Das Munzur-Gebirge (Munzur Dağları, auch Munzur Sıradağları oder Mercan Sıradağları) ist eine Gebirgskette in der Türkei. Das Gebirge ist ein Teil des nördlichen Antitaurus (Taurusgebirge) nach Osten und bildet die Grenze der türkischen Provinzen Tunceli und Erzincan. Es erstreckt sich von Kemaliye am Fırat (Euphrat) in Ost-West-Richtung über etwa 130 km bis zur Ova (Ebene) von Erzincan, die mittlere Nord-Süd-Achse liegt ungefähr zwischen den Städten Kemah und Ovacık, hier ist das Gebirge etwa 30 km breit.
Seinen Namen hat das Munzur-Gebirge vom 2698 m hohen Munzur Dağı (Koê Muzıri) im Landkreis Ovacık, der im Westen der Bergkette liegt, und durch einen Bergsattel vom Rest der Munzur Sıradağları abgetrennt ist. Der Name Mercan Sıradağları richtet sich nach dem gleichnamigen Bergmassiv im Osten, das eine Höhe von 3292 m erreicht.
Am Munzur-Gebirge ereignen sich immer wieder Gefechte zwischen den türkischen Streitkräften und der PKK.
Geographie Der höchste Punkt der Munzur-Kette ist mit 3462 m der Akbaba Dağı ganz im Osten.Türkeikarte der Geographischen Fakultät der Universität Ankara Andere Gipfel sind Ziyarettepe, Kurtlukar Tepesi, Gültepe, Haraminin Tepe, Kuştepe und Gediktepe. Hauptentwässerungsadern des Gebirges sind der Karasu, einer der beiden Quellflüsse des Euphrats, und der Ziyaretdere, der in diesen mündet. Bezeichnend für die Gebirgskette sind unter anderem Gletscherseen und Eichenwälder.
Die Munzur Dağları steigen steil aus der Depression der Ovacık-Ova bis auf 2800–3000 Meter hoch auf. Von der im Süden 1400 m hoch gelegenen Ovacık Ovası aus kann man die nach Norden öffnenden Hochbecken erreichen, die in den Sommermonaten der lokalen Bevölkerung als Yaylagebiete dienen. Die bekanntesten dieser Hochebenen sind die Merk Yaylası im Mercan-Gebirge und die Kepir Yaylası im mittleren Teil des Munzur-Gebirges. Diese Hochebenen, in denen die Winter sehr kalt sind, werden im Sommer als Weideflächen genutzt. Mit Ausnahme der Eichen- und Wacholder-Ansammlungen an den südlichen Hängen sind die nahezu nackten höheren Munzur Dağları fast durchgehend mit Schnee bedeckt, und die hohen und steilen Passagen sind während der Wintermonate geschlossen. Die wichtigsten dieser Pässe sind die fast 3000 m hohen Mercan- und Kemah-Pässe.
Der Munzur Dağı selbst, der mit seinem höchsten Gipfel, dem Ziyaret Tepe, im südwestlichen Teil der Munzur Sıra Dağları eine Höhe von 3188 m erreicht, ist zwischen dem Çatal Dağ und dem Keşiş Dağ (3150 m) durch den Çatal-Keşiş-Sattel vom Hauptgebirgszug getrennt. Dort liegen – neben dem Eğripınar-Gebirgsmassiv mit dem Keşiş Dağ – weitere bedeutende Gipfel, wie der Köşeik Dağ, Kara Dağ, Bayram Dağ und Çatal Dağ, die alle knapp unter der 3000-m-Grenze liegen. Nördlich davon, wo sich ein Serpentingebiet anschließt, ist der Kızılziyaret Tepe die höchste Erhebung, der jedoch die 2000-m-Grenze nur um weniges überschreitet. Westwärts fällt der Munzur Dağ allmählich mit mehreren längsgerichteten Bergrücken zum Fırat Nehri (Kara Su) ab, der diese in etwa 1000 m Höhe durchbrochen hat und die vielen Gewässer aus den Süd- und Südwesthängen des Munzur Dağ sammelt.
Die wichtigsten Täler der Region sind neben dem des Karasu (Euphrat) und des Ziyaretdere die des Munzur Çayı, Mercan Çayı und Pülümür Çayı. Das Tal des Munzur Çayı beginnt an den Südhängen des zentralen Munzur-Gebirges mit vielen Zweigen, die im Ovacık-Depressionsgebiet zusammenlaufen. Der Munzur Çayı erreicht südwärts den Keban-Stausee und nimmt unterwegs den Pülümür Çayı auf. Ehe letzterer vom Munzur Çayı aufgenommen wird, passiert er zunächst ein sehr enges und steiles Tal, das von den Osthängen des Avcı-Gebirges mit einigen Zweigen beginnt und sich nach Süden erstreckt.
Ein Teil des Gebirges gehört zum Munzur-Tal-Nationalpark (siehe unten den Abschnitt «Die Munzur Dağları als „wichtiges Naturgebiet“»). Der Nationalpark heißt auf Türkisch Munzur Vadisi Milli Parkı und umfasst ein Areal in der Größe von 42.000 ha. Er wurde 1971 gegründet und ist bis heute nicht erschlossen. Die Region um das Tal des Munzurflusses ist in den höheren Lagen mit Eichenwäldern bedeckt. In den Tallagen wachsen u. a. Nussbäume, Erlen und Eschen. Die Grenzen des Nationalparks beginnen in acht Kilometer Entfernung von der Provinzhauptstadt Tunceli.
Geologische Merkmale zentriert|mini|700x700px|Blick aus der Erzincan-Ebene auf die langgestreckte verschneite Front der Munzur Dağları im Juni 1988. Die Munzur Dağları, die sich in ostwestlicher Richtung wie eine 100 km lange Mauer erstrecken, weisen die charakteristischen geologischen Merkmale des Taurus-Gebirgsgürtels auf. Gesteinsgruppen des westlichen und mittleren Taurus bedecken auch große Gebiete im Munzur-Gebirge. Bis auf einzelne Partien im Nordwesten, Nordosten und Osten, wo mesozoische und miozäne, z. T. evaporisierte Sedimente auftreten, sind die Munzur Dağları weitgehend gekennzeichnet durch drei große Gruppen unterer und mittlerer känozoischer Gesteinseinheiten, in denen sich die unterschiedlichen Umweltbedingungen mit ihren spezifischen Stratigraphien, Metamorphosen und Strukturmerkmalen widerspiegeln: Die Keban-Formation, der Munzur-Kalkstein und die Ovacık-Formation. Die Keban-Formation umfasst klastische und karbonatische Gesteinseinheiten vom Schelf-Typ, die im Perm- bis Oberkreidebereich abgelagert wurden und partiell eine Metamorphose zu grünen Schiefern erfuhren. Die weitgehend nicht metamorphisierten Munzur-Kalksteine umfassen dicken neritischen Kalkstein aus dem Zeitraum der oberen Trias bis zur Oberkreide. Die Ovacik-Formation besteht hauptsächlich aus einer ophiolithischen Mischung des unteren Maastricht (Oberkreide) sowie jüngeren klastischen Sedimenten und Riffkalken. Die ophiolitische Melange enthält ultrabasische und basische Gesteine wie Serpentin, Peridotit, Dunit, Gabbro, Diabas, Spilit und mit ihnen vermischte neritische und pelagische Sedimentgesteinsblöcke aus Perm, Trias, Jura und Kreide sowie Radiolarit. Besonders während des Tertiärs erfuhren die Munzur Dağları heftige epirogene Bewegungen als Folge von meerischen Rückzügen und Transgressionen sowie insbesondere im Lutetium (Eozän) und im Miozän tiefe Spannungsfrakturen infolge epirogener Bewegungen und aktivem Vulkanismus.
Das Gebirge besteht hauptsächlich aus Kalkstein, Ophioliten und neogenen Sedimentgesteinen. Der Bau des Gebirges wird bestimmt durch die Überschiebung der Melange und der ihnen auflagernden Kalksteine im Norden über die Sedimente im Süden. Die Gesteine bestimmen das Erscheinungsbild des Gebirges: Die Kalksteine bilden eine schwer zugängliche alpine Landschaft mit schroffen Felswänden und nur wenig Bewuchs. Sanfte Formen finden sich in den ebenfalls nur ärmlich bewachsenen Serpentingebieten und den landwirtschaftlich nutzbaren neogenen Sedimenten.
Die häufigste dieser Gesteinsformationen ist der Munzur-Kalkstein, von dem ein großer Teil in der oberen Trias und oberen Kreidezeit gebildet wurde. Diese dicke Karbonatabfolge bildet für sich genommen eine tektonisch-stratigraphische Einheit. Obwohl die Munzur Dağları stellenweise auch metamorph sind, bestehen sie im Allgemeinen aus massiven Kalksteinen, zum größten Teil aus neritischen Kalksteinen vom Schelf-Typ. Dieses Gebirge, das durch die alpine Orogenese zu einem gefalteten Gebirgszug geworden war, wurde im Oligozän erheblich erodiert, und mit dem Übergang ins Miozän waren seine teilweise untergetauchten höheren Teile unter Druck als Inseln über den Meeresspiegel gestiegen, wobei es zu Brüchen und Verwerfungen kam und Einbruchsbecken, wie die Ovacık-Senke, zurückblieben.
Diese 25 km lange und maximal 7,5 km breite Ovacık-Ebene ist ein schmales und langes tektonisches Becken in einer Höhenlage zwischen 1410 m und 1210 m in Südwest-Nordost-Richtung zwischen hohen Kämmen im Süden und Norden, das seit dem oberen Miozän durch die Ovacık-Verwerfung geöffnet wurde. 64 % des Beckenbodens bestehen aus Schwemmlandmaterialien unterschiedlicher Größe von Kieseln, Blöcken, Schlick, Ton und Sand aus Munzur-Kalkstein und bisweilen andesitischen Vulkaniten im Norden.
Aspekte zur Geomorphologie Bei der geomorphologischen Entwicklung des Munzur-Gebirges haben mehrere Prozesse eine Rolle gespielt. Die wichtigsten dieser Prozesse waren und sind Verkarstung, Vereisung, Tektonik und fluviatile Prozesse. Während die tektonische Aktivität für das gesamte Munzur-Gebirge von Bedeutung ist, beschränken sich Karst, Vereisung und die damit verbundenen Landformen meist auf Gebiete über 2500 m. Diese Landformen sind komplex und häufig miteinander verflochten. Die jüngere Tektonik und der Klimawandel in der Quartärperiode hatten einen großen Einfluss auf die vielseitige Bildung dieser Landschaft.
Zwei Formengruppen lassen sich in morphologischer Hinsicht unterscheiden: Solche, die vorwiegend aus Kalkstein aufgebaut sind, und solche aus Baumaterialien wie Serpentin oder lockeren Neogen-Sedimenten. Vor allem die erste Formengruppe hat einen ausgesprochen alpinen Charakter und deckt sich im Wesentlichen mit dem eigentlichen Gebirgsmassiv des Munzur Dağı. Steile Kalkwände und schwer zugängliche Hänge kennzeichnen diese alpinen Formen und verleihen der Gebirgslandschaft ein wildes und urwüchsiges Aussehen. Dagegen ist das Relief im Serpentin und in neogenen Sedimenten nördlich des Munzur Dağı bedeutend sanfter.
Glazialmorphologische Erscheinungen Das Munzur-Gebirge weist Erosions- und Akkumulationsformen aufgrund von Vereisungen während der Kälteperioden des Pleistozäns auf. In diesen Zeiträumen sanken die Temperaturen und die Höhe der Vereisungsgrenze aufgrund von Klimaveränderungen. Während diese Grenze in der Gegenwart auf eine Höhe von 3600 bis 3700 m geschätzt wird, wird sie für die kalten Perioden des Pleistozäns auf etwa 2750 m geschätzt. Die Vereisungen auf den Munzur Dağları waren während des Pleistozäns größtenteils typisch alpin. Darüber hinaus traten auf leicht abfallendem Gelände oder in alten Karstbecken, die von Karen am oberen Ende der Täler umgeben waren, auch Plateau-Vergletscherungen auf. Kar-, Tal- und Plateaugletscher waren miteinander verknüpft und speisten die Talgletscher.
Man geht davon aus, dass sich die Paläo-Gletscher beim letzten Gletschermaximum insgesamt über eine Fläche von etwa 650 km² erstreckten und dass sich ungefähr 700 Kar-Gletscher und 40 Hauptgletschertäler entwickelt haben, deren Gletscherzungen auf durchschnittlich 1800 m endeten. Allein im mittleren Teil des Munzur-Gebirges bildeten sich ca. 350 km² Gletscherbedeckung der südlichen Gletscherzunge, die von einem Eispanzer gespeist wurde, der bis zu einer Höhe von 1350 m hinabreichten. Typische Sanderflächen, die normalerweise in keinem anderen Bereich der Eiszeit für die Türkei gefunden wurden, sind hier nachgewiesen. Die permanente Vereisungsgrenze beim letzten Eiszeitmaximum wurde zwischen 2790 m und 2450 m Höhe berechnet. Darüber hinaus wurden Dutzende von mit Schutt und Gesteinstrümmern bedeckte ehemalige Gletscher mit einer Gesamtfläche von 9 km² nachgewiesen.
Aus Gletschertrögen, Gletscherzungenvertiefungen und Moränen ist ersichtlich, dass die Zungen der Talgletscher im Allgemeinen bis auf 1600 m und partiell noch tiefer bis auf 1400 m Höhe reichten, also bis in die Ovacık-Ebene. Dort, wo sich die Flusstäler von Aksu Çayı, Mağara Çayı, Karagöl Çayı, Ziyaret Çayı und Kuru Çayı zur Ebene hin öffnen, gibt es z. T. lange Seitenmoränen und Frontmoränen. Die Länge der Seitenmoräne am Ende des Karagöl-Tals beträgt z. B. 2,8 km und ihre Dicke 100 m. In Trogtälern, wie dem Ziyaret Deresi, dem Karagöl Deresi und dem Aksu Deresi sowie im Kepir-Becken, wo sich kleine randliche Beckengletscher entwickelten, wurden zudem durch Gletscherschliff deutliche Rundhöcker ausgebildet.