seinem Nachruf auf seine Frau Marie nahm er die Pop-Art vorweg, indem er den ganzen Band In memoriam Marie Váchalové (In memoriam M. Váchalová, 1923) mit Reproduktionen ihres Gesichts auf dem Totenbett füllte, die jeweils in eine andere Aura gehüllt sind.Rakušanová, Plzeň 2014, S. 72–73; vgl. Abbildung auf www.vachal.cz. Den Blutigen Roman (Krvavý román, 1924) illustrierte er auf expressionistische Weise, weil er fand, dass die Illustrationen der alten Kolportageromane den Expressionismus vorweggenommen hätten.Cikán 2019, S. 333–334; vgl. Abbildungen auf www.váchal.cz Váchal ahmte also nicht einfach Moden nach, sondern adaptierte und entwickelte verschiedene Stile, je nachdem, welchen Inhalt er ausdrücken wollte.

Paradox ist Váchals Werk insofern, als er in all seinem Perfektionismus auch vermeintlich niedrige Genres wie das Krämerlied oder den Kolportageroman bewunderte und auch ihre Ungenauigkeiten als Inspirationsquelle für sinnbildende Assoziationen ansah. Somit ergab sich, dass er extrem teure bibliophile Ausgaben druckte, die auf seine Zeitgenossen aber zum Teil wie rückwärtsgewandte Nachahmungen billigen Schunds wirken mussten.Rakušanová, Plzeň 2014, S. 356–367; Cikán 2019, S. 339–341.

Nachwirkung und Der blutige Roman Durch die Herausgabe von Váchals Werk Der blutige Roman (Krvavý román, 1924) als zensuriertes Faksimile im Jahr 1970 wurde Váchal einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Allerdings geschah es nach der Niederschlagung des Prager Frühlings durch die Sowjetunion, also in der Zeit höchster politischer Repression und das Buch wurde auch umgehend wieder verboten. Auf eine Gruppe von Studenten entfaltete dieses Werk aber eine solche Wirkung, dass sie eine Gesellschaft zur Erforschung dieses Romans gründeten, die Societas contraaloholica Doctoris Řimsae, benannt nach einer der Hauptpersonen des Romans, dem Antialkoholiker Dr. Řimsa, der auf der realen Person Jan Šimsa beruht.Pořízková 2012. Nach der Wende 1989 gründeten die Mitglieder dieser Gesellschaft, darunter Ladislav Horáček, den Verlag Paseka, der auch nach einer Figur aus dem Blutigen Roman, einem Alter Ego Váchals, benannt ist. Die erste Publikation dieses Verlags war 1990 Der blutige Roman Váchals, der auf Anhieb zu einem Bestseller wurde. Der Verlag Paseka kaufte daraufhin das inzwischen verfallene Haus des Váchal-Sammlers Josef Portman in Litomyšl, das Váchal komplett mit Wandmalereien ausgeschmückt hatte, und restaurierte es. Im Jahr 1993 wurde dieses von Josef Portman in den 1920er Jahren als Váchal-Museum intendierte Haus unter dem Namen Portmoneum (wieder nach dem Vorbild des Blutigen Romans) eröffnet.

Der blutige Roman wurde zweimal verfilmt. Zuerst unter der Regie von Ladislav Horáček als Amateurstreifen im Lauf der 1980er und 1990er Jahre, dann professionell von Jaroslav Brabec (1993). In Litomyšl wurde eine Gasse nach Váchal benannt, ihre Hausfassaden wurden mit Vergrößerungen der Illustrationen aus dem Blutigen Roman verziert.