Das Franziskanerkloster in Hamm wurde 1455 von dem Grafen Gerhard von der Mark zu Hamm begründet. Zu diesem Zweck stellte der Landesherr den Franziskaner-Observanten neben mehreren Profanbauten, die anschließend als Klostergebäude genutzt wurden, die der heiligen Agnes geweihte Burgkapelle der Stadtburg Hamm zur Verfügung. Die Kapelle wurde ein halbes Jahrhundert später zur Klosterkirche ausgebaut und 1515 geweiht. Die anderen Klostergebäude sind später errichtet worden.
Nach der Säkularisation zu Beginn des 19. Jahrhunderts erhielt St. Agnes den Status einer Pfarrkirche. An der gleichen Stelle befindet sich noch heute ein leicht veränderter Nachfolgebau der im Zweiten Weltkrieg nahezu vollständig zerstörten Kirche. Das übrige Klostergelände wird als Realschule genutzt, die katholische Marienschule steht an der Franziskanerstraße. Viele Straßennamen, darunter Franziskanerstraße und Brüderstraße, erinnern an dieses bedeutende Stück Hammer Geschichte. Auch tragen oder trugen verschiedene benachbarte Gebäude und Betriebe das Kloster im Namenszug (Klosterdrubbel, Klostermühle, Klosterbrauerei etc.).
mini|Informationstafel vor der St.-Agnes-Kirche zur Geschichte des Franziskanerklosters und seines Umfeldes mini|Ausschnitt aus der Informationstafel vor der St.-Agnes-Kirche; in der linken Bildhälfte der Karte der Klosterbezirk, rechts davon der Bezirk der landesherrlichen Burg mini|Fenster in der Vorhalle der St.-Agnes-Kirche, den Heiligen Franziskus zeigend.
Geschichte des Franziskanerklosters Klostergründung Graf Gerhard von der Mark zu Hamm begründete das Franziskanerkloster in Hamm auf Zureden seines Ratgebers, des Franziskaners Johann von Dahlen, der die strengere Ausrichtung seines Ordens vertrat (sogenannte Observanten). Auch Gerhards Hofkaplan und Beichtvater, der Franziskaner Petrus von Rheinberg, stärkte seinen Entschluss, den Franziskanern ein Kloster zu stiften. Man sagt, Gerhard habe mit seiner Stiftung Buße tun wollen für manche Grausamkeit, die er im Streit mit seinem älteren Bruder, Adolf IV., begangen hatte. Adolf war ab 1394 Graf von Kleve, ab 1398 Graf von der Mark und ab 1417 Herzog von Kleve. Der spätere Kaiser Sigismund hatte ihm auf dem Konzil von Konstanz den Herzogtitel verliehen. Gerhard, der sich eigentlich zu Studienzwecken in Paris befand, hatte dort ein wildes Leben geführt und den größten Teil seines Vermögens verschwendet. Deshalb entschloss er sich, die Herrschaft in der Grafschaft Mark für sich durchsetzen. Er erhob sich gegen seinen Bruder und führte mit ihm eine heftige Auseinandersetzung auf dem Rücken des Volkes, die von 1411 bis 1437 andauerte. Danach kam es zu einem Vergleich, nach dem Adolf seinem Bruder die Mark zunächst auf sechs Jahre und dann am 27. Juli 1437 auf Lebenszeit überließ. Graf Gerhard wählte Hamm zu seiner Residenz und war somit der letzte Landesherr, der in dieser Stadt residierte.
Der junge Franziskaner-Konvent erhielt die der heiligen Agnes geweihte Kapelle der im Nordosten der Stadt liegenden landesherrlichen Burg zu seiner Verfügung. Das genaue Erbauungsdatum dieser Kapelle ist nicht bekannt; 1328 (alternative Angabe: 1338) wurde sie erstmals urkundlich erwähnt und 1358 von der Hammer Pauluskirche ausdrücklich unterschieden. Teilweise wird auch das Jahr 1296 als Baujahr genannt; Bauherr soll Graf Eberhard I. von der Mark gewesen sein.Ingrid Bauert-Keertman, Norbert Kattenborn, Liesedore Langhammer, Willy Timm, Herbert Zink: Hamm. Chronik einer Stadt. Köln 1965, S. 52. Nach ihrer Bauform und Größe gehörte sie vermutlich zum 1270 gegründeten Zisterzienserinnenkloster Marienhof, das 1290 auf den gräflichen Haupthof, Haus Kentrop, umgesiedelt wurde und dort bis 1808 Bestand hatte.
Das Anwesen lag in unmittelbarer Nähe der Lippe. Auf die Errichtung von Neubauten konnte zunächst verzichtet werden. Graf Gerhard kaufte am 10. August 1453 von dem Herrn von Recke Haus und Hof, die westlich der St. Agnes-Kapelle lagen, der bisherigen Burg- und nunmehrigen Klosterkapelle. Am 5. März 1455 kaufte er außerdem den Volmarstein'schen Hof von der Familie von Bochem und nahm am 26. Februar 1455 einen Güteraustausch über einen Hofraum mit der Pfarrkirche vor, der damaligen Georgs- und heutigen Pauluskirche.
Das Kloster bestand demnach bei seiner Gründung aus unregelmäßig gruppierten Gebäuden, die weder im Einzelnen noch in ihrer Zusammenfassung ihrem neuen Zwecke angepasst waren. Teilweise handelte es sich noch um die alten Burgmannshöfe. Eine nennenswerte Bautätigkeit ist der Gründung nicht vorausgegangen, so dass die Observanten die neuen Gebäude, so gut es ging, für ihre Zwecke einrichten mussten.
Am 5. März 1455 wurde das Observantenkloster St. Agnes gegründet. Mit Zustimmung von Papst Nikolaus V., der am 22. Januar 1453 auf Anfrage des Grafen Gerhard die Gründung des ersten Klosters der Franziskaner-Observanten auf deutschem Boden erlaubt hatteStaatsarchiv Münster, Hamm OFM, Urkunde 1., konnten bereits am 20. März 1455 die ersten Ordensleute rheinischer und belgischer Abstammung aus der Kölnischen Franziskanerprovinz (Colonia) in der Anlage Einzug halten und dort ihren kleinen Konvent begründen. Die Gründung wurde durch den Dekan der St.-Patroklus-Kirche in Soest entsprechend der päpstlichen Urkunde vollzogen. Er übertrug dem Orden die St.-Agnes-Kapelle. Der erste Guardian (Obere) des Klosters war Cornelius (auch: Cornel von Gouda) und wurde aus dem Observantenkloster Gouda geschickt, dem ersten seiner Art in der kölnischen Ordensprovinz. Mit ihm kamen die Patres Johann von Dinslaken, Lorenz von Aachen, Hermann von Jülich, Peter von Mechelen und der Laienbruder Johannes von Dahlen. Nach der Weihe wurde die Anlage durch den Grafen, dessen Sohn Everhard, den Bürgermeister, den Rat der Stadt Hamm, den Pastor der Pfarrkirche St. Georg (heutige Pauluskirche), den Guardian und die anderen fünf Konventsmitglieder begangen.
Die Hammer Konventsgründung der Reformbewegung war die erste in Westfalen. Sie war außerdem neben Münster die zweite Neugründung in dieser Ordensprovinz. Sie war Stützpunkt für die weiteren Gründungen der Kölnischen Franziskanerprovinz in Lemgo (um 1460), Korbach (1487) und Bielefeld (1496). Graf Gerhard gab dem Kloster strenge Auflagen mit auf dem Weg, die dazu dienen sollten, ihm eine dauerhafte Existenz zu sichern und Fehlentwicklungen zu vermeiden. Nach den Klosterstatuten sollten außer dem Guardian nicht mehr als zwölf Priester mit den notwendigen Laienbrüdern dauerhaft aufgenommen werden. Ein Kölner Kartäuserprior musste die genaue Beachtung aller Ordensregeln überwachen, regelwidrig handelnde Brüder vertreiben und statt ihrer neue, auf die Ordensreform verpflichtete berufen. Kurz vor seinem Tod am 12. September 1461 milderte Graf Gerhard die strengen Bedingungen etwas ab, die dennoch im Ganzen dazu beigetragen haben, das Kloster zu erhalten. Der Guardian und sein Stellvertreter, der Vikar, hatten nunmehr das Recht, die Mitgliederzahl des Klosters frei festzulegen. Deshalb lebten im Kloster mehrfach bis zu fünfzig Brüder, so etwa belegt für das Jahr 1714. In der ersten Zeit kamen sie vorwiegend aus den Niederlanden und dem Rheinland, später auch aus dem Münsterland und aus anderen westfälischen Gebieten. Das Kloster hatte in der Kölnischen Ordensprovinz Colonia einige Bedeutung; hier fanden häufig die Provinzkapitel statt. 1627 ging es an die Sächsische Franziskanerprovinz vom hl. Kreuz (Saxonia) überDieter Berg (Hrsg.): Spuren franziskanischer Geschichte. Werl 1999, S. 175.343., die sich nach der Auflösung vieler ihrer Klöster infolge der Reformation nach Westen verlagerte und einige der Konvente der Colonia übernahm. Das Kloster in Hamm diente der Saxonia als Hauptnoviziat für die neu eintretenden Brüder und als „Rezesskloster“, in welches sich die Provinzmitglieder zurückziehen konnten, die ein beschauliches Leben führen wollten, vornehmlich auch die alten Mitbrüder.Franz-Josef Esser: Die Sächsische Franziskanerprovinz vom Hl. Kreuz am Vorabend der Säkularisation und ihre Geschichte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. (Unveröffentlichtes Manuskript) o. O. 1973, S. 23 mit Bezug auf: Diodor Henniges: Eine Friedensinsel von brandenden Wogen fortgespült. Das Franziskanerkloster zu Hamm (Westf.). Hamm 1924, S. 59–71.
Entwicklung mini|links|Steine eines ehemaligen Burgmannshofes der Stadtburg Hamm, unter Glas ausgestellt auf dem Vorplatz der ehemaligen Kloster- und heutigen Pfarrkirche St. Agnes.
Die kleve-märkischen Landesherren unterstützen das Kloster auch nach dem Tod seines Gründers. Auch aus der Bürgerschaft flossen umfangreiche Zuwendungen. So konnten nach und nach eigene Klosterbauwerke errichtet werden. Den Anfang machte die Klosterkirche, mit deren Bau 1507 begonnen wurde. Ihr Chor konnte am 10. August 1512 eingeweiht werden, die ganze Kirche dann Mai/Juni 1515. Es folgte eine Kapelle zu Ehren der Heiligen Maria in Bethlehem, auch kurz Bethlehemskapelle genannt. Diese wird mehrheitlich auf 1521 (Einweihung am 3. Juli 1521), teils auf 1551 datiert.
Die Reformation Martin Luthers wurde in Hamm durch den im Januar 1550 an der St.-Antonius-Kapelle angestellten Priester Heinrich Wullen verbreitet. 1562 brach der aus den Niederlanden verdrängte Prediger Carolus Gallus (1530–1616) ganz mit den alten kirchlichen Bräuchen und führte den Heidelberger Katechismus ein. Dadurch entstand in Hamm die erste protestantische Gemeinde calvinistischen Bekenntnisses in der Grafschaft Mark. Bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts verbreitete sich das reformierte Bekenntnis in der gesamten Grafschaft. In der märkischen Hauptstadt Hamm gab es danach im Wesentlichen keine Katholiken mehr, ganze fünf Familien blieben katholisch.
Nur die Patres des Franziskanerklosters blieben dem alten Glauben treu. Die St.-Agnes-Kirche gehörte somit zu den wenigen katholisch gebliebenen Kirchen der Grafschaft. 1593 wurden die Franziskaner von den Protestanten aus der Stadt vertrieben, konnten jedoch bald zurückkehren. Schließlich wuchs die Gemeinde wieder, unter anderem durch den Zuzug von Arbeitern aus dem katholischen Münsterland. 1631 gestattete der erzbischöfliche Offizial zu Werl den Franziskanern, die Sakramente auch außerhalb von Hamm zu spenden. Für das Jahr 1638 ist urkundlich verbrieft, dass die Hammer Franziskaner in der gesamten, weitgehend protestantisch gewordenen Grafschaft Mark die Pfarrseelsorge für die Katholiken ausübten. In mehreren Städten und Dörfern der nördlichen Grafschaft Mark, darunter Kamen und Unna, nahmen die Hammer Patres die katholische Seelsorge noch bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts wahr. Insgesamt waren es 28 Orte, an denen die Franziskaner wenigstens gelegentlich seelsorglich tätig waren, die weitesten waren sieben Wegstunden von Hamm entfernt. Die Franziskaner unterhielten bei ihrem Kloster auch ein Armenhaus für sechs weibliche und sechs männliche Arme.
1649 stellte der reformierte Landesherr Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg das Kloster in Hamm, das im Dreißigjährigen Krieg von den Hessen ausgeplündert worden war, unter seinen Schutz.
1653 errichtete Jodocus Lukenius die beiden vor dem Bau des verbindenden Quadrums 1708/09 ursprünglich separat stehenden Klostergebäude und führte zugleich umfangreiche Umbau- und Sanierungsarbeiten an der Agneskirche durch. Die in Backsteinrohbau ausgeführten Klosterbauten bestätigen durch ihre Bauart und durch ihre spärlich dekorativen Architekturteile die urkundlichen Angaben hinsichtlich des Zeitpunktes ihrer Entstehung. Im Ostflügel, in dem ab den 1930er Jahren das katholische Marienlyzeum untergebracht war, fanden sich Flachdecken mit bescheidenen Stuckdekorationen.